Interview mit Thees Uhlmann

 

Der Bullshitdetektor



Thees Uhlmann wie er schreibt und lebt



Für das Interview mit Thees Uhlmann hätte auch die Hälfte der Fragen gereicht. Seine Antworten kommen nicht sofort, er lässt sich Zeit. Seine Antworten beginnen mit einem Schweigen und mal einem Schluck aus der Bierflasche oder einem Zug an der Zigarette. Er denkt nach, bevor er Geschichten aus seinem Leben erzählt.

Man stelle sich Thees Uhlmann auf dem Spielplatz vor, mit seiner Tochter. Und plötzlich kommt ihm eine Idee für einen Songtext (aus dem später mal das fertige Lied "Die Nacht war kurz" wird). Wo andere Musiker schon hektisch nach Zettel und Stift suchen, um ihre Worte aufs Papier zu bringen, bleibt er ganz ruhig. Zettel und Stift braucht er nicht, sagt er. Thees Uhlmann vertraut ganz auf sein Gedächtnis und sieht es zugleich als persönlichen Bullshit-Detektor. „Ich behalte Ideen für Songs im Kopf. Im Gegensatz zu Marcus Wiebusch, der immer was zum Schreiben dabei hat. Ich merke mir die Sachen einfach. Ich glaube, das ist der erste eingebaute Bullshit-Detektor in mir. Wenn eine Sache so gut ist, dass ich sie aufschreiben sollte, verlässt sie mein Gehirn nicht. Dann merke ich sie mir. Irgendwann, wenn ich vor einem leeren Zettel sitze, erinnere ich mich daran. Was mir nicht mehr einfällt, ist es nicht Wert. Das funktioniert für mich ganz gut“, erklärt er.

Bei ihm klingt das Musikerleben jenseits der Tour sehr geregelt. Es klingt nach einem normalen Arbeitstag, der in den Morgenstunden beginnt. „Ich schreibe von morgens bis halb drei, drei Uhr. Nicht nachts betrunken. Das ist grausam. Es kommt ab und zu mal vor, dass man dann denkt »oh ich höre Musik und hab ein bisschen Wein getrunken, jetzt kann ich mal was schreiben«. Aber eigentlich ist alles scheiße, was dabei rauskommt. Wirklich grauenvoll. Morgens, mittags, nachmittags. Das ist so meine Zeit zum Schreiben. Es ist natürlich von Vorteil, wenn man emotional aufgeregt ist. Negative Emotionen sind schlecht.“

Unter Zeitdruck und mit einer gewissen Leichtigkeit kann er besser arbeiten, sagt Thees Uhlmann: „Ich hab schon mal einen Kinderartikel darüber geschrieben als Rockstar auf Kinderspielplätzen abzuhängen. Eine Zeitung hat mich gefragt, ob ich nicht Bock darauf hätte. Die Idee fand ich witzig. Ich kann die Sachen, die ich mache immer nur mit einer gewissen Leichtigkeit machen. Drei Stunden vor der Deadline habe ich angefangen. Wenn ich abliefern muss, fließt es aus mir raus. Dann bin ich konzentrierter. Genauso ist es beim Song schreiben auch. Bei dieser Platte war das so: Ich habe 48 Stunden mit Tobias Kuhn und wir machen das jetzt. Es ist viel Arbeit und anstrengend. Aber anstrengend kann auch schön sein. Beim Schreiben ist das genau so. Du denkst dann, jetzt schreibst du den besten Artikel, den es jemals über Kinderspielplätze gegeben hat.“ Beim Schreiben hat er oft eine Person im Kopf, die ihn dazu inspiriert hat, eine Zeile oder gar einen ganzen Text zu schreiben. „Auch wenn die Person das nicht weiß, denkt man dann häufig: Diese Zeile ist nur für dich. Du hast das mal gesagt. Den Satz hab ich mir gemerkt und was anderes daraus gebaut. Aber ohne dich wäre ich nie auf diesen Gedanken gekommen. Ein leichtes this is dedicated to you.“

„Wir hängen hier alle auf dem Spielplatz ab und eben standen wir noch am Tresen und haben darüber gesabbelt, was für vermeintlich coole Typen wir sind“

Bei »Die Nacht war kurz« war es ein ganzes Gefühl, welches er auf den Punkt gebracht hat – das eines Sonntagmorgens auf dem Spielplatz. „Als ich mein Kiddo bekommen hab, haben viele in Interviews immer gefragt »Wie ist das denn jetzt so Rock 'n' Roll und Vater sein? Ist das eine besondere Umwelt?« Ich habe es immer als wahnsinnig natürlich empfunden, ein Kind zu haben. Ich hab das nie als besonderen Eingriff in meine Biografie erlebt. Es war einfach so, dass ich mich mit meinen Freunden getroffen hab, bis um zwei oder drei Uhr nachts. Am nächsten Morgen will die Kleine um sieben Uhr auf den Spielplatz. Man sieht dann ein bisschen komisch aus, aber man macht das mit, weil es dazugehört. Man hat das so auf‘m Zettel. Ich bin ja nicht dumm. Ich sehe ja auch die anderen verkaterten Väter auf dem Spielplatz. Irgendwie ist das rührend. Wir hängen hier alle ab und eben standen wir noch am Tresen und haben darüber gesabbelt, was für vermeintlich coole Typen wir sind. Und dann auf dem Spielplatz: »Das ist ein Schokoladenkuchen.« »Wirklich das ist ein Schokoladenkuchen? Den esse ich jetzt. Danke.« So eine Situation inspiriert mich und ich komme auf den Text zu »Die Nacht ist kurz, ich stehe früh auf«.



In »Wir könnten Freunde werden. Die Tocotronic Tourtagebücher.« hat Thees Uhlmann schon einen Einblick in das Tourleben von Tocotronic gegeben. Aber würde er auch sein eigenes Musikerleben in einem Buch festhalten, seine Lebensgeschichte aufschreiben? „Ja, aber wenn ich das mache, dann nicht in dem Sinne »ich bin ein geiler Typ, ich hab ein mega interessantes Leben, ihr müsst das unbedingt lesen, das ist voll geil, ich hab schon Sachen erlebt.« Das ist natürlich unterhaltsam, aber auf eine bestimmte Art und Weise auch ekelhaft. Wenn ich meine Geschichte aufschreiben würde, kickt mich daran viel mehr aufzuschreiben, dass ich eine komische Sache mache, die aber eigentlich auch normal ist. Ich würde versuchen die Punkte aufzuschreiben, wo ich vielleicht eine andere Abbiegung genommen habe als beispielsweise mein Bruder. Oder ich schreibe darüber, aus wie vielen Zufällen so ein Leben besteht. Oh Gott, was ich nicht eventuell alles machen würde.“

„Ich durfte fünf Minuten Star Wars gucken. Als Darth Vader durchs Bild läuft, sagt meine Mutter »Das ist E.T.«.“

Interviews kennt Thees Uhlmann noch aus der anderen Perspektive – als Fragensteller. Als er selbst noch für Musikzeitschriften wie Intro, Musikexpress, Spex und Visions schrieb. Er kennt auch das Problem mit der Anzahl der Fragen, die man vorbereiten muss. Wie viele braucht man, um die Interviewzeit auszufüllen? Ist mein Gegenüber gesprächig oder sagt er nur wie gut die Tour läuft und wie geil sein neues Album ist? Thees Uhlmann fällt dazu sein Interview mit Liam Gallagher ein, das nur 15 Minuten dauerte. „Ich hatte eine halbe Stunde Zeit und war schon nach einer Viertelstunde fertig. »I have no other questions«, sagte ich und Liam Gallagher antwortete: »That’s cool, that‘s the shortest interview I ever had«. Ich weiß nicht, was ich solche Leute fragen soll. Ich hab auch nicht viele Künstler interviewt. Liam Gallagher, Turbonegro, Richard Ashcroft und den Typen von Nada Surf. Aber das Interview mit dem ist auch nie veröffentlicht worden.“

Für das Interview mit Thees Uhlmann hätte auch die Hälfte der Fragen gereicht. Seine Antworten kommen nicht sofort, er lässt sich Zeit. Seine Antworten beginnen mit einem Schweigen und mal einem Schluck aus der Bierflasche oder einem Zug an der Zigarette. Er denkt nach, bevor er Geschichten aus seinem Leben erzählt. Zum Beispiel über seine Mutter. „Ich bin mit meiner Mutter ja so (kreuzt die Finger). Wir haben mal zusammen vor dem Fernseher gesessen und ich durfte fünf Minuten Star Wars gucken. Als Darth Vader durchs Bild läuft, sagt sie »das ist E.T.«. Die Geschichte ist lustig, aber auch auf eine gewisse Art und Weise so wahnsinnig schön. Vor allem, weil meine Mutter meint, sie kennt sich mit Science-Fiction-Filmen aus. Und dann sagt sie zu Darth Vader E.T.“, erinnert er sich und lächelt.

„Bei Roche&Böhmermann war mir einfach zu viel Schwanz in der Luft. Das macht mich nervös. Ich weiß nicht, ob ich da verklemmt bin.“

Bei seinem Auftritt als Talkgast bei Roche&Böhmermann schien er sich unwohl zu fühlen, irgendwie fehl am Platz. Es war ihm zu viel Schwanz in der Sendung. „Ich schätze die beiden Moderatoren sehr, da waren wahnsinnig interessante Gäste. Aber ich habe noch nie in einer Sendung häufiger das Wort »Schwanz« gehört. Das ist auch nichts für mich. Ich finde die Geschichte von einem Typen, der sagt ich war früher Stabhochspringerin und jetzt bin ich Mann, wahnsinnig gut. Es gibt wenige Sachen die interessanter sind, als jemand der sagt »ich war eine Frau und wollte ein Mann sein und wusste das schon immer«. Aber mir war einfach zu viel Schwanz in der Luft. Das macht mich nervös. Ich bin einfach nicht so. Ich weiß nicht, ob ich da verklemmt bin. Das Wort Schwanz würde ich auch niemals in einem Songtext benutzen“, sagt er.

Fernsehauftritte in der Harald Schmidt Show und bei Roche&Böhmermann, ein Konzert im Bauhaus in Dessau für zdf.kultur, die aktuelle Tour – viel unterwegs und kaum zu Hause, das macht ein Musikerleben aus. Thees Uhlmann fühlt sich aber selbst auf Tour daheim: „Auf Tour sein, das ist das Beste. Da drinnen sind 12 Leute, das sind meine Freunde, das sind fantastische Personen. Bei anderen Künstlern bekomme ich oft Sachen mit wie beispielsweise, dass die Band von der Crew getrennt ist. Das ist bei mir nicht. Ich bin hier zu Hause auf eine bestimmte Art und Weise. Ich vermisse auf Tour nur eines und das ist meine Lütte. Mit der telefoniere ich ab und zu.“

Früher Sänger bei Tomte, jetzt solo unterwegs als Thees Uhlmann&Band. Betrügt er Tomte mit sich selbst? „Wird das jetzt so schwanzmäßig hier, das Interview?“ Er lacht. „Ne, noch nicht mal betrügen. Ich habe mir eine künstliche Jungfräulichkeit erschaffen, um das hier katholisch korrekt auf den Boden zurückzuholen. Es war eine persönliche Sache, die ich umsetzen wollte. Einfach mal was anderes machen. Wir haben so viel erlebt und irgendwie möchte ich nicht mehr diesen Rucksack das ist »Thees Uhlmann von Tomte« mit mir rumtragen. Da weiß man, dass 50 Prozent der Lieder auf einem Konzert gespielt werden. Bei einer neuen Platte, fragen sich alle, wie man die in das Gesamtwerk einordnen muss. Ich genieße diese Unschuld, die ich habe. Es kann noch keiner schreiben »das letzte Thees Uhlmann Album war viel geiler als das Neue«, weil es nur das eine gibt bis jetzt. Ich erhalte mir da künstlich meine Unschuld.“ Bislang hat er auf seinen Shows immer noch den Tomte-Song New York gespielt. Er will diese Art der Rückversicherung aber nicht mehr. „Das sieht dann immer so aus: Oh die Leute finden die Platte nicht gut? Lass uns schnell heute Nachmittag beim Soundcheck noch »Die Schönheit der Chance« einüben. Das kennen die, das finden die gut. Ich wollte aber zeigen, dass ich jetzt was anderes mache.“

Auf einer Party sein während die eigenen Songs laufen: „Manchmal unangenehm, manchmal lustig, manchmal wahnsinnig romantisch.“

Seine eigenen Songs hat er schon häufiger auf Partys gehört – ein komisches Gefühl für ihn. „Manchmal ist das unangenehm. Manchmal ist es auch lustig, wenn man da rumhängt, keiner hat einen gesehen und die Leute fangen an zu meinem Lied zu tanzen. Es ist toll, wenn man seine eigenen Songs mal so richtig in Discolautstärke hört. Manchmal ist es wahnsinnig romantisch. Zum Beispiel wenn ich in meiner allerliebsten St. Pauli Fankneipe, dem Jolly Rogers, bin und dann läuft »Das hier ist Fußball« und da stehen 20 St. Pauli Ultras und singen so einen romantischen Fußballsong."

Heimlich ein Foto von ihm zu machen, wenn er privat in Clubs unterwegs ist, passt ihm so gar nicht. „Als ein Typ mich einfach so fotografierte, ging ich zu ihm hin. Ich hab ihm gesagt, dass er gerne ein Foto von mir machen kann, aber nicht hinter meinem Rücken. Da habe ich keinen Bock drauf. Das einzige starmäßige, was ich sagen kann: Es ist ein extrem seltsames Gefühl ist, wenn jemand einfach so ein Foto von mir macht – ohne mich zu fragen. Wenn jemand verschwitzt nach einem Konzert auf mich zukommt und fragt, ob er ein Foto mit mir zusammen haben kann, ist das kein Problem. Dann machen wir das. Aber macht jemand ein Foto von mir, ohne mich zu fragen, dann ist das körperlich unangenehm, wenn man es mitbekommt. Eigentlich bekomme ich es immer mit. Ich weiß nicht, ob meine Augen da anders sind, als die von anderen, weil ich etwas erfolgreicher bin.“