12.08.2010: Carpathian, Ruiner - Cassiopeia - Berlin


Rob Sullivan, das merkt man schnell, ist nicht bloß eine Figur, die durch die Texte erschaffen wurde, die er selbst schrieb. Rob Sullivan ist ein authentischer Typ, generell eher skeptisch und immer aufmerksam, was um ihn herum passiert. So erinnert er sich am gestrigen Donnerstagabend daran, dass scheinbar mal ein Nebenraum des Cassiopeias brannte und freute sich, dass die Location selbst noch steht. Und immer wieder, zwischen den Songs, also dem eigentlichen Szenario, beweist er wahre Größe und erläutert eindrucksvoll, warum mit RUINER nun Schluss ist. Man kommt eben an den Punkt, an dem man vll. verpasst, dass alles vorüber ist. An dem man nichts weiter als eine Karikatur seiner selbst ist. Aber später mehr zu RUINER.

Auf dem Weg zu einer kleinen Karikatur ihrer selbst zu werden sind auch CARPATHIAN bislang unaufhörlich. Selbstverständlich: Die Band ist unglaublich sympathisch, voller Spielfreude, hat das Publikum mit Textsicherheit und Bewegungsfreude gleichermaßen auf seiner Seite und sogar der Sound ist, wie es sich für CARPATHIAN gehört, verdammt gut. Druckvoll walzt der australische Fünfer durch sein Set, streut die drei neuen Songs der „Wanderlust“ EP herein und schnürt ansonsten die allseits bekannten Songs des Erfolgsalbums „Isolation“ um das intensive Set. Aber so langsam, nach der dritten Tour mit ein und demselben Album, wird das Ganze schnell irgendwie zähflüssig. Da kann es schonmal passieren, dass während einem Song wie „The Cold Front“ mehr als deutlich wird, dass langsam neues Material her muss. Und mit neuem Material soll nicht gemeint sein: Eine EP mit vier Songs, wovon einer lediglich ein JOY DIVISION-Cover ist und einer, nämlich „Wanderlust“ selbst, höchstens eine Kopie von „Permanent“ darstellt. Ansonsten passt hier natürlich alles. CARPATHIAN werden von Mal zu Mal technisch versierter, haben ihr Publikum von der ersten bis zur letzten Sekunde total im Griff und genießen sichtlich den warmen Empfang so weit abseits ihrer Heimat. Zusammengefasst hätte man vielleicht zwei Songs weniger spielen können, dafür konnten „Ironheart“ und das große „Monochrome“ sich perfekt in das Set einbinden. Nächstes Mal wären mehr als drei neue Songs allerdings wünschenswert und nötig!

Bereits angeschnittene RUINER haben mit der Mischung aus altem und neuem Material hingegen gar keine Probleme. Hier gehen Songs von „What Could Possibly Go Right“ nahtlos mit dem „Hell Is Empty“ Material überein, während immer wieder die großartigen Tracks von “Prepare To Be Let Down” durchschimmern. Besonders schön dabei: „Bottom Line: Fuck You“, das von Sullivan so impulsiv vorgetragen wird, dass die Zeilen „yes i’m fucking okay, please dont ask me again“ einem Schlag ins Gesicht nahe kommen. Aber nicht nur im textlichen seiner Songs gibt Sullivan alles. Während der erwähnten Rede, warum RUINER ihr Ende erreicht haben, möchte ein Gast im Publikum so gar nicht ruhig sein bis Sullivan sich persönlich zu ihm wendet, das Mikrofon fest umklammert und eindringlich verlauten lässt: „Shut Up!“. Ein bisschen Applaus, dann weiter im Text. Was dann folgt ist eine Aneinanderreihung intensivster Momente: „Part One“ wird ebenso energisch vorgetragen wie auf Platte, natürlich um gleich im Anschluss in „Part Two“ überzugehen und als dann „Six By Six“ ertönt ist endgültig kein Halten mehr. Das Publikum rastet komplett aus, ziemlich vorzeigbare Stage-Dives werden gelandet während man in Gesprächen und dem üblichen Publikumsgetuschel immer wieder vernimmt, dass hier ziemlich viele polnische und auch spanische Fans zugegen sind. Ein weiterer Pluspunkt für eine Show, die nach Ansage mit „Solitary“ endet aber noch nicht zu Ende sein soll. Das Publikum darf sich noch einen letzten Song wünschen, man sieht Sullivan den Spaß und die Spielfreude zu 100Prozent an und als „Committed“ gewünscht wird, man ihm aber ansieht, dass er sicherlich etwas anderes erwartete, erlaubt er glatt noch einen zweiten Wunsch. „Kiss That Motherfucker, Goodnight“ ist also der letzte Song, den man von RUINER in Berlin zu hören bekommen soll und ganz sicher bringt die hier aufquellende Intensität nicht nur die Band an ihre Grenzen. Zwar hat der Gitarrist nach dem Defekt seiner Gitarre in Trier heute eine geliehene Gitarre von der Supportband COLDFRONT (die ich unverschämterweise verpasst habe), trotzdem merkt man das zu keiner Sekunde. Die Band spielt präzise, schnell und vor allem technisch perfekt auf den Punkt gebracht. Dabei glänzt vor allem der Drummer, bei dem man zu jeder Sekunde meint, ein kleines Lächeln vernehmen zu können. Großartig! Nach etwas mehr als einer Stunde ist aber auch für Berlin das Kapitel RUINER geschlossen, wozu man abschließend sagen muss: Sicherlich ist es traurig, dass eine so gute Band sich auflöst, aber sicherlich ist es die richtige Entscheidung. „Hell Is Empty“ war zuletzt eines der stärksten Alben des vergangenen Jahres und live zeigte man auf der Abschlusstour einfach wie Authentizität und Intensität in ein Hardcore-Set gepackt werden müssen ohne affig zu klingen. Das schaffte man schon auf der großen Bühne der Essigfabrik verhältnismäßig gut, vor allem aber im kleinen Cassiopeia beispiellos. Ob man das erneut, live wie auf Platte, so geschafft hätte wie zuletzt, bleibt fraglich. Und das ist auch gut so. Eine großartige Band, die auf großartige Art und Weise „Tschüss“ sagt und ihr Publikum quasi so hinterlässt, wie sie es einst besang: „breathless, broken, alive!“. Danke und RIP.


von Raphael

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Kann ich nicht lesen

Fabian - 13.08.10 21:33

super Review, war in Köln und halt speziell Trier nicht anders. RIP

- 14.08.10 08:14

bla - 14.08.10 18:41

COLDBURN nicht Coldfront.

molch - 17.08.10 16:45

wie siehts da eigentlich mit fotos aus?

Norbi - 23.08.10 18:22

Fotos wären der Hammer.

Raphael - 23.08.10 18:51

hier werden leider keine kommen. wenn aber jemand berliner fotografen kennt oder fotografen, die in berlin auf shows gehen, können sich diese gerne mal bei uns melden!!

Tompa - 03.09.10 15:18

N paar Fotos sind auf der cassiopeia seite www.cassiopeia-berlin.de unter Fotos und n Video von Carpathian is hier http://vimeo.com/cassiopeiaclub