Plattenkritik

BRAND NEW - Science Fiction

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Info

Release Date: 17.08.2017
Datum Review: 04.09.2017
Format: CD Vinyl Digital

Tracklist

 

01. Lit Me Up
02. Can't Get It Out
03. Waste
04. Could Never Be Heaven
05. Same Logic/Teeth
06. 137
07. Out of Mana
08. In the Water
09. Desert
10. No Control
11. 451
12. Batter Up

Band Mitglieder

 

Jesse Lacey - voc, git
Vinnie Accardi - git, voc
Garrett Tierney - bass
Brian Lane - drums

BRAND NEW - Science Fiction

 

Acht Jahre. Acht Jahre hat es gedauert, dass BRAND NEW ein neues Album veröffentlichen. Gerechnet hab ich damit nicht mehr. „Mene“ erschien 2015, „I Am A Nightmare“ letztes Jahr. Mit der musikalischen Ausrichtung von „Science Fiction“ haben die beiden Singles nicht viel gemein.

„Daisy“ war ein wütendes Noisespektakel, „Deja Entendu“ und „Your Favorite Weapon“ Emoglanzlichter. Zu „The Devil And God Are Raging Inside Me“ bedarf es keiner weiteren Worte, außer: Meisterwerk.

Seit „Seventy Times 7“ verfolgt mich BRAND NEW. Jedes ihrer Alben empfand ich zu Beginn als langweilig und träge. Ich kann mich noch zu gut an den Moment erinnern, als mich TDAG nach unzähligen Versuchen doch packte und mir bis heute regelmäßige Gänsehautmomente beschert. 

Eine Zugfahrt von der tiefsten Ostprovinz nach Berlin. Irgendwann 2008 muss das gewesen sein. In tiefster Lethargie versunken und Nadelwald um Nadelwald rasten nebenher vorbei, begann mehr oder weniger zufällig Jesse Lacey mit „…was loosing all my friends“ und dem später darauffolgenden Refrain. Von einer Offenbarung zu sprechen wirkt in der Regel äußerst pathetisch, aber beschreibt annähernd das Gefühl beim weiteren Hören der restlichen Songs. Nur wenige Alben habe ich den Monaten danach auch nur annähernd intensiv gehört.

Science Fiction“ erschien nach einer Art Schnitzeljagd am 17.08.2017 und nach anfänglicher Euphorie war ich nach zwei Durchläufen eher enttäuscht. Zu ruhig, zu langsam, zu langweilig. Im Anbetracht der Diskografie war zu erwarten, dass BRAND NEW mit ihrem neuen Album wieder anders klingen als auf ihrem Vorgänger. Zu Beginn erscheint „Science Fiction“ auch genau so. Anders. Ist es aber nicht. Das fünfte Studioalbum ist wie eine Zeitreise durch ihre bisherigen Veröffentlichungen, zeigt BRAND NEW in allen Facetten und transportiert durchgängig diese ganz besondere widersprüchliche Stimmung voll euphorischer Melancholie. 

Eine nächtliche Radfahrt durch ein laues Ostberlin und die ersten Worte von „Lit Me Up“ waren der hiesige Schlüsselmoment. Seither zeigt sich in jedem weiteren Song, in jedem weiteren Durchlauf, das besondere Songwriting der Band und dazu insbesondere das außergewöhnliche lyrische Talent von Jesse Lacey.

Es ist schwer einzelne Songs von "Science Fiction" hervorzuheben, da das Album unheimlich vielschichtig ist, als großes Ganzes funktioniert und es viele Rotationen benötigt, bevor sich alle Fragmente und Schichten erschließen. In "Can´t Get It Out" erinnern der Grungesound, fröhliches Pfeifen und übersteuerte Gitarrenriffs an die Anfänge der Band.  "Same Logic/Teeth" ist trotz seiner Intensität der zugänglichste Song auf dem Album und gleicht in seiner Dynamik, dem Songaufbau und der generellen Stimmung teilwese "Degausser" von TDAG, ohne dabei wie eine Kopie zu wirken und ist gleichzeitig eines der besten Lieder, die BRAND NEW je geschrieben haben.

„I have to go. I want to say I'm in love with you. And I'm more than the skin of my teeth.//
I digress. I am a mess, I'm in love with you. I will go without water or sleep.//
I'm a ghost. I can't say I know that I'm even here. Or is this some eternal test.//
Hold me close. I'll never know if it's more or less. No reset.“

"Out Of Mana" erinnert mit seinem gedämpften Stakkato-Riffing zu Beginn an "Sic Transit Gloria", entwickelt sich im Refrain und weiteren Verlauf zu einem großartigen Alternative-Rocksong mit Gitarrensolo und WahWah-Pedal, welcher ebenso bereits 1994 geschrieben worden sein könnte und endet dank Laceys kurzem Telefonstimmen-Akkustikintermezzo am Schluss mit dem absoluten Höhepunkt des Albums.


„Never had it any other way.//
Drowning in the grace.//
Never had a chance to break apart our heart for them to see.//
It's really a disgrace.“

Ein großartiger Refrain, ein weiteres Gitarrensolo folgt in "In The Water", welcher am ehesten die BRAND NEW anno 2017 beschreiben: düster, hymnisch, unfähig schlechte Songs zu schreiben, tiefst depressiv und instrumental verspielt wie nie zuvor. "Dessert" ist ungewohnt poppig, "No Control" ist bedrückend, skizzenhaft und furchteinflößend zum Schluss. "451" hätte mit seinen "The Beautiful People"-Gedächtnisdrums auch auf "Daisy" Platz gefunden und der Abschlusssong "Batter Up" fleht sich mit seinen knapp 8 1/2 Minuten ins Gehör und hinterlässt eine vollkommen ausgelaugte, lethargische und niedergeschlagene Stimmung:

In vielerlei Hinsicht: Erstens weil dieses wunderbare Album zu Ende ist. Zweitens weil es der voraussichtlich letzte Song dieser Band ist und sich damit genreübergreifend eine der besten Bands der letzten 20 Jahre verabschiedet. Und drittens weil "Science Fiction" dank seiner tieftraurigen Grundausrichtung vor allem eins bewirkt: es zieht verdammt runter. Wenn es das erklärte Ziel dieser Band war - sie haben ihr Ziel erreicht. Keine Veröffentlichtung der letzten Monate raubt mir nach jedem Hördurchlauf so viel Lebensfreude wie diese hier.

"Science Fiction" ist nach TDAG die beste Veröffentlichung von BRAND NEW, wirkt trotz seiner abwechslungsreichen und vielfältigen Ansammlung an Songs überaus homogen und stellt mit seinem retrospektiven Charakter gleichzeitig einen perfekten Abschluss der bandeigenen Diskografie dar.

 

 

Autor

Bild Autor

Sebastian

Autoren Bio

Basti // 28 // Berlin // Hiphop bis Blackmetal

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