05.10.2011: The Revival Tour - Hamburg, Grünspan

 






Was ist schon dabei? Peinlich ist es doch längst nicht mehr, wenn man als männlicher Konzertbesucher mit Gänsehaut prahlt oder heimlich die traurigsten oder melancholischsten Songs herbeisehnt. Ob bei überteuerter Bierplörre aus Plastikbechern mit den Kumpels oder eher als romantisches Date mit einer besonderen Person im Arm – die REVIVAL TOUR ist ein gefundenes Fressen für emotionsgeladene Abendplanung auf beiden Seiten. Neben dem 20-jährigen Girl, das beim bloßen Gedanken an Brian Fallon schon zu schwitzen beginnt steht der 44-jährige Punkdad oder Ur-Folkfan, der schon Gast im CBGB´s war, als es dort keine Schickeria-Fummel zu erstehen gab. So ein intimer Abend bringt sie alle zusammen. Und intim ist es im Grünspan von und zu Hamburg heute gezwungenermaßen durch und durch: Die Halle ist radikal ausverkauft, sogar der Gang zum Klo bietet nur bedingt Sauerstoff und lässt Nerven und Gemüt bloß kurz und knapp entspannen.


Da bleibt auch kein Platz für Egos oder Spinner, wie Gastgeber CHUCK RAGAN treu beteuert. Sein grundlegender Gedanke eines akustischen Konzertabends in der Gruppe – zum ersten Mal schwappt diese Idee nach Europa über. Schon schön für den Moment, wenn DAN ANDRIANO (mit herrlichem Wollmützensyndrom) und der „heimliche Abendsamariter“ DAVE HAUSE mit dem HOT WATER MUSIC-Urgestein und dem verschmitzten BRIAN FALLON (im Kapuzenpullover kaum wiederzuerkennen) das norddeutsche Publikum begrüßen. Mit Kontrabass und Fidel machen sich erst die einleitende Vorstellungsrunde mit allen Beteiligten, im Anschluss dann auch die Solosongs vom eröffnenden Kopf der LOVED ONES besser, als das Bootleg-Youtube-Snippet einer Westerngitarrenperformance irgendwo nachts auf einer Tankstelle. Mit Hauptaugenmerk auf den prägnanten Stimmen und teils wunderbaren Harmonie(gast)gesängen á la Pfadfindernachtlager gießt Hause seine Hymnen „Pray For Tucson“ oder „C´Mon Kid C´Mon“ in den Saal, der jedoch eher in Richtung „Jane“ und „Pretty Good Year“ austickt. Intim unter Hunderten, näher am Höhepunkt sei im tiefen Zauberzylinder um Stimmung und passende „Jeder-mal-mit-Jedem“-Konstellationen erstmal gekramt. Macht nix, heut geht´s eh ums Kollektiv. Um Freunde, Familie, Crew.

DAN ANDRIANO kann mit seinen 34 Jahren jede Menge dieser Leute aus dem Kopf aufzählen. Frisch und sympathisch erklärt er seinen Bezug zur Tour und deren Mitwirkenden und bedankt sich artig Abend für Abend Momente wie den gegenwärtigen genießen zu dürfen. „It´s Gonna Rain All Day“ ist dafür vielleicht nicht der passende Beitrag, weder in Irland noch im heute trüben Hamburg. „Maybe I´ll Catch Fire“ und „Crawl“ (mit Fallons unerstützender Stimme) eignen sich besser, lassen sie jedoch den Zuckergusscharakter vermissen, das herausstechende i-Tüpfelchen, welches zum zustimmenden Nicken während des Sets vom ALKALINE TRIO-Basser führt. Wem die Augenlider nach verträumtem Schließen zu „She Took Him To The Lake“ oder dem EMERGENCY ROOM-Track „Hurricane Season“ nicht mehr hochschnellen wollen, lässt sich vom Organ des „Much Respect!“-Gebers CHUCK RAGAN wecken. Aus jedem Duett klar als stimmlicher Sieger hervorgehend, entwickeln sich die Beiträge von DAVE HAUSE und RAGAN vorerst zu einem spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen – stets mit glücklichem Bassfundament und Geigendreingabe durch das treue Gefolge aus Jon Gaunt und Joe Ginsberg. Familiär und aus dem Herzen strömend wirkt natürlich auch das Set des Angel- und Naturfans aus dem verschrienen Gainesville. „Nothing Left To Prove“ und „The Boat“ sind für die Liebhaber, die heute zu spüren bekommen, was Musik in purer Form bedeuten und übermitteln kann. Die zerrende Fidel-Interlude und der (zum Glück) kurze Soloauftritt von Kumpel Digger Barnes gehen als genehmigt durch, wenn Entschädigungen in Form von HOT WATER MUSIC-Auskopplungen oder ausufernden Mundharmonika-Soli lauern. Auch wenn das Trio um Jon, Joe und Chuck genauso auf Platte Bestand hat - allein der richtungsweisende Gesang des Initiators spricht jedes Mal für sich, wenn – wie auch heute - „California Burritos“ durch die Menge raunt. In Philadelphia scheinen die Uhren ausdauernder zu ticken - so findet des Öfteren und immer wieder ein aufbrausender DAVE HAUSE den Weg zurück ans Mikrofon, um Beitrag nach Beitrag mit grandiosem Backgroundpfund zu schmücken.

Der hagere Mastermind des New Jersey-Feuerwerkskörpers THE GASLIGHT ANTHEM und neuerdings auch Duo-Protagonist bei THE HORRIBLE CROWS versucht sich im fließendem Übergang um Kopf und Kragen, aber Songs der Debüt-LP „Elsie“, die BRIAN FALLON mit seinem ebenfalls anwesenden Techniker Ian Perkins will heute kaum jemand hören. Im Keim erstickt, macht FALLON lieber Nägel mit Köpfen – „Blue Jeans & White T-Shirts“ lässt genauso durch die Gänsehautabteilung schweifen wie das prädestinierte „Here´s Looking At You Kid“ als lupenreine Soloversion. Aufgefrischt mit Kurzgeschichten und Randwitzen darf so mancher GASLIGHT ANTHEM-Hit in einem soliden Set mit Bestnoten-Brian REVIVAL TOUR-Luft schnuppern, bevor „American Slang“ im Kollektiv das Rahmenprogramm besiegelt und der Saal mit einer höchstmöglich angesiedelten Zahl an Sympathiepunkten geschmückt ist. Um abschließend noch ein weiteres Mal seine Poleposition unter Beweis zu stellen, nutzt der Frontmann aus dem „Hause“ (na?) THE LOVED ONES die finale Zugabenrunde und schießt mit „The Bridge“ und allen supportenden Kollegen Fallon, Ragan, Gaunt, Andriano und Ginsberg gehörig den Ohrwurm für die Gute Nacht in den Hamburger Himmel. „Much Respect!“, Chuck – der darf nicht fehlen, wenn jemand ein Akustikensemble erschließt, dass bärtige Männer über knapp 190 Minuten das Fürchten lehrt und dem sonst kargen Grünspan in Kieznähe „wahre“ Liebe statt oberflächlicher Show serviert.
Aber was ist da schon dabei?

Alte Kommentare

von Jule 07.10.2011 15:22

ich muss sagen, dass brian fallon da eine gute schule besucht. hat man gehört. die flößem ihm wohl viel wiskey ein, die großen jungs. bei mir hat er gepunktet. voll für die tonne (ja, ich sage das jetzt so) waren allerdings seine jünger. das selbe spiel wie beim letzten GASLIGHT ANTHEM konzert in der großen freiheit. während oben musiziert wird, versucht das publikum mit dummgeschwätz die zeit rumzubekommen bis brian fallon die bühne betritt. sogar bei chuck ragan. unglaublich! ich hätte am liebsten gekotzt.

von tüb 08.10.2011 13:44

Berlin war irgendwie anders, auch wenn da genauso Dave House für die Gänsehautmomente gesorgt hat und Brian Fallon irgendwie noch souveränder rüber kam, als hier im Review beschrieben. Das wirklich magische an der Tour scheint von der Spontanität auszugehen, insofern hätte man sich auch gerne mehrere Shows geben können. Mehr davon bitte auch in Zukunft!