06-08.08.2015: ROCCO DEL SCHLACKO FESTIVAL - PÜTTLINGEN - SAUWASEN

 

Einmal im Jahr zieht im sonst so beschaulichen Püttlingen der Wahnsinn ein. 24.000 Besucher pilgern in Richtung Sauwasen, um Bands aus den Bereichen Rock, Rap, Hip Hop und Hardcore abzufeiern - so  auch in diesem Jahr. Schon am Mittwochabend reisen die ersten feierwütigen Saarländer an, um am nächsten Morgen die ersten auf dem Zeltplatz zu sein. Sonst gibt es ja auch so wenig wenig zu feiern im Saarland (, um sich mal an den Vorurteilen zu bedienen). Ich allerdings bin der Arbeit verschrieben und muss auch noch den Donnerstag sausen lassen. Während die einen Kraftklub, The Offspring und KIZ abfeiern, packe ich zu Hause gemütlich meine Sachen, damit ich zumindest den Freitag und Samstag in voller Gänze mitverfolgen kann.

Nach längerer Autofahrt und einer erfolglosen Suche nach dem VIP Parkplatz, der mit der banalen  Wegbeschreibung „4 mal rechts, aber wo genau weiß ich auch nicht“ leider für immer ein Mysterium bleibt, parken wir irgendwann dann doch auf dem ‚normalen‘ Besucherparkplatz inklusive halbstündigem Fußmarsch zum Festival. Zwar sind die Parkplätze in diesem Jahr kostenlos, dafür aber auch eine halbe Ewigkeit entfernt. Wanderausflug statt Festival. Man wandert an der Autobahn entlang, unter der Autobahn durch und wieder über der Autobahn drüber, bis man es dann endlich zum Festival geschafft hat. Verbesserungspotential? Ja! Und kleiner Insidertipp für Pfandflaschenmessis: Ihr wollt eure erste Pfand-Million? Geht einfach diesen Weg entlang und haltet die Tüte auf. Der Rest passiert von alleine.

Vor Ort eingetroffen spielen SCHMUTZKI gerade ihre ersten Töne und der immer größer werdende Schmutzki Mob ist auch schon am Start. Das Rocco del Schlacko Festival erstrahlt in rot! Wer gedacht hat er könnte es bei Band Nummer Eins noch gemütlich angehen lassen, hat die Rechnung ohne SCHMUTZKI gemacht. Wenn SCHMUTZKI etwas können, dann wohl Stimmung machen. Und das machen sie von Minute 1 an. Der Sound zwischen Rock, Punk und Pop macht live um einiges mehr Spaß als auf Platte, ist aber auch genau darauf ausgelegt. Die Leute sollen feiern, sich als ein Teil von etwas großem fühlen und einfach nur Spaß haben. Und das haben auch alle, die sich schon am frühen Nachmittag aus dem Schatten, in die brandheiße Sonne getraut haben.

Weiter geht es mit den H-BLOCKX (um Henning Wehland), die dieses Jahr ihr 25. Bandjubiläum feiern. Vor 25 Jahren haben die H-BLOCKX das Genre Crossover quasi mit aus dem Boden gestampft und zählen bis heute zu den Vorreitern.  Und das merkt man. Vor der Bühne wird es voller, die Masse wird etwas älter und alles wirkt etwas professioneller und einstudierter, als zuvor bei SCHMUTZKI. 4 Jahre Bandbestehen und Bühnenerfahrung sind halt noch lange keine 25 Jahre. Die Abgebrühtheit merkt man vor allem Frontmann Henning Wehland an. Auch er scheint mitbekommen zu haben, dass er mittlerweile zu den ganz großen im Business gehört. Mitglied bei den SÖHNE MANNHEIMS, Jurymitglied bei The Voice of Germany,… da darf man schon etwas abgehobener sein, als noch vor 25 Jahren. Und so werden die ganz großen Rockstar Posen ausgepackt, Bierdosen angestochen und ein Hit nach dem anderen gespielt. Der Masse gefällt es und die Band scheint auch ihren Spaß zu haben (wenn auch etwas unter vorgehaltener Hand). Ein bisschen mehr Bodenständigkeit wäre mir dagegen lieber gewesen.

Komplett anders sieht es Minuten später(leider) bei FUNERAL FOR A FRIEND aus. Die walisische Post-Hardcore- / Alternative-Rock-Band scheint die Massen nicht so zu ziehen, wie zuvor die H-BLOCKX und haben somit mit einem nur spärlich gefüllten ersten Wellenbrecher zu kämpfen. Macht den Jungs aber nichts aus. Gute Ansagen gegen Nazis, die ganz großen Unternehmer, die mit ihrem Geiz das Leid anderer in Kauf nehmen und gegen Religion im Allgemeinen, paaren sich mit fettem Hardcore. Guter Auftritt, der vom Publikum leider zu wenig gewürdigt wird.

Ein Problem, das bei den DONOTS nicht mal in Frage kommt. 2012 haben die Jungs auf dem Rocco del Schlacko noch die legendären Staubraketen gezündet, die seitdem in jedem Jahresrückblick zu sehen waren. Mittlerweile ist der Staub kleineren und größeren Steinen gewichen, was der extrem großen Staubentwicklung vor der Bühne und (noch Tage später) in meiner Lunge jedoch keinen Abbruch tut. Anstatt den Staubrakteten, haben die Ibbenbührener Jungs andere Ideen mitgebracht. Die DONOTS wissen einfach genau welchen Knopf sie drücken müssen, um das Publikum auf seine Seite zu ziehen. Alte und neue Songs, Zuschauer mit „Kein Bock auf Nazis“-Flaggen auf der Bühne, Publikumsanimationen in Dauerschleife,… meiner Meinung nach gehören die DONOTS mittlerweile zu den besten Live Bands der Republik. Die Jungs haben Spaß und so ist auch schnell Ersatz für die Staubrakten gefunden und der Punkrock Triathlon wird aus dem Boden gestampft. Joggen, Rudern, aufspringen und spucken. Für die „Saarland Asozial“-Fraktion gar kein Problem. Es staubt, trotz Steinen und spätestens jetzt denkt man nicht mehr man wäre im Saarland, sondern inmitten eines Sahara Sturms.

Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt und DROPKICK MURPHYS wollen diese auch nicht weiter sinken lassen. Die irisch-amerikanische Folk-Punk-Band lässt den größten Teil des Sauwasens lautstark mitsingen. Die Schottenröcke fliegen und das Bier fließt in Strömen. Prost. Der Mix aus aus Punkrock, Irish Folk, Rock und Hardcore Punk ist zwar nicht für jeden etwas, aber auf einem Festival ist man ja tolerant, auch wenn der Cut zwischen MARTERIA und DROPKICK MURPHYS etwas groß ist. Zum Saufen reicht es allemal. Da klatscht auch mal der Hip Hopper dem Banjo oder Akkordeon-Spieler Applaus.

Das Gelände ist mittlerweile proppenvoll und platzt beinahe aus allen Nähten. Hip Hopper, neben Punker. Freiwild T-Shirts, neben Antifa T-Shirts. Die Zuschauer sind, wie das Line Up, buntgemischt. Und so kommt nach irischem Punkrock, deutscher Rap auf der Hauptbühne. Es gibt wohl zurzeit keinen angesagteren deutschen Rapper. Zig Headliner Shows auf allen möglichen Festivals und eine größtenteils ausverkaufte Arena Tournee. Für MARTERIA könnte es im Moment kaum besser laufen. Und neben MARTERIA stürmt nun auch sein zweites Alter Ego MARSIMOTO die Charts. Läuft, würde man wohl heute sagen. Und so gleicht das MARTERIA Konzert, selbst für die, die nicht als Fans vor Ort sind, einem Best-of Album. Die meisten Songs sind aus Funk und Fernsehen bekannt, ein Pyro wird nach dem anderen gezündet und die Materia-Girls werden von den Jungs auf die Schultern genommen.
Nicht ganz so bekannt sind die Songs von MARSIMOTO. Mit seiner gepitchten Stimme rapt MARSIMOTO vor allem über Gras, Marihuana und Gras. Kiffen, kiffen, kiffen. Kommt aber an, wenn auch nicht ganz so sehr wie die MARTERIA Klassiker zuvor. Das Rocco del Schlacko Festival ist grün, bis zu dem Moment in dem MARSIMOTO von der Bühne gerufen wird. Festivalabbruch. Alles aus und vorbei. „Ein Unwetter der schlimmsten Sorte“ zieht auf. Und keine 5 Minuten später schüttet es auch schon in Strömen. Rund um das Festival blitzt es und kein Körperteil ist mehr trocken. Nicht mal mehr die Unterhose. Zwar tobt der Mob Sekunden später auch schon wieder auf facebook, aber der Festival Abbruch war genau das richtige und hätte eher noch früher erfolgen müssen. Denn so wurde man nicht schon vor dem Unwetter vom Gelände geleitet, sondern erst während das Unwetter schon tobte in Richtung Autos geleitet. Man erinnere sich – halbstündiger Wanderausflug zum nächsten Parkplatz. Um die Bühne zu sichern, war vielleicht noch genug Zeit, für die Menschen wohl kaum. Trotzdem gab es außer ein paar Zelten und Pavillons keine größeren Schäden. Glück gehabt - hätte auch anders kommen können.

Tag 2 beginnt wieder sonnig. Grund dafür ist aber mit Sicherheit nicht THE NOIZ, eine Newcomer Band aus dem Saarland.  Country-Hardrock bezeichnen die Damen und Herren ihren Stil und wirken beim Darbieten von selbigem wie die Schülerband von der Püttlinger Real- und Hauptschule. Im Gesang sehr beschränkt, an den Instrumenten ganz okay. Dennoch den mitgereisten Freunden gefällt’s. Ist ja auch irgendwie logisch. Mir nicht.

Besser gefällt mir da schon HORSE THE BAND aus den USA, die mit Nintendocore zwar einem ähnlich bizarren Musikgenre nachgehen, dieses aber um einiges besser auf die Bühne bringen. Kranke Synthesizer, paaren sich mit harten Hardcore Screams. Die Mitglieder wirken für 14:30 Uhr alle schon leeeeiiicht abwesend, was entweder an irgendwelchen Bewusstseinserweiternden Stoffen liegen kann oder einfach an der Tatsache, dass der Auftritt um 14:30, noch gaaaanz früh am Morgen stattfindet. 14:30?! Die schmeißen einen aber auch früh aus den Federn.
Der fast einstündige Auftritt inklusive Triangel Spieler, der jedoch ohne Mikrofon und somit unter Ausschluss der Öffentlichkeit sein Instrument betätigte, hat einem den Morgen echt versüßt.

Und süß sind vor allem auch die Jungs von RAZZ, die für ihr junges Alter schon ganz schön viel erreicht haben und das OHNE ein Album veröffentlicht zu haben! Fetter Indie Sound, sympathisch  und ohne große Schnörkel vorgetragen. RAZZ lassen die Indie Keule von vorne bis hinten durchschwingen und verwandeln die Hauptbühne in ein riesen großes Indiekonzert. Es hat schon seine Berechtigung dass die Jungs aus dem Emsland, neben dem Rocco del Schlacko, auch u.a. schon das Hurricane und andere große Festivals gespielt haben. Da kommt noch etwas Großes auf uns zu, sollte iiirgendwann auch einmal ein Album in den Läden stehen!

Weiter geht es auf der Schlau.com-Stage @ Ponyhof, auf der HEISSKALT ihren am Tag zuvor ausgefallenen Auftritt nachholen dürfen. Auf Platte haben mir die Jungs nie wirklich zugesagt - zu weichgeprügelt, zu belanglose Texte und zu sehr auf den Mainstream ausgelegt. Aber live machen die Jungs einiges wieder gut. Und das jedes Mal aufs Neue. Das wissen auch die Besucher des Rocco del Schlacko Festivals und so ist der Platz vor der Ponyhof Bühne das erste Mal richtig gut besucht. Es wird gepogt, mitgesungen und sich bewegt - ganz so wie es HEISSKALT in Bewegungsdrang fordern. Guter Auftritt. Wenn ein bisschen mehr von der Live Energie auf Platte gepackt werden würde, täte es dem Gesamtpaket HEISSKALT mit Sicherheit gut.

Auf der Hauptbühne spielt währenddessen PRINZ PORNO, das Alter Ego von PRINZ PI. Während der Berliner als PRINZ PI den gebildeten Rapper mit schlauen, gefühlvollen Texten miemt, lässt er als als PRINZ PORNO jeden Anstand hinter sich. Ein freundliches „Du Hure. Ich hoffe du verblutest an deinen Tagen“ schallt uns entgegen, als wir gerade auf dem Weg zur Hauptbühne sind. „Nein, Danke“, sag ich mir, „Sexismus brauch ich jetzt nicht auch noch“. Sagen wir es freundlich: Nicht mein Ding.

Im Folgenden fliehen die Hip Hopper wieder in Richtung Getränkestände und die Hardcore Fans wagen sich nach langer Zeit wieder nach vorne. IGNITE spielen im Folgenden einen soliden, abgebrühten Auftritt, ohne große Zuschaueranimationen oder andere große Bewegungseinlagen. Aber die braucht es bei einem solchen Auftritt auch nicht. Zwischendurch mal ein paar Ansagen, dann wird der nächste Song locker flockig runtergespielt. Abgebrüht, professionell und trotzdem nett anzusehen.

Vielleicht haben IGNITE auch schon zuvor einen Auftritt von RDGLDGRN (gesprochen RED GOLD GREEN) gesehen. Die 4 Jungs geizen nämlich nicht mit Zuschaueranimationen. Im Gegenteil. Da kann auch schon mal zum x-ten Mal ‚Seven Nation Army‘ angestimmt, der Schlagzeuger mit „I love Big Papa“ gehuldigt und Roxanne gecovert werden. Aber warum ausgerechnet hier DAVE GROHL das Schlagzeug eingespielt hat wird mir auch nach dem einstündigen Auftritt nicht ganz klar. Die Jungs machen Spaß, die Jungs machen gute Musik – mehr aber auch nicht. Über dem Durchschnitt ist das nicht wirklich und ohne die Prominente Unterstützung von besagtem DAVE GROHL und PHARRELL WILLIAMS hätten die Jungs es mit Sicherheit nicht direkt vor FARIN URLAUB geschafft. Trotzdem lustiger, entspannter Auftritt. Würde ich mir auch noch ein zweites Mal, wenn auch kein drittes Mal anschauen.

FARIN URLAUB und sein Racing Team kann man sich dagegen immer und immer wieder anschauen. Der Mann weiß einfach was er tut. Ganz Rockstar like mit Tee, anstatt Bier, kündigt er gleich zu Beginn an heute lieber sein 80 minütiges Set schnell durchzuspielen, anstatt Zeit mit irgendwelchen Zuschaueranimationen zu verlieren. So ganz kann er es dann aber doch nicht lassen und haut einen witzigen Satz nach dem anderen dem Publikum um die Ohren. Und dieses nimmt jeden Satz freudig erregt auf. Wer’s kann, der kann’s. Und wen sich ein FARIN URLAUB die Band aussuchen kann, dann besteht diese nun mal (ausgenommen von den 3 Bläsern) ausschließlich aus Frauen. Frau am Bass, Frau am Schlagzeug, Frau an der Gitarre, Frauen im Background Chor. Wer’s kann, der kann’s. Die Stimmung kocht und die grinsenden Gesichter nehmen langsam aber sicher überhand. Wenn ein Gott zum Tanz aufruft muss es ja auch gut werden.

Nachdem zuvor schon IGNITE, RDGLDGRN und auch FARIN URLAUB mehrfach auf den späteren Auftritt von den BEATSTEAKS hingewiesen haben, ist es nun endlich soweit. Das Wetter scheint diesmal auch mitzuhalten und somit steht einem grandiosen Headliner Set nichts im Wege. Die Berliner bieten eine Setlist die keine Wünsche offen lässt. Neue Songs, alte Songs, ganz alte Songs, wobei die neuen Songs einfach nicht so Stimmung verbreiten wollen, wie die alten Klassiker. Sei’s drum. Spätestens als FARIN URLAUB für ein gemeinsames Cover des Songs „Teenage Kicks“ noch einmal kurz auf die Bühne kommt ist jeder der anwesenden zufrieden. Mit 2 Schlagzeugern im Rücken holen die Jungs zum Rundumschlag aus und sobald die E-Gitarre aus den Händen gelegt wurde und man endlich nicht mehr an das lästige Stehmikrofon gebunden ist, gibt es bei Arnim kein Halten mehr. Mal links am Bühnenrand, mal rechts am Bühnenrand, mal mitten in der Menge. Hach Beatsteaks, wenn ihr doch nur noch einmal so schöne Mucke wie früher auch auf Platte festhalten könntet.

Und so verabschieden die BEATSTEAKS die 24.000 Festivalbesucher wieder vom Sauwasen. Bis der ganze Spuk und vor allem der Müll, für den man auch 1 bis 2 Mülltonnen mehr hätte aufstellen können, verflogen ist, wird es zwar wahrscheinlich noch einige Zeit dauern, aber es war schön. Zwar lief nicht alles optimal, aber es bleib noch alles im Rahmen. Rocco, wir sehen uns wieder!