05.05.2016: Landscapes, Capsize, Giants - Köln - Underground

 

LANDSCAPES sind nach der Tour mit Break Even und Endless Heights letzten Sommer zurück auf dem europäischen Festland. Ein Besuch im Kölner Underground gehört dazu, diesmal mit CAPSIZE aus den Vereinigten Staaten und den Landsleuten von GIANTS, einem rockigen Newcomer von der Insel.

 

Ich persönlich bin ein Fan von gemischten Line-Ups. Und bei Landscapes habe ich den Eindruck, dass sie wirklich Wert darauf legen, nicht immer mit derselben Kategorie Bands zu spielen. Das kann natürlich auch daran liegen, dass diese bestimmte Art Melodic Hardcore kaum noch von anderen Kapellen gespielt wird, doch zwischen The Amity Affliction, Break Even und nun GIANTS als Tourkollegen liegt schon ein sehr großer Unterschied. Zwar hat sich der Underground noch nicht einmal bis zur Hälfte gefüllt, aber dennoch merkt man GIANTS an, dass sie sich freuen, vor einer solchen Menge zu spielen. Ob das Kölner Publikum mit dem rockigen Alternative-Sound der Band etwas anfangen kann, lässt sich nur vermuten. Mitnicken und ausgiebigen Applaus gibt es aber. Der Gesang wechselt bei GIANTS zwischen Shouts (darin besteht größtenteils die Schnittmenge mit Hardcore-Bands) und melodischen Gesangslinien, die teilweise auch einen sehr großen Platz in den Songs einnehmen. Die Art, wie die Briten ihre Songs schreiben, lässt mich daher an Bands wie Ignite oder Great Collapse denken. Mal etwas anderes, erfrischend viel Punk in einer Szene, die sehr metalcore-lastig geworden ist in den letzten Jahren. Dennoch ist mir der Pop-Faktor in der Musik von GIANTS doch ein wenig zu groß, doch dadurch werden die Lieder eingängiger.

 

CAPSIZE aus San Diego sind trotz ihr überschaubaren Diskographie (ein Album, zwei Seven Inches und zwei unbeachtete EPs zu Beginn ihrer Bandgeschichte) sicherlich inzwischen eine Bank im Bereich des melodischen Hardcore, das gilt auch in Europa. Durch mehrere Tourneen haben sie sich bereits einen gewissen Status erspielt. Daher erfüllen sie perfekt die Voraussetzungen, um den Kölner Underground für Landscapes anzuheizen. Es macht den Eindruck, als seien manche sogar eher für CAPSIZE angereizt. Ihr Debütalbum „The Angst in My Veins“ hat zwar inzwischen auch schon anderthalb Jahre auf dem Buckel, die Songs wirken jedoch immer noch frisch. Und so werden sie auch vorgetragen. Auch ich, als jemand der Cleanvocals nur in sehr seltenen Fällen vermischt mit metallischen Songs cool finde, muss anerkennen, dass CAPSIZE ihr Handwerk beherrschen. In Sachen Bühnenpräsenz kann die Band ebenfalls punkten, dass dann noch so viele Leute mitsingen verleiht dem Auftritt das i-Tüpfelchen. Da verwundert es keineswegs, als Frontmann Daniel Wand erwähnt, dass sich er und seine Bandkollegen immer ganz besonders auf Köln freuen, wenn sie eine Europatour spielen. Der Underground ist eine der Lieblingsvenues der Kalifornier. Bei der Resonanz kann man das verstehen. CAPSIZE legen die Messlatte für Landscapes heute sehr hoch. Highlights sind unter anderem „Calming, Crippling“ und der Titeltrack des Debütalbums. Wer Bands wie Counterparts und Hundredth mag und CAPSIZE ernsthaft noch nicht kennt, dem sei reinhören ans Herz gelegt. Das Jahr 2016 hält jedenfalls noch einiges für sie bereit: Neben der Vans Warped Tour im Sommer wurde auch schon neues Material angeteasert.

 

A propos neues Material: Kommen wir zur entscheidenden Frage dieses Donnerstagabends. Wie funktioniert die neue Platte von LANDSCAPES live? Meiner Meinung nach ist der Band genau das gelungen, wovon Shaun Milton vor der Veröffentlichung sprach: Nämlich Resignation zu vertonen. „Modern Earth“ klingt so, als habe man sich mit den Gegebenheiten und Widrigkeiten der Welt abgefunden und kämpfe nicht mehr dagegen an, so wie noch auf „Life Gone Wrong“. Als würde man sich quasi der Tatsache ergeben, dass vieles im Leben schiefläuft. Am eindrucksvollsten vermittelt meiner Meinung nach „Neighbourhoods“ dies, sozusagen die erste Single-Auskopplung des neuen Albums. LANDSCAPES haben sich jedoch auch viel mehr Freiräume beim Songschreiben genommen als noch auf „Life Gone Wrong“, sodass der neue Sound sich mal als Rock beschreiben ließe, mal als Alternative und dann eben auch wieder als der gute alte Hardcore mit Shouts, den man gewohnt ist. Allerdings müssen solche Experimente nicht immer gut gehen. LANDSCAPES wären bei weitem nicht die erste Band, die aus dem Hardcore kommt, etwas wagt und abdriftet, und sich damit in das eigene Fleisch schneidet. Heute in Köln kann man diese Fragestellung bestens untersuchen, denn es werden nur 3 Songs von dem alten Album (mit der Zugabe „Paradox“ sind es 4, nämlich außerdem noch „No Love“, „D.R.E.A.M.“ und „Epilogy“), dafür aber nahezu alle live spielbaren Songs von „Modern Earth“ gespielt (ausgenommen lediglich das Intro „Mouths of Decadence“, der Interlude „Remorser“ und „Aurora“, welcher ein Sample beinhaltet). Und tatsächlich: Obwohl die alten Songs einen etwas besseren Anklang finden, zünden auch viele von den neuen. Allen voran „Death in Life“, der vielleicht aufgrund seines sich wiederholenden Chorus-Gebildes der bisher eingängigste Song von LANDSCAPES sein könnte. Allerdings arbeitet Shaun Milton nicht nur in diesem Song neuerdings mit Clean Vocals, die manchmal auch so zögerlich vorgetragen werden wie heute beispielsweise am Anfang von „Heaven Ascended“. Vielleicht muss die Band auch erst noch in dieses neue Live-Set hineinwachsen, denn heute sitzt noch nicht alles. Auch zu Beginn von „Neighbourhoods“ (meines Erachtens der beste Song des neuen Albums) wird eine Gitarren-Note verhauen, was zu bösen Blicken von der anderen Bühnenseite führt. Alles in allem jedoch haben LANDSCAPES sich den Headliner-Status definitiv verdient. Man merkt ihnen vor allen Dingen an der Bühnenpräsenz die jahrelange Live-Erfahrung an. Doch genau wie sich meines Erachtens auf „Modern Earth“ in der zweiten Hälfte schwache Songs eingeschlichen haben, gibt es im Liveset Längen. So bin ich heilfroh, dass dann noch eine Zugabe gegeben wird: „Paradox“, einer meiner Favoriten. „Coming of Age“ vermisse ich heute leider schmerzlich. Ich denke, mit diesem zweiten Album sind LANDSCAPES noch nicht bei dem angekommen, was sie sein könnten. Und dabei klingt es bei all der Niedergeschlagenheit so nach Abschied, ähnlich wie das Zweitwerk von Life Long Tragedy damals. Ich kann mir kaum etwas vorstellen, was nun danach wohl kommen mag. Hoffen wir mal, dass das nur so ein Gefühl ist.