
9.9.2010: Blacklisted, Unveil - Dynamo Zürich
Die Schweiz ist ja in vielerlei Hinsicht etwas anders als Deutschland. So scheint dort irgendwie irgendwo immer Wahlkampf zu sein und stets geht es dabei um die ganz großen Themen. Freiheit, nationale Identität (oh weia), kriminelle Ausländer (Doppel-oh-weia). Dies suggerieren einem jedenfalls die unzähligen mit großen „JA“s und „NEIN“s versehenen Plakate, die die Straßenränder in und um Zürich säumen. Apropros Straßen: in kaum einem anderen Land der Welt sieht man auf eben diesen dermaßen viele Luxuskarossen und Spritfresser wie hier. Monaco vielleicht mal ausgenommen. Die Wirtschaftskrise scheint an den Eidgenossen irgendwie einigermaßen spurlos vorbei gegangen zu sein. So erklärt sich dann vielleicht auch, dass an einem Donnerstag-Abend in einem durchaus alternativ anmutenden Laden wie dem Dynamo, das sich auf seiner Webseite als Jugendkulturhaus präsentiert BLACKLISTED für happige 20 Franken (umgerechnet etwas mehr als 15 Euro) spielen und trotzdem geschätzte hundert Gäste durch ihre Anwesenheit glänzen.
Sie haben sich allerdings auch rar gemacht in der alten Welt, seit „Heavier Than Heaven, Lonelier Than God“ einen nicht unerheblichen Krater in der Szene hinterließ. Doch auch seit diesem Album ist viel passiert und die BLACKLISTED anno 2008 sind nicht mehr die BLACKLISTED 2010. Musikalisch jedenfalls. Das teilt die Zuhörerschaft. Auch am heutigen Abend.
Bevor man jedoch zu dieser Einsicht gelangen kann, sind erstmal UNVEIL dran. Die haben sich ja auch außerhalb von Toblerone-Country mittlerweile so etwas wie einen Namen gemacht. Im kleinen Rahmen jedenfalls. Diese Band ist wie gemacht für kleine autonome Zentren und DIY-Shows in Kellerclubs. Solch einer ist auch das Werk21, der kleinere Bereich des Dynamo. Dementsprechend wohl scheinen sich die Jungs auf der Bühne zu fühlen, erst recht vor einem Publikum, das zumindest in Teilen mit den Songs des Vierers vertraut ist und an den richtigen Stellen Textsicherheit beweist. Das ist schön für die sympathische Band, macht die Musik aber leider nicht besonderer. Größtenteils regiert bei UNVEIL leicht metallischer Hardcore. Mal schneller, mal langsamer, gerne auch mal die eine oder andere Breakdown-Andeutung und ein paar 2-Step-Parts. Das alles tut nicht weh und insbesondere ein Song, der als Opener der neuen 7“ angekündigt wird weiß gar kurzzeitig mitzureißen. Insgesamt jedoch gibt es leider nicht viel, was von dieser Band in Erinnerung bleibt. Dafür werden gute Ansätze zu oft nur angedeutet und nicht konsequent genug ausgespielt. Hardcore sollte natürlich in dieser Spielart absolut auf den Punkt gebracht und gerne auch mal kürzer sein. Im Falle von UNVEIL jedoch hat man als Zuhörer nach vielen Songs das unangenehme Gefühl, dass da noch weitaus mehr hätte folgen können, würde man die guten Ansätze nicht so vorschnell abwürgen. Ob es an Ideenmangel liegt oder an einer bewussten Verweigerung gegenüber Erwartungshaltungen (die dann so konsequent auch wieder nicht ist, wenn man sich die durchaus vertraut erscheinenden Ingredenzien der einzelnen Songs vor Augen führt) entzieht sich meiner Kenntnis. Für mich jedoch bleibt dieser Auftritt eher unbefriedigend, weil musikalisch zu wenig herausstechend und leider auch oftmals trotz bewegungsfreudigem Sänger zu wenig mitreißend und energiereich. Sympathische Band, die leider recht unaufregende Musik spielt.
Komplettes Kontrastprogramm dann bei BLACKLISTED. Als unaufregend kann man deren ganz eigene Vision von Hardcore und Rockmusik im Allgemeinen nun wahrlich nicht bezeichnen und gewisse Reaktionen provozieren sie auch regelrecht. Dass nicht jeder den Weg mitgehen möchte, den die Band nach „Heavier Than Heaven…“, welches ja als Nachfolger des eher konservativen, wenn auch ebenfalls sehr starken „The Beat Goes On“ schon eine eine enorme Kurskorrektur darstellte, zeigt sich an diesem Abend in aller Deutlichkeit. Natürlich fällt es schwer, zu den durchaus sperrigen Songs auf „No One Deserves To Be Here More Than Me“ die Arme kreisen zu lassen, doch die Intensität, die BLACKLISTED gerade bei diesen auffahren lässt zumindest bei mir zeitweise den Atem stocken. Dies scheint nicht allen so zu gehen. Immer wieder verlassen einzelne Besucher oder ganze Gruppen den Konzertraum in Richtung Bar, um dann pünktlich zu Songs des 2008er-Albums wieder hineinzustürmen. Die Phase davor lässt die Band dann auch gleich komplett außer Acht und macht im Bezug auf ihre Playlist ohnehin erstaunlich wenig Zugeständnisse. Gespielt wird, worauf man eben Lust hat und das sind nunmal zeitmäßig in den knapp 30 Minuten zu etwa zwei Dritteln die Songs des aktuellen Longplayers. Auch ich war mir im Vorfeld unsicher, was ich a) von diesem Album halten soll und erst recht b) wie die durchwegs eher langsameren Stücke im Gesamtkontext eines Live-Sets funktionieren. Hinterher ist man immer schlauer und in diesem Falle auch schlichtweg begeistert. Es funktioniert nicht nur, nein, ich habe gar erst jetzt das Gefühl, die neue Platte wirklich verstanden zu haben. Woran lag’s? Zum einen sicher daran, dass die Band überaus passioniert und völlig jenseits von stumpfen Posen daherkommt. Klar, es gibt genug Bewegung auf der Bühne und Sänger George ist wirklich bemerkenswert gut bei Stimme. Nie hat man auch nur den Hauch einer dunklen Ahnung, diese fünf Musiker würden es nicht hundertprozentig ernst meinen, auch wenn sie damit den einen oder anderen vor den Kopf stoßen. Die absolute Konsequenz, die BLACKLISTED schon auf ihren Alben an den Tag legen wird hier noch einmal gesteigert, indem die Band nahezu keine Atempausen zwischen ihren einzelnen Songs lässt und die Ansagen auf ein Minimum beschränkt werden. Stattdessen ist immer einer der Musiker dabei, den nächsten Song anzustimmen oder zu diesem überzuleiten, was eine ungeheure Sogwirkung erzielt, bei der sich ältere wie neuere Songs trotz eklatanter Stilunterschiede absolut homogen ergänzen. Auch ein neuer, demnächst auf einer 7“ erscheinender Song fügt sich hervorragend in das Set ein, wird aber sicher nicht dazu führen, dass sich die Band bei denjenigen rehabilitiert, die schon jetzt gelegentlich mal den Raum verlassen. Für diejenigen jedoch, die BLACKLISTED auch nach der letzten LP noch zu würdigen wissen, bleibt diese Band so einzigartig wie spannend.
Was bleibt ist die Erkenntnis, tatsächlich mehr über diese faszinierenden Eigenbrötler gelernt zu haben und ihre Musik nun (noch) besser zu verstehen. Allein dafür waren die happigen 20 Franken gut investiert. Ob allerdings das nächste mal noch so viele Besucher bereit sind, diese Summe für diese Band zu berappen, darf angezweifelt werden. Ich würde es jedenfalls jederzeit wieder tun. Sollte demnächst mal über BLACKLISTED in einer Volksabstimmung entschieden werden, so ist ihnen ein „JA“ von meiner Seite definitiv sicher.
von Manuel F.
| einmehle - 10.09.10 11:16 | |
hab sie mir am mittwoch in salzburg angesehen - 12euro abendkasse + support von wayfarer, never again und ays! |
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| ... - 10.09.10 16:04 | |
happige 20 fr??? für eine hc-show in der schweiz ist das geradezu ein schnäppchen... |
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| Kuchen - 10.09.10 16:42 | |
blödsinn! ein schnäppchen ist das bestimmt nicht. das ist ein ganz normaler preis für den züricher raum. |
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| Tobleronecountry - 10.09.10 19:30 | |
Gääääääääähn, bitte solche Klischees das nächste Mal dort lassen, wo Sie hingehören: In die Mottenkiste! In Deutschland essen Sie auch nicht alle Bratwurst. |
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| Thorsten - 11.09.10 13:45 | |
HTHLTG ist nicht der Nachfolger von "The Beat Goes On", sondern von "Peace On Earth, War On Stage". Do your homework! |
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| DrKolossos - 12.09.10 14:20 | |
@Thorsten Wenn er nach Alben geht, hat er recht. "Peace on Earth, war on stage" war nämlich nur ne 7"...also mach selber mal lieber mehr Hausaufgaben! Sonst gibts demnächst keinen Nachtisch mehr. |
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| leo p. - 12.09.10 20:07 | |
Haha, das Review entspricht etwa dem Gegenteil von dem was ALLE anderen Besucher der Show denken. Lies mal im pitfire.net forum die Reaktionen auf UNVEIL und BLACKLISTED. |
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| Manuel - 13.09.10 15:50 | |
Haha, die müssen auf einer anderen Show gewesen sein. ;) Wobei da ja eigtl. immer wieder kommt, dass eben die neuen Songs nicht gepasst haben. Hat man ja auch gemerkt an den Reaktionen von Teilen des Publikums. Ich fands nach wie vor toll und bleib dabei. |
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