17. + 18.08.2012: Spack Festival - Festivalpark, Wirges

 



Mit einem wie gewohnt bunt durchmischten Line-Up lockt auch dieses Jahr das spack-Festival in Wirges (Rheinland-Pfalz). Dass dies durchaus gut funktionieren kann, zeigt der diesjährige Besucherrekord von über 10000 Menschen.

Zum Leidwesen der Kurzentschlossenen kam die sold-out-Meldung erst wenige Tage vor dem Festival. Unerwartet allemal, schließlich war das spack seit der ersten Edition im Jahre 2004 noch nie ausverkauft. Denjenigen, die auf die Abendkasse hofften, entging nicht nur das mit Hochkarätern gefüllte Line-Up (dieses Jahr vor allem viele Punk- und Rap-Acts), sondern auch ein äußerst spaßiges Festival mit dem besten Wetter, das man sich wünschen konnte und durchweg ausgelassener Stimmung. Neben dem Mair1-Festival ist das spack-Festival eines der zwei großen Festivals in der Region, spätestens seit dem Umzug von Höhr-Grenzhausen nach Wirges im Jahre 2009 zieht man aber bei weitem nicht nur die Einheimischen auf das Festivalgelände.


FREITAG

Um kurz nach sechs ist ROCKSTAH der erste Act, den ich mir anschaue. Der Rapper aus Rodgau hat zu dieser frühen Uhrzeit bereits viele Zuschauer vor die Mainstage gelockt, die meisten davon haben sich wahrscheinlich auch zuvor Ahzumjot zu Gemüte geführt, mit dem ROCKSTAH vor einigen Monaten zusammen auf Tour war. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie hält er Wirges ansagentechnisch aber vor allem mit seinen Songs bei Laune. Der Großteil seines Werks ist auf der Homepage kostenlos downloadbar, sicherlich einer der Gründe für die Textsicherheit der Menge. Doch die Setlist legt ihren Schwerpunkt mit Songs wie „Zocken > Ficken“ oder „Sturmfrei“ natürlich auf „Nerdrevolution“, dem Album, das ROCKSTAH nach mehreren Mixtapes zu einem kleinen Durchbruch verhalf. „McDrive Muzik“ wird dem Crockstahzumjot-Burger gewidmet, der es ja tatsächlich in die Speisekarte von McDonalds geschafft hatte.

Mit HIS STATUE FALLS geht es nun vollkommen anders weiter. Die Zielgruppe bleibt aber optisch fast die gleiche. Und vor der Bühne ist jetzt eher noch mehr los als zuvor bei Rockstah. Die Band aus Lebach bei Saarbrücken hat mit ihrem Mix aus Metalcore bzw. Post-Hardcore und elektronischen Elementen längst schon national für Aufsehen gesorgt. Mir fällt auf Anhieb keine Band ein, die man eher als „die deutschen Enter Shikari“ bezeichnen könnte. Wobei da natürlich auch wesentliche Unterschiede im Sound bestehen. Nur so als grobe Orientierung. Meine Tasse Tee ist das Ganze jedenfalls nicht und war es auch noch nie. Auch im Westerwald haben sich HIS STATUE FALLS bereits mit mehreren Auftritten (dabei beachtlich viel Publikumsbeteiligung) einen Namen erspielt, sodass es nicht großartig verwundert dass die 5 Jungs ihrem Slot gerecht werden können. Bei Songs wie „Give it up! Give it up!“ oder „Jasmin W. Knows How to Mosh” ist das Publikum bereits auf Hochtouren. “Breathe in, Breathe Out” wird heute leider ohne Hordak-Shouter Chuong zum Besten gegeben. Musikalisch ist alles sehr präzise auf den Punkt gespielt und auch die Performance wirkt wie immer professionell.

Erstmals international wird es dann auf dem spack-Festival mit A WILHELM SCREAM, die 2008 sogar neben Caliban sogar Headliner waren. Ein Wiedersehen mit alten Bekannten also, wobei ich eher bezweifle, dass viele der Zuschauer auch vor 5 Jahren schon dabei waren. Die Band um Nuno Pereira ist sich durchaus bewusst, dass ihre Band den meisten Leuten vor der Bühne sicherlich kein Begriff ist, macht aber mit viel Witz und Spielfreude das Beste draus. Jedem, der selbst Gitarre spielt, dürfte während dem Set mal wieder die Kinnlade verloren gegangen sein. Nach wie vor ist unglaublich, was alle 5 Bandmitglieder (vor allem die 4 an den Instrumenten) da leisten. Gespielt wird eine gute Mischung aus neueren Songs („Skid Rock“ von der neuesten EP, „I Wipe My Ass With Showbiz“, „We Built this City“ und „The Horse“ vom aktuellsten Album) und Klassikern („The Kids Can Eat a Bag of Dicks“, „The Rip“, „Killing It“). A WILHELM SCREAM ist auch die erste Band auf dem spack-Festival 2012, die einen amtlichen Circle Pit hinbekommt. Man nimmt den fünf Ostküstenstaatlern jede Minute ihres natürlichen, positiven Auftritts ab und ist fast schon traurig, als „The King is Dead“ dann den Auftritt beendet.

Es ist bereits dunkel geworden und Wirges wartet sehnsüchtig auf CRO. Wie auch letztes Jahr beweist das spack-Festival eine äußerst glückliche Hand und hat im Vorfeld einen Act gebucht, der nach der Buchung auf Platz 1 der deutschen Charts geschossen ist (letztes Jahr war das Casper). Manche der Unglücklichen, die keine Karte mehr ergattern konnten, haben außerhalb des Festivalgeländes auf Bäumen Platz genommen um CRO zu sehen. Das spricht wohl Bände. Der selbst ernannte King of Raop eröffnet sehr treffend mit „Hi Kids“. Der Platz vor der Bühne ist jetzt nahtlos gefüllt und für viele Festivalbesucher steht da der wahre Headliner auf ihr. CRO singt und spricht zwar – anders als auf seinen Aufnahmen – wie ein 12jähriger Junge, aber den Fans scheint es zu gefallen. Generell ist Rap mit Live-Band ja schwer in Mode gekommen – Casper gefällt mir da aber deutlich besser, da die Songs nicht so kurzweilig und poppig sind. Für gute Stimmung auf einem Festival ist das jedoch ein gutes Rezept, sodass „Du“, „Kein Benz“, „Rockstar“ und etliche andere Lieder nur so zum mitsingen, mitspringen und mitmachen einladen. Außerdem rappt CRO auf insgesamt 4 Samples, unter anderem auf „Banquet“ von Bloc Party. Kommt gut an, lässt mich persönlich aber an der Eigenständigkeit des Künstlers zweifeln. Casper hat das letztes Jahr auch gemacht – auf Nirvana und MGMT.

ANTI-FLAG erscheinen dann als Headliner manchen wohlmöglich schon zu hart, für Besucher des Mair1-Festivals ist das dann dagegen vielleicht wieder zu soft. Eine willkommene Abwechslung jedenfalls und ich hatte in all den Jahren schon vergessen, um was für eine unglaublich gute Live-Band es sich da eigentlich handelt. Zuletzt hatte ich sie vor vielen Jahren auf der Rheinkultur und auf dem Groezrock gesehen, dass sie sich so viel bewegen, so sauber spielen und eine so gute Setlist raushauen, hatte ich mir aber über ANTI-FLAG nicht abgespeichert. Nach einem Intro von der Platte gibt es dann gleich „Broken Bones“ und „Fuck Police Brutality“ auf die Ohren. Die Hymnen der Band („Power to the Peaceful“, „Death of a Nation“) gehen nach wie vor sofort ins selbige und bleiben dort auch eine Weile. Live klingt Sänger Justin Sane eine ganze Ecke härter als auf Platte, unter anderem das sorgt dafür, dass im Moshpit viel Bewegung zu sehen ist. Bassist Chris Barker dient da gesanglich gut als Gegenpol, auch der mehrstimmige Gesang ist etwas, was ANTI-FLAG auszeichnet. In gewohnt politischer Manier weist man auch darauf hin, dass morgen ein Naziaufmarsch in Koblenz geplant ist, der verhindert werden soll. „Turncoat“ ist dann kurz vor Ende des Festival-Freitags nochmal ein Leckerli für die ganz alten Hasen.


SAMSTAG

Genauso sonnig wie am Vortag geht es samstags in Wirges zu, als NATIONS AFIRE die Bühne betreten. Die Punkrock-Supergruppe, bestehend aus ehemaligen und derzeitigen Mitgliedern von Rise Against, Ignite und Death By Stereo, hat inzwischen auch ihr Debüt-Album namens „The Ghosts We Will Become“ veröffentlicht. Da macht es nur Sinn, dass live fast ausschließlich neues Material gespielt, die vorangegangene EP „The Uprising“ dagegen konsequent vernachlässigt wird. 2010 fand bei NATIONS AFIRE ein Line-Up-Wechsel statt, der einen eigenständigen Sänger überflüssig machte. Seitdem ist die Band nicht mehr mit fünf, sondern mit vier Musikern unterwegs. Für den Gesang ist seitdem Nik Hill von Ignite verantwortlich. Der Sound ist sehr ausgereift und klingt an vielen Ecken mehr nach Rock als nach Punk. Fans von Rise Against dürften hier auf ihre Kosten kommen, dass NATIONS AFIRE den Durchbruch bisjetzt nicht wirklich geschafft haben, hat aber auch seine Gründe. Auf mich wirkt die Band ein wenig zu brav und ruhig. Obwohl diese Art von Musik vom Aussterben bedroht ist, fehlt dieser Kapelle ein Alleinstellungsmerkmal. Da kann bei über einer halben Stunde Spielzeit schonmal ein bisschen Langeweile aufkommen.

Wesentlich etablierter sind inzwischen die Herren von POLAR BEAR CLUB in der internationalen Punkrock-Szene. Seit der ersten Europa-Tour im Jahre 2009 mit The Gaslight Anthem und Frank Turner (die es ja jeweils seitdem auch hoch hinaus geschafft haben) hat sich vieles getan: Zwei neue Alben (davon eines einer deutschen Stadt gewidmet) und weitere Europa-Touren (unter anderem mit Title Fight und den Shook Ones, aber auch schon alleine) haben POLAR BEAR CLUB geholfen, dem Geheimtipp-Status zu entwachsen. Dass man sich soundmässig seit „Sometimes Things Just Disappear“ sehr verändert hat, spiegelt sich logischerweise auch live wider. Die ruhigeren, rockigeren Songs von „Clash Battle Guilt Pride“ gefallen mir vor der Bühne auch weniger als die älteren Kaliber. „Pawner“ ist für diese Tatsache ein gutes Beispiel. Der Song enthält zwar vieles, was POLAR BEAR CLUB ausmacht, aber eben nicht alles. Richtig nach vorne geht er meiner Meinung nach jedenfalls nicht. Da finde ich dann schon eher Gefallen an „Burned Out in a Jar“ oder meinem Lieblingssong „Hollow Place“. Die fünf Herren auf der Mainstage wirken zu jedem Zeitpunkt enthusiastisch und dankbar für die Chance, sich einem so großen Publikum präsentieren zu können. Obwohl sie mit exakt denselben Problemen konfrontiert werden, wie A Wilhelm Scream gestern: Viele Leute sind wohl eher zufällig vor der Bühne gelandet. Aber ist das wirklich ein Problem?

YELLOWCARD jedenfalls haben als nicht reine Punk-Band den Vorteil, dass sie auch denen zusagen, die es gern ruhiger mögen. Einige balladenähnliche Songs sind auch im Gepäck und die Geige kommt oft zum Einsatz. Wo da eben die Rede von Alleinstellungsmerkmal war – das ist ein Paradebeispiel. Sean Mackin, bei dem im Dezember 2011 bedauerlicherweise Schilddrüsenkrebs diagnostiziert worden war, bereichert seine Band durch sein Instrument auf eine sehr gekonnte Art und Weise. Das weiß jeder, der mal ein YELLOWCARD-Album durchgehört hat. Die heutige Live-Show bietet jedenfalls einen guten Querschnitt durch die Geschichte der Band. Dass man die Arbeiten am neuen Album „Southern Air“ bereits abgeschlossen hat und inzwischen seit wenigen Tagen sogar veröffentlicht hat, kommt mehrmals zur Sprache. Man munkelt, es wäre das beste YELLOWCARD-Album seit „Ocean Avenue“. Auch der neue Song „Always Summer“ (eine Single-Auskopplung aus dem Album) wird frenetisch von den Zuschauern abgefeiert. Der Höhepunkt des Auftritts ist aber – wie könnte es auch anders sein – der letzte Song. Nämlich „Ocean Avenue“. Kategorie: Muss man kennen.

Selbst wenn man es nicht müsste, KRAFTKLUB aus Chemnitz kennt man spätestens seit der Veröffentlichung von „Mit K“, dem Debütalbum der Karl-Marx-Städter. Auch hier hat das spack-Festival wieder klug gebucht, kaum eine andere Band ist zur Zeit dermaßen angesagt, es könnte sich gar um die gehypteste deutsche Band zur Zeit handeln. Sogar mein Mitbewohner hört die inzwischen regelmässig auf spotify, und der hört sonst nur Elton John, Michael Jackson und den „About a Boy“ Soundtrack. Sänger Felix Brummer hat selbst auf Facebook schon an die 8.000 Likes, er führt seine Band mit einer gehörigen Prise Charisma an. Was KRAFTKLUB da instrumentell machen, ist nicht wirklich was neues. Poppige Indie-Melodien, die von vielen europäischen Indie-Giganten schon besser vorgetragen wurden (beispielsweise The Hives oder Arctic Monkeys). Neu ist allerdings der Rap-Gesang, der erstaunlicherweise auf die Musik passt wie Arsch auf Eimer. Dazu noch ein paar teils witzige, teils intelligent ausgestaltete Text und fertig ist das Hit-Gemisch, aus dem Songs wie „Ritalin“ oder „Zu jung“ entstanden sind. Die Jungs gröhlen die einprägsamen Zeilen aus „Ich will nicht nach Berlin“ oder „Scheissindiedisko“ mit, die Mädels tanzen im Zweifelsfall einfach darauf, als ob sie in selbiger stünden. „Songs für Liam“ ist das Highlight des Sets, wobei ich hoffentlich nicht der Einzige bin, dem es besser gefallen würde, wenn da gerade wirklich die Gallagher-Zwillinge anstelle von KRAFTKLUB auf der Bühne wären.

K.I.Z., vor 2 Jahren bereits gnadenlos als spack-Festival-Headliner abgefeiert, haben heute leichtes Spiel mit Wirges. Vor noch deutlich mehr Menschen ziehen sie wieder ihre großartige Show ab, die an mancher Stelle mehr Entertainment als Musik ist. Da darf eine ordentliche Light-Show mit allerlei Effekt-Schnickschnack natürlich auch nicht fehlen. Wo Kraftklub schon sehr imposant waren, legen K.I.Z. jetzt an jeder Ecke noch eine Schippe drauf. Ob bei „Hölle“, „Hahnenkampf“ oder „Spasst“, wenn die Musik für einen kurzen Moment unterbrochen wird, singen mehrere tausend Kehlen mit. Auch die neuen Songs von „Urlaub fürs Gehirn“ erfahren eine großartige Resonanz, so sind K.I.Z. in allen Belangen ein Sahnehäubchen für das spack-Festival und der gelungene Abschluss zweier sonniger Tage.