08.04.2010: Throats, Trash Talk, Rolo Tomassi - Schaffhausen - Tap Tab

 

Wenn Hardcore nun doch nur Business ist, dann haben sich die vor einiger Zeit noch über alle Maßen gehypten TRASH TALK definitiv die falsche Geschäftsstrategie überlegt. Respektive: Ihre Bookingagentur. Eintrittspreise von gerne mal mehr als 15 €, schlichtweg unpassende Auftrittsorte in denen man eine solche Band nicht nur nicht vermuten würde und zu guter letzt verhältnismäßig gesalzene Merchpreise. Die äußeren Bedingungen könnten also weitaus attraktiver sein. Denkt sich wohl auch das Publikum und bleibt zu großen Teilen fern. Nicht nur im beschaulichen Schaffhausen in der Schweiz, sondern wohl auch am gestrigen Abend in München.

Eigentlich schade, dass über all dies die Musik schon im Vorfeld ordentlich ins Hintertreffen gerät und sich der Sänger von TRASH TALK zu allem Überfluss wohl auf einigen der vergangenen Shows den Kommentaren auf dieser Seite nach zu urteilen auf der Bühne reichlich affig aufgeführt haben muss. Am heutigen Abend immerhin muss kein nichts ahnender Zuschauer das Konzert mit einem Fußabdruck des Sängers im Gesicht verlassen. Als überzeugend kann man die Leistung der Kalifornier dennoch nicht bezeichnen. Doch der Reihe nach…

Zunächst einmal liegt es an den fünf Engländern von THROATS, das eher spärlich erschienene Publikum aufzuwärmen. Die Rezeptur hierfür: Wildes Geballer trifft auf schleppend-doomige Grooveparts. Ungefähr so würde sich wohl der missratene Sohn einer Paarung zwischen CONVERGE und den verwesenden Überresten der leider viel zu früh verblichenen CURSED anhören. Da wird sich die Seele aus dem Leib geprügelt und die Seele aus den namensgebenden Kehlen gebrüllt, was das Zeug hält. Der Sänger gibt den Vollzeitpsychopathen und tobt wie von Sinnen vor der Bühne, während auf eben dieser die Instrumente malträtiert werden. Gegen ein solches Inferno kommt dann auch der Soundmann nicht an, weshalb THROATS leider bisweilen dazu tendieren, eher ein Rauschen von sich zu geben. Aber was für eins. Eine großartige Band, von denen man im Idealfall noch so einiges hören wird. Wenn der Teufel mal wieder einen Soundtrack zum Weltuntergang braucht, wende er sich vertrauensvoll an diese Herren.

Nach einem solch eindrucksvollen Auftakt dürfte es eher schwer fallen, hier noch einen drauf zu setzen. ROLO TOMASSI versuchen das auch gar nicht erst, sondern schlagen stattdessen lieber völlig andere Töne an. Nervenschonender wird das Ganze dadurch allerdings auch nicht. Die Unterschiede im Sound deuten sich schon während der Umbaupause an, als diverse synthetische Tasteninstrumente den Weg auf die Bühne finden. Als wenig später zudem noch eine zierliche und zudem ausgesprochen hübsche Dame die Band vorstellt ist das Verwirrspiel perfekt. Die Auflösung folgt auf dem Fuße, als die blutjungen Engländer ihr Set mit abgehackten Rythmen, wilden Tobsuchtsanfällen und immer wieder eingestreuten sphärischen Parts eröffnen. Anders sein ist die Devise. Angenehmerweise nimmt man es dem Fünfer, der anmutet, als könnten einige der Bandmitglieder die Namen aller Planeten des Star Wars-Universums rückwärts im Schlaf aufsagen, ab. Nichts wirkt aufgesetzt, auch wenn die Ingredenzien zwischen HORSE THE BAND-Weirdness, THE LOCUST-Chaos und BLOOD BROTHERS-Wechselgesang aus der Hölle wahrlich nicht eben homogen erscheinen. Man, bzw. Frau tippelt wahlweise anmutig über die Bühne oder gibt sich vor dieser der Kunst des exaltierten Instrumente-Schleuderns hin. Wahnwitzig, aber auch ganz schön großartig. Die eingestreuten Songs des in Bälde erscheinenden neuen Albums der Band lassen großes erhoffen. Produziert übrigens von M.I.A.-Haus-und-Hof-Produzent DIPLO. Nur um das Verwirrspiel perfekt zu machen. Gut möglich, dass die Band bald zu groß ist, um als Vorband einer massiv überbewerteten Hardcore-Truppe wie TRASH TALK zu fungieren.

Eben diese liefern dann auch nach verhältnismäßig kurzer Umbaupause einen erschreckend uninspirierten Auftritt ab. Verglichen mit artverwandten Kapellen wie CEREMONY wirkt das alles etwas zu aufgesetzt. Man merkt durchaus, dass die vier Kalifornier nicht everybody’s darling sein wollen. Das ist an sich auch eine lobenswerte Einstellung. Auch gegen kurze Spielzeiten ist insbesondere in dem Sektor, den TRASH TALK beackern wenig zu sagen. Wenn man allerdings nach einer knappen Viertelstunde und dem letzten Song des Abends das Gefühl hat, nichts, aber auch rein gar nichts relevantes mitgenommen zu haben, dann ist etwas faul. Woran lag’s? Schwer zu sagen. Möglicherweise schlichtweg daran, dass den Jungs die guten Songs fehlen. Kurze Songs, viel Geballer und einige langsame Parts hatten schon viele Bands vor ihnen und ich prophezeie einfach mal, dass auch viele Bands nach ihnen diesem Konzept folgen werden. Wie man das richtig macht, haben abermals CEREMONY bewiesen. Wie man hierbei scheitert, zeigen TRASH TALK heute Abend. Da kann der Gitarrist noch so sehr beweisen, wie gut er doch springen kann und der Sänger kann sich noch so sehr schreiend auf dem Boden wälzen: der Funke will einfach nicht überspringen. Eher hat man das Gefühl, hier einem durchkalkulierten Witz auf den Leim gegangen zu sein. So löblich das Vorhaben ist, die Zuhörer anpissen zu wollen und so reizvoll das nihilistische Konzept der Band auch auf dem Papier sein mag, schlußendlich bleibt eine nichtssagende Leere im Raum und die Gewissheit, dass man nicht jedem Hype bedingungslos Glauben schenken sollte. Auch und vielleicht auch erst gerade nicht einem, der schon vor einiger Zeit seinen Höhepunkt fand.

Da die Ausfallquote heute allerdings ansonsten gen Null tendierte, geht man dennoch gegen Mitternacht mit dem wohligen Gefühl nach Hause, zwei äußerst talentierten Bands Gehör geschenkt zu haben. Mal sehen, wie sich die noch entwickeln…