Interview mit The Prosecution

 

Bitte nennt eure Namen und Instrument.

Hey! Ich heiße Simon, bin Sänger der Band und spiele die Rhythmusklampfe.
Zur weiteren Besetzung: Dennis – Leadguitar, Spanky – Bass, Jo – Drums/Percussion, Lookie – Drums/Percussion, Tini – Trombone, Momo – Sax, Andrew – Trumpet

Die Frage wie ihr euch kennen gelernt habt, ist wohl relativ, zieht man in Betracht, dass ihr aus einem 8000 Menschen zählenden Dorf kommt. Interessanter ist eher, wie ihr dazu gekommen seid zwei Drummer und Bläser in euren Sound zu integrieren?

Du musst wissen, der Kern der Band kennt sich seit ihrer Kindheit und eigentlich waren wir, spätestens als wir aus dem langweiligen Kommunionsunterricht rausflogen und dem örtlichen Pfarrer die Hölle heiß machten, eine ziemlich eingeschworene Gemeinschaft. Von daher ging es uns, als wir anfingen zusammen zu jammen eher sekundär um eine wirkliche Band. wir haben Jahrelang nur gejammt und unsere Instrumente dadurch gelernt. Primär ging es uns darum Lärm zu machen und um Freundschaft. Um deine Frage zu beantworten: Lookie und Jo konnten damals etwas drummen, wir waren alle Freunde, also mussten sie sich abwechseln. Die Bläser kamen nach und nach dazu, auch der Freundschaft wegen.

In eurem Sound vereinigt ihr Hardcore, Punk und Ska zu einem recht energetischen Stil. Entstehen die Songs in einem demokratischen Prozess oder gibt es hier einen oder mehrere „Leitwölfe“?

Tini, unser Posaunist, ist definitiv unser musikalisches Hirn. Er kann super Songs komponieren und irgendwie schafft er es unsere individuellen Geschmäcker zu vereinigen. Wenn ein neuer Song eingeprobt wird, fangen wir an, an den einzelnen Parts rumzubasteln bis jeder zufrieden ist. Ist was scheiße, läuft alles sehr basisdemokratisch ab und die Mehrheit entscheidet.


Gibt es ein musikalisches Credo oder No Go?

Das gibt es sicherlich momentan. Man könnte hier jetzt vieles aufzählen und behaupten wir bleiben unserem Genre auf ewig treu, aber Musik hat auch was mit Entwicklung zu tun und kann sich verändern. Ich blicke da zurück auf die Zeit, in der wir mit AC/DC Cover im Proberaum anfingen. Und das machte damals auch Spaß ( : .

Wie schafft man es dem Dorfleben zu entfliehen, besonders als acht Mann starke Formation?

Ein Akt des schieren Willens, Talent, Glück oder ein gut ausgebautes Punk/Ska – Netzwerk?
Es ist eine Mischung daraus. Ich würde sagen, der Willen ist dabei wohl das wichtigste. Es war bis vor zwei Jahren noch extrem schwierig für uns Auftritte an Land zu ziehen. Da muss man sich einfach durchbeißen und vielen Leuten charmant auf den Sack gehen. Und man darf sich von Absagen nicht aus der Ruhe bringen lassen. Dann noch Talent und ein bisschen Glück, und dann fängt die Sache langsam zu rollen an. So ist es zumindest gerade bei uns 
Und ja, mittlerweile haben wir ein gutes Netzwerk, welches aber natürlich noch weiter ausgebaut werden muss.

Wie seid ihr an diese mit Sicherheit begehrten Support Slots gekommen?

Auch hier ist der Willen das wichtigste. Und es hat sich gezeigt, dass es immer am besten ist die Booker der großen Bands anzurufen. Eine Mail geht da unter. Und natürlich spielt Vitamin B da auch eine Rolle.
Im Laufe der Zeit haben wir einfach viele tolle und nette Menschen kennenlernt die uns supporten, unterstützen und über Jahre hinweg begleiten und fördern.

Wie war es mit Dicky Barrett aufzunehmen und wie kamen die Aufnahmen zu Stande?

Direkt aufgenommen haben wir mit Dicky nicht. Wir haben die Gesangsspuren von ihm bekommen. Die Mighty Mighty Bosstones sind schon seit Ewigkeiten große Idole von uns und haben uns musikalisch sehr geprägt. Fragen kostet nichts, als haben wir Kontakt aufgenommen. Und obwohl wir echt nicht damit gerechnet hätten, waren nach ein paar Wochen die Gesangsspuren via Mail da. Ein Ritterschlag für uns!

Ihr engagiert euch für AsylPro – warum?

Wir waren schon immer eine politisch angehauchte Truppe und diskutieren eigentlich auch schon immer sehr viel untereinander. In unserem kleinen Städchen gab es mal vor gut einem Jahrzehnt ein Asylbewerberheim. Deshalb war dieses Thema auch schon sehr früh präsent für uns, aber unserer Meinung nach nicht in der Öffentlichkeit. ProAsyl leistet Öffentlichkeitsarbeit, macht Unterschriftenaktionen, leistet Rechtsbeistand bei Asylverfahren und setzt sich für Flüchtlinge ein. Das finden wir verdammt wichtig und gut! Keiner hat das Recht uns einzuzäunen. Hierzu fällt mir spontan ein kleines Zitat von Jean-Jacques Rousseau ein, dass unsere Überzeugung ziemlich gut auf den Punkt trifft: „ Die Früchte gehören euch allen, aber der Boden gehört niemandem“. Abschließend noch: Dort wo bei uns mal ein Asylbewerberheim war, trifft sich jetzt der örtliche Geflügelzuchtverein und vermietet es an Jugendliche um sich dort drin zu besaufen, während Flüchtlinge im Flugzeug sitzen und in sinnlose Kriege ihrer Herkunftsländer deportiert werden.

Wie ist euer Standpunkt zur aktuellen Einwanderungsdebatte, zum NSU Prozess und der oft diskutierten, initiierten und durch Medien angefeuerten „Angst vor Islamisierung“?

Die Panikmache der Politiker vor „Armutseinwanderung“ ist schlimm. Das führt geradeaus zu Fremdenangst sowie Misstrauen gegenüber Flüchtlingen und beweist doch einmal mehr, dass unsere Politiker auf den menschlichen Aspekt spucken, so nach dem Motto: „bringst du unserer Wirtschaft nichts, bist du nicht hochqualifiziert, dann bringst du unserem Staat nichts, verpiss dich!“.
Der NSU Prozess ist schon alleine deswegen wichtig und richtig, weil er das Thema Rechtsextremismus ins Zentrum der Berichtserstattungen rückt und uns zeigt, dass wir das Thema auf keinen Fall unterschätzen dürfen. Warum da wegen der Sitzplatzvergabe so ein Heckmeck gemacht wurde, ist schwer zu verstehen. Größerer Gerichtssaal und fertig. Naja..
Warum Angst vor Islamisierung? Wir haben Angst vor Menschen, die anderen Menschen mit Gewalt ihre Dogmen aufdrücken wollen. Es ist uns total egal an was ein Individuum glaubt oder wie es empfindet, solange man tolerant ist und keinem anderen Leid zufügt. Moslem, Atheist, Christ spielt doch überhaupt keine Rolle. Dieser Rechtspopulismus muss aufhören, vor allem die Medien sollten sich da an ihrer eigenen Nase packen, wenn sie nicht durch ihre angstschürende Indoktrination mitverantwortlich an den zahlreichen fremdenfeindlichen Übergriffen sein wollen.

Was ist euer Rezept für interkulturelle Verständigung innerhalb einer kulturell und sozial heterogenen Gesellschaft?

Engagiert ihr euch noch auf anderen Ebenen?
Viel Gemeinwesenarbeit in den Städten, Gemeinden und Dörfern! Die Menschen, egal welchen kulturellen oder sozialen Hintergrund sie haben, müssen sich vernetzen und sich gegenseitig helfen, Feste organisieren und Aufklärung betreiben. Dann ist ein solidarisches Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und sozialer Schichten möglich. Menschen lernen dadurch voneinander, das ist wichtig und macht sogar noch Spaß!

Würde man THE PROSECUTION einen Major-Deal anbieten, wie würdet ihr reagieren?

Wir haben in unserer Bandgeschichte schon öfter den ein oder anderen Vertrag abgelehnt und sind sehr vorsichtig wenn es um sowas geht. Wir würden wie immer reagieren: Konditionen anschauen und sicherstellen dass wir in Freiheit agieren können. Ist das der Fall kann ein Major-Deal auch Vorteile haben. Man erreicht vielmehr Leute und kann sie auf allgegenwärtige Probleme und Missstände aufmerksam machen. Rise Against machen das doch ganz gut!

Wie seht ihr die Zukunft der Musikindustrie, vor allem in Hinblick auf die Bedeutung sozialer Netzwerke und Internetplattformen, wie YouTube etc.?

Die Musikschaffenden hat mit sozialen Netzwerken und andern Plattformen eine enorme Chance aus der momentan noch anhaltenden Krise wieder rauszukommen. Schon alleine, weil man einfach super im Kontakt mit seinen Fans bleiben kann und so auch Feedback bekommt. Das ist wahnsinnig toll, wenn die Kommunikation in beide Richtungen möglich ist.
Trotzdem schade, welche Freibier-Mentalität gerade von den großen Plattformbetreibern zelebriert wird. Wir Künstler reißen uns wahnsinnig den Arsch auf. Viele Musiker arbeiten in unsichern Gelegenheitsjobs um sich das Tourleben zu ermöglichen. Und dann kommen stinkreiche Konzerne wie Google (Youtube) daher und meinen sie müssen unsere Rechte mit den Füßen treten und den schwarzen Peter der GEMA zuschieben. Die GEMA ist zwar nicht astrein, aber hat seine Daseinsberechtigung. Ohne diesem Verein könnten sich viele Musiker keine Butter auf ihr Brot schmieren.


Drei Fragen (ethisch angehaucht) im Bezug auf musikalische Ideologien:
Was ist für euch Punkrock?
Was ist für euch Ska?
Was ist für euch Hardcore?


Ich fasse diese Frage mal zusammen, man sollte das nicht immer so separieren.
Bezüglich dem ehtischen Aspekt haben diese Genres viele Gemeinsamkeiten. Uns vermittelten sie wichtige Werte die für ein solidarisches Miteinander unumgänglich sind. Man könnte fast behaupten, dass die Musik uns durch die Pubertät gebracht und in die richtige Richtung gelenkt hat. Sie hat Mama und Papa also viel Zeit (aber definitiv nicht viel Geld) gespart, haha ; ).

Welche Ziele habt ihr euch für 2013/14 gesteckt?

Wir wollen auf jeden Fall nach wie vor so viele Auftritte wie möglich spielen, dass ist einfach das schönste am Bandleben. Es steht noch ein neues Musikvideo auf dem Plan. Und natürlich wäre es super, wenn wir dieses Jahr noch eine Größere Tour supporten könnten. Auch ins Ausland wollen wir gegen Ende des Jahres. Und vielleicht, ganz vielleicht gibt es auch bald schon wieder eine kleine, feine Veröffentlichung?