Plattenkritik

Paradise Lost - Faith Divides Us - Death Unites Us

Redaktions-Rating

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Release Date: 25.09.2009
Datum Review: 10.09.2009

Paradise Lost - Faith Divides Us - Death Unites Us

 

Living with scars

Der offene Widerspruch von seichter Religionskritik gepaart mit romantischer Todessehnsucht ist ein alter Hut. PARADISE LOST wussten die Klischeeklippen schon geschickter zu umschiffen als im vorliegenden Titel „Faith divides us - Death unites us“ der nunmehr elften Platte. „Symbol of life“ war hingegen ein Name mit doppeltem Boden für ein Bandimage mit mehr Grabesstimme als Lebensbejahung.

Freilich bedient sich diese Band bei mitunter abgeschmackten Gesten, die sie selbst salonfähig gemacht hat. PARADISE LOST haben den Kanon in Death, Doom und Goth in metallischeren wie rockigeren Formen der letzten zwanzig Jahre geprägt wie kaum eine andere. Ihre Anstrengungen, in den 90ern die eigenen Metalwurzeln mit dunkler melancholischer Atmosphäre aus Elektronik und rockigeren Gitarrenklängen kreativ wuchern zu lassen, haben einer Szene, die bereits die abgeschnittenen Matten der Überväter Metallica als Verrat werteten, natürlich das Gefühl von Heimatlosigkeit verbreitet.

Metallisch, geradlinig, detailarm kommt die neue Veröffentlichung von PARADISE LOST daher. Sie verweigert sich meist gleichermaßen der düsteren Epik wie auch dem schleppenden Riffing vergangener Jahre, simuliert den Mut und den Raum für musikalische Dramaturgie meist durch schlicht zu lang geratene Tracks. Den Längsten an den Anfang stellen mag progressiv wirken, das faktische Geschehen innerhalb von „As horizons end“ rechtfertigt mit welkem 80er Metalcharme jedoch nur bedingt das eigene Ausmaß.

PARADISE LOST fehlt auf diesem Album meist der zwingende Refrain eines Hits ebenso wie die atmosphärische Dichte grüblerischer Passagen zum Durchschnaufen. Hoben sie sich seit Jahr und Tag gerade darüber ab, trotz Death und Doom nicht allein über Muskelspiel Härte zu transportieren, will diese Platte allzu deutlich ein Gitarrenalbum sein. So walzt sie in Riffautomatismen die wenigen sphärischen Akzente platt, wie z.B. den Chorgesang zu Beginn von „The Rise of Denial“. Während bereits „Frailty“ melodisch nölende Gitarre den ersten Verdacht aufkommen lässt, trieft das Piano von „Last Regret“ endgültig vor Kitsch um in trashiger Poesiealbumslyrik ein mittelmäßig spannendes Ausklingen wie Katharsis erscheinen zu lassen.

Als wüssten PARADISE LOST selbst um ihren einen Fuß am Abgrund rotzen sie im folgenden Track rock ’n’ roll, während Nick Holmes’ Stimme in einem großen Stop and Go-Refrain eindrucksvoll schiebt. Er bleibt neben dem soliden „First Light“ der einzige überdurchschnittliche Song.

Allzu selten führt Holmes die immense Breite seiner Stimme wie im Genannten oder auch im ruhiger beginnenden Titelsong vor - vor allem, weil PARADISE LOST zu deutlich den Formeln melodischen, kommerziellen Metals in modernem Gewand folgen. Wenn dabei jedoch die Komplexität und Vielschichtigkeit vernachlässigt wird, kann nur ein sicheres Gespür für Tanzflächenfüller, für „Partytracks“ in metallischem Gewand eine Platte über Mittelmaß heben. In dunkler Optik und Akustik und einer nüchternen Ernsthaftigkeit wählen PARADISE LOST den Weg solcher Kapellen wie Soil oder Disturbed jedoch nicht. Hier wird immer noch gelitten und verdunkelt. Aber Holmes’ Gesang transportiert vielerorts eine dumpfe Wut bloß noch als gesanglichen Taschenspielertrick, als leidlich authentische Erinnerungskultur.

Während „Praise lamented shade“ von der letzten Platte „In Requiem“ mich zu Vergleichen mit den großartigen Jesu hinreißt, poliert „Faith divides us - Death unites us“ mit zahnloser - aber selbstverständlich fetter - Produktion alle Melancholie, alle Schwärze auf Hochglanz. Die Heavyness reanimiert weder die Rohheit älterer Veröffentlichungen PARADISE LOSTs noch den dunklen Popappeal mittelalter. Zu sehr lebt hier die unterkühlte Eingängigkeit der Generation Pro Tools. Es bleiben dabei die Umrisse eines harten, unspektakulären Gitarrenalbums erkennbar. Man kann das Zeitlosigkeit nennen.

Tracks:

1. As Horizons End
2. I Remain
3. First Light
4. Frailty
5. Faith Divides Us ? Death Unites Us
6. The Rise Of Denial
7. Living With Scars
8. Last Regret
9. Universal Dream
10. In Truth


Alte Kommentare

von The Grotesque 10.09.2009 22:38

tolles review...wenn ich es doch nur verstehen könnte. für mich ist dies die beste PARADISE LOST seit der "Draconian Times". einziger schwachpunkt ist die stimmliche leistung von mr. holmes. er singt tief neben der spur, hätte vielleicht wieder growlen sollen

von Rumo 27.09.2009 15:26

obenstehendes review kann ich so gar nicht unterschreiben. auf dieses album hab ich sehr lange warten müssen und es ist ein absoluter grower. musik mit der man sich vielleicht einen moment länger beschäftigen sollte. auf alle fälle ein großartiges werk dass jetzt schon einen der vorderen plätze meiner jahrescharts einnehmen wird.

von arndt 02.10.2009 11:25

cooler plattentitel

von blood4blood 02.10.2010 23:40

Muss Rumo zustimmen, nachdem ich P.L. seit deutlich über einem Jahrzehnt nicht mehr aktiv verfolgt, quasi abgeschrieben und die Platte auf gut Glück gekauft hatte (die Hoffunung stirbt zuletzt), bin ich regelrecht begeistert - definitiv das Beste seit 'Draconian times'. Welcome back!

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