Plattenkritik

Dyst - Judges And Butchers

Redaktions-Rating

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Release Date: 28.01.2013
Datum Review: 29.01.2013

Dyst - Judges And Butchers

 

Es ist nicht so, dass ich ihn vermisst hätte. Ab und zu musste ich an ihn denken, aber die meiste Zeit über war er in meinen Gedanken tot. Umso überraschter war ich, als er wie aus heiterem Himmel vor meiner Tür stand und Einlass begehrte. Immer noch sah er schlecht aus, die letzten Jahre sind nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Aber immer noch hatte er diese Funkeln in den Augen, dass ihn trotz des abgewrackten Äußeren zu einem Blickfang der Überzeugungskraft machte, wenn, ja wenn ihm direkt in die Augen gesehen wird. Mit anderen Worten ist Nähe für Mr. Metalcore entscheidend, er muss nah genug an seine potentiellen Opfer herankommen. Als alter Freund von mir ließ ich ihn gewähren und wir setzten uns an den Tisch, auf dessen Oberfläche etwas gelangen musste, über das gesprochen werden sollte. Er wusste genau, dass trotz unserer langjährigen gemeinsamen Zeit ich nicht gewillt sein würde, nur über Luft und Liebe zu debattieren.

“Was ist es diesmal?“ fragte ich ein klein wenig zu genervt, so dass er gleich seinen Blick senkte und auf seine sich permanent penetrierenden Finger starrte. DYST. Dann nichts. Nach einiger Zeit hob er seinen Kopf und richtete seine Augen auf meine. Nachdem er eine lange Zeit meinem fragenden, durchbohrenden Blick standhielt: „Die kommen aus Norwegen und bringen ihr Debüt-Album „Judges And Butchers" digital über Acuity.Music raus.“ „Und?“ legte ich nach. “Du weißt es doch“ flüsterte Mr. Metalcore, „es ist…Metalcore…“ Ich lachte und bereute es sofort, da ich ihn immer wieder auflaufen ließ. Daher spielte ich Interesse vor. „Bevor du loslegst: In welche Schublade muss ich sie stecken?“ Er schien nachzudenken. „Stell dir TRAEOS nicht so erdrückend, ARCHITECTS nicht so progressiv und BRING ME THE HORIZON nicht so wild vor!“ Ich schrie förmlich „METALCORE!!!“, ging aber kurz in mich und legte sachte nach „Cörchen“ (so nannte ich ihn vor langer Zeit immer liebevoll) „mit der Beschreibung entreißt du doch den Bands ihre Charakteristika!“ „Weiß ich, weiß ich. Aber ich wollte dir dadurch verdeutlichen, dass DYST vor allem DYST sind. Düster, traurig, mitunter verspielt, immer harmonisch und insgesamt verdammt heavy und somit interessant“ Er musste das sagen. Er wusste, dass ich wusste, dass er das sagen musste. Somit waren wir beide eigentlich am Ende unseres Gesprächs angelangt. Damit ich nicht vor Desinteresse mit dem Kopf auf den Tisch schlug eröffnete ich einen Anflug von Interesse, indem ich mich nach dem Klargesanggehalt des Albums erkundigte. „Ich möchte ehrlich zu dir sein“ (wusste ich es doch, dass er es nicht immer gewesen ist!) „wegen mir könnte dieser stärker vertreten sein. Er ist nur da, wenn es unbedingt sein muss. Dasselbe gilt übrigens auch für die elektronischen Momente, die im Grunde nichts anderes wie eine selbstlose Darstellung des Themas sind.“ Und da war sie wieder, die Euphorie, diese Kraft aus dem Inneren, die nichts anderes bekräftigte als das vorbehaltlose überzeugt sein von einem Produkt. Schließlich ist er Vertriebler, aber nur dann ist ein solcher wirklich gut, wenn er ein starkes Produkt im Rücken hat. Ich konnte nicht anders, ich musste aufhorchen und Interesse war geweckt. Er bemerkte das sofort und schoss unverzüglich nach „stark ist auch, dass sie sich trauen." Die Fragezeichen fielen mir wohl aus dem Gesicht und das „sie wiederholen sich mit moshenden Riffs und erzeugen Spannung, die sich mitunter entlädt oder aber zum Guten wendet. Sie drücken mit ihren Gitarren nicht nur Wände ein, sondern Stempel auf“ wischte diese auch nicht weg. Was er danach sagte, rauschte ehrlich gesagt an mir vorbei. Ich versuchte mir ein Bild von der Band zu machen und fragte mich, ob und wie dieses dann wohl zur Realität passe. Er bemerkte mein Abtauchen und schlug auf den Tisch. Das sich daran anschließende „aufgenommen und produziert wurde von Tommy Akerholdt und gemischt/gemastert von keinem geringeren als Tue Madsen“ klang schon fast flehentlich.

Als er weg war, tat er mir leid. Es tat mir vor allem leid, dass ich ihn mal wieder von oben herab behandelt habe. Er hat schließlich nur seine Pflicht getan und zieht von dannen wie ein geprügelter Hund. Als ich die von ihm liegengelassene CD entdeckte, war er im Gedanken bereits wieder ein verblichener Stern. Ich zögerte keinen Moment und ließ „Judges And Butchers“ rotieren. Ich nahm mir vor, Mr. Metalcore das nächste Mal freundlicher zu begegnen. Aber ich habe schon oft gemacht, was ich mir nicht vorgenommen habe respektive das nicht gemacht, was ich mir vorgenommen habe. Letztlich aber war ich froh, dass er bei mir war. Ihm gegenüber zugeben würde ich das jedoch nie.




Tracklist:
1 Sailors Grave 3:46
2 Safest Haven 2:59
3 Crossbearer 2:49
4 Black Waves 4:00
5 Blot The Blood 4:22
6 Snake Marks 3:31
7 Judges And Butchers 3:25
8 Calm The Storm 2:38
9 Renewed 3:01
10 Green Pastures 3:44

Alte Kommentare

von xCrisisx 29.01.2013 14:32

Hahaha! Bestes Review dass ich schon seit Ewigkeiten gelesen habe! Einfach Klasse! Mal was Anderes!

von mr. Mücke 30.01.2013 07:18

musste herzhaft lachen

von das 27.02.2013 17:22

ist eine rezi

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Clement

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Ich fühle mich zu alt

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