Plattenkritik

Altar Of Plagues - Mammal

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Info

Release Date: 25.04.2011
Datum Review: 23.04.2011

Altar Of Plagues - Mammal

 

Wie auch PRIMORDIAL stehen die ebenfalls irischen ALTAR OF PLAGUES vor der schwierigen Aufgabe, nach einem absolut herausragenden und nachhallenden Album weiter zu machen. „White Tomb“ kann dabei mit Fug und Recht als eines der wichtigsten Werke der Welle von „atmosphärischen“ Black-Metal-Bands gezählt werden, sprich Black-Metal-Bands mit dem Hang zu ruhigeren und mitunter sogar postrockigen Passagen. Auf gerade mal vier Songs erfanden sie dabei weder ihren, noch allgemein diesen zurzeit populären Stil neu, spielten ihn aber mit einer Atmosphäre, mit einer Tiefe, mit einer Spannung und einer Emotionalität, welche die meisten Konkurrenzwerke weit überschattete. ALTAR OF PLAGUES verbanden dabei große, sich aufbauende (und damit an die Spannungsbögen des Postrock erinnernde) pathetische Momente mit Passagen, die von ihrer Atmosphäre und ihrem Minimalismus fast schon am Drone grenzen. Dazu waren Stimme, Drumming und Gitarrenspiel nie bloßes Zitatgut, sondern hatten ihre kleinen stilistischen Eigenheiten, hatten Profil und Charakter.

Wie also antworten, auf so ein schwerwiegendes Stück Musik? Einfach weiter machen wie bisher! Schließlich sind Dinge wie das Spielgefühl der einzelnen Musiker nichts, was mit dem Beenden eines Albums verschwunden geht. ALTAR OF PLAGUES bestehen aus Musikern, die genügend aufregende Ideen und genügend Gefühl für zahlreiche solcher Alben haben – und deswegen ist „Mammal“ wieder ein großes Stück Musik geworden. Und das, ohne sich offensichtlich zu kopieren. Klar: Diese Momente der Leere gibt es immer noch wie diese Momente des übergreifenden Pathos, ebenso wie minutenlang mühsam konstruierte Spannungsbögen. Es sind halt immer noch dieselben Farben, mit denen ALTAR OF PLAGUES malen. Doch wie auch beim Vorgänger sind beispielsweise diese Spannungsbögen nie so offensichtlich wie bei so manch Post-Rock-Cousin. Viel mehr entwickeln sich die Songs überraschend, haben Wendungen, verlaufen dabei aber stets nachvollziehbar und logisch – auch, wenn das vielleicht beim ersten Hören noch nicht so scheint.

Spannend sind ALTAR OF PLAGUES aber auch, weil sie neben Black-Metal-Ausbrüchen, die in ihrer Düsternis hin und wieder an die glorreichen WEAKLING erinnern, auch Stücke und Passagen haben, die fast schon Richtung Avantgarde schielen. „When The Sun Drowns In The Ocean“ ist da ein perfektes Beispiel: Während im Hintergrund der Wind dröhnt, ertönt immer wieder die unheimliche Stimme einer alten Frau im Hintergrund. Dazu gesellen sich ab und an Gitarrenmelodien, die dieses Unbehagen nur weiter ausbauen, bis später diese Stimme – ähnlich wie in „Rosetta Stoned“ von TOOL - immer weiter verzerrt wird. Gespenstisch! Der Übergang in das darauffolgende und das Album abschließende „All Life Converges To Some Center“ ist dabei so fließend und zauberhaft, dass einen eine regelrechte Gänsehaut überkommt – zumal ALTAR OF PLAGUES plötzlich wieder positiver klingen, dabei aber – dank chorartiger, aber einsam ins leere hallender Stimme im Hintergrund – dieses Kryptische nicht beiseitelegen.

Wie sein Vorgänger ist „Mammal“ ist ein Werk, bei dem man gar nicht weiß wo man mit dem Loben anfangen soll. Ist es diese schaurige, kaum fassbare Atmosphäre, die fast schon im Unterbewusstsein andockt, die das Beste an ALTAR OF PLAGUES ist? Sind es diese unter die Haut gehenden Momente wie die Entfaltungen der Spannungsbögen gegen Ende von „Neptune Is Dead“ oder „All Life Converges To Some Center“, die so großartig sind, dass man meinen könne Aristoteles hätte seiner Zeit die Idee des Begriffs „Katharsis“ nur mit der Voraussicht auf solche Momente entworfen? Ist es die Art, wie fließend die einzelnen Stücke und Momente ineinander übergehen, wie alles aus einem Guss wirkt (und das trotz all der Zitate)? Ist es die gequälte Stimme James Kellys, dieser typische ALTAR-OF-PLAGUES-Gitarrensound, dieses vielseitige, von klassischen, aber immer wieder starken Blastbeats bis hin zu einem eher beschwörenden Spiel reichende Drumming? Wie auch immer: „Mammal“ ist ein würdiger Nachfolger, mit dem ALTAR OF PLAGUES ihre Vormachtstellung innerhalb ihrer Bewegung abermals unterstreichen.

Tracklist:

01 Neptune Is Dead
02 Feather And Bone
03 When The Sun Drowns In The Ocean
04 All Life Converges To Some Center

Alte Kommentare

von DystopiA 23.04.2011 13:29

Die Kernaussage des Reviews - dass alles noch beim Alten sei - schürt ja wieder eine gewisse Vorfreude. Auf dem Vorabsong "Feather and Bone" habe ich die Band aber kaum wiedererkannt. Die fein aufgebauten Spannungsbögen, die zu markanten Melodien und mitreißenden Songexplosionen führen, fanden sich da nicht, ebensowenig der alte Eklektizismus, das postmoderne Spiel mit Elementen aus Drone, Prog- und Post-Rock. Die ungewohnt verwaschene Produktion verschleiert den Song hinter Nebelwänden. Wenn AOP jetzt auf Hypnose statt Achterbahnfahrt setzen und sich verstärkt an der verschworenen Ami-Clique der Weakling-Worshipper orientieren - fein, hat niemand was dagegen. Nun mäandert "Feather and Bone" aber IMO recht ziellos und höhepunktarm vor sich hin, das Gefühl des Eingesaugtwerdens und des freien Falls, das besagte Ami-Clique bestens zu erzeugen vermag, kriegt die Band nicht hin. Was die widerspruchslose Vermengung von Post-Rock-Schönheit und raubeinigem BM-Purismus angeht, haben aus dieser Ami-Clique gerade Ash Borer das Zepter in der Hand.

von Olivier H. 23.04.2011 13:41

finde ja dass sie auf dem album einen schönen spagat aus besagten freien fall und achterbahnfahrt hinbekommen, und dass sie einen ähnlichen spagat schon auf dem vorgänger gemacht haben. mir kam "feather and bone" daher gar nicht so fremd vor, viel eher "when the sun drowns in the ocean" mit seiner avantgard'schen art und struktur! dieses weakling-artige kriegen sie imo auch sehr eindrucksvoll hin, das ende von "neptune is dead" jedenfalls fand ich ähnlich aufwühlend wie das ende des titeltracks von "dead as dreams". danke übrigens für den tipp mit ash borer, kannt ich noch nicht und werd ich mir mal anhören!

von schlomo 06.05.2011 23:04

eine neue band für die kategorie: hippster-black-metal! und verdammt ja - ich steh drauf!

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Olivier H.

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"They said, Do you believe in life after death? I said I believe in life after birth" - Cursed

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