Plattenkritik

Sunny Day Real Estate - Diary (Re-Release)

Redaktions-Rating

Info

Release Date: 18.09.2009
Datum Review: 30.09.2009

Sunny Day Real Estate - Diary (Re-Release)

 

Emotional Turn.
10. Mai, 1994. Der Welt leidender Gitarren und gebrochener Menschen dahinter wird das geschenkt, an dem sich Myriaden von Copycats immer noch versuchen. Ihr Problem: "Diary" ist in seiner aufwühlenden Spontaneität unerreicht. Bis zum heutigen Tage. Danach sahen SUNNY DAY REAL ESTATE pink und es war (vorerst) Schluss.

Wo war das Gefühl, das gesagt hatte, es würde kommen? Machte man die Gleichung auf „Flirrende Gitarren“ + „Eruptiver Songaufbau“ – „Stringente Strukturen“ = Emo(tionaler)-Klassiker, das Matheass mit Hornbrille würde ergänzen: „Und was bitte ist mit Enigks unerreicht intensivem, an der Grenze zur Exaltiertheit oftmals gerade so vorbeischrammendem Gesang?!“ Und klar, das behornbrillte Matheass hätte recht. So was hatte es in dieser Form vorher nicht gegeben. Und dann auch noch so konsequent gegen den herrschenden Flanell-Zeitgeist, der Leidenschaft doch irgendwie männlicher ausbuchstabierte. SUNNY DAY REAL ESTATE, das einstige Emo-Flagschiff zweiter Generation aus Seattle. Schwer fassbar, medienscheu, mit ureigener Spiritualität versehen. Auch nach modernen (ok, so alt ist "Diary" nun auch wieder nicht) Klangmaßstäben ist das Debüt von 1994 eine verdammt mitreißende, hakenschlagende und tief gehende Angelegenheit. Ein wenig klanglich aufpoliert, mit schönem Klappcover und Schuber versehen, zwei wuchtige Bonustracks (die Songs der "Thief, Steal Me A Peach" 7’’ von 1993) Linernotes, die den Mythos der alten Tage versuchen aufrecht zu erhalten (und das tatsächlich ein stückweit schaffen), nähen sich SDRE eine zweite Haut aus purer Emotion. Die muss nicht zwingend bunt sein, sondern führt das an seine Grenze, was bei unzähligen zeitgenössischen Bands aufdringliches Pathos heißt. Die Gitarren als Sänger 2 ½, wird hier nichts ironisiert. Es war ihnen todernst. Mit ihren Gefühlen, mit ihren die Grenzen des aus-sich-Herausgehens erweiternden Auftritten. 'Seven' und 'In Circles' bleiben in ihrer wogenden Intensität unerreicht, die Texte entfalten in ihren kryptischen Reduziertheit wahre Schönheit. Ob Jeremy Enigk, Dan Hoerner, William Goldsmith und Nate Mendel (beide später FOO FIGHTERS) das damals bewusst war? Es darf bezweifelt werden. Das tiefschwarze Booklet samt zu jedem Song gestalteter kleiner Kunstwerke jedenfalls ist nur die Spitze eines Gesamtkonzepts, das mit Sicherheit keins sein wollte. Dafür geht hier zu viel drunter und drüber. Wie das Leben halt so ist. Und auch auf Alben sein sollte. 'Song About An Angel' ist wohl so etwas wie der Prototyp der (sorry) Emo-Ballade, 'Grendel' trotz äußerst reduzierter Lyrics („The rain was there to wash away my tears / I wanted to be them but instead I destroyed myself.“) elegisch wie wenig anderes. Sicher, heute würde sich niemand mehr ob dieser Lyrik auch nur eine Träne aus dem Knopfloch drücken. Weil alle emotional übersättigt sind. Weil heutzutage jeder bei solchen Zeilen an THE USED denkt. Doch während heutzutage viele Bands parasitär von den Gefühlen anderer Bands leben, waren SUNNY DAY REAL ESTATE gewissermaßen die Theorie (fast) ohne Vorläufer. Der halbe emotionale Paradigmenwechsel. Nicht nur jemand wie Jonah Matranga (FAR!!!) scheint bei ihnen in die Lehre gegangen zu sein. War in den Neunzigern wirklich alles besser? Auch SAMIAMs "Clumsy", JAWBREAKERs "Dear You" und (etwas später) THE GET UP KIDS’ "Something To Write Home About" hauchen in ihrer tiefstaplerischen Art ein scheues „könnte durchaus sein“.

Wie brachte es Produzent Brad Wood dereinst auf den Punkt: „Everything has a yearning intensity to it that is almost painful.“ Wo war das Gefühl, das gesagt hatte, es würde kommen? Auf "Diary" ist es immer noch gegenwärtig. Konserviert für die Ewigkeit. Schön, dass wir das in neuer Auflage noch einmal erleben dürfen.

Tracklist:

01: Seven
02: In Circles
03: Song About An Angel
04: Round
05: 47
06: The Blankets Were The Stairs
07: Pheurton Skeurto
08: Shadows
09: 48
10: Grendel
11: Sometimes
12: 8 (originally released on "Thief, Steal Me A Peach" 7’’)
13: 9 (originally released on "Thief, Steal Me A Peach" 7’’)

Alte Kommentare

von olivier // allschools 30.09.2009 20:44

Unglaublich gutes Review, macht Lust auf mehr. Hab da wohl definitiv Nachholbedarf als einer, der zum Releasezeitpunkt gerade mal 3 war... :)

von oh gott! 30.09.2009 21:13

also ich war 8. Aber habe es vor 3 Jahren auch mitbekommen, was das für ein Brocken ist und was Emo eigentlich mal war...seitdem versuche ich die 90er nachzuholen.

von rtl 30.09.2009 21:20

auch wenn mir Mineral immer mehr gefallen haben, ein Meisterwerk von einer Scheibe.

von karim 30.09.2009 21:34

ne frechheit, dass du the used auch nur in dem review erwähnst.

von Shit 30.09.2009 22:32

Scheiße, man ist das lange her.... da war ich 18 und habe gerade mit der Musik angefangen... Sunny Real Estate kannte ich schon, wusste es nur noch nicht zu schätzen...

von Shit 30.09.2009 22:52

Echt schön geschriebenes Review!!! Ach Far... und Samiam.... man das waren Zeiten. Gleich mal wieder anhören...

von molch 30.09.2009 23:07

lohnt es sich so sehr, die platte anzuhören? als das album rauskam war ich 5 :D

von Raphael 01.10.2009 00:38

Sehr schön gemacht Renè!

von Matthias Geschmaxpolizei 01.10.2009 01:31

mmh, also ich war 13 und hab u.a. "Kleiner Hobbit - Metal aus dem Urwald von Krefeld" (na wen mein ich?) gehört Sub Pop, Seattle, 1994...das hört sich an vielen Stellen stark nach Nirvana-Inspiration an. Gerade die Gesangsparts. Eine Schande was sich dagegen heut so Emo schimpft. Jaja...früher war wirklich alles besser...

von Alex // Allschools 01.10.2009 08:11

Das waren noch Zeiten, auch wenn ichs nicht sofort gehört habe. war ja immerhin erst 12. Aber es hat nicht mehr lange gedauert ;) Schönes Review René!! @ Shit: Hab die Far auch wieder ausgepackt und singe jetzt fleißig "Man Overboard" mit ;)

von Raphael (5ter Anlauf) 01.10.2009 10:03

Großartiges Cover. Großartige Aufmachung der Re-Releases und überhaupt - eine der besten Alben in dem Sektor ever. Auch der Nachfolger, wobei Diary ja die Hits hat!

von elliott 01.10.2009 11:39

tolles Review...1994...ist das schon 15 Jahre her!? Damals war Emo noch keine Beschimpfung...chrstie front drive..mineral...split lip...sdre...wunderschöne Zeiten..der vergessene Teil der 90er

von Raphael 01.10.2009 11:44

Leute, gerade halte ic die Deluxe Edition von der Get Up Kids überplatte something to write home about in den händen. was ist dieser tage nur los? will man uns erneut des emo's künste lehren? GEIL!

von Shit 01.10.2009 12:17

@elliot: Split Lip!!!! Oh man, die waren auch toll. Heute Abend weiß ich was ich mache: Alte Platten rausgraben und in Erinnerungen schwellen....

von keshi 01.10.2009 13:31

isch war 13, habe sdre auch erst einige jahre später entdeckt. die pinke platte is aber auch geil. weitere geile bands aus der zeit: farside, sense field, christie front drive, falling forward, march

von keshi 01.10.2009 15:16

live bei Jimmy Fallon am 29.09.: http://www.youtube.com/watch?v=7GOFCpLfjPk

von @keshi 01.10.2009 15:24

oder einfach auf den Allschools news am heutigen Tage

von gniwerj 01.10.2009 17:49

echt tolles review. und bei der gelegenheit fällt mir ne super möglichkeit ein, um mich vorm anstrengenden wäschewaschen gleich zu entspannen:D. ne feine stunde mit reno kid, my spacecoaster und maple ...und sdre:)

von Shit 01.10.2009 19:11

Bin gerade bei Farside "Rochambeau" angekommen. Man, ein geniales Album...

von penguin-in-the-desert 01.10.2009 21:55

Endlich kommt hier auch mal an, was Emo wirklich ist! Hut ab, super Review! Wenn es Klassiker in diesem Genre gibt, dann die Platte.

von gnaaf 02.10.2009 18:19

ich liebe die scheibe!

von maxii 05.10.2009 22:00

Super Album, schön geschriebene Review. Mineral fand ich okay, aber nicht ansatzweise so gut wie SDRE. Appleseed Cast kamen mitunter fast ran. Zuletzt Bob Tilton entdeckt. Gehen auch in eine ähnliche Richtung.

Autor

Bild Autor

René

Autoren Bio

There is plenty to criticize.

Suche

Social Media