22.11.2006: American Hardcore Preview, Walter Schreifels - Münster - Cineplex

 


„Eine Manifestation der Jugend – schnell, laut, wütend, unberechenbar, wie die Jugendlichen selbst.“ (Ian MacKaye – Minor Threat/Fugazi)

In den letzten Monaten ist sicherlich jedem, der etwas mit Hardcore zu tun hat, die Dokumentation „American Hardcore – The History of American Punkrock 1980-86“ in irgendeiner News aufgefallen. Nun war es im westfälischen Münster endlich soweit und man konnte sich das Stück Zelluloid auf Leinwand in Form einer Preview mit exklusiver Solo-Show von Walter Schreifels an der Akustik-Gitarre reinziehen. Da die Nachfrage nach Tickets so hoch war, wurde der gemütliche Kinoabend in den zweitgrößten Kinosaal verlegt und bereits kurz nach dem offiziellen Einlass füllte sich zügig der Saal.

Das Programm versprach einiges an diesem Abend und es war dementsprechend nicht verwundernswert, das die Preview restlos ausverkauft war. Neben dem Film und der bereits erwähnten Akustik-Show von Mr. Schreifels wurde darüber hinaus den Zuschauern angeboten nach dem Film ein kleines Question & Answer mit Walter Schreifels zu machen, wobei das „kleine“ Q&A im Endeffekt eine ganze Stunde gedauert hat…

Los gings an diesem Abend mit einem ca. 45 Minuten langen Solo-Auftritt des ehemaligen Gorilla Biscuits/Quicksand Begründer Walter Schreifels, der neben eigens komponierten Solo-Stücken, auch Cover seiner zahlreichen Bands im Programm hatte und das Publikum durch sympathische und durchaus humorvolle Ansagen in seinen Bann ziehen konnte. Allein schon seine geniale Begrüßung (die aus der Frage bestand, ob denn jemand ein Plektrum habe. Nach ein paar irritierten Blicken, kam man die dann die Begründung, man sei doch auf einer HC-Show, da muss ja nicht alles perfekt laufen) war wirklich einmalig. Im Laufe des Sets präsentierte Walter wirklich schöne Nummern und erwies sich als sehr guter Entertainer, der es schaffte mit nur 2 Saiten „Start Today“ und „New Direction“ in Akustik-Form zu covern, da sich die anderen Saiten im Verlauf des Konzertes verabschiedet hatten und er natürlich keine neuen dabei hatte. Seine Aufforderung die anderen Kino-Räumlichkeiten mal so richtig aufzumischen („We should mosh them down!“), kam ebenfalls sehr gut an beim Publikum. Alles in allem eine schöne Show des Musikers, die Lust auf das, im nächsten Jahr, erscheinende Solo-Album gemacht hat. Jetzt war erstmal eine Viertelstunde Pause angesagt, um sich dann wieder, mit Bier und Popcorn bewaffnet, dass eigentliche Hauptprogramm des Abends anzuschauen.

Um ca. 21:20 war es dann so weit und uns erwartete die exklusive Preview der Dokumentation American Hardcore. Der ca. 90 Minuten lange Film, der versucht die sich schnell ausbreitende HC-Bewegung (mit vielen Konzertmitschnitten und „Zeitzeugen“) der frühen 80er einzufangen, erweist sich als durchaus unterhaltsam und spannend, ist aber sicherlich nicht frei von Kritik. Ich persönlich, sehe diverse Punktet als etwas „misslungen“ an. Zwar versteht es der Regisseur Paul Rachman (der den Film auf Basis des Buches „American Hardcore – A Tribal History, verfasst von Steven Blush, gedreht hat) sehr gut die frustrierende Stimmung der Jugend unter der Reagan-Bewegung nachzuzeichnen und es wird ebenfalls sehr deutlich warum HC für die meisten mehr als nur Musik war, dennoch verliert er sich irgendwann im Verlauf des Films in zu viele Interviewschnipsel und Konzertmitschnitte. Man gewinnt schnell den Eindruck, dass der Film sehr hektisch geraten ist, hier eine Szene, da noch ein bedeutender Charakter der damaligen Szene und so weiter. Manchem Szeneveteranen mag dies sauer aufstoßen, anderen Leuten, die gar keinen Einblick in diese Bewegung haben, wird es hingegen sehr schwer fallen überhaupt etwas aus dem Film mitzunehmen, da man ständig mit Bands (unter anderem Black Flag, Minor Threat und Bad Brains) und Personen (unter anderem Henry Rollins, Ian MacKaye und Moby) bombardiert wird. Darüber hinaus sehe ich den Stellenwert der Bad Brains ebenfalls als sehr einflussreich für die ganze HC-Bewegung an, aber im Film wird es ein wenig zu viel des Guten, da man ständig mit der Band konfrontiert wird. Manchmal scheint es sogar als wäre der Film eine Hommage an die Rastafaris aus Washington. Weitere Kritikpunkte betreffen noch die Tatsachen, dass es nichts, außer einer namentlichen Erwähnung der Dead Kennedys in diesem Film gibt, was mich persönlich verwundert und auch ein wenig enttäuscht hat. Des Weiteren taucht die New Yorker HC Szene sehr selten auf, auch wenn es schon stimmt das der HC recht spät in NYC gezündet hat, dennoch hätte ich mir ein paar mehr Minuten zum NYHC gewünscht. Als letzter Kritikpunkt ist mir aufgestoßen, dass mit dem Ende der Dokumentation im Jahre 1986 Hardcore und die Bewegung einfach als „Tot“ deklariert wird, was man so nicht unterstreichen kann. Zwar ist es durchaus richtig den Stellenwert von Bands der ersten Stunde hervorzuheben, aber es handelte sich ja nun mal um die erste Welle des Hardcores. Hier hätte ich mir, wie viele andere, vom Autor einen kleinen Ausblick gewünscht, da so der Stellenwert von Bands wie eben Gorilla Biscuits oder Youth Of Today geschmälert wird. Davon mal abgesehen, motiviert die Dokumentation nicht grade die Leute, die sich nicht mit Hardcore identifizieren, sich mit späteren Genrebands auseinander zusetzten, da die Musiker und andere Zeitzeugen sehr deutlich sagen, dass für sie Hardcore am Ende der 80er tot war.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei American Hardcore um eine authentische Dokumentation, rund um den amerikanischen Hardcore, die in dieser Form noch nicht gesehen wurde. Paul Rachmann ist sicherlich eine würdige Umsetzung des Buches von Steven Blush gelungen. Die vielen Konzertschnipsel und Interviews sind sehr sehenswert und man erfährt allerhand lustige, bisweilen aber auch traurige Fakten rund um den amerikanischen Hardcore. Ich schätze, dass der Film durchaus seinen berechtigten Erfolg haben wird, ein gewisser fader Beigeschmack bleibt jedoch an diesem Abend. Wer sich für den Film interessiert, kann sich hier einen kurzen Trailer anschauen und sich selbst eine erste Meinung bilden. Ich kann den Film im Endeffekt nur den Leuten empfehlen, die sich ein wenig mit der Musik auseinandergesetzt haben, dem Rest würde meiner Meinung nach ein recht verzerrtes Bild der HC-Szene präsentiert werden, das viele Fragen aufwirft, die der Film nicht beantworten kann.

Nach dem Film, gab es noch ein etwas ausuferndes Question & Answer mit Walter Schreifels, der den Film ebenfalls zum ersten Mal sah. Nach einer knappen Stunde war dann aber wirklich Schluss im Cineplex und die durchaus zufrieden reinschauenden Leute begaben sich auf den Heimweg.