Interview mit The Ocean

 

Interview mit Robin Staps (Songwriting, Gitarre) von THE OCEAN. Von Olivier.



THE OCEAN - die etwas andere Band. Oder sagen wir: Kollektiv, denn bei THE OCEAN war nie etwas stetig - weder Line-Up noch Musik. Nur der die Fäden in den Händen haltende Robin Staps, diese ambitionierte Arbeitsweise (aufwändige Lightshows und Artworks, heranziehen von klassischen Instrumenten etc.) und nicht zuletzt dieser gewisse Grundstil bilden eine klare Linie. Eine Linie, welcher auch mit Album Nr. 4 zahlreiche treu geblieben sind - auch, wenn wiedermal musikalisch alles anders ist.

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Mit dem neuen Album habt ihr viel riskiert. In einem anderen Interview hast du zwar gesagt dass „Heliocentric“ die konsequente Fortsetzung vom Ende von „Precambrian“ sei, aber für mich klingt das alles weitaus unprogressiver, ja einfach nach einer völlig neuen Ausrichtung, was wohl auch eurem neuen Sänger Loïc Rossetti geschuldet ist.

„Unprogressiver“...? Da bin ich anderer Meinung. Das hängt wohl davon ab, was man unter „progressiv“ versteht, für mich ist dieser Begriff sehr positiv besetzt und bedeutet in erster Linie, dass man sich nicht selbst wiederholt, experimentiert, neue Wege sucht und eben auch Risiken eingeht. Insofern ist „Heliocentric“ ein enorm progressives Album.

Ich bin mit dem „Precambrian“-Abum nach wie vor sehr zufrieden, von einigen Schönheitsfehlern abgesehen. Aber es war alles gesagt, was es im Rahmen der Precambrian-Formel zu sagen gab. Wir sind keine Band, die eine Formel für ihren Sound entwickelt und dann 5 Alben lang diese Formel anwendet, bloß weil sie funktioniert. Es war Zeit für etwas Neues. Schon lange bevor Loic in die Band kam war klar, dass wir künftig dem Gesang mehr Platz einräumen wollen. Für mich ist das eine große Herausforderung gewesen, weil Gesang bei uns immer eher den Stellenwert eines Rhythmusinstruments innegehabt hat. Außerdem war es immer das letzte Glied in der Kette des Songwritings, der Gesang wurde am Schluss „on top“ hinzugefügt. Das war bei „Heliocentric“ anders, die meisten Stücke sind schon mit Gesangslinien im Kopf komponiert worden (auch das, bevor Loic in die Band kam). Mit Melodiebögen zu arbeiten, die Instrumentierung und Ausschmückung der Instrumental-parts streckenweise etwas zu reduzieren um Platz zu lassen für Gesang, war ein völlig neuer Ansatz für mich. Sowas muss gelegentlich sein, wenn man es für sich selbst als Musiker spannend halten will.

Ob „Heliocentric“ die konsequente Fortsetzung von „Precambrian“ ist oder nicht soll jeder für sich entscheiden. Ich weise an dieser Stelle darauf hin, dass bereits das letzte Stück auf „Precambrian“, der Song „Cryogenian“, ausschliesslich aus Klavier, Cello und Bratsche bestand und darauf hindeutete, dass künftig alles möglich sein wird und wir uns nicht darauf beschränken werden, uns in einem von Genrebezeichnungen vorgegebenen Rahmen zu bewegen...



Wie fühlt man sich da eigentlich, wenn man mit jedem Album seine Fanbase aufs Neue aufs Spiel setzt? Ich meine: Mit jedem Album wechselt ihr eurem Stil mehr oder weniger radikal, und „Aeolian“ und „Heliocentric“ sind bislang die beiden großen Extrempunkte dieser großen stilistischen Schwankungen. Dazu kommen dann jedes Mal große Line-Up-Änderungen, was das Ganze ja auch nicht unbedingt leichter macht.

Großartig! Natürlich ist es immer ein Risiko, neue Wege zu gehen. Es gibt durchaus Meckerköppe in einigen Foren, die beklagen, dass es zu wenig „Post-Rock-Harmonien“ gibt auf dem neuen Album oder zu wenig Schreigesang oder zu wenig Theremin-Einsatz...

Die Fans, die uns wirklich schätzen tun dies aber gerade weil wir mit jedem Album etwas anderes machen – das hat mir das sehr positive direkte Feedback von Fans, besonders nach dem 2-tägigen Album-Stream, und auch der überwältigende Rücklauf des Preorders unserer LP- und CD Boxen gezeigt. Dass den einen „Aeolian“ besser gefällt und den anderen „Heliocentric“, ist normal. Aber ich glaube die meisten Fans sehen die rote Linie, die sich durch alle unsere Alben und unsere Live-Shows und unsere Visuals und unser Album-Artwork zieht – durch alles, was wir machen. Ich will das gar nicht im Detail beschreiben, da jeder dort andere Sachen sieht und schätzt, aber es ist wohl eine bestimmte Atmosphäre, eine bestimmte Ästhetik, eine Vorliebe für bestimmte Harmonien und eine recht eigene Art und Weise, mit Dynamik umzugehen.

„Heliocentric“ polarisiert, und das ist gut so. Aber das bisherige Feedback von Medien und Fans ist deutlich umfangreicher und positiver als „Precambrian“, mit dem viele Hörer zunächst überfordert waren.

Im übrigen ist das alles nichts Neues: als wir „Fogdiver“ veröffentlichten meckerten einige Leute darüber, dass es keinen Gesang gab. Als dann „Fluxion“ kam war vielen der Gesang zu krass. Bei „Aeolian“ wurde geflennt, dass die klassischen Instrumente und die Atmosphäre weitgehende fehlten… usw. Wenn man sich danach richten würde was die Leute von Dir und Deiner Musik denken, würde man alles falsch machen, was man nur falsch machen kann.

„Heliocentric“ ist der erste Teil eines konzeptionellen Doppelalbums. Ich hab mich im Vorfeld mal etwas darüber informiert und fand die Thematik recht interessant, will dann aber lieber dich selbst dafür sprechen lassen.

Das Thema von „Heliocentric“ und auch dem kommenden Album „Anthropocentric“ ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Christentum vor dem Hintergrund der heliozentrischen Wende... alle Songs kreisen um dieses astronomisch-religionskritische Thema. Im Mittelpunkt stehen die Auswirkungen, die die Entdeckung, dass die Erde nicht Mittelpunkt des Universums ist, auf den Glauben und die Macht der Kirche hatte. „Heliocentric“ beginnt mit Originaltext aus der Bibel: der Entstehung des Firmaments nach Genesis. „1st Commandment of the Luminaries“ beschreibt altertümliche Erklärungsweisen der Bewegungen der Himmelskörper, mit der Erde als Mittelpunkt des Universums. „Ptolemy Was Wrong“ handelt von Galilei's Entdeckung, dass Ptolemäus, der Begründer des alten geozentrischen Modells, nach dem die Erde im Mittelpunk des Universums steht, nicht richtig sein kann – und die Konsequenzen daraus. Die bekam erst Giordano Bruno zu spüren, der erste laute Verfechter des Heliozentrismus. Er wurde von der katholischen Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt; davon handelt „Catharsis of A Heretic“. „Swallowed by the Earth“ ist ein etwas weniger prosaischer Text, der sich mit der Frage des ewigen Lebens auseinandersetzt (und damit, ob dies überhaupt wünschenswert ist). „Epiphany“ ist ein sehr polemischer song über das widersprüchliche Konzept der Heiligen Dreifaltigkeit... „The Origin of Species“ bezieht sich natürlich auf Darwin's revolutionäres Buch über die Evolutionstheorie – den vermeintlich letzten Nagel im Sarg des Christentums und „The Origin of God“ formuliert eins der zentralen Argumente von Richard Dawkins: viele Menschen können nicht verstehen, wie laut Evolutionstheorie scheinbar zufällige Prozesse zur Entstehung von ungeheuer komplexen Organen führen. Sie verweisen deshalb auf einen Schöpfer als letzte Ursache und einzige Erklärung. Wenn wir aber einen Schöpfer annehmen, verschieben wir das Problem bloß: denn ein Schöpfer, der so etwas schafft, muss selbst eine ungeheuer komplexe Entität sein – wie ist er selbst dann entstanden? Who made your architect? Insofern bürden sich Kreationisten hier selbst die Erklärungslast auf für die Dinge, die sie nicht verstehen, weil sie sich nicht wirklich mit den zentralen Gedanken von Darwin's Buch auseinandersetzten wollen...



Ich habe auf Metal Blade TV zu jedem einzelnen Song Video-Kommentare gepostet, die man auf YouTube oder hier direkt sehen kann:

http://www.metalblade.tv/tv/interviews/the-ocean-first-commandment-of-the-luminaries-commentary/
http://www.metalblade.tv/tv/interviews/the-ocean-ptolemy-was-wrong/
http://www.metalblade.tv/tv/interviews/the-ocean-metaphysics-of-the-hangman-commentary/
http://www.metalblade.tv/tv/interviews/the-ocean-catharsis-of-a-heretic-commentary/
http://www.metalblade.tv/tv/interviews/the-ocean-swallowed-by-the-earth-commentary/
http://www.metalblade.tv/tv/interviews/the-ocean-epiphany-commentary/
http://www.metalblade.tv/tv/uncategorized/the-ocean-origin-of-species-commentary/
http://www.metalblade.tv/tv/interviews/the-ocean-origin-of-god-commentary/

Ich habe gelesen dass das neue Album ein Resultat einer Umkehrung deiner Hörgewohnheiten sei, dass du einfach nicht mehr so Lust auf härtere Musik hättest - was man dem Album ja auch ziemlich anhört. Zwei Bandnamen die mir da beim Hören immer mal durch den Kopf gegangen sind sind NINE INCH NAILS (die Stimme!) und THRICE (vor allem das was sie auf dem letzten Album gemacht haben) – und ich hätte nie gedacht, dass das bei mir je beim Hören eines THE OCEAN-Albums der Fall sein würde! Woran denkst du denn, wenn du jetzt das Endresultat hörst? Und woran kannst du dich als Einfluss beim Schreiben der Songs noch so erinnern?

Das stimmt so nicht. Ich habe nie von einer „Umkehrung“ meiner Hörgewohnheiten gesprochen, sondern von einer Erweiterung und Veränderung. Ich liebe Decapitated und Behemoth, nach wie vor. Heute Abend spielen wir auf einem Festival in Dänemark direkt vor Crowbar und Sepultura und ich freu mich da derbe drauf, vor allem auf Crowbar natürlich… Aber ich höre eben nicht nur noch Metal, und die letzten beiden Thrice-Scheiben sind bei mir in der Tat seit Monaten ganz oben in der Playlist – daneben aber auch Mulatu Astatke, Jeff Buckley, Ben Gibbard und Woven Hand. Ich bin seit Jahren, schon lange VOR „Fogdiver“, Fan von Trent Reznor - und in der Tat, als ich die Songs für „Heliocentric“ schrieb, stand ich unter dem subtilen Einfluss seines instrumentalen „Ghosts“ Doppelalbums. Insofern kann ich mit diesen Vergleichen gut leben. Loic ist auch großer Reznor-Fan, wir verstehen uns da sehr gut... und ich stimme Dir zu, da gibt es durchaus Ähnlichkeiten was seine Stimme betrifft, das ist ein großes Kompliment für ihn.

THE OCEAN haben für mich ja immer diesen extrem professionellen Ansatz. Bei euch passiert echt nichts zufällig, alles ist durchgeplant und durchorganisiert und auch das Songwriting geschieht ja meines Wissens zu großen Teilen hinterm Rechner. Ihr seid doch sicher schon seit langem Berufsmusiker, oder? Und wie ist das eigentlich Live, wenn man es nicht mit einer wirklichen Band, sondern vielmehr mit einem wechselhaften Kollektiv zu tun hat? Fühlt man sich da auf Tour überhaupt wohl?

Wechselnde Mitglieder haben Vor- und Nachteile: es gibt ständig frischen Wind, das ist gut. Man hat eine sehr intensive Zeit zusammen, die man umso intensiver zu schätzen weiß wenn man sich der Tatsache bewusst ist, dass es nicht ewig andauern wird. Gleichzeitig muss man mehr proben und wenn man einen guten Gitarristen und guten Freund gehen lassen muss, ist das immer schade.
Die Lineup-Wechsel in der Vergangenheit waren verschiedenen Dingen geschuldet: einige Ex-Mitglieder erkannten, dass das Tourleben nix für sie war, andere gründeten Familien oder nahmen Karrierejobs an. Mit vielen unserer wichtigsten Ex-Mitglieder bin ich heute gut befreundet und regelmäßig in Kontakt (Meta, Mike, Gerd, Nico, Gordon, Hille z.B.).

Das Lineup ist nun seit 2 Jahren stabil, bis auf die Tatsache, dass Mike gegangen ist nach der Opeth-Tour, um sich anderen Prioritäten zuzuwenden, und wir stattdessen Loic aufgenommen haben. Es wird auch stabil bleiben, da bin ich überzeugt. Es hat lange gedauert, Leute zu finden, die verlässlich sind, gut am Instrument, gute Freunde, die alle dasselbe wollen und 100% in die Band rein powern. Ich hätte noch vor 2 Jahren nie erwartet, dass The Ocean 2010 eine Band ist, die zu 80% aus Schweizern besteht... aber das ist wohl eine dieser komischen, aber guten Geschichten des Lebens.



Was kann man so für Teil 2 von „Heliocentric“ erwarten? Wird wieder stilistisch alles auf den Kopf gestellt, oder bleibt musikalisch (oder auch Line-Up-technisch) erst mal alles gleich?

Wie gesagt, The Ocean 2010 ist eine Band, mit einem festem Lineup. Dem Stärksten, was es je gab. Das Kollektiv, bestehend überwiegend aus klassischen Musikern, gibt es weiterhin und wird auch künftig verstärkt live auftreten, zu besonderen Anlässen: Am 26.3 haben wir in der Schweiz erstmalig mit großer Besetzung gespielt, mit 13 Musikern auf der Bühne. Da haben wir auch zum ersten Mal Songs live gespielt, die wir vorher noch nie gespielt haben. Ähnliches werden wir auf dem Friction Fest in Berlin wiederholen am 7. und 8. Mai, das ich auch mit organisiere (www.frictionfest.com). Hier werden wir auch eine DVD filmen, die später auf Metal Blade erscheinen wird.
Über „Anthropocentric“ will ich an dieser Stelle noch nicht zu viel verraten. Es wird wieder ein etwas härteres Album, aber wer ein zweites „Aeolian“ erwartet liegt falsch. Wir werden kein Album zweimal machen.

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von 21.04.2010 22:27