Plattenkritik

The Unwinding Hours - Dto.

Redaktions-Rating

Info

Release Date: 12.02.2010
Datum Review: 29.03.2010

The Unwinding Hours - Dto.

 

Du bist keine Monade. Dinge, die du fühlst, fühlen auch andere. Teile von AEREOGRAMME sind glücklicherweise zurück. Etwas verzärtelter und behäbiger zwar, dennoch: Für nicht wenige absolut majestätische Momente dieser Platte würden Bands Effektpedale, Tagebücher und die Seele ihrer Freundin verkaufen.


Das Leben ächzt, bebt, zittert und arbeitet unter seinem eigenen Gewicht. Von diesem Beobachterstandpunkt aus betrachtet, sieht fleißige Betriebsamkeit immer so aus, als wäre das eine gute Alternative zu lästigen Gedankenspielen, die ohnehin zu nichts führen. Kann vielleicht mal jemand vorbei kommen, um das Leben und diesen Beziehungskram auszulachen? Kann vielleicht mal jemand vorbei kommen und diesen ganzen Menschen sagen, dass sie sich ordentlich auf dem Holzweg der Selbstverwirklichung befinden? Kann vielleicht mal jemand einen Song erdenken, aufschreiben und spielen, der das alles in die passende Form fasst? Der- oder Diejenige darf dem Song auch gerne einen ziemlich blöden Namen geben. Der 'Knut' hier jedenfalls ist kein dämlich-süßer Eisbär, der aus Konsumjunkies plötzlich sorgsame Tierschützer macht, kein debiles Tannenbäume-aus-dem-Fenster-Werfen für pseudofreundliche Gleichmacher-Raumausstatter. Verhalten, reduziert, sich beständig steigernd, legt das erste Stück der Nachfolger der famosen Untiefen-Ausleuchter AEREOGRAMME die emotionale Messlatte so verdammt hoch, dass man nur denken kann: „Beim nächsten wird sie gerissen. Das geht jetzt gar nicht anders.“ Tatsächlich ist 'Knut' in seiner post-rockigen Stringenz wohl DAS Aushängeschild des Albums. Es geht allerdings auch unter beinahe-perfekt noch gut weiter. Durchdacht geschrieben, nein, komponiert. Mit zarten Streichern und perligem, nie aufdringlichem Piano. Vorgetragen mit schwereloser, stets leicht zitternder Stimme. Der Trick von THE UNWINDING HOURS um Craig B. ist eigentlich ein sehr einfacher. Man ist sich nicht zu schade für die ganz große Geste und auch ein wenig Kitsch, die Kameras fürs Kopfkino nehmen nur die wirklich existenziellen Szenen auf, man legt die Finger nur in ganz frische Lebenswunden. Die Band wirkt dabei jedoch nie abgeklärt, immer angreifbar und weiß um die Tatsache, dass ihre Elaborate immer nur Momentaufnahmen sein können. Es muss schließlich auch noch Platz bleiben für Bands wie SLAYER oder so. 'Tightrope' ist dann verdächtig auf Radio-Format gestutzt. Es wäre jedoch eine wahre Freude, tönten solch dramatisch orchestrierte Refrains mitsamt fragilem Gesang aus dem Durchschnittsrotz, der uns an allen Ecken und Enden um die Ohren geballert wird. Hochdramatisch wird es auf dem selbstbetitelten Debüt der Schotten mindestens noch – einige Male. 'There Are Worse Things Than Being Alone' schämt sich gar nicht erst für seinen plakativen Titel, muss es in Verbindung mit dieser Musik, die sich gegen Ende selbst in die Unendlichkeit umkrempelt auch überhaupt nicht. Wenn dann 'The Final Hour' am Schluss beginnt zu stampfen und zu poltern, erschrickt der Hörer beinahe und wünscht diesem Sänger, dass es ihm hoffentlich bald besser gehe.

Und dann ist man plötzlich wieder alleine mit sich und diesem Lebensquatsch. Lacht über die FDP, sorgt sich um die Gemeinschaft und verflucht alle Coffee-to-go-Menschen dieser Erde. Vielleicht – nein, mit Sicherheit – hört man sich dieses Album dann noch einmal an.

Tracklist:

01: Knut
02: Tightrope
03: Little One
04: There Are Worse Things Than Being Alone
05: Solstice
06: Peaceful Liquid Shell
07: Child
08: Traces
09: Annie Jane
10: The Final Hour

Alte Kommentare

von Alex G. 29.03.2010 13:23

Grandios. Einfach nur grandios!

von boeni 29.03.2010 15:29

wenn man vor sich selbst wegläuft, kann man fahren wohin man will

von MisterBeast 30.03.2010 14:12

fazit: einer der besten schreiber hier reviewt ein großartiges album einer famosen band. was für ne kombi!

von Raphael 30.03.2010 14:18

find ich fast geiler als alte aerogramme sachen. hammerplatte.

von Alex G. 30.03.2010 14:20

Soweit würde ich noch nicht gehen, Aereogramme sind eigentlich FAST unschlagbar. Ich warte, wie es sich entwickelt.

von Raphael 30.03.2010 14:28

Da hast Du natürlich nicht Unrecht. Aber derzeit und eigentlich seit dem ersten Unwinding Hours ton sind Aerogramme hinfort für mich..

von Geschmaxpolizei 30.03.2010 16:06

Kann mir einer die Faszination dieser Kombo nochmal erklären? Erschließt sich mir nicht. Finde z.B. das gehuldigte "Knut" eher langatmig und ehrlich gesagt auch harmonisch und von der Dramaturgie her alles andere als mitreissend.

von Arndt 10.05.2010 12:14

sehr guutes review. rene macht sich eben immer rar und hat dann bei den wichtigen sachen immer einen hammer raus ;)

von Raphael 15.09.2010 17:13

bisher die platte des jahres. einfach viel zu groß.

von Fabian 15.09.2010 18:04

Ja doch mag ich auch :)

von Tobe 15.09.2010 22:30

mal sehen... äh, ich meine hören.

von ThoeCarrioer 16.09.2010 12:52

Wunderbares Album...aber was bitte gibbet an Coffee To Go auszusetzen ?!

von TheGrotesque 16.09.2010 13:07

naja, weil die leute, die das machen, den kaffee zur schau und somit sich selbst zur schau tragen. das ist wie früher, als auf einmal jeder dritte ein surfbrett auf dem auto hatte. surfen konnten die aber nicht.

von haha 16.09.2010 14:55

du bistn spinner

von für diesen kom,mentar 16.09.2010 16:14

bekommt die platte leider nur einen punkt

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René

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