
03.07.2010: Rheinkultur Bonn - Rheinauen - Bonn
Die Rheinkultur in Bonn. Längst nicht nur etabliert und durchgesetzt sondern eine feste Marke im Open-Air Dschungel der Sommerfestivals. Lockt das Festival doch mit Umweltfreundlichkeit und dem Banner „Gratis“, macht aber generelle Fehler, die sich Jahr für Jahr wiederholen. So sind auch dieses Jahr viel zu wenige Toiletten auf dem Gelände, desweiteren wirkt besonders in diesem Jahr alles weiter auseinandergerissen als ohnehin schon und dann wäre da noch die Preispolitik, die man natürlich mit dem freien Eintritt rechtfertig. Trotzdem solch derbe Getränkepreise? Dann lieber 15,60€ für ein Ticket verlangen. Aber gut – der Reihe nach.
Schon als ich mit dem ICE in Köln ankomme, so gegen 10Uhr morgens, ist der Bahnhof gefüllt mit feierwütigen, jungen, schönen Menschen. Sie alle wollen den Exzess, die wollen feiern. Kurze Hosen, kurze Röcke, „Pants“, die dem Motto „weniger ist mehr“ in nichts nachstehen und natürlich Alkohol. Klein Jenny trinkt da schonmal eine Flasche Sekt, der geile Marc trinkt „Malibu“ und grinst sich einen ob seines Rebellentums. Ich beneide die Kids irgendwie, haben sie doch noch unbeschwert Spaß am Establishment und haben gar nicht das Interesse, sich mit dem Festival und dem dahinter zu beschäftigen. Dass HAMMERHEAD das ähnlich sehen, beschreibe ich später.
Erstmal heißt es gegen 15.30Uhr reinkommen. Das Festival verzichtet auf eine Bühne, baut dafür eine große Leinwand auf hat sogar die Getränkepreise für Wasser auf gönnerhafte 2,40€ geschrumpft. Dass es gar nicht so heiß werden würde, sah man dann kurz vor Anpfiff. Wind, Platzregen, Sturm. Die Rheinkultur fällt ins Wasser, könnte man meinen. Das Festival verwandelt sich in ein matschiges Etwas, wird bis kurz nach dem grandiosen Deutschland-Sieg alleine von Dauerregen beherrscht. Die Assel-Punks stört’s nicht, die Sekt-Girlies sind irgendwie aufgeschmissen, die Styler in Flip-Flops machen das Beste draus. Pünktlich zu HAMMERHEAD aber ist der Regen vorüber, was die Band ohnehin nicht juckt. Schon vor dem Gig gab es virtuelle Flyer zur Rheinkultur-Show zu sehen, auf denen HAMMERHEAD sich selbst anpreisten und zusätzlich mit „53 weiteren Scheissbands“ warb. Wie geil! Ich muss zugeben: Ich habe HAMMERHEAD noch nie live gesehen, weiß also nicht, inwieweit Quasi-Legende Tobias Scheisse diese Ansagen auch in kleinen Clubs reißt, für heute jedenfalls provoziert er und stellt scharfsinnig fest. Dass feiernde Publikum kapiert seine Anspielungen nicht, nur dann, wenn er konkreter wird („Als ich so alt war wie ihr, da habe ich die Bands mit Matsch beworfen“) und etwas indirekt verlangt. Der Matsch fliegt schnell, ihm ist es egal. Musikalisch bieten HAMMERHEAD ihren Punk der absolut druckvoll daherkommt und total auf den Punkt gespielt wird. Fragen werden keine offen gelassen, aber auch nicht beantwortet. Denn Scheisse beleidigt sein Publikum, mag die Rheinkultur nicht, stellt fest, dass alle Iro-Punks auch nur Teil des Establishments sind das Schöne: Er nimmt sich selbst auch gar nicht ernst. So bleiben perfekte Ansagen, ein großartiges „Ich sauf allein“ und ein Festival, welches samt Publikum den Spiegel vorgehalten bekam. Nochmal hier spielen werden HAMMERHEAD bestimmt nicht.
Danach hatte man die Qual der Wahl aus Not (JENNIFER ROSTOCK) und Elend (SONDASCHULE) und ein paar komischen Rappern. Die Wahl fällt auf Not. JENNIFER ROSTOCK, diese laute Göre, die meint, sie wäre unfassbar stylisch, geil und lustig. Ist sie nicht. Ihre Ansagen jedenfalls sind einfallslos, niveaulos und einfach nur unlustig. Da wird an der einen Stelle darum geben, dass die Mädels ihre Titten zeigen sollen (was natürlich auch geschieht) und an der anderen wird ein „potenter Mann“ gesucht, der danach das Vergnügen hat, mit Fräulein Rostock auf der Bühne zu tanzen und sich zum Vollhorst macht. Er weiß jetzt: Es gibt doch etwas schlimmeres als einen Kater am frühen Morgen. Nämlich der Kater am frühen Morgen mit dem Wissen, vor zehntausenden von JENNIFER ROSTOCK vorgeführt zu werden. Schön hingegen ist die Idee, dass ein weiblicher Fan auf die Bühne kommt und den „Smash-Hit“ „Kopf oder Zahl“ komplett vorträgt. Sie wiederum hat sich am nächsten Morgen sicherlich noch immer super gefühlt, wozu sie auch allen Grund hätte. Toll gemacht! Ansonsten nerven Ansagen a la „Ey Mädels, hängt mal eure Titten über die Absperrung“ und das verteilen von starkem Alkohol an minderjährige total, weil es eben sehr konstruiert wirkt und eindeutig ist, dass die Rostock lediglich provozieren will, es aber lange nicht macht. Nach gut einem Viertel voller Langeweile und Stumpfsinn zieht es mich dann komischerweise doch zu SONDASCHULE. Jene sind ja inzwischen auf einem Major-Label gelandet und strecken daher ihre grün/weiße Imagefarbe in jede Musikzeitschrift und versuchen sich irgendwie zu platzieren. Dass eine Ska-Punk auf einem Gratis-Festival, das teilweise scheinbar der Ballungsraum für Assel-Punks zu sein scheint, keine schwere Aufgabe zu bewältigen hat sieht man gleich bei ihnen. Der komplette erste Wellenbrecher pogt sich dumm und dusselig, während zwei arme Punks nicht mehr in den ersten Wellenbrecher kommen. Geschlossen weil voll! Die beiden stiften daher kurzerhand zu „Pogt die Absperrung nieder“ und grölen ihren Stuss bis zum Schluss von SONDASCHULE über das Gelände. Es gibt sie also doch, die Protestkultur.
Nach SONDASCHULE betreten ALEXISONFIRE die Bühne und unterstreichen einmal mehr ihr Können. Zwar bin ich wohl der einzige Mensch auf Erden, der ernsthaft behauptet, die Band könne vor allem auf großen Bühnen perfekt überzeugen, aber heute kann sich jeder davon ein Bild machen. Die Band hüpft energisch von A nach B, wirkt perfekt aufeinander abgestimmt und agiert auf hohem Niveau. Schön auch, dass der Sound für ein Open-Air Festival optimal abgemischt ist. Was sonst noch schön war? „The Northern“ wurde nochmal intensiver gespielt als noch zwei Tage zuvor beim Gig im Berliner Magneten, „Accidents“ reißt komplett ab und das Publikum stört sich einen Scheiß auf das Crowd-Surfing Verbot. Schön anzusehen war es, wenn auch bei ALEXISONFIRE stets das Manko mitschwingt, dass sie einfach keine alten Songs mehr spielen.
Nach ALEXISONFIRE bleibt dann auch nicht mehr viel. Der Headliner MADSEN höchstens. Die sind das beste Beispiel dafür, dass die Rheinkultur irgendwie nicht mehr dazu steht, was sie einst war oder sein wollte. Denn bis zum 25. Jährigen Jubiläum wurde noch Wert darauf gelegt, dass hier keine Band zweimal aufspielt. MADSEN spielen jetzt zum dritten Mal hier, das erste Mal als Headliner, was auch ein wirklich komisches Bild ist. Überhaupt war das Line-Up dieses Jahr bis auf kleine Ausnahmen mehr als schlecht, auch die miese Orga an Theken und Toiletten hat diesmal nur funktioniert, weil scheinbar mehr Personal tätig war, welches aber ähnlich überfordert war wie vor einem Jahr. Desweiteren kann der Veranstalter froh sein, dass nach dem starken Regen viele Besucher wieder abgereist sind und das Festival so erstmals einen entspannten Flair genoss. Aber zu MADSEN: Der Sänger hat noch immer einen gebrochenen Arm, unterstützt wird man (zumindest war das beim Gig in Berlin vor ein paar Wochen so) von dem JULI Gitarristen. Das hat dann schnell einen gewissen Touch von den Toten Hosen, vor allem weil Sänger Sebastian ohne seine Gitarre ziemlich hilflos ausschaut. Vorbei ist die Sause pünktlich um 0.00Uhr und irgendwie ist jeder froh, nach einem unglaublich langen Tag den Heimweg anzutreten. Ein komisches Festival, welches es dennoch schafft, den Tag zu versüßen. Vielleicht bis zum nächsten Jahr.
von Raphael
| Marv - 05.07.10 09:12 | |
Irgendwie bin ich garnicht traurig drum, dass für mich die Rheinkultur dieses Jahr um ca. 16:30 vorbei war. Nur Alexisonfire verpasst zu haben schmerzt da etwas. Und irgendwie ist es jedes Jahr das selbe... man denkt sich "was ein Haufen merkwürdiger Menschen!" aber Spaß machts trotzdem. Ansonsten schönes Review, kann deine Ansichten absolut nahvollziehen :) |
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| wencke - 05.07.10 10:14 | |
hätte mir Alexisonfire auch gern noch mal angeschaut, aber aufm vainstream waren sie dieses jahr auch der hammer und konnten absolut überzeugen. |
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| jensq - 05.07.10 12:45 | |
ich wünsch mir ja immer noch, dass sie die 2001er ausgabe nochmal wiederholen: leatherface, weakerthans, jimmy eat world und hot water music … habs dieses jahr leider nicht mehr hin geschafft. vielleicht auch besser so. |
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| hihi - 05.07.10 16:42 | |
http://hammerhead.de/pix/flyer_rheinkultur.jpg |
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| gnihihi - 05.07.10 22:17 | |
alexisonfire in hh war genauso. schade mit den alten songs. .44 calbre love letter und ähnliches gehört einfach gespielt. schade drum. |
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| SonofSkam - 06.07.10 17:16 | |
Hammerhead sind einfach nur lächerlich. Ne fette Garantiegage für die Rheinkultur einstecken und dann aber darüber lästert. Haben die Pistols bei Ihrer Wiedervereinígung auch gemacht, es war null lustig, und wurde auch zurecht kritisiert. Nur weil Hammerhead aber von einigen als "Kultband" abgefeiert werden, soll es cool sei? Versteh ich nicht. Diese Band steht exemplarisch für das was aus Punk geworden ist: Alte Männer die sich besaufen und von der guten alten Zeit schwärmen. |
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| Raphael - 06.07.10 17:56 | |
Sohn, da ist was dran. Hast Du den Gig gesehen? ich hatte mich ähnliches gefragt: "Warum da spielen wenn es ohnehin niedergemacht wird". Aber eigentlich fand ich das ziemlich gut. Denn wenn wir jetzt darüber diskutieren, was aus "Punk" geworden ist, dann haben Hammerhead schon recht: Das Publikum, vor allem all die Iros, haben mit Punk gar nichts mehr zu tun. Und wenn Tomte nun Hammerhead covern sind sie damit mehr Punk als alle, die sich Punk nennen. Und Hammerhead gehen eben da raus und prangern das an, vor allem an diesem Gig ahben sie das eben getan. Ich fand das durchaus ok. Ich selbst mache das im Kleinen auch manchmal so: Ich werde bei facebook Fan von Mario Barth, beleidige all seine Fans und verschwinde dann wieder. Das ist manchmal sehr gut. ;) |
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| Scythe - 06.07.10 23:09 | |
Ein durchaus amüsanter Bericht! |
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| @Rapha - 07.07.10 11:27 | |
Mir gehts garnicht nicht um ne Definierung, was Punk ist, darf und sein kann. Aber dieses Abkulten von Bands wie Wizo oder Hammerhead ohne Sinn und Hinterfragen, wie es früher schon zu seeligen ZAP-Zeiten mit beiden Bands geschehen ist, geht mir auf den Sack. |
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| Punk - 08.07.10 09:43 | |
=dumm |
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| Jule - 13.07.10 17:57 | |
cool! ich war auch da und hab mir so überlegt: schreibste oder schreibste nicht? aber raphael hat das mal wieder ganz famos hinbekommen. hätte ich nicht besser machen können. da machste nix. rheinkultur hat bei mir seit 15 jahren tradition, ist so alt wie ich und hat fundamental zu meiner musikalischen sozialisation beigetragen. nächstes jahr auch wieder früher. die kleinen bands die dort spielen bieten oftmals das ein oder andere schmakerl. übrigens zum thema jede band nur einmal: ursprünglich war das ganze ja auch primär dazu gedacht, den kleinen bonner musikkapellen eine bühne aufzubauen. die behalten sie zumindest in den morgenstunden immer noch bei und das finde ich gut so! |
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| Raphael - 13.07.10 19:54 | |
haha, super das george-beispiel! und zu den frühen mittagsstunden: recht hsat du. aber gerade das sind die stunden wo fast niemand wegen der musik da ist sondern alle sich besaufen um später sondaschule abzufeiern. |
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| @raphael - 14.07.10 12:43 | |
Alter, du hast das S...wort geschrieben. Dieses Mal gibbet noch Gelb, beim nächsten Mal biste wech...weisste selps, ne? ;-) |
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| DrFaust - 14.07.10 13:12 | |
Achso? Haben Sond...ähm...Hat die Band, deren Name nicht genannt werden darf, live eine andere Weizenbierwertung als auf Platte? |
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| ja genau - 16.07.10 12:25 | |
iros ham nix mit punk zu tun. aber ihr mit eurem posi-gewinsel und euren verfickten hitler-jugend frisuren natürlich schon.is schon klar. fickt euch |
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| assel-punk - 16.07.10 12:35 | |
@raphael:wie arrogant bist du eigentlich? du sagt: "Das Publikum, vor allem all die Iros, haben mit Punk gar nichts mehr zu tun." sowas sagt sich hier im internet schön leicht wat? kannst du den leuten inn kopp gucken? ich glaube nich.... |
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| Kasel - 16.07.10 21:55 | |
STERT ALLE |
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| - 17.07.10 08:57 | |


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