Interview mit Station 17

 



Die Band STATION 17 gibt es seit 25 Jahren. Wie fing das mit STATION 17 an?
Parija: Also ich bin auch noch nicht so lange dabei. STATION 17 gibt es seit 1989. Unser Chef Kai Boysen hat diese Band gegründet, weil er auf die Idee gekommen ist, dass auch Menschen mit Handicap Musik machen können. Er kam auf diese Idee mit Menschen mit und ohne Handicap eine Band zu gründen. Die Band STATION 17 war vorher auch gar nicht hier (Anm. d. Red.: in der Barner 16). Die haben woanders Musik gemacht. Die Musik war auf jeden Fall viel experimenteller, d.h. man fing an zu spielen und guckte was passiert. Es gab zwar eine Struktur, wer wann anfängt, aber wer was spielt wusste man nicht so genau. Es kamen immer mehr und mehr Leute, so dass es dann auch andere Projekte gab und nicht nur STATION 17. STATION 17 ist quasi der Kern und Motor der Barner 16 und ist auch am bekanntesten. Und jetzt macht STATION 17 eine andere Musikrichtung, so in Richtung Pop und die Besetzungen haben sich auch ständig geändert. Einige Musiker sind gegangen, aus Zeitgründen, und andere Musiker kamen dazu.
Hauke: Ja genau. Kai Boysen hat in einer Wohngruppe gearbeitet, die Wohngruppe 17 in Alsterdorf (Anm. d. Red.: Ein Stadtteil in Hamburg). Eigentlich wollte er immer nur Musik machen und irgendwann hat er angefangen mit den Leuten in seiner Wohngruppe Musik zu machen. Da ist dann erst ein Album entstanden, dann ein zweites und irgendwann waren das dann hauptberufliche Musiker und daraus ist dann die Barner 16 entstanden. Wie Paria schon gesagt hat, hat sich die Band ständig neu formiert. Die letzte Neuformierung hatten wir erst vor ein paar Monaten und jetzt war der Wunsch da, etwas Neues zu probieren, eben keine experimentelle Musik, sondern Popmusik.

Daraus sind ja dann auch noch andere Sachen entstanden, die Druckwerkstatt "Sieben" zum Beispiel, die unter anderem auch eure Bandhsirts druckt.
Hauke: Ja genau. Wir haben auch noch einen Theaterbereich mit dem Namen "Meine Damen und Herren". Es gibt mittlerweile auch eine Filmwerkstatt und es gibt ein Literaturwerkstatt. Eigentlich ist jede Form von Kunst hier in der Barner 16 vertreten. Das ist alles aus STATION 17 entstanden.

Wie kam es zu dieser musikalischen Wandlung von der experimentellen zur poppigen Musik?
Hauke: Das war ein Wunsch aus der Band mal was Neues zu probieren und auch Lieder zu spielen, die alle sehr gerne hören. Wir sind alle totale Popmusikfans, hören im Bus auch viel Popmusik, jetzt war der Versuch da, etwas ganz Neues zu versuchen.
Parija: Es ist auch für viele sehr ungewohnt, kann ich mir vorstellen. Die Lieder früher waren viel mehr instrumental, weniger Gesang und jetzt ist das für viele eine ungewohnte Situation. Es wurden Texte und Melodien gelernt. Aber trotzdem macht das wirklich Spaß.



Ihr seid ja eine Band mit unfassbar vielen Mitgliedern. Was bedeutet das für eure Arbeit mit der Musik?
Hauke: Es ist auf jeden Fall total inspirierend, mit so vielen Leuten mit so vielen Musikgeschmäckern zusammen zu arbeiten und immer wieder zu versuchen, das alles unter einen Hut zu bringen. Wir sind eben keine klassische vierköpfige Punkband, wo alle wissen ´Wir machen Punk´, da sind es eben eher zehn verschiedene Geschmäcker. Das ist wahnsinnig inspirierend. Bevor ich in der Barner 16 angefangen habe zu arbeiten, hätte ich mich niemals mit Schlagermusik auseinandergesetzt und auf ein Mal kann ich auch daran Gutes finden.

Hauke kommt ja eher aus der Punkecke. Parija was hörst du denn zum Beispiel gerne für Musik?
Parija: Ich höre grundsätzlich wenig Musik, aber ich mag gerne Musik aus den 90ern. Im Normalfall würde ich mir im Radio aber nie Popmusik anhören. Also dieses Aktuelle was man heute hört. Ich finde, dass die 90er mehr Wärme haben und das erinnert mich an meine Kindheit. Ich könnte aber nie sagen die und die ist meine Lieblingsband. Zum Beispiel höre ich von den NO ANGELS ein, zwei Lieder gerne oder "Around The World" von ATC, weil mich das an früher erinnert. Auch von MICHAEL JACKSON mag ich einige Lieder.

Wie sieht bei euch die klassische Entstehung eines Songs aus?
Hauke: Das ist total unterschiedlich. Wir arbeiten alle hier als festangestellte Musiker und es ist oft so, dass wir uns morgens um 10 Uhr zum Kaffee treffen und danach gehen wir in den Proberaum. Da wird dann schon experimentiert und gejamt, nach wie vor. Da werden aber nur noch Versatzstücke rausgenommen. Bei diesem Popmusikalbum war es so, dass wir uns in Kleingruppen zusammengesetzt haben und spezifischer an der Setzung des jeweiligen Instruments oder so gearbeitet haben. Nicht mehr ganz so frei wie früher. Aber das ist auch sehr unterschiedlich. Wir haben für dieses Album auch wirklich mal externe Texter bei zwei Stücken dazugeholt, weil keiner von uns wirklich Lust hatte, Texte zu schreiben. Wir probieren immer noch viel aus.
Parija: Man wird es in so einer großen Gruppe auch nie allen recht machen können. Ich glaube es wird immer einen geben, dem irgendetwas nicht passt, sei es diese Melodie oder dieses Instrument. Das ist aber ganz normal bei einer großen Band. Denn je größer die Band, desto schwerer ist es auf einen Nenner zu kommen. Aber irgendwie schaffen wir das dann doch.

Habt ihr mit Vorurteile zu kämpfen? Zum Beispiel mit der Tatsache, dass sich andere Bands den Arsch aufreißen, um Musik machen zu können während es bei euch so aussieht, dass ihr morgens erstmal zum Kaffeetrinken reinkommt, eine Runde rumjamt und am Ende des Monats eure Kohle dafür bekommt.
Hauke: Also wir tourn uns ja auch den Arsch ab und spielen um die 60, 70 vielleicht auch manchmal 80 Konzerte pro Jahr. Das ist eine ganze Menge finde ich. Vorurteile nimmt man schon wahr, aber es ist natürlich auch immer schön, wenn man auf einem Festival zum Beispiel erst die Sprüche hört und dann anfängt zu spielen und die Leute so auf seine Seite zieht. Wenn die dann begeistert sind, ist das natürlich das schönste Gefühl, solche Vorurteile zu durchbrechen.

Parija, hast du damit schon Erfahrungen, z.B. auch mit der Tatsache, dass du nicht sehen kannst?
Parija: Ich hatte das nicht direkt vom Publikum, aber ich wurde mal vom NDR interviewt und die fragten mich tatsächlich ´Wie kannst du das denn wissen, dass du vor so vielen Leuten spielst, du siehst die ja nicht.´ Da denkt man dann auch so ´Hallo? Bin ich blind oder bin ich blöd?´. Ich kann zwar die Leute nicht sehen, das stimmt. Aber erstens kriegt man ja mit, wenn die Leute applaudieren und zweitens habe ich sehende Menschen um mich herum, die mir sagen können wie die Leute gucken und reagieren. Und es gab auch schon Leute die gefragt haben ´Oh du bist ja blind, wie willst du denn die Tasten beim Klavier treffen?`. So was hat es alles schon gegeben.

Hast du die Leute dann auch getroffen, nachdem du auf der Bühne gestanden hast?
Parija: Das Publikum hat mich schon angesprochen, dass die das toll fanden, sowas hatte ich auch schon öfter. Und das ist auch ein sehr schönes Gefühl. Oft ist das auch so, dass sie sagen, dass sie es klasse fanden, obwohl mir ein Fehler passiert ist. Dann denke ich immer `Hast du eine Ahnung, aber du hast es ja nicht gemerkt´. Aber da muss man ganz cool bleiben nach aussen, auch wenn das manchmal nicht ganz einfach ist.



Was sind die größten Hürden, die ihr mit eurer Band überwinden müsst, wenn ihr z. B. ein neues Album herausbringt?
Hauke: Das habe ich selber so noch nicht wahrgenommen. Dadurch, dass wir unsere Platten auf unserem eigenen Label 17Records, die auch hier im Haus sind, rausbringen, haben wir damit eigentlich gar keine Probleme. Auch von Konzertveranstaltern werden wir immer wieder eingeladen.

Was bedeutet Inklusion für euch?
Hauke: Es heißt da ja immer, es soll um Teilhabe gehen. Aber bei uns geht es ja nicht um passive Teilhabe, sondern um aktive Mitgestaltung. Wir machen ja alles zusammen. Wir schreiben zusammen die Musik, wir treffen ganz viele andere Bands und treffen gemeinsam Entscheidungen, wir essen hier zusammen, wir feiern nach dem Konzert zusammen. Es geht da eben viel mehr um aktive Mitgestaltung als um passive Teilhabe.

Wie sieht das aus, wenn ihr hier Feierabend macht und rausgeht. Merkt ihr da eine Veränderung im Laufe der letzten Jahre?
Parija: Ich finde ganz ehrlich, dass Inklusion bei ganz vielen Menschen noch nicht im Kopf angekommen ist. Ich kenne das daher, wenn man irgendwo eingeladen ist. Es reicht, wenn ein Mensch anders ist. Zum Beispiel ich als Blinde bin gerne mal Außenseiter unter Sehenden. Das ist aber leider auch irgendwo normal, weil wir Blinden haben andere Themen. Ein kleines Beispiel: Ich habe mal in einem Mädchenchor gesungen, privat. Ich habe mich im Chor auch wohlgefühlt, weil mir das Singen und alles viel Spaß gemacht hat, aber wenn du die ganze Zeit hörst ´Oh, ich muss noch Lidschatten drüber machen´ oder ´Oh die roten Schuhe passen auch so perfekt zum gelben Kleid´, da geht es schon los, dass man als Blinde nicht mitreden kann. Oder Sehende, mit denen man unterwegs ist, bleiben plötzlich vor einem Schaufenster stehen und du denkst `Hä, warum gehen die denn nicht weiter?` und dann muss man eben manchmal fragen, was da gerade los ist. Was ich damit meine: Es ist bei vielen einfach noch nicht so verankert, Menschen zu erklären, was gerade eigentlich los ist. Es wird gemacht und getan und jemand der nicht sieht, steht da nur daneben. Das ist ein Ding, wo Inklusion noch nicht in Köpfen anderer Menschen angekommen ist. Bei Rollstuhlfahrern sieht man es ja zum Beispiel auch. Wenn die irgendwo hinwollen oder irgendwen besuchen, heißt es oft ´Ich kann da nicht hin, da ist kein Fahrstuhl`. Da frage ich mich manchmal `Wo bitte ist hier Inklusion?´.

Was müsste also für dich passieren, damit du denkst: Jetzt ist Inklusion da?
Parija: Zum Beispiel, dass in allen Wohungen entweder ein Fahrstuhl oder ein Lifter ist. Damit auch Rollstuhlfahrer hochkönnen. Es gibt ja einen Verein, der zum Beispiel behindertengerechte Wohnungen macht. Da denke ich: `Alles schön und gut, aber warum soll es dann ein Gebiet geben für die?´ Warum können nicht viele andere Wohnungen auch so eingerichtet sein, so dass die auch woanders wohnen können. Das man nicht sagt: ´Hier ist die Rollstuhlecke, da ist die Blindenecke.´ Das ist doch nicht Inklusion.
Hauke: Es geht ja auch darum diese ganzen defizitären Kategorien zu entkoppeln. Es ist ja egal ob es ein Mensch mit Behinderung oder ohne Behinderung ist, sondern es ist wichtig, dass eben keine Betonung mehr drauf liegt.

Könnt ihr noch etwas zur Zusammenarbeit mit der Aktion Mensch erzählen? Der Song "Alles für alle" wurde da ja wirklich ganz ordentlich verbreitet.
Hauke: Die Aktion Mensch ist vor allem auf Phillipp aufmerksam geworden. Der ist auch der Mittelpunkt von einem Werbespot einer Kampagne. Die haben angefragt und da Phillipp nun bei uns in der Band spielt, haben wir das für unsere Zwecke mit genutzt.

Ihr habt schon immer mit verschiedenen anderen Bands zusammengearbeitet. FETTES BROT, STEREO TOTAL und aktuell ja mit FINDUS und Stritzi Streuner von FRITTENBUDE. Wie komm es zu solcher Zusammenarbeit?
Hauke: Mit Stritzi sind wir privat bekannt und auch bei den vorherigen Kolaborationen war es meistens auch ein Privatkontakt, der irgendwie zustande kam und dann wurde einfach gefragt, ob da Lust besteht oder nicht. Eigentlich ist es ganz klassisch über eine Musikszene in der man sich kennt. Mit FINDUS bin ich ganz gut bekannt und da hat es damit angefangen, dass die einen Remix von uns haben wollten. Sie sind auf uns zugekommen. Uns hat der Remix so gut gefallen, dass wir ihn mit auf das Album gepackt haben. Wir haben ihn eingeprobt und Lüam, der Sänger von FINDUS, hat ihn auch bei unserem Konzert in der Hanseplatte gesungen und singt den auch noch auf ein paar Terminen auf der Tour.

In euren Songs klingt ja durchaus auch Gesellschaftskritik mit. Zum Beispiel bei "Strand" oder auch bei "Alles für alle". Was betrifft euch von den Dingen gegen die ihr dort singt am Meisten?
Hauke: Bei "Strand" ist es ein bisschen schwieriger. Das ist ja ein Zitat von der situationistischen Internationalen ´Unter dem Pflaster liegt der Strand´. Da gibt es viel Interpretationsspielraum.
Parija: Ich kenne die Texte, aber ich weiß ganz oft nicht, was damit gemeint ist. Ich singe das nur. [Allgemeines Lachen] Was ist?
Hauke: Das hast du niedlich gesagt.

Vielleicht mal anders gefragt: Will STATION 17 was in Köpfen von Menschen bewegen oder macht ihr einfach nur Musik?
Parija: Ziel ist bestimmt auch in Köpfen anderer Menschen was zu bewegen.
Hauke: Wobei wir primär eigentlich Musik machen und es ist ein sehr schöner Nebeneffekt, den wir sehr gerne mitnehmen. In erster Linie geht es bei uns darum zusammen Musik zu machen.

Wen wollt ihr mit euren Songs ansprechen? Gibt es da eine bestimmte Zielgruppe?
Hauke: Nee, eigentlich nicht. Wir freuen uns über jeden und alle, die unsere Musik gut finden und die zu unseren Konzerten kommen.

Auf was freut ihr euch auf der Tour am Meisten?
Parija: Ich freue mich, wenn andere Leute sich freuen. Ich stehe gerne auf der Bühne und freue mich, wenn es anderen Menschen gefällt. Und das Zusammensein ist auch sehr wichtig.

Danke für das Gespräch und die Einblicke in eure Arbeit!



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