Plattenkritik

Texas Is The Reason - Do You Know Who You Are The Complete Collection

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Release Date: 22.02.2013
Datum Review: 21.02.2013

Texas Is The Reason - Do You Know Who You Are The Complete Collection

 

Musik von ehemaligen SHELTER und 108-Mitgliedern, die ihre MISFITS-Referenz recht ungeniert im Bandnamen trägt, hätte man sich vor 19 Jahren wahrscheinlich entweder ideologischer oder aber gruseliger vorgestellt. Dass es anders kam, ist zum einen ein großes Glück, zum anderen ein Beweis für eine in sämtliche Richtungen ausschlagende kreative Szene, die sich nicht länger mit Klischees von weißen Männern in Feinrippunterhemden begnügen mochte. Ein Rückblick nach vorne.

Wir sehen einen sinnsuchenden Skinhead mit einem Hammer unter seiner Bomberjacke. Einen jungen, bücherwälzenden Hare-Krishna-Mönch, der Passanten mit Aufklärungsliteratur versorgt. Ein kurzzeitig obdachlos Gewordener, der seine Essensmarken zählt, rückt ins Bild. Wir beobachten einen etwa Neunzehnjährigen mit Druckerschwärze an den Händen, der schwarzweiß Fotografien ziemlich unbekannter Bands in die Bleiwüste schickt. Später, Jahre später erst, sehen wir eine Band, die die Schnauze voll hat von Machismo und Kult. Von religiösem Eifer und exaltiertem Moshpit. Die Mitglieder von TEXAS IS THE REASON sind zu jener Zeit nicht undankbar. Sie sind einfach älter geworden. Eine unschlagbare musikalische Einheit waren Garett Klahn, Norm Arenas, Chris Daly und Scott Winegard nur für kurze Zeit. Vor 16 Jahren dann die erste Trennung. Eine Trennung aus Gründen der Freundschaft übrigens. Nach gerade einmal drei Jahren Bandexistenz – und einem Album.

„This band is real!“, so sieht es Norman Brannon – Gründungsmitglied und Gitarrist - immer noch. Oder besser: schon wieder. Revelation Records unterschreiben dieses Authentizitätsstatement offenbar. Daher also das Gesamtpaket. It is happening again…Nach vereinzelten Reunionshows, unter anderem als Geburtstagsüberraschung zum 25ten ihrer Labelheimat im letzten Jahr, liegt hiermit alles vor, was die Band jemals geschrieben und (zu Teilen: endlich) veröffentlicht hat: Eine EP, ein Album, zwei Splits mit befreundeten Bands. Überschaubar, durchaus. Aber eben auch absolut zeitlos. Die einzigen beiden bisher unveröffentlichten Songs nahm die Band im letzten Jahr unter der Ägide von J. Robbins zum ersten Mal auf. Wahrscheinlich macht es Sinn, mit denen anzufangen. Kein Neuanfang, lediglich das Hinzufügen des letzten Puzzleteiles. 'Every Little Girl's Dream' und 'When Rock 'N' Roll Was Just A Baby' scheinen rein titeltechnisch nicht wirklich in den Katalog der Band zu passen. Letzterer ein druckvoll-getragener Song mit verspielten, vordergründigen Gitarren, und beiläufig-begeisterndem Refrain, der natürlich keiner ist. Ersterer eine sechsminütige, sämtliche Stärken der Band ausspielende Dramaspritze inklusive erhabenem Schellenkranz, Gitarrendruck und einem ins britische kippenden Finale, das man in dieser Form eher von CHAMBERLAIN erwartet hätte. Vielleicht einer der besten Songs, den diese Band je geschrieben hat. Das sind dann wohl die aufgehübschten Leichen, von denen Garett Klahn im Vorfeld der Veröffentlichung gesprochen hat. „A little beat up“, in einem schnieken Anzug steckend. Man wünscht sich glatt ein komplettes Album mit diesen neuen alten Songs. Alles beim Alten, alles gut.

Was hat TEXAS IS THE REASON damals wie heute ausgezeichnet? Eine Unaufgeregtheit, die nie ins allzu Softe kippte. Das präzise Drumming von Chris Daly. Ein stoisch-vertrackter Beat, den man in ähnlicher Form auch bei Weggefährten respektive Labelkollegen wie JAWBOX oder QUICKSAND finden konnte. Dann die Sturm-und-Drang Gitarren von Arenas und Klahn, die Hardcore – wenn überhaupt – nur noch im Nachnamen trugen. Der Bassteppich von Scott Winegard. Gerahmt auf dem einzigen Album von einer kantigen, trockenen, leicht höhenlastigen J. Robbins Aufnahme und – natürlich – der nasalen post-hardcore-turned-rock Stimme von Garett Klahn, die immer mal befreiter klingt als die Dinge, von denen sie singt. An TEXAS IS THE REASON war trotz ihres musikalischen Hintergrundes nichts mehr gefährlich oder körperlich. Auch nichts allzu Urbanes. Analog zu – sagen wir mal – SDRE oder MINERAL verhandelten sie das Persönliche mit traumwandlerischer Sicherheit in unpeinlichen (Indie-)Rocksongs mit Ecken, Kanten, Untiefen, geschickten Wendungen und gut versteckten Streichern. Persönliche Paradigmenwechsel: Männer durften ihre Gefühle plötzlich singen. 'Johnny On The Spot', 'Nickel Wound' und vor allem 'Back And To The Left' sind bis zum heutigen Tage mal euphorische, mal umarmende, mal drückende Hymnen auf das gebeutelte Leben, das seine Chancen auf Kurskorrekturen nicht final eingebüßt hat. Und ein Song wie 'Antique' beweist auch heute noch, wie wenig Zeit eine Band bei ausreichend vorhandener Chemie benötigt, um ihren Sound verblüffend schnell auszudefinieren. Die Flächen, das Pathos, der Punch, der Sinn fürs größer Angelegte: hier findet sich die emotionale DNA der New Yorker.

Dass ehemalige Mitglieder dieser Band nach deren Auflösung die Grenzen zwischen (Post-)Hardcore, Emo, Americana und anderen schwer zu umreißenden Subgenres spielerisch und zumeist auf schwindelerregend hohem Niveau haben einreißen können, bleibt ein weiteres Verdienst: JETS TO BRAZIL, NEW END ORIGINAL, SOLEA und ATLANTIC/PACIFIC sind da nur einige Ausläufer des TEXAS IS THE REASON-Universums. Nach aktuellen Standards sind TEXAS IS THE REASON eine mehr als geerdete (Indie-)Rockband. Es gibt keine großen Geschichten. Keine wirbelnden Gitarren. Lebensentwürfe, die nicht zwingend an Szenegedanken gekoppelt sind, die gibt es, Bodenständigkeit und Worthunger. Die Mitglieder wirken auch gegenwärtig noch in Interviews euphorisiert vom damals Erreichten (den Songs), ohne gleich ins Mystifizierende zu kippen. Der Junge mit der Glatze, der Nachwuchsmönch, der hungrige Autodidakt mit den schwarzen Händen: er hört heute auf den Namen Norman Brannon und ist ein glücklicher Mensch. Der Rest ist erzählt. (Revelation Records)

Weiterlesen:
Norman Brannon - The Anti-Matter Anthology
Brian Peterson – Burning Fight

Tracklist:
1. Johnny On The Spot
2. The Magic Bullet Theory
3. Nickel Wound
4. There's No Way I Can Talk Myself Out Of This One Tonight (The Drinking Song)
5. Something To Forget (Version II)
6. Do You Know Who You Are?
7. Back And To The Left
8. The Day's Refrain
9. A Jack With One Eye
10. Every Little Girl's Dream (previously unreleased)
11. When Rock 'N' Roll Was Just A Baby (previously unreleased)
12. Blue Boy
13. Something To Forget (Version I)
14. If It's Here When We Get Back It's Ours
15. Dressing Cold
16. Antique

Alte Kommentare

von Niels 21.02.2013 17:24

...einfach mal eine der besten Platten ever. Punkt. Bin gespannt auf die beiden unveröffentlichten Songs......

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René

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