04.06.2008: Cat Power - Köln - Live Music Hall

 


„Please just give me a Chan Marshall eulogy“, singt George Hirsch von BLACKLISTED in 'Wish', dem letzten Song des aktuellen Albums seiner Band. Was, könnte man fragen, ist eigentlich so besonders an dieser Frau, die im bürgerlichen Leben Charlyn Marie Marshall heißt und sich auf der Bühne schlichtweg CAT POWER nennt? Die Antwort auf diese Frage ist ebenso nahe liegend wie einleuchtend: ihre Stimme. Diese sanft-rauchige Prosodie, die um ein Vielfaches älter und weiser erscheint, als Chan Marshall eigentlich ist. Die in Betonung und Wortwahl von einer bewegten Biographie zeugt, die Ausnahmekünstler scheinbar einfach vorweisen müssen, um ein Publikum ungekünstelt in ihren Bann zu ziehen. Dass in ihrem Leben nicht immer alles glatt – geschweige denn nach Plan – verlief, verleiht ihr zusätzliche Authentizität. "Der Mensch ist ein Erfahrungstier" lautet der Titel eines Buches, in dem der philosophische "Sprengmeister" Michel Foucault prägende Erfahrungen als konstitutiv für entstehende Veränderungen im Menschen benennt. Chan Marshall wird ihre Erfahrungen gemacht haben, aus denen sie verändert hervorgegangen ist. So lässt sich auch erklären, warum die Stücke ihrer Frühphase geflissentlich unter den Teppich gekehrt werden, um Platz zu machen für eine "neue" CAT POWER, welche auf der Bühne aufblüht, mit ihren Mitmusikern und ihrem Publikum spielt, und über allem ihre bezaubernde Stimme thronen lässt.

Die Live Music Hall zu Köln ist gut gefüllt, schlecht klimatisiert und in froher Erwartung angesichts des gut zweistündigen Auftritts CAT POWERS und ihrer Dirty Delta Blues Band. Zwar gebührt ihr ein Großteil des Begrüßungsapplauses als sie nonchalant die Bühne betritt, dennoch ist vor allem die Leistung ihrer Mitmusiker keinesfalls zu schmälern. Die Melange aus bluesigen und jazzigen Versatzstücken gekoppelt mit nebulösen Piano-/Orgelflächen lässt das Publikum tranceartig dahinschweben. Chan Marshall indes kommuniziert auf ihre ureigene Art mit ihren Sidekicks und dem ihr treu ergebenen Publikum. Da wird ihren Bandmitgliedern der Schweiß getrocknet, Zigaretten (am Ende gar Blumen) in die vorderen Reihen gereicht und beim überragenden Finale des inzwischen wieder neu aufgenommen Klassikers 'Metal Heart' ganz der Dirty Delta Blues Band das atmosphärische Feld überlassen.
Überhaupt kann sich Chan Marshall an diesem Abend fast alles erlauben: So verlässt sie nach etwa der Hälfte des Sets die karg ausgeleuchtete Bühne und überlässt Teilen ihrer Band das Feld zur freien Improvisation – ohne enttäuschte Reaktionen des Auditoriums zu ernten. Über die gesamte Distanz des Sets verliert sich die unbestreitbare Protagonisten des Abends fast vollständig in ihrer Musik, fegt bisweilen gedankenverloren mit den Armen rudernd über die Bühne und versprüht eine Genugtuung ob ihrer neuen Aufgeräumtheit. Selbst als es lyrisch ein wenig härter zu geht, sie mit jeder Menge F-Wörtern gespickte Zeilen ins Mikrophon haucht (das muss eine Coverversion sein…), ist das bunt gemischte Publikum hin und weg, ein wenig so als würde Chan Marshall ihm gerade erzählen, dass doch alles wieder gut werde. Sie hat ihre Erfahrungen gemacht und teilt sie bereitwillig mit dem Publikum. Dieses merkt vielleicht erst im Nachhinein, dass irgendetwas nicht mehr so ist wie vorher. Es geht doch nichts über ein wenig Veränderung.