15.05.2015: Set It Off, Decade, Brawlers - Wiesbaden - Schlachthof

 

Der Schlachthof in Wiesbaden war nur halb gefüllt, die Stimmung dafür umso besser. Die US-Amerikaner von SET IT OFF machten auf ihrer ersten Headliner Tour in Europa Halt im Kesselhaus und brachten viele Fan-Mädchen, aber auch eine Handvoll engagierte Vertreter des männlichen Geschlechts zum Schwitzen. Zuvor durften jedoch die zwei britischen Bands BRAWLERS und DECADE die Bühne rocken.

Weitestgehend unbekannt (Internetpräsenz so gut wie Null), gaben die vier BRAWLERS Jungs aus Leeds ihr Bestes das Publikum in eine angeheizte Stimmung zu versetzen. Zunächst blieb dies erfolglos, aber gegen später wippte, klatschte und tanzte der Großteil dann doch ganz annehmbar. Dass der Funke nicht sofort übersprang lag nicht nur an der allgemein schwierigen Situation von Support Acts. Auch die wenig einfallreichen Texte („...Don’t Drink and Dial...“)  und der eher durchschnittlich eintönige Rock bringen wenig Ohrwürmer und Mitreispotenzial mit sich. Gerade für ein Publikum von SET IT OFF ist das ungeeignet. Dennoch sammelt der Sänger Pluspunkte, indem er kurzerhand das Mikro beiseite legt und direkt zum Publikum spricht. Zwar ist der Kern seiner Message, dass man, wenn Geld übrig, mal beim Merchstand vorbei schauen und eine CD oder ähnliches kaufen soll, aber er verpackt es so sympathisch, dass der Ein oder Andere dies anschließend auch wirklich macht. Alles in Allem also ein zufriedenstellender Auftritt, aber eben nichts Besonderes.

Schon besser wurde es da bei DECADE. Obwohl der Sänger an Jesus auf seinem letzten Weg erinnert, brachte das Quintett aus Bath ein ordentliches Set zustande. Die Melodien variieren und laden zum mitsummen ein. Irgendwo zwischen The Swellers und Funeral for a Friend platziert, dringen die Töne zum Publikum durch. Auch wenn die Songs eher melancholisch angehaucht sind, steigt die Stimmung. Erstaunlich ist, dass beide Support Acts musikalisch recht stark von SET IT OFF abweichen und es trotzdem schaffen die Zuhörer zum abrocken zu bringen.

Am Kreischpegel des überwiegend weiblichen Publikums ist jedoch nicht zu verkennen, welche Band im Mittelpunkt steht. Kaum betritt der Schwarm und Leadsänger Cody Carson von SET IT OFF die Bühne, gibt es kein Halten mehr. Mit dem Duality Handzeichen, das einem zweigeteiltem Diamanten ähnelt und für das Gute und Böse bzw. die Gegensätze in der Welt steht, wird der Bund zwischen Publikum und Band beim Betreten der Bühne besiegelt - auch wenn einige die benötigten koordinativen Fähigkeiten der Finger vor eine Herausforderung stellen und am Ende dann doch nur ein Dreieck in die Luft gestreckt wird. Ähnlich wie das Echelon von 30 Seconds to Mars ist Duality, übrigens gleichzeitig auch der Titel des gleichnamigen aktuellen Albums, ein Erkennungszeichen und fast schon ein Geheimbund zwischen Band und Fans. Angefangen mit „Forever Stuck in Our Youth“, bereiteten SET IT OFF den Wiesbadenern einen feierlichen Abend. Vom ersten Ton an ist das Publikum voll da und extrem Textsicher. Die Lieder vom Vorgängeralbum Cinematics kamen (leider) etwas zu kurz. Der Grund dafür mag naheliegen: Duality ist mit einem poppigeren Sound auf den Mainstream anwendbar, Cinematics erinnerte noch stärker an Punkrock. Ob das auch der Grund für die erste Headliner Tour ist? Lobenswert sind die Bemühungen der anwesenden Männer. Mit gelegentlichen Moshpits, die sich sehen lassen konnten, bildeten sie den nötigen Testosteron Gegenpol zu der kreischenden Teeniemasse. Dabei ist SET IT OFF keines Wegs ausschließlich eine Band, die nur für pubertierende Mädchen geeignet ist. Mit rockig-poppigem Sound wandeln sie auf den Spuren von Simple Plan, jedoch mit einer extra Portion Aggression und Ernsthaftigkeit. Das Repertoire von Cinematics mit Liedern, die zumeist von einer gescheiterten Liebe handelten, wurde mit Duality um Zukunftsbegrüßende und zum Teil auch lehrreiche Ratschläge bereichert. Cody schafft es mit einer beeindruckenden Bühnenpräsenz, glasklarem Englisch und der dazu passenden Gestik und Mimik die Texte direkt in die Hirne der Anwesenden zu implantieren und sie in seinen Bann zu ziehen. Noch dazu trifft er so gut wie alle Töne, was bei Live-Konzerten auch nicht immer selbstverständlich ist. Mit „Dream Catchers“ und der Ausführung Cody’s dazu, dass man seine Träume verfolgen soll, trifft die Band den Nerv der Zeit. Selbstverwirklichung war nie so aktuell wie heute. Auch das letzte Lied „Why Worry“ schließt sich dieser Message an. Ein Konzertabend mit SET IT OFF lässt sich also mit einem Boost für das Ego vergleichen: Verfolge deine Ziele, Mach dir keine Sorgen, nimm dich in Acht vor falschen Freunden. Ganz so banal wie das alles klingt sind SET IT OFF aber keinesfalls. Man glaubt ihnen was sie vermitteln wollen und auch die Bereitschaft der Band nach dem Konzert Autogramme zu geben und ansprechbar zu sein ist lobenswert. Dementsprechend sind die Jungs aus Florida eine vielversprechende Nachwuchsband, die es sich zu verfolgen lohnt.