Plattenkritik

m2 - Global Pigeon

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Release Date: 22.03.2009
Datum Review: 31.03.2010

m2 - Global Pigeon

 

Seien wir doch mal ehrlich: Wir sind doch Masochisten. Wir lieben es, wenn Musik uns quält. Wenn sie vertrackt ist, wenn sie Umwege geht, wenn sie etwas länger Zeit braucht. Wenn sie zwar ganz spezielle Gefühle erweckt, dafür jedoch Umwege wie immense Monotonie oder jeden einigermaßen normalen Menschen in den Wahnsinn treibende Taktwechsel geht. Das mag zwar nicht auf alle von uns zutreffen, aber ich gehöre dazu. Und ich bin mir sicher: Ich bin da nicht alleine.

M2 gibt es da zum Beispiel. Doch sie stehen am anderem Ende des Hebels: Sie sind die Sadisten. Sie mögen es zu quälen. Doch mag ich es, von ihnen gequält zu werden? 6 Songs in den Sprachen Englisch, Deutsch, Holländisch, Italienisch und Französisch testen mein Gemüt. Die Gitarren sind noisig angehaucht, das mag ich: Es hat alles so einen rauen, kaputten Charme. Doch wirklich laut wird es selten: Es ist eher wieder unser Freund Monotonie, der uns zu schaffen macht. Direkt mit dem Brecheisen durch die Tür wäre ja auch zu einfach – M2 sind da subtiler.

Einer dieser eben beschriebenen Umwege ist (in Kombination mit der Monotonie) aber wohl dieser ständige Wechsel der Sprachen. Gelinde gesagt: Es treibt einen in den Wahnsinn. „Global Pigeon“ ist orientierungslos, strukturlos, frei von logischen Zusammenhängen – und deswegen irgendwie faszinierend.

Herrlich ist „Global Pigeon“, wenn dann die Zeile „Keine Gegenstände aus dem Fenster werfen“ aus dem gleichnamigen Song immer und immer wieder wiederholt wird. Man beachte: Das sind Italienier – und es scheint nicht so, als hätten sie sich jemals wirklich mit dieser Sprache auseinander gesetzt. Doch es hat Charme, weil es total kaputt wirkt, weil diese völlig falsche Aussprechweise ja auch nur die Rohheit und das Ungeschliffene unterstreicht, was „Global Pigeon“ schon instrumental ausdrückt. Darauf folgt dann ein Sprachsample einer Dame, welche zwar schon etwas eher der deutschen Sprache mächtig ist, dies aber noch nicht wirklich lange der Fall zu sein scheint. Auch das hat Charme, weil es völlig Zusammenhangslos in den Song, in das Album eingebettet wurde, und man davon ausgehen kann, dass auch M2 selbst da nicht so genau wissen, worum es geht.

Doch kann eine solch abstrakte Form der Kunst auch zu weit gehen? „Global Pigeon“ steht stets kurz davor, den Bogen zu überspannen. Wenn minutenlang dasselbe Riff den Klangteppich ziert, wenn M2 die Zeile „Meine Gäs…te! Meine Gäs…te!“ immer und immer wieder bringen, und nicht zuletzt wenn „Slaapliedje“ als letzter Song auf völlig – sagen wir doch einfach, wie es ist – nervige Art das Gemüt quält, ja dann bleibt am Ende nur noch eine Frage bestehen: Ist das noch Musik? Nun, nach meiner Definition von Musik ja, weil Musik alles sein kann, was Klänge aneinander reiht – deswegen gibt es auch so Eigenarten wie das Genre Drone (die dann – zumindest im Falle Drone - sogar verdammt gut funktionieren). Doch viel wichtiger ist dann vielleicht die Frage: Will man das hören?

„Global Pigeon“ erfüllt insofern seinen Zweck, als dass es eine sehr eigene, ja doch verstörende Stimmung hinterlässt. Wer „Global Pigeon“ beim Shoppen oder Bummeln in der Stadt unter den Kopfhörern hat, wird die Welt wohl plötzlich ganz anders sehen – ganz bestimmt! Doch für all das sollte der Hörer starke Nerven mitbringen. Vor allem aber sollte er zu jener Kategorie gehören, welche ich anfangs umschrieben habe: Den (musikalischen) Masochisten. Ist man das – und ist offen für ganz spezielle Eigenarten von Kunst – erlebt man mit „Global Pigeon“ jedoch ein Album, dass durchaus einer Beschäftigung wert ist.

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Olivier H.

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"They said, Do you believe in life after death? I said I believe in life after birth" - Cursed

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