Plattenkritik

Paint It Black - New Lexicon

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Release Date: 19.02.2008
Datum Review: 17.02.2008

Paint It Black - New Lexicon

 

Wollte man PAINT IT BLACKs Schaffen im Allgemeinen und ihr neues Werk "New Lexicon" im Speziellen einmal etwas akademischer unter die Lupe nehmen, so böte sich Theodor W. Adornos und Max Horkheimers Kulturindustrie-These an, um aufzuzeigen, worin der Unterschied zu vielen anderen zeitgenössischen Bands, welche sich dem Punk-/Hardcore-Lager zurechnen, besteht. Besagte These geht (stark verkürzt) von einer Ökonomisierung und Kommerzialisierung von Kunst und Kultur aus, in deren Konsequenz auch der kritische Inhalt verwässert wird. Die Musik der Mannen um Dan Yemin würde in Abgrenzung dazu – wohlwollend interpretiert - das Label "authentische Kunst" verpasst bekommen, da sie eben NICHT trivialen Nichtigkeiten anheim gefallen ist, obwohl PAINT IT BLACK natürlich selbst Teil der (Platten-)Industrie sind. Das wiederum könnte man dann als subversiv bezeichnen. Oder schlichtweg als Ehrlichkeit unter erschwerten Bedingungen des Marktes.

Leicht macht die Band es einem dabei zunächst nicht wirklich. Dr. Dan klingt angefressener denn je, wenn er Zeilen wie "This is a sermon for the vermin: a song to draw blood, a finger in the dam trying to hold back the flood" referiert, Schlagzeug und Bass sind prägnant in den Vordergrund gemischt und die Instrumentierung kommt stellenweise stark reduziert, fast schon skelettiert daher. Hinzu gesellt sich das punktgenaue Spiel Jared Shavelsons, der bereits Alben von NONE MORE BLACK und THE HOPE CONSPIRACY mit seinem Drumming veredelte und sich hier stellenweise regelrecht überschlägt. Der manipulative Clou jedoch sind die von Oktopus produzierten Soundscapes, welche einige Songs ausklingen lassen und dem Hörer unsanft die Synapsen massieren. Der Produzent der Avantgarde-Hip Hopper DÄLEK war im Schulterschluss mit J. Robbins eine exzellente Wahl, um einem in sich limitierten Genre phasenweise einen kräftigen Tritt in die Weichteile zu verpassen und mit stressigen Drone-Klanglandschaften zu erfrischen. Denn wie heißt es noch so schön provokativ in der Dialektik der Aufklärung: "Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit." Gänzlich melodieverloren kommen die 15 Songs dann aber auch nicht daher, wie 'The Ledge', 'Past Tense, Future Perfect' oder das grandiose "Männer-Chor-Finale" des die Platte beschließenden 'Shell Game Redux' beweisen. Mehrere Hördurchgänge sollte man sich dennoch genehmigen, "New Lexicon" fordert sie geradezu ein – um am Ende vollends zu überzeugen.

Das kulturtheoretische Gedankenspiel des Anfangs ausblendend, bleibt unterm Strich eine verdammt überragende, leicht experimentierfreudige Hardcore-Punk-Platte, welche den stumpfen Hass vieler aktueller Hardcore- und Metal-Releases als Alternative mit reflektierter Angepisstheit ausbremst ohne dabei auf irgendwelche religiöse Motive zu rekurrieren. Dafür vielen Dank!

Tracklist:

01: The Ledge 1:33
02: Four Deadly Venoms 1:39
03: We Will Not 2:50
04: Past Tense, Future Perfect 2:22
05: Missionary Position 1:42
06: White Kids Dying of Hunger 2:08
07: Gravity Wins 2:51
08: Dead Precedents 0:48
09: The Beekeeper 1:55
10: Check Yr Math 1:30
11: So Much for Honour Among Thieves 1:52
12: New Folk Song 2:17
13: Saccharine 1:28
14: Severance 3:24
15: Shell Game Redux 2:37


Alte Kommentare

von Sascha // Allschools 17.02.2008 22:41

Jo, kann mich da nur zu 100% anschließen. Geniale Band und eine der wenigen, die heute noch was zu sagen haben. Großartig!

von Choke 18.02.2008 11:42

Four Letter Lie > Paint It Black

von AAA 18.02.2008 11:45

Keine Ahnung > Choke

von jk 18.02.2008 17:14

jeder band die auf einem label veröffentlicht ist teil der kulturindustrie. da iss nix subversiv. http://www.conne-island.de/nf/130/21.html tolles album. die gitarren finde ich aber zu drucklos. und die sounds zwischen den liedern find ich scheisse. obwohl ich sowas eigentlich toll finde.

von fu 18.02.2008 17:15

der vergleich ist echt blasphemie geiles teil aufjedenfall

von ghj 18.02.2008 17:15

obwohl eigentlich geht der gitarrensound

von hsgeh 18.02.2008 17:21

klasse album, braucht nur ein paar mehr durchgänge.

von Choke 18.02.2008 17:57

Ich wollte mich eigentlich Tony Brummel nennen... :-(

von René / allschools 18.02.2008 18:17

@jk: Schon klar, es ging auch eher um die Unterscheidung "authentische Kunst" vs. Kulturware. Ich bin mir durchaus bewusst, dass das SEHR wohlwollend interpretiert ist. Wenn man wollte, könnte man die ganze "Punkrock als Subkultur"-Debatte gleich zu Fall bringen. Waren die SEX PISTOLS jemals wirklich subversiv, oder waren sie vielmehr ein (clever erdachtes)Produkt von Malcom McLaren mit dem Style von Vivienne Westwood?! Gibt es heute überhaupt noch so etwas wie subversive Elemente in der Musik??! Eigentlich wurde doch bereits alles durchexerziert und schocken kann man mit Musik niemanden mehr. Ich denke aber trotzdem, dass es qualitative Unterschiede gibt...

von blake schwarzenbach 18.02.2008 20:05

die alte frankfurter schule ist doch durch habermas schon hinreichend filetiert worden. das ist n alter hut. und in der konsequenz, nämlich der systemfrage, sind die sichtweisen des ehepaars adorno (die frau hat die damaligen weingeschwängerten gespräche aufgeschrieben!!) und horkheimers stark verengt. die reduzierung auf die ewige marxsche konfliktlinie greift zu kurz. der versuch das album theoretisch zu verorten ist zwar nett gemeint, hier aber allein aus platz- und wohl auch zeitgründen unmöglich. aber schön zu wissen, dass doch noch jemand die dialektik der aufklärung gelesen hat. wobei ich ja von minima moralia noch mehr begeistert war (und das ist jetzt n tipp!).

von René / allschools 18.02.2008 20:25

Punkt für den Typen von Jawbreaker...Aber auch Habermas wurde bereits von einigen anderen Autoren "filetiert" wie Du so schön geschrieben hast. So läuft das halt in der Philosophie. Wobei einige "poptheoretische" Autoren wie z.B. Büsser immer noch auf die Kritische Theorie rekurrieren. Hast aber definitiv recht, erschöpfend lässt sich das Thema an dieser Stelle sowieso nicht ausdiskutieren...Das war auch nicht der Plan.

von jk 18.02.2008 20:29

was auch in dem von mir verlinkten text erörtert wird ist dass sich bei vielen in der szene ihr politisches bewußtsein darauf beschränkt auf konzerte zu gehen und ja schon anders zu sein indem man musik mit texten darüber hört dass ja viel doof ist. so ist hardcore/punk für viele auch nur eine weitere ablenkung vom schnöden alltag geworden. der alltag wird erträglicher gemacht an stelle der der bekämpfung der ursachen für seinen beschissenen alltag.

von jona 04.03.2008 23:28

was für ein hammergeiles album. "gravity wins" ist ein oberhit! und "gravitation" ist sowieso das wort, was meine kinder als erstes können sollen:-D

von Knut Naboldt 21.03.2008 19:14

Oh je, jetzt wird die Hardcore-Szenerie nun doch ein wenig erwachsen. Mag das wirklich funktionieren? Ist eine Annäherung hin zum poptheoretischen Diskurs (Hallo liebe Spex, hallo liebe Testcard) nicht vielleicht für die doch so harten Jungs eine nicht hinzunehmende Bricolage. Ach ja, darf man denn überhaupt die Termini „Pop“ und „Hardcore“ zusammendenken? Müssen wir nicht diese künstliche Grenze vielmehr festigen? Aber hat nicht auch das poptheoretische Werk „Mainstream der Minderheiten“ mit der klassischen Dichotomie von Mainstream und Indie, von „sell-out“ und „be true to the game“schon vor längerer Zeit aufgeräumt. Hört, hört, da widmet sich schon ein Rezensent der Theorie und wird mal wieder gedisst. Wie Habermas die These der Kulturtheorie aufgehoben haben mag, bleibt mir aber ein Rätsel der kommunikativen Vernunft. Ob Subversivität in der Postmoderne mit deren Hang zur unpolitischen Ironie des Konsums noch möglich oder nur eine Alibi-Phänomens des kulturellen Systems ist, ist eine spannende Frage. Jedenfalls hat der René den Mumm gehabt, sich dieser Frage zu öffnen. Danke

von erwer 21.03.2008 19:36

der wurde ja voll gedisst.

von fred 21.03.2008 22:23

shit versteh einer mal das was der liebe knut oder auch blake hier geschrieben haben. ich mein "klassische dichotomie von mainstream" ??? wo lernt man sowas? vielleicht bin ich aber auch einfach noch zu jung. ach übrigens die jungs sind echt nich schlecht

von knowitall 22.03.2008 12:05

soziologie und philospohie studenten.. ist dort basislektüre.

von tobe 22.03.2008 12:11

soziologie und vor allem philosophie sind doch voll hardcore. oder etwa nicht ?

von blake schwarzenbach 22.03.2008 19:31

in meinem fall: nope!!

von fred 22.03.2008 19:40

dann verrat es uns meister!!! wo hast du deine weißheit her?

von FKK 22.03.2008 19:51

Intellekt kann auch ungeheuer belastend sein, stimmt es blacky??

von fu 22.03.2008 22:53

sowas hat das album echt nicht verdient

von ballou 23.03.2008 01:17

Hab gerade das Interview in der Fuze gelesen :thumbs up: Super Äußerung der Band zum Albenkonzept/Thema und christlichen Bands bzw. fanatische/konservative Haltungen im Hardcore.

von tobe 23.03.2008 21:58

sind halt viele klugscheisser unterwegs die sich gerne profilieren würden, dies adank der anonymität des netzes aber eben doch nicht können....

von keshi 23.03.2008 23:10

also seit refused gab's doch keine intellektuelle hardcore-band mehr. jedenfalls kenn' ich keine, lasse mich dbzgl. aber auch gerne eines besseren belehren...

von inhalt passt... 31.10.2009 13:35

indirekt hier hin, aber Jeff Pezzati hat mit "the Bomb" ein neues Album rausgebracht. REVIEW! http://www.myspace.com/bomb1

von René 31.10.2009 13:39

Das ist auch schon seit längerer Zeit online: http://www.allschools.de/recordReview.php3?ID=61086 Beste Grüße

von sorry 31.10.2009 13:54

...nicht gesehen!

von Fabian 22.02.2010 21:55

Nochmal ausgepackt, so super!

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