Plattenkritik

epilog & Misanthrop - Wille und Wahn

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Datum Review: 11.10.2010

epilog & Misanthrop - Wille und Wahn

 

Stellen wir den Menschen nackt dar. Ohne seinen Besitz oder seine Kleider, welche ihn in irgendeine Schublade stecken, ohne seine ganzen Verschleierungen und Ausreden über sich selbst, zwischen „wie ich sein will“, „wie ich mich darstellen möchte“ und „wie ich wirklich bin“. Was bleibt da am Ende übrig, wenn wir den Menschen so ganz nackt offenbaren, hier in unserer zivilisierten, westlichen Welt? Ein sensibles Etwas, zerfetzt von Gefühlen und Gedanken, von Ängsten und Wünschen, geprägt vom Idealismus und dem tiefen Fall auf den Boden der Tatsachen. „Wir fallen tief – weg von unser’m Paradies“ heißt es auf dem letzten Song von „Wille und Wahn“. Das innere der Verpackung der CD (kein Jewelcase, kein Digipack, sondern irgendwas spezielles aus dünner Pappe) zeigt eine nackte, mit Blut verschmierte Frau, welche auf dem einen Bild nach Sitte mit Gabel und Messer, auf dem anderen mit den Händen menschliche Gedärme verspeist. Was genau wollen EPILOG & MISANTHROP? Eindeutig ist das nicht festzumachen, doch die beiden schrammen Dinge an, kritisieren mit Verschleierung beziehungsweise indirekt Menschen in der heutigen westlichen Welt. Oder ist „kritisieren“ nicht schon zu hart? Vielleicht doch eher einfach Darstellung; Darstellung ohne Kritik, viel mehr Darstellung dessen wie der Mensch sich wirklich fühlt in diesen kapitalistischen Kosmos, wo Ideale von der Leinwand kommen und das Individuum zusehen muss wie es mit Ellbogen im Leben einen Platz findet. Und natürlich wie es sich damit lebt.

Musikalisch ist das vielleicht nicht ganz so düster und zerrüttend wie bei AUDIO 88 & YASSIN (sondern stimmungstechnisch viel näher an COCON), Parallelen gibt es dennoch: Die Bedeutung des Textes steht vor der Notwendigkeit des Rhyhmes, Dinge werden meist nicht direkt angekreidet, sondern bloß in den Raum gestellt und dabei gerne ins Lächerliche gezogen. Ein Sarkasmus, welcher sich über Großteile aber überraschend gut hören lässt: Zwar bohren epilog & Misanthrop über die gesamte Spielzeit in den Verhaltensstrukturen des Menschen, doch so wirklich grau und kaputt werden die beiden nur gelegentlich. Angenehm fürs eigentliche Hören des Ganzen (was ja auch – neben den Texten – nicht zu vergessen ist) sind auch die Features, wo mit „Colours Of The World“ und James P Honey u.a. eine nett eingängige Kollaboration aus deutsch und englisch geboten wird und auf „Kopf oder Zahl“ auch auf Französisch gespittet wird. Den wirklichen Abgrund heben sich epilog & Misanthrop fürs Ende auf: Das eben bereits erwähnte „Paradies“ konkretisiert noch mal das Dilemma des heutigen Menschen anhand einer Beziehung, welche nach und nach ihre Leidenschaft verliert. Und ausgerechnet dieser Song ist dann auch der hörbarste, der eingängigste, der konventionellste dieser Ansammlung mal mehr-, mal weniger zerreißenden, dabei aber immer sehr freien Stücke. Aber natürlich: Dieser Refrain dient nur dazu, diese eine, so bittere Zeile „Wir fallen tief – weg von unser’m Paradies“ immer und immer wieder zu wiederholen.

Und dann fragt man sich doch: Will man so viel Nacktheit hören? Und generell: Ist sowas musikalisch auch wirklich unterhaltsam - bei Texten, welche die Bedeutung vor den Rhyhme stellen und lieber innerlich verwüsten als eben zu unterhalten? Generell gilt: „Wille und Wahn“ ist weder Rap für Jedermann, noch Rap zum Nebenbeihören. Doch wie das auch auf so manch Buch zutrifft, verhält es sich bei „Wille und Wahn“: Die Stimmung mag zwar innerlich zerreißen, doch die Aussage fasziniert nachhallend – und das hat das Lesen letztlich dann doch lohnend gemacht. Und dafür muss man nicht mal die Meinung des Autors teilen.

Tracklist:

1. Der gute Wille
2. Sing für das Schweigen
3. Colours of the World// mit James P Honey
4. Wiederholungsübung
5. Arbeitsstundeneinheitsbrei// mit Misanthrop
6. Von Primaten
7. So einfach// mit Audio88 und Misanthrop
8. Die Choreografie der schönen Welt
9. Kopf oder Zahl// mit zoën
10. Worte vom Wahn// mit babel fishh
11. Lied der einfachen Weisheiten
12. What’s about that hope?// mit James Reindeer
13. Tanz der Normalität
14. Paradies

Alte Kommentare

von Instagib 11.10.2010 18:57

CD-Tipp!

von Blasta Tha Butcha! 11.10.2010 23:19

Was für eine SCHEISSE. Da sind ja 0 Punkte noch zu viel.

von Mösenfurz einer reichen Tante 11.10.2010 23:36

Wer sowas hört spielt sich sicherlich den ganzen Tag am Puller rum und trägt ne Nickelbrille und trinkt Wurstwasser. Bäh.

von also 12.10.2010 12:53

bei aller liebe zur musik, sowas ist echt nicht empfehlenswert. und dass dieses album hier auch noch als CD-Tipp gehandelt wird zeigt abermals dass reviews hier nunmal einfach nicht mehr sind als persönliche meinungen von leuten die keinen einfluss auf uns haben (sollten)

von Treibhaut 12.10.2010 14:17

Tolles Review. Danke für den Tip! Gefällt mir sehr gut. Schön, dass einem hier musikalische Vielfalt geboten wird...bei manchen scheinen die Scheuklappen wohl schon zu verwachsen. Da rapt einer, geht ja garnicht.

von xtreeem 12.10.2010 16:31

über die zeit werden einige leser sicherlich merken, dass sie mit manchen rezensenten auf einer wellenlänge liegen, mit anderen weniger. völlig objektive reviews gibt es nicht.

von Markbus 12.10.2010 18:35

haha...wie gut ist das denn?natürlich isne review ne persönliche meinung.nee,die subjektive meinung eines objektiven musikexperten..blub. ich hab mir die scheibe grad durchgehört.finds ziemlich gut,definitiv ne ausnahme erscheinung im hip hop.super beats,guter rapper und texte mit anspruch.hat irgendjemand von euch das album gehört?oder pauschal scheisse,weil hip hop?

von psylopils 12.10.2010 22:02

ganz subjektiv: musik/beats: geht gar nicht. gesang/rap: hab ich keine ahnung von, aber nein danke. texte: oh wie intellektuell, ich werd jetzt hegel und kant lesen. werden cd-tipps hier eigentlich individuell vergeben oder müssen mehrere zustimmen?

von Manuel F. 12.10.2010 22:25

Individuell. Oder wie du es sagst: "ganz subjektiv".

von Blasta Tha Butcha! 12.10.2010 22:30

Oh Mann...das hat nix damit zu tun, ob es sich hier um ne Rap, Industrial, Gothic oder Schlunzcore Platte handelt...DAS is einfach Musik für Arschlöcher

von Treibhaut 12.10.2010 23:08

yeah,blasta strotzt vor argumenten.was der butcha nicht kennt,frisst er nicht. ein arschloch dankt. erfrischt davon, dass es noch musik gibt,die mir aus dem herzen spricht und es schafft zu polarisieren.

von finn 12.10.2010 23:15

hmm...soll wohl so was wie ne deutsche variante von diversen anticon-bands sein. problem hier, wie bei fast allen deutschen hip-hop-sachen, unsere sprache eignet sich einfach nicht für diese art von musik.

von tim4tw 13.10.2010 00:16

Bei manchen Kommentaren hier kann man sich echt nur an den Kopf fassen.

von molch 13.10.2010 08:51

wann kommt kollegah-review?

von Treibhaut 13.10.2010 09:28

also epilog und kollegah haben wohl selbst für ein kindergartenkind offensichtlich soviel gemeinsamkeit wie grizzly bear mit slayer.

von olo 13.10.2010 11:32

unglaublich wieviel leute keine ahnung haben und sich das maul zerreißen. und unsere schöne sprache eignet sich sehr wohl für solche musik! aber anscheinend muss ja alles rund sein.

von Treibhaut 13.10.2010 14:18

für jene, die es interessiert.hab zum in der review erwähnten song "paradies" ein schönes video gefunden: http://www.youtube.com/watch?v=0BFFxXy8KCY

von finn 13.10.2010 18:59

@ olo seh ich eben nicht so. da es im amerikanischen wesentlich einfacher ist silben zu verschlucken. im deutschen steht man da relativ schnell vor problemen. und jeder der sich etwas mehr mit hip-hop auseinander aussetzt wird dir das selbe sagen. deinen ersten satz hättest du dir übrigens sparen können.

von Markbus 14.10.2010 10:59

hier gibts neues: http://epilog.bandcamp.com/album/das-jahr-der-wasserleiche

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Olivier H.

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"They said, Do you believe in life after death? I said I believe in life after birth" - Cursed

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