20.06.2014: Southside Festival - Neuhausen Ob Eck - Take Off Gewerbepark

 

Es ist wohl eines der entspanntesten Festivals in Deutschland, mit lockeren und begeisterungsfähigen Leuten. Tagsüber von der Sonne geküsst und nachts friert man bei der Schafskälte, wenn man sie nicht gerade einfach weg tanzt. Das Southside Festival ist dieses Jahr ausverkauft begrüßt 60.000 Besucher, die sich im Glanz seiner ganz eigenen Atmosphäre sonnen.
Nach Brückentags-Stau starten wir auf der Blue Stage, vor der es um 19:00 Uhr bereits gerammelt voll ist und eine unfassbar gute Stimmung herrscht. PASSENGER, der jetzt die Bühne betritt, wird von vielen als Ideenloser Singer-Songwriter abgeschrieben, der es vom Straßenmusiker in den Kommerz geschafft hat. Tatsächlich kann man ihm vorwerfen, teilweise seicht zu sein. Was das jedoch mehr als ausgleicht ist seine immens liebenswerte Ausstrahlung und seine tadellosen Live-Stimme mit großer Variations-Bandbreite. Der junge Brite ist ein Geschichtenerzähler – Geschichten, die zwar alltäglich und nicht unbedingt episch sind, aber solche, mit denen sich die Masse identifizieren kann. Und so sind die Choräle im Publikum ohrenbetäubend laut. Von diesem Chor unterstützt braucht dieser einsame Mann mit seiner Gitarre und elektrischen Drum-Impulsen per Fußdruck auch gar nicht mehr.
FRANZ FERDINAND auf der Green Stage haben auch ein durchaus begeistertes Publikum, welches sie mit ihrer leicht verschrobenen Art leicht animieren und noch mehr aufheizen. Die Briten sind einfach eine perfekte Festivalband, die genau wissen, was sie wann machen müssen und was die Menge von ihnen erwartet. Sie sind gut, um in Stimmung zu kommen und ihre Fans feiern sich zu ihren tanzbaren Tunes in Rage, dennoch war der Auftritt eher nur Durchschnitt.
Direkt außergewöhnlich ist der leicht gewöhnliche Start bei BONAPARTE, bei dem Sänger Tobias Jundt unkostümiert ins Rampenlicht tritt. Generell spuken viel weniger Kostüme und wunderliche Wesen herum, als gewohnt. Stattdessen werden große Spiegelnde Oberflächen über die Bühne gerollt. Das Publikum tanzt, egal ob sie jedes einzelne ihrer Lieder nun kennen oder nicht, frenetisch bei diesem Jahrmarkt der Ausgelassenheit mit. Und spätestens bei Songs wie „Anti Anti“ und „Do You Want To Party“, stellen die meisten fest, dass sie die Combo doch schon mal irgendwo gehört hatten.
Eine ganz andere Stimmung und ein ganze anderes Kaliber sind da THE BLACK KEYS, die um 21:00 Uhr auf der Green Stage einer der Headliner des Abends und des ganzen Festivals sind. Zwar strahlen die zwei leicht angegrauten Eminenzen Auerbach und Carney eine gewisse Distanziertheit aus, doch gleichzeitig sind sie mit einer Hingabe ihrer Musik verpflichtet. Geradezu meisterlich geben sie sich ihrem Spiel hin, geprägt von virtuosem Schlagzeugspiel und wunderbar ausufernden, dreckigen Gitarren. Zusammen mit ihren Session-Musikern spielen sie ihren ganz eigenen und zeitgenössischen Blues-Rock, der Neues schafft und Altem Tribut zollt und Lust auf Reisen durch den Süden der USA macht. Nach einem starken Einstieg mit „Dead And Gone“ und „Next Girl“, driften sie in einige weniger bekannte und weniger leicht zugängliche Songs vom „Brothers“ Album ab, woraufhin das Publikum mit leichter Unruhe reagiert. Überraschend ist „Gotta Get Away“ vom neuen Album „Turn Blue“, der so gefällig ist und so viele Country-Melodien in sich hat – eigentlich schon zu gefällig für ihre sonstige Kantigkeit. Diese Verwirrung wird aber wieder in den Wind gestreut, als sie erst die aktuelle Auskopplung aus „Turn Blue“ „Fever“ spielen, und dann ihre große Hymne „Lonely Boy“ schmettern. Ein insgesamt hervorragender Auftritt mit genialen Musikern, nur der Sound hätte mit mehr Wucht daherkommen können.
Zum zweiten Mal an diesem Tag steht ein einsamer Gitarrenspieler auf der Bühne, denn ED SHEERAN verzichtet komplett auf die Unterstützung von anderen Musikern – zumindest welche, die auf der Bühne zu sehen wären. Und so sind seine Lieder weitaus weniger elektronisch interpretiert, als von der Platte gewohnt . Es überrascht wenig, dass sein neues Album „x“ von Pharell Williams produziert wird, schließlich hat Sheeran auch zuvor schon für einen Singer-Songwriter ungewöhnlich ziemlich viel getextet. Aber das Publikum stimmt gerade bei diesen Lieder, wie „You Need Me, I Don’t Need You“, begeistert mit ein. Wenn der Engländer dann aber doch mal singt und seine rockigere Seite rauslässt, dann hat er eine schier umwerfend schöne und akkurate Stimme.
SEEED sind wohl einer der Bands, die von einem Festival zum anderen Touren, Jahr für Jahr, und denen die Leute trotzdem nicht überdrüssig werden. Die Vorfreude ist groß, als endlich der riesige schwarze Vorhang fällt, welcher die Bühne verhüllt hatte, und den Blick auf die Instrumentalisten auf ihren Podesten Preis gibt. Der Korken platzt, als Peter Fox und Komparsen ins Scheinwerferlicht schlendern und „Augen Bling“ anstimmen. So werden ab der ersten Minute Hits geschmettert, worauf die Meute dankbar tanzend, springend und gröhlend reagiert. Ob man Seeed nun mag oder nicht, ob ihr Reggae-HipHop einem nun zusagt, tritt an dieser Stelle hinter eine wirklich gelungene Live-Show zurück. Mit einer Souveränität und Leichtigkeit manövrieren sich Peter Fox, Eased und Boundzound durch ihre Show, die von Müßiggang und Lebensfreude geprägt ist. Coole Instrumentalisten und ein Schlagzeug mit zusätzlichen Parkaschen runden das Bild ab.