Plattenkritik

Ritual - Paper Skin

Redaktions-Rating

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Release Date: 03.05.2011
Datum Review: 21.05.2011

Ritual - Paper Skin

 

Es ist ja wirklich kein Geheimnis: Deutsche Hardcore-Bands haben es recht schwer. Klar, die hiesige Szene ist zwar riesig und jedes größere Tourpaket macht in etlichen deutschen Städten Halt – doch wahrscheinlich ist genau diese Übersättigung der Grund dafür, dass irgendwie hinter keiner nationalen Band richtig geschlossen gestanden wird. Für viele Künstler im deutschen Nachwuchs ergeben sich daher zwar tonnenweise Supportshows, aber über die Landesgrenzen heraus schaffen es dann längst nicht mehr so viele. RITUAL jedoch haben den Sprung schnell und elegant geschafft und sich schon in außergewöhnlich jungem Alter international etabliert. Dass so viel über die vier Münsteraner diskutiert wird, dürfte dazu nur beigesteuert haben. Wer sich mit der Band auseinander setzt kennt die ewigen Vorwürfe: Man sei nicht eigenständig genug im Sound, klaue sich die Lieder zusammen und kleide sich zu extravagant. Beide Punkte sind dermaßen lächerlich, dass ich sie nicht weiter aufgreifen und hiermit den anonymen Shoutbox-Helden freigeben möchte.

Denn was auf dem neuen Album „Paper Skin“ passiert, räumt endgültig auf mit den Zweifeln an der Eigenständigkeit. Mit dem zweiten Longplayer über Reflections Records (unbestritten DAS europäische Hardcorelabel, wie man nicht zuletzt mit den neuesten Veröffentlichungen zeigt) präsentieren RITUAL sich äußerst mutig, denn angreifbar. Die wuchtigen Palm-Muting-Wände, die den Sound der Kapelle bisher auf allen Platten maßgeblich charakterisierten sind gewichen und machen Platz für eine sehr viel versiertere, vielschichtige und atmosphärische Gitarrenarbeit, die sich dabei noch eine Ecke rockiger als schon auf „Beneath Aging Flesh and Bone“ gestaltet. Ein gutes Beispiel dafür sind vor allem die beiden bereits vorab via soundcloud veröffentlichten Songs „The Coldest Shoulder“ und „Absolute Devotion“. Durch diese Innovationen im Klangbild treten auch erstmals prägnante Basslinien in den Vordergrund, die die Lieder teilweise zusammen mit dem gewohnt pointierten und abwechslungsreichen Drumming stützen (müssen).

Man könnte also durchaus sagen, dass RITUAL die Energie etwas herunter schrauben, um damit wiederrum Spannung aufzubauen. Daran, dass einem die Shouts von Sänger Julian nach wie vor Schauer über den Rücken jagen, hat sich nichts geändert. „Paper Skin“ wirkt aber irgendwie kälter, maschineller und lebloser als die anderen Werke. Das hat allerdings seinen Sinn und Zweck. Denn wie auch schon auf dem Vorgängeralbum gelingt es den Herren nahezu perfekt, mit ihrem Werk eine Stimmung zu vermitteln, ein liebevoll zusammengesetztes Puzzle aus Musik, Lyrik und Artwork, das es zunächst zu verstehen gilt, später aber ein sinnvolles Ganzes ergibt. „Distant Glance“ (in dem man sich mithilfe der Repeat-Taste stundelang verlieren könnte) und „This Shell Has Got a Soul Again“ fügen sich, so seltsam das beim ersten Durchlauf der CD scheinen mag, nach einiger Zeit passgenau in ihren Kontext ein und kennzeichnen den musikalischen Reifungsprozess, den RITUAL in all den Jahren durchgemacht haben. Mit diesen beiden Songs wagt man sich nicht nur, sehr unverschnörkelt Elemente aus Shoegaze, Grunge und Blues in seine Musik einfließen zu lassen. Auch für Hardcore-Bands eher unkonventionelle Instrumente wie das Harmonium haben ihren Weg auf die Platte gefunden. So auffällig anders gaben sich zuletzt Blacklisted mit ihrem „No One Deserves to be Here More Than Me“, und das ist schon einige Zeit her. Glücklicherweise sind die Resultate wie oben schon beschrieben professionell gelungen.

Klang man auf „Beneath Aging Flesh and Bone“ lediglich hoffnungslos und noch kämpferisch, klingt man auf „Paper Skin“ in meinen Augen viel eher desillusioniert, resignierend und am Boden zerstört, wenn man über Vergänglichkeit von Leben und Liebe singt. Die renommierte Tonmeisterei in Oldenburg hat, das Gesamtwerk betreffend, mal wieder ganze Arbeit geleistet. Nicht umsonst nahmen hier auch zahlreiche andere Größen der nationalen Szene, wie Just Went Black, Escapado und Empty Vision auf. Ich bin mehr als gespannt darauf, wie die neuen Songs live funktionieren und in welche Richtung sich RITUAL in den nächsten Jahren weiter entwickeln wird. Hiermit sei auch auf die kommende Sommertour mit Soul Control hingewiesen.


Tracklist:
1. The Great Decay
2. Reaping Loneliness
3. Dunkerque
4. Distant Glance
5. White Caskets
6. The Coldest Shoulder
7. Absolute Devotion
8. This Shell Has Got a Soul Again
9. Rusty Fingers Touching Nothing
10. Pieces of Me

Alte Kommentare

von xchriz0r 21.05.2011 19:21

Sehr gute Platte, auf jeden Fall ein Schritt nach vorn für Ritual!

von xxx 21.05.2011 20:36

naja, foundations "when the smoke clears", ist definitiv das bessere album!

von Mark 22.05.2011 14:27

Foundation ist ein total anderes band!

von hühnerbrust 22.05.2011 15:18

ich werd mit der Platte einfach nicht warm. Ich schaffs nichtmal die am Stück anzuhören. Die "Vorab"-Songs von der 7" haben mir irgendwie mehr gefallen. Vielleicht brauch sie noch ein paar Anläufe, Vorgängerreleases waren alle hammer..

von funk-tion 22.05.2011 22:30

immer zweimal direkt hintereinander hören, geil, da sind songs für die Ewigkeit dabei

von member 25.05.2011 14:41

sehr fettes album! "the shell has got a soul again" errinert mich irgendwie sehr and the stooges ... 8/10

von Evil Knevil 07.02.2012 22:56

Klasse Album hat die Band da abgeliefert, zwar könnte man hier und da noch ein paar deutlichere Akzente setzen, doch insgesamt ein großartiges Werk.

von Evil Knevil 07.02.2012 22:56

Klasse Album hat die Band da abgeliefert, zwar könnte man hier und da noch ein paar deutlichere Akzente setzen, doch insgesamt ein großartiges Werk.

von Solid Snake 07.02.2012 22:56

Klasse Album hat die Band da abgeliefert, zwar könnte man hier und da noch ein paar deutlichere Akzente setzen, doch insgesamt ein großartiges Werk.

von Jhonny Depp 08.02.2012 00:49

Klasse Album hat die Band da abgeliefert, zwar könnte man hier und da noch ein paar deutlichere Akzente setzen, doch insgesamt ein großartiges Werk.

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Marcel M.

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