Plattenkritik

Deafheaven - Roads To Judah

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Info

Release Date: 26.04.2011
Datum Review: 10.04.2012

Deafheaven - Roads To Judah

 

Der Text kommt viele Monate zu spät, die Band ist ihrer Zeit Äonen voraus. Denn trotz der Tatsache, dass wir hier Milchgesichtern, die auf der Bühne flehen, wettern und kreischen, beim Wachsen zusehen, dürfte einige die doch arg hip anmutende Melange aus Shoegaze, Post-Rock und (nun ja) hochatmosphärischem Black Metal bereits im Vorfeld abgeschreckt haben. Die verpassen allerdings eine ganz besondere Reise ins frostig kalte Herz der Finsternis. Es ist mitunter sehr schön dort. Ach ja: BURZUM-Fans finden das Album bestimmt trotzdem total öde. Soll dem Rest egal sein.

Alles fing an mit rot und schwarz und blau-lila abgefrorenen Fingern. Das perfekte Bild eigentlich: klirrende Kälte trifft auf eine zwischen sämtlichen Farben liegende Klangästhetik. Und nur die bösesten Zungen erschlugen DEAFHEAVEN aus der für diese Art von Musik wohl undenkbarsten Erdenregion (San Francisco) aufgrund von Aussehen (jung, rasiert, gegelt), Artwork (das Grafikdesignhafte) sowie Wahl der musikalischen Waffen (siehe oben) mit der Hipness-Keule, die häufig allzu gerne auf jene niedergeht, die sich einfach mal was trauen und damit Genrekonventionen sprengen. Im Falle DEAFHEAVENs liest sich der musikalische Mut dabei gar nicht mal so offensichtlich: getragene, beinahe meditative Gitarrengebirge, durchsetzt mit massenhaft Delay und/oder nicht verzerrten Gitarren. Bilder von eisweißen leeren Gesichtern unter dicker Eisschicht im skandinavischen Hinterland. Oder in einem durchaus urbanen Kontext. Denn auf dieser Ebene funktioniert die Band auch. Irgendwann bricht immer die Hölle los, verwaschenener Kreischgesang und Nähmaschinenschlagzeug. War dennoch durchaus eine grenzverschiebende Sache, dieses mittlerweile anderthalb Jahre alte, vier Songs umfassende Demo der Ungeschminkten. Es war das mit den gefährlich ungesund aussehenden Fingern.

Anderntags touren DEAFHEAVEN mit den RUSSIAN CIRCLES (was durchaus passt), spielen hochfrequentierte Shows mit hochenergetischen Hardcore-Bands (was auch mal stimmungstechnisch in die Hose geht) und werden vor allem in Medien rezipiert, die mit extremer Gitarrenmusik eigentlich so viel am Hut haben wie Günther Grass und Henryk M. Broder mit Fingerspitzengefühl. Was dem Hipstertotschlagargument naturgemäß nicht gerade den Wind aus den Segeln nimmt. Davor haben sie dieses Album aufgenommen. In vier Tagen, unter der Ägide von Jack Shirley, dem Screamosprengmeister, sesshaft im Atomic Garden Studio zu Palo Alto.

Wovon also sprechen wir, wenn wir von "Roads To Judah“ sprechen? Darf man die Band überhaupt gut finden, wenn man abends ohne Corpsepaint in die Kiste huscht, irgendwelche Gedanken im Hinterkopf wälzend, die ausnahmsweise mal nichts mit Selbstentleibung oder Weltenzerstörung zu tun haben? Wir sprechen von WOLVES IN THE THRONE ROOM (ohne den Ökoquatsch). Wir sprechen von LITURGY (ohne den Metaphysikquatsch, ohne Manifest und – logisch – ohne Hunter Hunt-Hendrix, der irgendwann den halbironischen Wunsch äußerte, Rapmetal wiederzubeleben). Wir sprechen von XASTHUR mit mehr Atmosphäre sowie Mut zum komplett ausgestatteten Song und von Screamo im ENVY-Breitwandformat mit mehr Temponuancen. "Roads To Judah" ist vier Songs, die eigentlich nur einer sind. Flächige Gitarren, Schlagzeugteppich, Tremolo, Texte, die niemand versteht, die allerdings auch niemand verstehen muss. Weil die Musik DEAFHEAVENs nicht verlangt, in der Livesituation gemeinsam in ein Mikro gebrüllt zu werden. Weil man sich sowas einfach anhört und schaut und spürt, was das dann mit einem macht. Egal, wie der Sänger aussieht oder ob irgendwann einmal ein Buch philosophischen Inhalts von seinem Nachttisch gefallen ist. "Roads To Judah" sind sämtliche Gefühle, weder positiv noch negativ, die jemand haben kann, wenn der gesamte Wahnsinn einfach mal durch ihn durchrauscht. Das Ende des Albums, das allerdings ist dann wirklich überlebensgroß. Es kommt von einer Band, die bleiben sollte.

Tracklist:

01: Violet
02: Language Games
03: Unrequited
04: Tunnel Of Trees

Autor

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René

Autoren Bio

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