THE FEST 10 - Weihnachten an Halloween

 

„Wieso? Ist doch Weihnachten!“ Als ob diese selbsternannte, scheinbar zwischen Anfang Dezember und Mitte Januar gültige Ausrede alles entschuldigen würde, was konsumiert, gefuttert, gesoffen, ignoriert, weggeatmet oder von sabbernden Gaumen abgearbeitet wird. „Ist doch nur das eine Mal im Jahr...!“. Klar.




In ähnlicher Abfolge zum „Fest der Liebe“ findet außerdem jenes weitaus prägnantere, bedeutendere und einschlägigere Event statt. Der andere Grund, warum Kreditkarten erfunden wurden. Ein zusätzlicher Garant für gierige Vorfreude und zittrige Finger, furchterfüllte Lebern und entertainmentgeile Lokalstudenten. Ein ebenfalls mittlerweile weltweit anerkanntes und umflüstertes Happening, welches statt erläutert und definiert werden zu müssen lieber eine eigene Jahreszeit schafft, neue Musikgenres kreiert oder an einem einzigen Wochenende im Spätherbst die Gastronomie- und Tourismuskassen einer gemütlichen aber kreativen Studentenstadt in Floridas Sümpfen anschwellen lässt. „Happy FEST-ing!“ und „FEST Hi-Five!“ sind knappe (ein bis) zwei Autostunden von Disneyland im Süden, der Budweiser-Brauerei im Nordwesten oder wunderbar malerischen Stränden gen Südwest einfach wichtiger als Tannenbaum oder Gänsebraten. „Das ganze Jahr über freue ich mich, hier alle wirklichen Freunde auf einmal wieder zutreffen. Das ganze Jahr über touren wir durch kleine dröge Clubs, in denen vielleicht zwei Leute gekommen sind, um uns tatsächlich zu sehen. Beim FEST ist es so, als ob jene zwei Leute von allen Shows auf einmal zusammenkommen, so dass wir mit den Bands die wir lieben für die Leute, die wir lieben, spielen können. Und natürlich genauso mit ihnen feiern.“ erklärt Drummer Rob, der dieses Jahr erneut mit den BLACKLIST ROYALS aus Nashville, Tennessee vertreten ist.

ALGERNON CADWALLADER - "PITFALL" - LIVE AT FEST 10



Von Freitagmittag bis Sonntagnacht – von ASSHOLEPARADE bis YOUTH BRIGADE scheinen alle Zwänge, Zweifel, Negativaspekte oder Alltagssorgen verstaut und so weggeschlossen, dass auch wirklich kein Funke, kein Gedanke und kein Wort daran verloren gehen kann. Ob aus London, der ländlichen Schweiz, für zwei Monatsgehälter aus Australien oder innerhalb einer Stunde Fahrt aus St. Augustine oder Ocala angereist interessiert nicht. Duschen, Kleingeld fürs Lunch oder die Zimmerbuchung vorab vergessen? Ebenso unwichtig. An diesem Wochenende geht es wirklich nur um eines: Um dieses Wochenende. Mit erschreckender (und für die überschaubaren deutschen Besucher sicher noch viel erschreckenderer) Präzision funktionieren Kollektiv, Zusammenhalt und niemals niedergeschriebene Kodexe. „Manche Besucher sollten trotzdem den gesunden Menschenverstand im Hinterkopf behalten“ meint Lokalinstitution Vinnie Fiorello (u.a. LESS THAN JAKE, PAPER & PLASTICK-Records). „Dieses Jahr konnte ich kaum mitfeiern, da ich zwei Monate vor Beginn des FEST Vater geworden bin. Gerne soll man sich besaufen und die Birne wegqualmen, aber mit nur einem bisschen mehr Menschenverstand landet man anschließend einfach nicht direkt im Knast...“

Dachte Omma gestern noch, „Punker“ wären diese nichtsnutzigen Griesgrame, die randalieren und durch die Gegend spucken – so helfen hier auch die wankenden Besucher und schwer tätowierten Anhänger dennoch der erröteten Lehrerin beim Auto anschieben oder tragen Einkaufstüten für nette alte Gentlemen über die Straße. Sicher, Bier zum Zähneputzen, kreischende Begrüßungen über hunderte Meter und das Shirt von gestern, vorgestern und letzter Nacht dürfen beigesteuert werden. Schließlich geht es um dieses Wochenende. „Wir haben im Anschluss beinahe drei Tage gebraucht, um wieder nach Hause zu kommen. Über Philadelphia zurück nach Österreich - Flüge verpassen, neue Flüge auf die Beine stellen, am Flughafen pennen... Aber was soll´s! Ich hatte zum zweiten Mal das großartigste Wochenende meines Lebens!“ wirft Gitarrist Zock der Österreich-Vertretung ASTPAI ein. Ein Wochenende zwischen musikalischem Wahnsinn und Freudentränen, gutmütigen Schutzengeln und Dauersuff. Zwischen realer Freundschaft und dem lebendigen, gepfeffertem Leben. Und dem berechtigten Gefühl, nur mit Zutaten wie Leidenschaft und Disziplin einen völlig neuen und einzigartigen Charakter an Veranstaltung geschaffen zu haben. Quasi Inventar der Veranstaltung sind die Kalifornier von NOTHINGTON. „Ich kann nicht fassen, dass ich KID DYNAMITE dieses Jahr beim FEST 10 zum allerersten Mal sehen konnte. Es ist eine Art Kindheitstraum, diese Band zu erleben. Wenigstens habe ich dann vorbildlich vergessen, mir ein Shirt der Jungs als Souvenir mitzunehmen. Auch die Show der BOUNCING SOULS, die mit HOT WATER MUSIC Sänger und Drummer tauschten, wird mir in Erinnerung bleiben...“ träumt Gitarrist Chris aus seinem Jahreshighlights-Katalog. „Diese Shows waren wirklich unfassbar! Genauso wie die Slots von RED CITY RADIO oder THE RIOT BEFORE. Nur AGAINST ME! habe ich dieses Jahr komplett vergessen...“ berichtet Rob Rufus, der nach dem Wochenende als erstes den komplett verpassten Schlaf im Bandbus nachholen musste .

ASTPAI - "360 PER SECOND + SO SOMEHOW" - LIVE AT FEST 10


Na klar, LESS THAN JAKE hat man schon dutzende Mal erlebt. Und diese arschtretenden, überall gehypten und aus Schülerbands zusammengebauten Vorort-Newcomer? Verpasst? Darum geht es hier nicht. Hier ist niemand Muckerpolizist oder engstirniger Schubladenvermesser. „Ich habe dieses Jahr einfach vergessen, mir möglichst viele unterschiedliche Bands reinzuziehen“ gesteht Peter Marullo, der mit PROTAGONIST einen nicht allzu weiten Anreiseweg hatte. „Beinahe den ganzen Samstag habe ich in der „Lunchbox“ verbracht, wo mit BRIAN MCGEE oder DIVIDED BY HEAVEN meine Höhepunkte aufwarteten. Nebenbei war ich bloß einen Happen lecker essen im Boca Fiesta...“ Da muss ASTPAI´s Frontmann aussetzen: „Das Boca Fiesta habe ich schon wieder verpasst. Genauso wie einen Abstecher ins „Double Down“. Leider haben sich meine bevorzugten Shows immer so überschnitten, dass ich diesen Club außen vor lassen musste. Dafür ein dickes Plus für das großartige Essen im „Reggae Shack Café“, welches seine Wartezeit immer wert ist – und für die Macher vom „Laboratory“! Der Laden, der Stagemanager, die Größe – hier hat einfach alles gestimmt! Wir wurden sogar mit Bier beschenkt, nachdem wir das Venue freundlich von einer volltrunkenen und pöbeligen Besucherin „befreiten“...“




Beim Gainesville-FEST gibt es demnach keinen „Headliner“ oder musternde Blicke, ob das eigene Bandshirt exklusiv genug und ist und tight as fuck sitzt. Hier freut sich DEAD TO ME´s Chicken genauso tanzend auf die großartige, nächste Band wie das Mädel neben ihm im Publikum, während sich MENZINGERS´ Gitarrist Greg lieber verkatert sitzend seinem Frühstücks-Burger widmet, als den Geheimtipp LUTHER aus der ersten Reihe zu supporten, wie es seine Kumpanen tun. Und na klar ist am eigenen Restauranttisch immer noch ein Plätzchen frei, wenn SAMIAM mit MAKE DO AND MEND zum Dinner verabredet sind und ständig mehr Bekannte und Freunde dazustoßen. „Eine Band, die ich mir dennoch jedes Jahr antun könnte, sind A WILHELM SCREAM. Nicht zu fassen, wie sie jedes Jahr besser und besser werden. Ich denke, sie bringen die besten Gitarristen des ganzen FEST mit...“, so Vinnie, der ebenso aufgeregt vom Wiedersehen mit DOPAMINES´ Jon Lewis berichtet: „Always the weirdest – always the best...“ Klingt logisch.
Das Bild des Wochenendes und der Kleinstadt Gainesville zu jenem Zeitpunkt im Alleingang ist bereits faszinierend: Mehrere tausend harmlos feierwütiger bis grenzwertig volltrunkener Männlein und Weiblein fallen in die wenigen Blocks der Innenstadt ein, eine nicht enden wollende Feier findet praktisch an jeder Straßenecke statt. Trotzdem bleibt es friedlich, gediegen und entspannt. Man lädt sich unbekannterweise trotzdem auf ein Bier ein. Man hilft mit Tipps, Directions oder Empfehlungen. Man gibt nicht nur vor, eine einzige große und szeneübergreifende Familie zu sein – man (er)lebt es tatsächlich. Na klar steht die Musik der über 250 Bands in 10 (zumindest offiziellen) Venues an erster Stelle, aber es sind eben auch die kleinen Anekdoten, die das FEST zu einer Veranstaltung machen, die woanders auf der Erde – oder gar in Deutschland – nicht vorstellbar wäre. Peter Marullo erinnert sich zu gern an den „Emotron“ zurück, ein überdurchschnittlich kreativ verkleideter Halloween-Charakter. NOTHINGTONs Chris Matulich nimmt sich fest vor, nächstes Mal einen Plan zu verfassen, wann er wo welche Band zu sehen hat. „Ich versuche schon nur noch, mir die Bands anzusehen, die ich in naher Zukunft nirgends zu sehen bekomme. Am Ende finde ich mich dann meist mit zu viel Bier und einer Menge Kumpels auf irgendeiner Show wieder, wo wir uns 20 Minuten lang die Seele aus dem Leib singen können, bevor es weitergeht...“.
Jeff Berman (DIVIDED BY HEAVEN, PROTAGONIST) hofft auf AVAIL beim nächsten FEST und erinnert zu gerne an die Aftershowparty von Paper & Plastick. „Außerdem wird mir die Show der Jungs von GO RYDELL am Freitagabend im Kopf bleiben. Die perfekte Party, um das Wochenende zu beginnen! Nächstes Jahr werde ich vielleicht sogar daran denken, meine Essensgutscheine zu nutzen. Verdammt, das vergesse ich jedes Jahr wieder...“ Zock hingegen denkt mit überschaubaren Problemchen an die Dauerparty zurück: „Ich durfte zusammen mit THE ARTERIES ein ACDC-Coverset im Holiday Inn (der offizielle Mittelpunkt und FEST-exklusives Hotel) spielen - das wird definitiv mein Überhighlight bleiben! Nächstes Mal darf im Gepäck neben einer Sonnenbrille und einem Stadtplan außerdem die nötige Menge an Respekt, Geduld und natürlich Trinkwasser nicht fehlen...“

THE MENZINGERS - "TIME TABLES" - LIVE AT FEST 10


Bei Verlaß auf Mastermind Tony Weinbender, der seine betrunkene Fahrradfahrt zum Hotel am letzten Abend mit einem glücklicherweise glimpflichen Autounfall bezahlen musste, darf allerdings davon ausgegangen werden, dass die Vorbereitungen für die elfte Edition dieser den Jahresurlaub dominierenden Veranstaltung bereits auf Hochtouren laufen und erneut eine Menge überglücklicher Gemüter, weinender Punkrockanhänger und weltweit einmaliger Party- und Konzertkonstellationen durch den Heimatort des Tom Petty fegen dürften. Auf die Feinheiten und das exakte Line-Up kommt es da dann kaum noch an - schließlich würde Weihnachten ja auch ohne Schnee und Tannenbaum über die Bühne gehen.

THE FEST 10 Fotogalerie VERBICIDE Magazine

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Alte Kommentare

von Marc Gärtner 03.01.2012 18:34

Wieso liest sich das eigentlich so als wäre der Verfasser noch nie selbst dort gewesen?