11.05.2016: Russian Circles, This Will Destroy You - Duisburg - Grammatikoff

 

20 Uhr vor dem Grammatikoff in Duisburg. Trotz eines ausverkauften Konzertes reicht die Schlange bis weit nach draußen, aber da das Wetter gut ist, stört das niemanden. Ein Publikum gehobenen Alters, hier und dort sieht man die Unbroken und Black Flag Tattoos. Post-Rock, so lässt es sich auf jeden Fall interpretieren, ist wohl einfach eine reifere Form der Musik. Der Konzertraum befindet sich im 1. Stockwerk eines mehrstöckigen Hauses und scheint vom ersten Moment an sehr gemütlich und daher perfekt für den heutigen Anlass. Auch eine erhobene Tribüne gibt es, von der man gar den Luxus hat, das Geschehen im Sitzen zu verfolgen. THIS WILL DESTROY YOU lassen sich eine halbe Stunde länger Zeit als geplant und fangen dann um 20.30 Uhr vor einem gut gefüllten Raum und einer gut besetzten Tribüne ihr Set mit „Dustism“ an. Dabei ist der Raum das ganze Set über komplett abgedunkelt, nur zwei Taschenlampen am Kopf des Gitarristen und des Bassisten erhellen die Bühne ein wenig. Dadurch verleihen die vier Texaner von Anfang an ihrem Auftritt neben ihrer vielschichtigen Musik noch ein weiteres Element, das zu einer ganz bestimmten Atmosphäre beiträgt. Man könnte sagen, dass man sich besser auf das konzentrieren kann, was an den Instrumenten passiert. So fühlt es sich jedenfalls an. Und so schön und gemütlich das für die ersten drei, vier Songs auch ist, ertappe ich mich allerdings irgendwann dabei, in Gedanken immer öfter abzudriften von THIS WILL DESTROY YOU. Zwar passt da vom Tightness-Faktor her alles, die vielen Jahre Liveerfahrung merkt man den Amerikanern natürlich an. Doch irgendwie bin ich persönlich einfach kein großer Fan vom Songwriting der Band. Es erscheint mir an vielen Stellen so, als ob THIS WILL DESTROY YOU absichtlich ganz viel weglassen und betont wenig in ihren Liedern passieren lassen, weil das eben ihr Stil ist. An allen Ecken und Enden denke ich mir „Wenn man da jetzt noch diese und jene Melodie auf der Gitarre dazu spielen würde…“, und das habe ich bisher wirklich selten bis noch gar nicht bei einem Live-Konzert erlebt. Allerdings ist es natürlich nicht so, als wäre die Musik irgendwie plump oder oberflächlich. Der Einsatz von Schlägeln beispielsweise verpasst dem Klang der Becken in vielen Songs das besondere etwas. Überhaupt ist das Schlagzeugspiel sehr punktiert und mit vielen kleinen, nur für das geschulte und achtsame Ohr hörbaren Besonderheiten ausgestattet. Es liegt also an der Melodie-Fraktion, dass mir das nicht so ganz gefällt. Und das obwohl zusätzlich noch ein Laptop bedient wird, der ebenfalls Samples zu den Liedern hinzufügt. Soundtechnisch ist das schon recht ordentlich, allerdings fällt die hohe Gitarre für meinen Geschmack zu leise aus und sticht dadurch kaum wirklich heraus. Nichtsdestotrotz folgen auf „Mother Opiate“, „A Three-Legged Workhorse“ und „Quiet“ satte Applause. Die anderen Zuschauer sind also offenkundig anderer Meinung.

 

 

Glücklicherweise schaffen es RUSSIAN CIRCLES von der ersten Minute an, das Ruder für mich komplett herum zu reissen. Ich höre diese Band noch nicht seit langem und habe sie vorher noch nie live gesehen, doch ich bin direkt beim ersten Song „Deficit“ voll dabei und gecatcht, gerade gegen Ende hin wird der Song fast hypnotisch. Statt auf Dunkelheit auf der Bühne und auf harmonischen Sound setzen RUSSIAN CIRCLES auf eine ausgeklügelte, sehr gut untermalende Light-Show und Brutalität an den Instrumenten. Der Bass rumort herum und es fühlt sich fast an, als pansche er in den Eingeweiden herum, während die Gitarre klinisch kalt zwischen Palm-Mute-Wand und schaurig fiesen Riffs wechselt. Allerdings thront über allem eine meist unheilvolle, mystische Atmosphäre, die RUSSIAN CIRCLES letztendlich zu dem machen, was sie sind: Keine wirkliche Metal-Band, sondern wahrscheinlich die Lieblings-Post-Rock-Band eines jeden Metallers. Kaum vorzustellen, dass man gerade mal drei Leute braucht, um einen solchen Sturm auf der Bühne freizusetzen. Selten habe ich in 10 Jahren Konzertbesuchen ein intensiveres Set gesehen, und das vollkommen ohne Gesang. Um endgültig ins Schwärmen zu verfallen, genügt es, die Aufmerksamkeit ab und zu mal auf das zu lenken, was der Schlagzeuger da fabriziert. Es ist nicht so, als ob seine Bandkollegen ihm in besonderer Art und Weise etwas nachstehen würden, aber an technischer Finesse ist dieser Drummer wirklich herausragend. Ohne zu sehr gewollt und nicht gekonnt Härte in die Songs hereinbringen zu wollen, vereint Dave Turncrantz einen enormen Abwechslungsreichtum mit fließender Dynamik und dem nötigen Druck, der das Fragment für RUSSIAN CIRCLES bildet. Stücke aus allen der letzten vier Alben sind im Set der Band aus Chicago verankert, doch auch zwei neue Songs, „Afrika“ und später „Vorel“, werden präsentiert. Die Band teasert also auch live ein neues Album an, das auf den Namen „Guidance“ hört und Anfang August herauskommen wird. Produziert von, wie könnte es passender sein, Converge’s Kurt Ballou. Wie auch der Rest des Sets wechselt man zwischen purer Härte und dunklen Melodien, die einem fast das Blut gefrieren lassen. Die Highlights für mich sammeln sich heute am Ende des Sets: „1777“ führt die treibende Dringlichkeit von RUSSIAN CIRCLES auf die Spitze, während „Mladek“ mit diesem wunderschönen Taping zu Beginn des Songs ein wirklicher Lichtblick ist und den Auftritt nochmal deutlich auflockert und eine weitere Komponente im musikalisches Repertoire des Post-Rock-Trios beleuchtet. Nicht nur nach den Songs, sondern auch während den Songs applaudieren und rufen die Fans von der Tribüne. Was wohl eindeutig für die Qualität der Band, vielleicht aber auch für den Pegel einiger Zuschauer spricht. Den lautesten Applaus jedenfalls gibt es für das Sahnehäubchen „Youngblood“ am Ende des Sets.

 

 

Bleibt für mich als neuen Fan nur zu hoffen, dass RUSSIAN CIRCLES schon bald wiederkommen. Bis dahin lassen sich immerhin auch Caspian mit neuem Material im Gepäck schon Ende August wieder in deutschen Gefilden blicken.