Plattenkritik

Pygmy Lush - Old Friends

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Release Date: 03.05.2011
Datum Review: 20.05.2011

Pygmy Lush - Old Friends

 

Alte Freunde, neue Freunde. Obwohl PYGMY LUSH ihr drittes Album in den God City Studios, Salem mit einem gewissen Kurt Ballou aufgenommen haben und auf den zweiten Blick einige Totenköpfe und okkulter Schnickschnack das Cover zieren, leuchtet die Band menschliche Abgründe auf gänzlich erwartungsungemäße Weise aus. Folkig, neblig, basslastig, verwaschen und schön unprätentiös-hymnisch. Es werde Licht. Musik für Menschen, die glauben, dass die Apokalypse eher im Kammermusikformat daher kommt.

Der Aufnahmeleiter besieht sich seine dreckigen Fingernägel, er nickt anerkennend in die Runde. Die lebenden Toten. Er ist stolz auf sein Werk. Es ging schneller als erwartet. Vier Tage für die Ewigkeit. Und alles live. Falls sich Kurt Ballou wirklich seinen persönlichen Steve Albini-Status wünscht, dann erreicht er ihn mit der Aufnahme solcher Alben. Härte findet hier allenfalls in einer Form statt, in der auch THE BLACK HEART PROCESSION, Mr. Tom Waits oder vielleicht auch MURDER BY DEATH und CODEINE hart sind (und waren). Nämlich im Kartographieren noch der ärgsten, staubigsten, normal-perversen, schicksalsschweren Abgründe, die die Kaputten, die Zerstörten aber auch die vorgeblich Normalen so ausmachen. Mit der nötigen Zurückhaltung ausgestattet, entfaltet "Old Friends" jedenfalls eine beachtliche Langzeitwirkung. Fatalistischer Indie-Folk-Ambient-Slow-Core wäre eine mögliche Kategorisierung. Jetzt nur mal für Menschen, die gerne mit Genres hausieren gehen. Ach ja, ein ehemaliger STRIKE ANYWHERE-Drummer ist auch dabei.

Zwischen ätherischen Orgeln, äußerst reduzierter Akustik, sattem, stampfendem Schlagzeug und hintergründigem Piano haucht sich Sänger Chris Taylor so weltentrückt, unaufdringlich und bisweilen glasklar durch die Songs, dass einem Angst und Bange wird. Der Titelsong, dieser Freundschafts-Affirmations-Choral, klingt als habe man ihn unter Wasser aufgenommen, es pulsiert das Herz wie in einem BON IVER-Song. PYGMY LUSH stehen für jene Form von nicht eben lebensbejahender Ästhetik, die von manchen für langweilig, von anderen schlichtweg als Offenbarung empfunden wird. Wir sind jetzt einfach mal auf der Offenbarungsseite, weil wir natürlich Elliott Smith so gerne hören. Und weil wir unsere Freunde so sehr lieben. 'I’ll Wait With You', das sein Pathos so schön im Titel parkt, entgeht dem großen Kitsch, in dem es sich selbst an die Leine legt – und später doch ausbricht. Wohl die größte Stärker der Band aus Virginia, die auch mal härter unterwegs gewesen war.

Die ersten Zeilen von 'Yellow Hall' sind hier zugleich programmatisch zu sehen: „Dusky morning, I awoke.“ Das reicht völlig. Wie, warum und vor allem wie häufig noch, weiß kein Mensch. Und wenn PYGMY LUSH in 'Pals' innerhalb von sieben Minuten ihr komplettes Leben ausgewrungen haben, sich beständig steigern, in Chören suhlen, immer noch einen draufsetzen und dennoch nicht Gefühle verballern in Endlosschleife, dann ist das sehr beachtlich. Hatte man bei MURDER BY DEATHs "Who Will Survive…" ständig den Sensenmann, Whisky schlürfende Zombies, ein Massaker in Staub vor Augen, ist "Old Friends" eher der pragmatische Blick auf die Lebenskatastrophe. „The night was fading, he escaped, he died alone, he died scared.“ Dunkelheit.

Tracklist:

01: Yellow Hall
02: Chance
03: Good Dirt
04: In A Well
05: Night At The Johnstown Flood
06: I’ll Wait With You
07: Penny On My Deathbed
08: A Weird Glow
09: Admit
10: Old Friends
11: January Song
12: Pals

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René

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