Plattenkritik

All That Remains - The Order of Things

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Release Date: 27.02.2015
Datum Review: 06.03.2015

All That Remains - The Order of Things

 

 

Zurückblickend ist es faszinierend wie sehr Musik eine Generation prägen und zu ihrer klanglichen Repräsentation werden kann. Metalcore gehörte definitiv zu einer jener musikalischen Gattungen. Später wurde sie verhöhnt und verpönt, wie der New Metal zuvor und so wie Deathcore im Nachhinein auch, weil es zu viele uninspirierte Plagiate von Trittbrettfahrern gab.
ALL THAT REMAINS gehört zu den Bands der ersten Stunde, neben KILLSWITCH ENGAGE, SHADOWS FALL oder UNEARTH. „Massachusetts Metal“ wurde ihre Musik genannt, die hier wohl keiner näheren Erläuterungen bedarf. ALL THAT REMAINS als Nebenprojekt von Sänger Phil gegründet avancierten jedoch nie wirklich an die Speerspitze. Zweimal stand auch der Name Labonte auf der Liste möglicher Ersatzmänner für die jeweils ausscheidenden Frontmänner beim Flaggschiff KSE, doch dieser blieb bei ATR und steht auch heute noch beim New England Quintett hinter dem Mikrofon. Doch haben ATR sich (wie fast alle Bands jener Zeit) weiter entwickelt. Ob freiwillig oder aus geschäftlichen Gründen ist dabei relativ peripher, vielleicht ist es auch einfach eine Frage des Alters, dass man Chart-Einstiege mit unfassbar belanglosen Songs wie 'What If I Was Nothing' feiern wollte. Mit den ATR der alten Zeit hatten diese Songs wahrlich nichts mehr zu tun. Nun, man muss nicht zu den „Ewig-Gestrigen“ gehören um Neues qualitativ kritisch zu beäugen.
Doch wie verhält es sich nun im Falle des neuen Albums „The Order of Things?“

'This Probably Won´t End Well' wartet mit einem Piano-Intro auf, dass 'Böses' erahnen lässt. Zugleich kann man es als Hommage an jene vergangenen Tage gesehen werden, in denen derartige Spielereien zum guten Ton gehört. Nahtlos, überraschend drucklos (im Sinne des Mixes, nicht hinsichtlich der gesamten Produktion), geht das Klavierspiel in den Opener des Albums über - eine recht gezwungen klingende Symbiose aus Pop und Metal. Pop-Formel hinsichtlich des Arrangement mit überragendem Gitarren-Solo und Metal-Riffing hier und da. Eine sehr eingängige Gesangsmelodie im Refrain, welche unmittelbar ins Ohr geht. Im Mainstream-Radio wird das nicht laufen können, aber dennoch die gemäßigte ZuhörerInnen erreichen.
'No Knock' ist dann total nach meinem Geschmack, ein wahres Groove-Monster und hier zeigen ATR ihr hässliches Gesicht und setzen voll auf Growls und Breakdowns, erinnern dabei ein bisschen an alte THROWDOWN, steht ihnen aber sehr gut. Ist das eine Entschuldigung dafür, dass man nun auch versucht Pop zu machen, weil man manchmal aus dem eigenen Genre herauswächst oder schlicht etwas mehr Geld verdienen möchte? Diese „Entschuldigung“ hätte es nicht gebraucht, denn genannte Dinge sind absolut normale Entwicklungen im Reifeprozess eines Menschen und Künstlers. 'Divide' ist dann wieder der Einschlag in die neuere Ausrichtung. Pop mit harten Gitarren und weiblichem Background-Gesang. Eingängig, niedlich, so unecht wie die Oberweite und Lippen von gefühlten 80% der weiblichen Hollywood-Bevölkerung. Aber der Song hat durch seine Melodieführung eine packende Ohrwurmwirkung. Ehre, wem Ehre gebührt.
'The Greatest Generation' darf dann wieder etwas härter werden. Setzt aber auch auf klaren Gesang und eine klangliche Verdichtung wie wir sie schon von KSE kennen. Coole Nuancen und weckt nostalgisch verklärte Erinnerungen, komischerweise auch an ILL NINO.
'For You' – da haben wir die noch benötigte STAIND/PUDDLE OF MUD Halb-Akustik-Ballade. Gerade die Bridge hat so viel Ähnlichkeit mit derart vielen Songs, dass ich sie fast schon beim ersten Mal mitsummen kann. Ebenfalls eine hübsche Nummer. NICKELBACK würden gerne mal wieder so ein Lied schreiben.
'A Reason For Me To Fight' – uh, da waren wir gerade nett, nun wollen wir wieder etwas metallischer werden und tun dies mit einem Song, der in der Aufmachung (nur schneller) 'The Greatest Generation' ähnelt.
'Victory Lap' geht durch die Four-To-The-Floor schön ins Ohr und ins Bein. Ist nun auch nicht viel anders als die zuvor gehörten Songs und hat sogar den schwächeren Refrain, aber das Hauptriff gefällt mir sehr.
'Pernicious' – langsam, schwer, mächtig, hauptsächlich klarer Gesang. Klingt wie eine flachere Version von TOOL die auf LAMB OF GOD trifft. Interessant, besonders die Bridge.
'Bite My Tongue' ist die melodiösere Weiterführung des Metalcore. Das sagt wohl alles. 'Fiat Empire' – der Song mit dem Namen kleiner Autos ist, gelinde ausgedrückt, überflüssig.
'Tru Kvlt Metal' – hätte es nicht gebraucht. 'Criticism And Self Realization' hat Druck und gefällt nach zwei langweiligen Songs. Doch hätte ich das Stück nicht so weit nach hinten gestellt und auf den melodiösen Refrain verzichtet.

Fazit: Wer auf Pop-Metal steht, darf hier zugreifen. Ist eine durchweg gute Platte. Nur eben nichts besonderes.
Persönlich hätte es mindestens drei Stücke auf dieser Platte nicht gebraucht. Einen wirklichen Ritt in die Vergangenheit bieten ATR mit „The Order Of Things“ nicht erwarten. Einen Ausblick in die Zukunft? Wer weiß, METALLICA sind ja auch mal salonfähig geworden. Subjektiv würde ich ATR allerdings weniger Pop und mehr Melodic (Death) Metal empfehlen. Auch die progressivere Nuancen stehen dem Fünfer sehr gut zu Gesicht. Ob es da diese extreme Ausrichtung sein muss...
Schuster bleib nicht unbedingt bei deinen Leisten, aber wähle dein Schuhwerk doch mit Bedacht, sonst werden es so komische, ausgetretene Gummi-Slipper die auch noch ulkig aussehen. Im Falle von ATR ist die Grandwanderung aber gerade noch gelungen.

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Linc

Autoren Bio

Singer-Songwriter (LINC VAN JOHNSON & The Dusters) Singer (SUPERCHARGER) [DK] Vocal Coach seit 2011. Berufssänger/-musiker seit 2008. Studium Musik/Anglistik Bei ALLSCHOOLS seit 2006.