ROCKAVARIA FESTIVAL 2015 - München - Olympiapark

 

Was gab es im Vorfeld nicht für einen Aufschrei rund um die Festivals Rockavaria und vor allem Rock Im Revier. Letzteres stand insbesondere wegen der Verlegung nach Gelsenkirchen und dem Zerwürfnis mit dem Betreiber der Nürburgrings im Kreuzfeuer der Kritik. Rockavaria, welches seit langer Zeit wieder einmal ein Festival im Olympiapark in München ist, verlief im Bereich der Vorberichterstattung weitaus ruhiger an, war allerdings auch nicht gänzlich von Kritik befreit: es gibt keine Zeltplätze, die Location wurde als ungeeignet abgetan und das Festival sei mit ca 180 EUR zzgl Übernachtungskosten viel zu teuer. Allerdings, und daran wird wohl niemand zweifeln, ist das gebotene Line-Up mit Muse, Metallica, Kiss, Limp Bizkit, Within Temptation und Faith No More extrem stark. Wir haben uns auf dem Rockavaria umgeschaut und kommen zu dem Fazit, dass das Festival ein ungewöhnliches, aber durchaus interessante Konzept hat, dass es noch einige Kinderkrankheiten gab und dass es musikalisch betrachtet wirklich gut war.

Organisation

Das Rockavaria ist aufgeteilt auf drei Bühnen: Im Olympiastation befand sich die Hauptbühne, die Olympiahalle beherbergte die zweite Bühne und im Theatron befand sich die kleinste und auch schönste Bühne des Festivals. Alle Bühnen wurden durch den Coubertinplatz verbunden, auf dem es diverse Essens- und Getränkestände, einen Biergarten und die Bändchenausgabe gab. Leider wurde der Coubertinplatz nach den Headlinern im Olympiastadion extrem zügig und durchaus druckvoll geräumt, ein Ausklingen des Abends bei einem Bier im Biergarten war leider nicht möglich (schade!).
Das Theatron war einerseits Ort zahlreicher herausragender Konzerte wie BRANT BJORK, ORANGE GOBLIN, SAINT VITUS und allen voran KVELERTAK allerdings hatte die Bühne auch zwei erhebliche Mankos. Zum einen steigen im Theatron gleich hinter der Bühne Steinstufen wie in einem Amphitheater nach oben, was den Veranstalter am ersten Tag dazu bewog via Hinweisschildern ein Stehverbot auszurufen. Selbiges sorgte nicht nur im Publikum für diverse Lacher sondern nervte auch die ein oder andere Band. Zum Ende des Freitags konnte das Verbot ohnehin nicht mehr von der Security durchgesetzt werden. Des Weiteren war das Theatron für die meisten der dort gebuchten Bands viel zu klein und war somit konstant ab spätestens 16:00 Uhr wegen Überfüllung geschlossen.
Im Gegensatz dazu war die Olympiahalle für viele der dort gebuchten Bands wiederum zu gross und glänzte häufig durch gähnende Leere. Voll wurde es nur bei den Headlinern LIMP BIZKIT, AIRBORNE sowie WITHIN TEMPTATION.
Das Olympiastation beherbergte die Hauptbühne und war für die meisten der dort spielenden Bands ein passender Ort. Kritik muss jedoch an der Toilettensituation im Innenraum geübt werden: Im Gegensatz zu Rock Im Park gibt es im Innenraum bei Rockavaria kein einziges Dixie-Klo. Der Toilettengang war immer mit einem Verlassen des Innenraums über die Treppen des Stadions verbunden, samt Verlust des ggf vorher gesicherten Platzes im Wellenbrecher.

Generell war das Rockavaria sehr gut organisiert: Die Wege zwischen den Bühnen waren im akzeptablen Rahmen, die Bändchenausgabe ging schnell von statten und die Einlasskontrollen waren sehr dezent. Hervorzuheben ist noch die Freundlichkeit des Personals. In meiner inzwischen zwanzig-jährigen Festival-Karriere habe ich noch keine Veranstaltung besucht, die so ein freundliches und zuvorkommendes Personal wie das Rockavaria hatte. Das gilt sowohl für Securities, die  Einlasskontrolle und die äusserst netten Damen und Herren an den diversen Ständen im Olympiastadion. Das ist wirklich hängengeblieben und absolute Spitzenklasse!

Musik

FREITAG

Der Freitag begann mit ORCHID, die leider vor einer sehr verlassenen Kulisse im Olympiastadion spielen mussten. Dennoch sammelte die Band mit ihrem Auftritt zahlreiche Sympathiepunkte. So stieg Bassist Keith Nickel vor dem Auftritt schnell noch in den Graben um mit einigen Fans ein Bierchen zu trinken und zu quatschen. Die Setlist bestand aus einem Mix der letzten 2 Veröffentlichungen. Schlussendlich haben ORCHID ein super Konzert zur falschen Zeit am falschen Ort gespielt. Die Show wäre zu späterer Stunde auf der Theatron Bühne ein Highlight des Festivals gewesen.

Die TRUCKFIGHTERS lieferten zusammen mit BRANT BJORK auf der Theatron Bühne jeweils solide Shows ohne nennenswerte Höhepunkte ab. Erkennbar war aber schon hier, dass die Bühne für energiegeladene Shows schwierig wird, was sich schlussendlich bei ORANGE GOBLIN zeigte. Selbige füllten den kleinen Stehbereich vor der Bühne sehr gut aus und lieferten eine unterhaltsame sowie energetische Show ab. Leider sprang der Funke nicht so 100%ig auf das Publikum (welches ja sitzen sollte) über.

Die Doom-Metal Heroen und Urgesteine SAINT VITUS kamen nicht mit ihrem angestammten Sänger Wino sondern mit dem Sänger der ersten Bandjahre, Scott Raegers, auf die Bühne. Grund hierfür ist ein EU-Einreiseverbot von Wino, der im letzten Jahr wegen Drogenbesitz festgenommen und ausgewiesen wurde. Entsprechend bestand die SAINT VITUS Setlist primär aus Songs der Alben „Saint Vitus“, „Hallow’s Victim“ und „Die Healing“. Scott fügte sich prima in die Band ein und hatte sichtlich Spass. War in Summe ein guter Auftritt der Band, aber auch keine Sternstunde.

Der Tag auf der Theatron Bühne wurde von KVELERTAK beendet und zwar mit Energie und Wucht. An ein Stehverbot war nicht mehr zu denken. KVELERTAK rissen an diesem Abend im Theatron alles ab, was es zum abreissen gab. Das war ganz ganz ganz grosses Kino und ein absolutes Highlight des gesamten Festivals. SLAYER und ANTHRAX können sich in ihrer zuletzt gezeigten Form auf der Herbst-Tour mit KVELERTAK ganz warm anziehen.

 

SAMSTAG

Der Samstag sollte für uns eigentlich mit HELLYEAH, den US-Allstars rund um die PANTERA Drum-Legende Vinnie Paul beginnen. Allerdings stand zur gesetzten Start-Uhrzeit noch nicht einmal ein Drumset oder ein Amp auf der Bühne. Es vergingen zahlreiche Minuten geschäftigen Treibens bis Ossy Hoppe nach ca 20-30 Minuten die Bühne betrat und den Auftritt absagte. Als Begründung führte er an, dass die Band ihre Backline nicht in Gang brachte. Mein lieber, hoch-geschätzter Vinnie Paul: in diesem Fall kommt man bitte samt der ganzen Band auf die Bühne, entschuldigt sich persönlich und geht danach in den Graben um sich bei den eigenen Fans mit ein paar Fotos und Autogrammen zu entschuldigen. Das war ganz schwach und den eigenen Fans gegenüber respektlos.

Weitaus besser starteten ACCEPT mit ihrem Hammeralbum „Blind Rage“ im Gepäck auf der Hauptbühne. Der neue Gitarrist Uwe Lulis sorgte im Vergleich zur Tour 2014, bei der Accept noch mit Herman Frank an der Gitarre spielten, für mehr Bewegung und Energie auf der Bühne. Die Setlist bestand primär aus neuem Material und zeitlosen Klassikern. Allerdings hatte Wolf Hoffmann in der Mitte des Auftritts mit erheblichen technischen Problemen zu kämpfen was zur Folge hatte, dass die Band 10 Minuten jammen musste. Der Auftritt wurde schliesslich mit „Balls To The Wall“ und „Fast As A Shark“ beendet, aber da war aufgrund der technischen Probleme die Luft raus. Schade.

Parallel starteten im Theatron, welches bereits wegen Überfüllung geschlossen war, IGNITE ihren Auftritt. Die Band war wie gewohnt energetisch allerdings war nach zwei Songs klar, dass das Theatron und Hardcore in keinster Weise harmonieren. Vor der Band stand eine Wand aus Securities, in der Mitte des platzbedingt kleinen Moshpits war ein weiterer Security Mitarbeiter positioniert… ein bizarres Bild. Zitat Zoli Teglas „I feel like fucking Bon Jovi, this setup sucks“. Recht hatte er. So schön das Theatron als Bühne ist, so gut es bei Bands wie Saint Vitus funktioniert, so ungeeignet ist es für Stagedive- und Mosh-lastige Bands.
Bei der nächsten Band auf der Hauptbühne lautete scheinbar das Motto der Stunde „darf es von allem etwas mehr sein?“: Mehr Posing, mehr Klamottenwechsel, mehr gepimpte Gitarren, mehr Heavy Metal … die Rede ist von JUDAS PRIEST. Halford und Konsorten waren in bester Spiellaune und glänzten mit einer sehr guten Setlist allerdings wird man das Gefühl nicht los, dass die Band mit Ach und Krach versucht immer weiter einen draufzusetzen. So wechselte Halford beispielsweise nach fast jedem Song seine Bühnenkleidung von einer Hässlichkeit zur nächsten. JUDAS PRIEST sind gut daran beraten ihre Trademarks weiterhin zu pflegen aber sich ab und an auf das wesentliche zu besinnen.

Der Tag im Olympiastadion wurde von KISS beendet. Bei Kiss war auffällig wie schlecht gefüllt der Innenraum war: ein Einlass in den vorderen Wellenbrecher war stets gegeben. Hinsichtlich der Show von KISS gibt es nicht viel zu berichten, ausser KISS waren KISS und lieferten höchst professionell mit der Zuverlässigkeit eines Schweizer Uhrwerks das was man von KISS erwartet. Fans von KISS kamen auf ihre Kosten.

 

SONNTAG

Der Sonntag war ganz klar der Thrash Metal Tag beim Rockavaria und im Bezug auf die Besucherzahlen der mit Abstand beste Tag. Der Innenraum des Olympiastadions war ausverkauft. So betraten die Bay Area Thrash Metal Veteranen von EXODUS ein bereits sehr gut gefülltes Olympiastadion und wurden dank einer sehr starken Show frenetisch gefeiert.

Gleiches galt ebenfalls für die Hardcore-Institution HATEBREED, denen man anmerkte, dass sie total heiss auf einen Gig im Vorprogramm von Metallica sind. HATEBREED spielten zwar schlussendlich eine erwartungskonforme Standard-Setlist, konnten dies allerdings durch richtig fetten und druckvollen Sound gut kompensieren. War ein solider Auftritt.

Nach TESTAMENT (die wir leider verpassten) betraten KREATOR ein inzwischen volles Olympiastadion und zeigten jedem wer hier heute den schneller, härter, lauter Preis gewinnen will. Von allen Bands des Sonntags hatten KREATOR mit Abstand die härteste Songauswahl im Gepäck und gönnten auf dem Publikum nur wenige kurze Pausen. Zudem boten Kreator eine aufwändige Produktion mit Videowalls, Konfettis, Luftschlangen usw, was nicht immer ganz passend war (wer will bitte Luftschlangen bei KREATOR?). Dennoch: starker Auftritt, der Laune auf die Headliner Show am Summer Breeze Festival machte.

Das absolute und uneingeschränkte Line-Up Juwel des Rockavaria Festivals hatte zwischen METALLICA und KREATOR leider einen ganz schweren Stand: FAITH NO MORE. Im Gegensatz zur „wir zerstören alles“ Show von KREATOR boten Patton und co eine gänzlich weiße Bühne samt Blumen-Buquets und chilliger Lounge Musik in der Umbaupause. Musikalisch war das was FAITH NO MORE boten absolut überragend und an Facettenreichtum nicht zu überbieten. Es wäre eigentlich alles für ein herausragendes, stimmungsvolles Konzert angerichtet, wäre da nicht das Publikum, welches zu 95% einfach kein Interesse an der Band hatte und sich primär einen guten Platz für METALLICA sichern wollte. Mike Patton sprach dann in der Mitte des Sets einen Mittelfinger wedelnden Fan direkt an „du denkst wir sind Scheisse, so wie Durchfall“. Schade, schade, schade. Faith No More wären wohl als Headliner in der Olympiahalle weitaus passender gewesen.

Mit einem METALLICA Konzert verhält es sich wie mit seiner Stamm-Automarke. In der Regel macht man damit nichts falsch, Ausnahmen (hallo Metallica By Request Tour) bestätigen die Regel. Der Rockavaria-Auftritt gehörte jedoch keinesfalls zur Ausnahme sondern zur Regel. Soll heissen: Metallica lieferten, allen Unkenrufen („die sind übertourt“, „die kommen nur weil sie die Kohle brauchen“) zum Trotz ein richtig starkes Konzert mit einer Tightness, die für METALLICA Verhältnisse durchaus überraschend war. Die Setlist lieferte Perlen wie „Metal Militia“, „Disposable Heroes“, „The Frayed Ends Of Sanity“ oder „Fight Fire With Fire“ zu Tage und das Publikum feierte Metallica so lautstark ab, dass man hier und da den Eindruck hatte, auf einem Hallenkonzert zu sein. Im Gegensatz zu früheren Shows verzichteten METALLICA gänzlich auf Pyros sondern setzten primär auf eine Laser-basierte Lichtproduktion. Zudem war der gesamte anwesende Metclub mit METALLICA im Hintergrund auf der Bühne. Alles in allem boten Metallica einen absoluten Höhepunkt des Festival-Sommers. So sehr man die Band häufig und zu Recht kritisieren mag, live sind METALLICA in 95% der Fälle immer eine Bank. Das war richtig gut.

 

Fazit

 

Alles in allem war das Rockavaria eine gelungene Premiere, bei der erwartungsgemäß noch nicht alles ganz glatt laufen konnte. Gerade das häufig kritisierte Fehlen von Camping Möglichkeiten ist in der Tat ein interessantes Herausstellungsmerkmal des Festivals, wenn man berücksichtigt wer eine interessante Zielgruppe sein könnte: es gibt gefühlt 125.000 Festivals, welche die Altersgruppe 17-24 im Visier haben. Bis dato gibt es allerdings nur wenige (bis gar keine) Veranstaltungen, welche gezielt in Richtung der 30-50 jährigen Rock- und Metal-Fans, die einfach keinen Bock mehr auf zelten haben, ausgerichtet sind und genau hier besteht in meinen Augen die große Chance für ein Festival wie Rockavaria. Wenn der Veranstalter hier ansetzt und sich in Sachen Booking und Angebot gezielt ausrichtet besteht durchaus die Möglichkeit ein neues, erfolgreiches Festivalformat zu schaffen. Die restlichen Kinderkrankheiten wie Toiletten im Innenraum des Stadions, die streckenweise unpassende Ausrichtung und Situation auf der Theatron Bühne oder den Festival-Ausklang am Coubertin Platz bekommt man bei einer Neuauflage problemlos ausgemerzt.