Plattenkritik

Awaken Demons - Mirror

Redaktions-Rating

Info

Release Date: 28.08.2009
Datum Review: 19.09.2009

Awaken Demons - Mirror

 

Modern Life Is War

1968 schrieb Paul McCartney „Helter Skelter“ in der Absicht, den lautesten und härtesten Song aller Zeiten in die Welt hinauszuschreien. 41 Jahre später sorgt das für Kopfschütteln ob der Sanftheit, die damals heavy hieß. Früher schien tatsächlich alles besser gewesen zu sein. Wie sprachlos muss sich andernfalls eine Jugend gefühlt haben, denen der Weg in den Breakdown aus Ermangelung der produktionstechnischen Mittel verstellt war? Wer studiert schon die Kickboxperformance für das Beatles-Moshpit ein? Mittlerweile sind Techniken erschlossen, Wörter voller Wut gefunden, die Faust geballt. Aggression ist zum Authentizitätsgarant geworden. Hardcore der wahrlich harten Sorte - häufig gemacht vom weißen, männlichen Mittelstand - versucht sich in Toughness zu überbieten.

Das italienische Cesena scheint ebenfalls ein hartes Pflaster als Nährboden abzugeben. Die Kinder der Stadt AWAKEN DEMONS haben nunmehr ihre Aggression ein zweites Mal auf CD gebannt. Sie zielen auf die Straße, auf die Bühne, auf die Basketballshorts und die geXten-Handrücken. Der Unity-Gedanke ist hier der Kitt des Pits. Woher all die Wut?

Frappierend erinnert das Cover der Scheibe „The Mirror“ an die Ikonographie der „Jane Doe“ von Converge. Jedoch ist dies die einzige ästhetische Parallele zu dem verkopften Existenzialismus der Bostoner. Die erhaben strahlende Unbekannte mag in jedem Uni-Genderseminar zum Thema taugen, AWAKEN DEMONS setzen dem ein überraschungsarmes Gegenbild kraftstrotzender Männlichkeit entgegen. Tough-Guy-Hardcore mit metallischen Anleihen.

Ohne Prolog überfällt Max Cavalera über galoppierendem Drums und thrashigem Riff den Hörer zu Beginn von „The Mirror“. Zumindest weckt der Akzent Luca Zattonis deutliche Assoziationen in meinem Kopf. Auch musikalisch tönt „Coming to an end“ zunächst wie Soulfly mit deutlicheren Hardcorewurzeln. Die Plattenfirma bewirbt sie mit Vergleichen mit Emmure und The Acacia Strain. Gewiss scheinen Parallelen durch, aber AWAKEN DEMONS gehen selten vertrackt und vor allem längst nicht so dissonant zu Werke wie die genannten. Der deftige Moshpart des Einstiegs „Coming to an end“ rechtfertigt als eines der wenigen Beispiele mit seiner dissonanten Gitarrenarbeit derartige Vergleiche. Ansonsten kann eine Combo wie Hatebreed besser die stiernackige Kragenweite der Italiener vermessen.

Thrashriff, Gangshouts und die Bereitschaft, die notwendige Zeit zu investieren um Spannung aufzubauen und sich in einem mächtigen Breakdown entladen zu lassen, machen „Drawn to Death’s Door“ zum wohl abwechslungsreichsten und unterhaltsamsten Track der Scheibe. Zwingt mich Zattonis arg bemühte Kotzerei zu Beginn von „Abandon the Darkness“ (ihrem Straight-Edge-Manifest) noch zum Schmunzeln, spuckt Vincent Bennet von The Acacia Strain dem Hörer wenig später seine Eingeweide vor die Füße. Seine Wucht stellt einen Höhepunkt der Platte dar. Während AWAKEN DEMONS in „Real“ ‚Auge um Auge’ als alttestamentarischen Problemlöser zelebrieren, döst man endgültig seltsam abgestumpft dahin bei der geschulten Gewalttätigkeit dieser Platte. AWAKEN DEMONS wollen ihr Gesicht nicht verlieren, daher üben sie sich in szeneintern unverdächtigen - weil bekannten - Posen. Kein Durchatmen, kein Zeichen von Schwäche, keine Zögerlichkeit.

Freilich kanalisieren AWAKEN DEMONS ihre Aggressionen handwerklich solide in einer ein wenig überproduzierten halben Stunde. Ihre Stärken spielen sie dabei meist in der Brutalität der Breakdowns aus. Das Songwriting entbehrt ansonsten besonderer Originalität. Melodie findet nur Raum in Form des etwas überladenen und untypischen Streicherbalasts im letzten Song „The Mirror“. Kurzzeitig muss ich an den schalen Pathos Killswitch Engages denken. Das anheimelnde Bekenntnis zu Geige und Rotwein mutet dabei jedoch ein wenig verstörend an. Just als berichtete der Gangsterrapper von nebenan von der lieben Mama. Ein etwas exklusives Bekenntnis zu zwischenmenschlicher Nähe. Aber gewiss authentisch.

(PS: Die von mir besprochene Version hat zehn Tracks und eine vom derzeit im Handel zu erwerbenden CD eine abweichende Tracklist)


Tracks
1. Coming To An End
2. Drawn To Death’s Door
3. Path Of Lies
4. Abandon The Darkness
5. World Collapses
6. Fight To Overcome
7. Real
8. Victim Of Your Game
9. A Dead Man Called Traitor
10. The Mirror

Alte Kommentare

von olivier // allschools 19.09.2009 20:56

Sehr starkes Review, Hut ab!

von Nick 19.09.2009 22:33

Vielen Dank! In diesem Sinne auch ein Hallo an Dich.

von xblubbx 19.09.2009 23:39

Ich find die Top. Mischung aus Full Blown Chaos und Throwdown (beides die älteren Sachen).

von Shit 20.09.2009 02:21

Bandlink mal wieder falsch...

von Sascha // Allschools 20.09.2009 13:01

Cooles Review - trifft aus meiner Sicht absolut den Punkt!

von krämer 21.09.2009 09:30

sau stark das review!!

von gainsville 28.09.2009 10:18

bombenreview, mieses album!

von arndt 02.10.2009 14:55

versteh nicht wo da die ähnlichkeit zu janie doe im coverartwork sein soll, zumal bannon selbst diesen stil ja andauernd kopiert. ansonsten ist die scheibe ganz gut für mich, wobei ich Purification natürlich um einiges besser fand

von paul 12.10.2009 20:16

Super Produktion, und gelungene Songs sind 8 Punkte wert!

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