14.09.2019: MATULA, CITY LIGHT THIEF - Köln - Helios 37

02.10.2019
 

 

Mensch, muss das entspannt sein als in die Jahre gekommene Band mit loyaler Fanbase: MATULA gehen zum zweiten Mal dieses Jahr auf so etwas ähnliches wie eine „Tour“, nur dass es eigentlich keine ist. Es sind drei Weekender, einer pro Monat, und jeweils ohne den Freitag. In der Ruhe liegt die Kraft, oder so ein ähnlicher Spruch passt hier wohl.

Im Herbst letzten Jahres waren MATULA mit CAPTAIN PLANET, ihren Brüdern im Geiste, in der Republik unterwegs. Dieses Jahr waren 4 Tage am Stück im März das höchste der Tourgefühle, danach folgten einige Male zwei Tage am Stück und einige kleinere Festivalauftritte. 2019 schalten MATULA also offensichtlich einen kleinen Gang runter, nachdem sie 2018 mit „Schwere“ ihr mit Abstand bestes Album auf den Markt gebracht haben. Die Gründe kann man sich mit ein wenig Fantasie und Kenntnis ihrer Lyrics zusammenreimen: Familie, Verpflichtungen, Beruf, Erwachsenenleben und so weiter. Wie auch CAPTAIN PLANET zuvor auf „Ein Ende“ sind auch MATULA vermutlich endgültig in dieser Welt angekommen. Relatable für jemanden, der dieses Jahr noch 30 wird. Und glaubhafter als BLINK-182, die sich mit über 40 noch aufzuführen versuchen wie ein Teenager.

Als Support sind auf 4 von 6 der restlichen MATULA-Dates im diesen Jahr CITY LIGHT THIEF aus Grevenbroich / Much / Köln dabei. An dem Namen kommt man natürlich in der deutschen Punk-Szene nicht vorbei, gerade wenn man selbst Kölner ist. Obwohl ich CITY LIGHT THIEF bisher nur aufgrund des FUZECAST-Intros kannte, habe ich mir unter dem Namen und der Band schon immer einen gewissen Sound vorgestellt. Und sie des Öfteren Mal mit RED CITY RADIO verwechselt. Zu viel identische Wörter im Bandnamen. CITY LIGHT THIEF eröffnen pünktlich zur frühen Stunde (um acht Uhr) den Samstagabend. Das Helios, unweit des legendären und vom Erdboden verschluckten Underground, ist einigermaßen gefüllt, aber nicht gut. Momentan vielleicht zu einem Viertel. Dennoch stellen sich die Zuschauer ganz ohne Aufforderung in die relative Nähe der verhältnismässig hohen Bühne und nicken und schunkeln artig mit. Der Verlauf meiner Erfahrung mit CITY LIGHT THIEF: Am Anfang finde ich das „ganz nett“, da passt sehr vieles, man hat eine offensichtlich erfahrene Live-Band und begabte Musiker vor sich. Auch der Sound passt gut. Die ersten drei bis vier Lieder macht das fast schon Spaß. Doch irgendwann packt die Langeweile. Und Langeweile wird dann sogar zu Verdruss. Das war jetzt das absolute Turbo-Verfahren. Nochmal dezidierter: Mein Hauptproblem mit CITY LIGHT THIEF wird im Laufe ihrer Live-Show, dass ich sie a) sowohl musikalisch als auch vor allem was die Performance angehe absolut austauschbar finde und b) – was viel schwerer wiegt – ich ein ganz starkes Gefühl von in der Musik gekünstelt vorgetragenen oder gar nicht vorhandenen Emotionen kriege. Und das stößt mich ab. Vermutlich spielen da einige Faktoren mit rein: 1) Ich bin mit Punkrock aufgewachsen und BRAUCHE Ecken und Kanten. CITY LIGHT THIEF bieten mit ihrem glattgebügelten Schwiegermutter-Sound absolut gar keine. Und wenn man es sich zwangsweise schönreden wollte, dann vielleicht vorher abgewischte und mit Schutzfolie versehene Kanten. 2) Jeder, der in der Band singt, kommt mir bemüht rüber und weist eine Art Gesang auf, den ich eben unauthentisch und unemotional finde. So wie ein Gesangsschüler, der auf der Suche nach seiner eigentlichen Stimme gerade mal am Anfang steht. Das sind wohl die wesentlichen Punkte, die dafür sorgen, dass ich nach etwas mehr als der Hälfte das Helios für eine verfrühte Verschnaufpause verlasse. Das oben erwähnte FUZECAST-Intro namens „Death Trip“ bekomme ich noch mit. Der Anfang des Songs: Wunderschön. Auch wenn es mal wieder nur dieselbe Akkordfolge ist wie bei „Sea of Love“ von THE NATIONAL oder „Coughing Ashes“ von NEW NATIVE, nur in einem anderen und Gewand (härter und schneller). Aber gut, geschenkt. Musik halt: Alle kochen nur mit Wasser und es gibt nur 7 Töne (je nach Definition). Wenn ich CITY LIGHT THIEF in ihren eigenen Worten trefflich beschreiben sollte, würde ich die Worte von Frontmann Benni nutzen: „Ich war gerade auf Malle, als mir die Idee kam: Ach, kannst doch eigentlich mal MATULA fragen, ob wir nicht die Shows mitspielen können!“ – so oder so ähnlich. CITY LIGHT THIEF sind der Typ, der ziemlich gut Fußball spielt, gute Noten schreibt und stets ein offenes Ohr (aber auch nur eins!) für seine Kommilitonen hat. Und eben einmal im Jahr nach Mallorca fliegt und im Bierkönig mal ein bisschen die Hemmungen fallen lässt. Laut Facebook-Beschreibung sind CITY LIGHT THIEF etwas für melodieverliebte „Moshpit-Exoten“ – ich frage mich, was die in deren Pit wohl anstellen sollen? Einschlafen? Melodie gibt es auch mit ein bisschen mehr Reibung, ein bisschen weniger Sterilität.

So kommt es also, dass meine Vorfreude auf den Auftritt von MATULA spontan nochmal ordentlich ansteigt. Denn da muss was kompensiert werden. Das Witzige ist, dass für einen Außenstehenden der Unterschied zwischen CITY LIGHT THIEF und MATULA vermutlich gar nicht so groß wäre. Ich rede von einem weit Außenstehenden, wie meinen Eltern oder so jemandem. Für mich jedoch liegen – und das lässt sich auch nicht immer ganz akkurat in Gedanken oder Worte fassen – jedoch Welten dazwischen. Vermutlich wirklich aufgrund des Themas Emotionalität, und das ist ein hochpersönliches. Vielleicht tu ich CITY LIGHT THIEF da Unrecht. Vielleicht käme da was, wenn ich mich mehr mit der Band beschäftigen würde. Tu ich aber nicht. „Schwere“, das neue Album von MATULA jedenfalls, hat bei mir vor allem eins ausgelöst: Es hat mich right in the feels getroffen. Neu umgezogen und nach Köln zurückgekehrt war ich Ende letzten Jahres in einer WG gelandet, die sich nie wirklich nach Heimat angefühlt hat. „Diese Heimat hier ist falsch // solange Du noch da bist“ – aber „Einzelhaft“, den dazugehörigen Song, gibt es leider auch heute nicht live auf die Ohren. Meiner Meinung nach der beste Song dieser Band, der nicht live gespielt wird. Dafür gibt’s aber eine Menge anderer Kracher. "Team" wartet ja nun auch mit ähnlich offenen Armen: "Zwischen all den Jahren // war diese Stadt schon immer kalt // Ich kann dir sagen // Es dauert ewig". „Dein Platz ist hier“ fungiert zunächst erneut als grandioser Opener und ist im Prinzip die genaue Antithese zu dem oben angesprochenen Gefühl, am falschen Ort zu sein. Und natürlich ist der Song auch eine Spitzenansage an Konzertbesucher der eigenen Band. Komm rein. Wir fangen jetzt an. Dein Platz ist hier. Der erste große Chorus, viele weitere sollen noch folgen. Was MATULA auch hervorragend können: Bridges. Auch diesbezüglich statuiert schon der erste Song ein Exempel. Doch nicht nur „Schwere“ wird hier gebührend zelebriert. Mit alten Songs wie „Für ein Leben“ lockt man die MATULA-Diehards aus den hinteren Reihen nach vorne, heute mit hoher Gitarre statt mit Synthie. Der Fokus liegt auf dem neuen Album mit seinen großartigen Strophen und Hooks. „Brachland Sonnenuntergang“, „Verhandlungsbasis“ – diese Songs sind so mitsingbar, dass man eigentlich im zweiten Refrain schon einsteigen kann, wenn man den ersten noch nicht kannte. Pop-Faktor hoch gepusht ohne jegliche Peinlichkeit. Doch auch ruhige Momente gibt es bei MATULA – mit „Tapete“ zückt das Quartett aus Hamburg das bandeigene Feuerzeug und schwenkt es mit erhobenem Arm hin und her. MATULA – soviel wusste ich jedoch bereits – sind nun auch nicht die geborenen Entertainer vor dem Herren. Aber das ist okay, denn sie sind ja auch Musiker geworden. Das charmante Understatement teilen sie sich mit Referenzbands wie CAPTAIN PLANET, TURBOSTAAT oder MIKROKOSMOS 23. Eher durch kleine Gesten überzeugen als durch große Worte. Das Helios ist inzwischen geschätzt halb voll (wohl eher etwas weniger), aber die Stimmung und der Mitmachfaktor sind nun angemessen. Mit „Verletztes Tier“ bringen MATULA ihren Auftritt sicher ins Ziel. Der Samstagabend ist noch früh, nicht mal zehn Uhr sind es. Und tatsächlich trifft man die vier Herren aus Hamburg später noch an anderer Stelle in Köln-Ehrenfeld – nämlich auf der „Small Things Party“ im Kölner Yuca. Samstagabend in einer Punk- bzw. Indie-„Disko“ in einer fremden Stadt (in der man aber vermutlich gute Bekannte hat). Dein Platz ist hier.