22.01.2017: TOUCHÉ AMORÉ, ANGEL DU$T, SWAIN – Köln – Essigfabrik

 

Ich hatte mich im Vorfeld eigentlich schon ziemlich auf die Niederländer/Wahlberliner von SWAIN (ehemals THIS ROUTINE IS HELL) gefreut; blöd nur, dass ich meine Bahn verpasse und erst gegen Mitte ihres Sets in der Essigfabrik ankomme, wo sie gerade das großartige „Never Clean My Room“ (dessen Ähnlichkeit mit RADIOHEADs „Creep“ sich nur schwer leugnen lässt) aus ihrem 2016 erschienenen, sich im Grunge wälzenden Album „The Long Dark Blue“ einem recht gut gefüllten Konzertraum zum Besten geben. Auch wenn noch keiner der Anwesenden große Anstalten macht, sich zu bewegen, und sich der Großteil des Publikums eher im hinteren Teil der Halle ansammelt, ziehen die vier ihr Ding solide durch; während der Rest der Band eher in sich gekehrt ist, gibt Sänger Noam das Amphetamin auf zwei Beinen und schreit und powert sich durch ihr kurzes, gut halbstündiges Set, das die Band ohne großartige Ansprachen zwischen den Songs durchzieht; der Frontmann will einzig und allein, dass alle Leute lieb und nett zueinander sind, nachdem er letzte Woche von einem seiner besten Freunde aus seinem Job entlassen wurde – den neuen, unveröffentlichten Song, den sie daraufhin spielen, klingt aber so gar nicht nach Versöhnlichkeit und Friede, Freude, Eierkuchen, sondern schließt eher wieder an den ursprünglichen, hardcore-lastigeren Sound ihres Debüts „Howl“ an. Und obwohl ich die Hälfte ihres Sets leider verpasst habe, lässt sich unterm Strich zusammenfassend sagen: Guter erster Support des Abends, aber mit einer so rundum gelungenen LP wie der aktuellen „The Long Dark Blue“ im Gepäck sollte das eigentlich auch keine so schwierige Aufgabe darstellen.

Nach einer kurzen Pause geht es mit ANGEL DU$T aus Maryland weiter; der Grunge-Sound ihrer Vorgänger wird kurzerhand gestrichen und durch sich in old-schooligere Gefilde trauenden melodischen Hardcore ersetzt. Eine feiernde Anhängerschaft hat die fünfköpfige Truppe auf jeden Fall vor der Bühne versammelt, die auch immer mal wieder das Mikro ins Gesicht bzw. am Ende des Sets in die Hand gedrückt bekommt. Ohne große Worte zu verlieren, spielen auch ANGEL DU$T fast ohne Pausen zwischen den einzelnen Songs ihr Set runter; ein kurzer Geburtstags-Applaus für Drummer Dan ist aber immerhin noch drin. „Rock The Fuck On Forever“ – der Titel ihrer im letzten Jahr veröffentlichten und von Will Yip produzierten LP könnte auch das Motto ihrer Show sein; mit poppigen Melodien gespickter melodischer Hardcore, der ordentlich Laune macht trifft auf die Spielfreude der Band und einen Frontmann, der eindringlich mit dem Publikum vor der Bühne interagiert. Dass ich für den Rest des Abends einen Ohrwurm von dem catchigen „Headstone“ habe, ist dann irgendwie auch kein Wunder mehr.

Alle Zeichen deuten darauf hin, dass der heutige Abend für Band und Publikum ein ganz besonderer werden sollte; die Show ist zwar nicht restlos ausverkauft, dafür aber trotzdem die bisher größte Headline-Show, die das Quintett aus Los Angeles je in Europa spielen durfte. Nachdem ich die Band jetzt schon einige Male live erleben durfte und ihre letzte Headlineshow im Kölner Underground im August 2015 mit Abstand mein Konzerthighlight des damaligen Jahres war, sind die Erwartungen natürlich sehr hoch. Und obwohl das Konzert aus dem Gebäude 9 in die größere Essigfabrik verlegt wurde, die nicht gerade für ihren brillanten Sound bekannt ist und wahrscheinlich bei so manch einem die Vorfreude auf den Abend geschwächt haben könnte, lösen sich diese Zweifel bei den ersten Zeilen von „Flowers And You“, dem gleichzeitigen Opener ihrer neuen LP „Stage Four“, in Luft aus; TOUCHÉ AMORÉ haben das Publikum von Sekunde 1 auf ihrer Seite und über die Textsicherheit der Leute vor der Bühne kann man sich auch nicht wirklich beschweren. Ich war im Vorfeld schon sehr gespannt, wie sich das neue Material in ihre Live-Show integrieren lässt; mit Jeremy Bolms cleanen Gesangsparts wusste ich mich auf Platte teilweise noch nicht so richtig anzufreunden und auch die um einige Male in sich gekehrteren, post-rockig anmutenden Songs wie „Benediction“ oder „Water Damage“, bei denen der Frontmann ungewohnter Weise auch zur Gitarre greift, bilden einen krassen Kontrast zu dem explosiven Post-Hardcore ihrer drei Vorgängeralben. Aber auch der Krebstod seiner Mutter, der mittlerweile schon zwei Jahre her ist, wie er im jetzt textlich leicht abgeänderten „New Halloween“ zeigt („Somehow it’s already been two years“), den Bolm mithilfe des aktuellen Albums zu verarbeiten versucht hat, stellt wahrscheinlich eine große Herausforderung in der Live-Situation dar, wenn man sich vorstellt, dass der Frontmann von Bühne zu Bühne und von Abend zu Abend die schwere Zeit immer wieder aufs Neue durchmachen muss. Das sollte man zumindest meinen, aber überraschenderweise sind es gerade die aktuellen Songs wie „Rapture“ oder „Palm Dreams“, die den Anwesenden bestimmt so manch einen kalten Schauer über den Rücken haben laufen lassen; sie sind mehr Selbsttherapie als schmerzhaftes Durchleben der Vergangenheit.

Das Augenmerk der Setlist liegt heute Abend deutlich auf „Stage Four“, Klassiker ihrer ersten LP wie „Honest Sleep“ oder „And Now It’s Happening In Mine“ dürfen aber genauso wenig fehlen wie „~“, „Home Away From Here“, „Amends“ oder „The Great Repetition“ von ihrem (wie ich finde) Meisterwerk eines Albums, während das 2013 erschienene „Is Survived By“, das ja zu seiner Zeit nicht gerade mit Lobgesängen gepriesen wurde, mit einigen seiner stärksten Momente wie „Harbor“, „DNA“, „Just Exist“ und dem meiner Meinung nach ziemlich unterbewerteten „Non Fiction“ vertreten wird, das als Zugabe einen perfekten Ausklang des Abends bildet; Bolm bittet um die Erleuchtung der Halle und prompt werden hier und da Smartphones und Feuerzeuge gezückt – hab‘ ich bis jetzt so auch noch nicht auf einer ihrer Shows gesehen.

TOUCHÉ AMORÉ sind und bleiben für mich auch nach dem heutigen Abend weiterhin in ihrem Genre unangefochten, was energetische Live-Shows angeht: Die Fünf sind live mindestens genauso grandios wie auf Platte und es versetzt einen auch immer wieder ins Staunen, Schlagzeuger Elliot dabei zuzusehen, wie er sein Drumset fast kurz und klein zu schlagen scheint. Ganz egal, ob kleiner Club oder eben die größere Essigfabrik; die Band schafft es immer, authentisch zu bleiben und die Nähe zum Publikum niemals zu vernachlässigen, bis sich Frontmann und die Leute vor der Bühne einfach friedvoll in den Armen liegen und sich Zeile für Zeile um die Ohren hauen.

 

Bilder von der Show findet ihr hier:

http://www.allschools.de/photoGallery/show/TOUCH_AMOR_-_Koeln_-_Essigfabrik_22_01_2017_1485175792232

http://www.allschools.de/photoGallery/show/ANGEL_DUST_-_Koeln_-_Essigfabrik_22_01_2017_1485175627292

http://www.allschools.de/photoGallery/show/SWAIN_-_Koeln_-_Essigfabrik_22_01_2017_1485175495380