24.07.2010: Cruel Hand, Miles Away, Ruiner, Carpathian, All For Nothing, Remember, Ritual - Essigfabik - Köln

 

Mal wieder ein langer Tag. Neun Bands feiern zu Ehren von Backs von Positive Records und ein paar Zuschauer sollten auch kommen. Denkbar ungut die Entscheidung, solch kleine Bands, auch wenn sie in einem Haufen gebucht auftreten sollen, in die große Essigfabrik zu buchen. So kommt es, dass stets viel zu viel Platz vor der Bühne ist, bis hin zum Headliner keine richtige Stimmung aufkommen soll und jede Pause dazu genutzt wird, mal kräftig über Halle und Getränkepreise abzumotzen. Aber so schlimm war es dann doch nicht.

STRENGTH und GO FOR IT verpasse ich dank der Deutschen Bahn, pünktlich zu den Dortmundern von REMEMBER soll aber dann gezeigt werden, wie hoffnungsvoll diese Truppe doch ist. Anfangs verschmäht von all den Web 2.0 Kids, mausern sie sich spätestens mit ihrem ersten Longplayer zu einer festen Größe – versprochen. Denn die neuen Songs, die nach dem grandiosen „The Ballad“ folgen, sind vollgepackt mit Tiefgang und Melodien (besonders großartig: das letzte Stück). Irgendwie abgründig, irgendwie furchtbar zerreißend. Passend dazu die enorm intensive Stimme des Sängers und das durchaus vorzeigbare technische Verständnis der Band, auch wenn des Gitarristen Technik kurzzeitig unangenehme Geräusche erzeugt. Alles in allem aber die Überraschung des Tages – Top!

Danach sollen die Holländer von ALL FOR NOTHING folgen. Wildes Getanze vor der Bühne, blöde Ansagen („Kleine Menschen sind auch nur Menschen, akzeptiert das“) und typischer Posi-HC, der durchaus Qualität hat. Die Fans jedenfalls gehen gut mit, Frontfrau Cindy freut sich sichtlich über jegliche Reaktion aus dem Publikum und nach einer halben Stunde ist auch schon Schluss mit einem soliden bis durchschnittlichen Set einer sympathischen Band.



Next: RITUAL. Eingesprungen für THE CARRIER können die Recklinghausener nicht so recht entschädigen. Man hat sie eindeutig schon energischer gesehen. Aber vielleicht liegt das einfach an dieser ekelhaften Location. Eigentlich passt die Essigfabrik recht gut zu HC-Bands, jedenfalls wenn sie COMEBACK KID heißen. Dass aber ausgerechnet all die Bands hier spielen, die eigentlich für die Intensität in kleinen Locations bekannt sind, macht dann doch alles kaputt, irgendwie. RITUAL werden jedenfalls das erste Opfer dieses Monstrums. Zwar finden sich vor der Bühne ein paar Fans ein, trotzdem fehlt dieses gewisse Etwas. Der Sound ist mal wieder viel zu breiig, je nachdem wo man steht auch einfach zu laut und insgesamt wirkt auch der sympathische Vierer etwas verloren auf der großen Bühne. Schade um RITUAL, die sonst immer alles geben, heute allerdings (sicherlich auch wegen der Location) nicht so recht überzeugten.



Die nachfolgenden CRUEL HAND haben es da schon besser getroffen. Irgendwie passt die Bühne nun wieder zu dem Hardcore, der sich arg an Vorbildern aus den 90ern hält und so ist es kaum verwunderlich, dass Band wie auch Publikum wie auf Knopfdruck ausrasten und ausnahmslos alles geben. Vielleicht ist der Spaß bei CRUEL HAND aber auch nur dessen geschuldet, dass man trotz des toughen (NEIN! Nicht Tough Guy!) und metallischen Sounds eher sympathisch erscheint. So entschuldigt man sich, dass CARRIER nicht dabei sind, man bedankt sich fleißig für die massigen Sing-A-Longs und natürlich wird auch Backs gratuliert. Musikalisch gibt es Songs vom tollen „Prying Eyes“ und der neuen Platte „Lock & Key“, die Ende des Monats erscheint. Guter Auftritt.




Die nachfolgenden MILES AWAY werden dann wieder Opfer der Location. Sound scheiße, wenig Publikumsbeteiligung, wenige Zuschauer. Und das trotz dieser sympathischen und energischen Performance. Wenigstens zu „Brainwashed“ rasten dann alle nochmal aus, dann verlassen MILES AWAY die Bühne als sei nie etwas gewesen, was ja gewissermaßen auch so war.



Als nächstes dann RUINER, die Band auf die heute viele warten. Letzte Tour – dann Auflösung. Der Trend, der an keiner Band vorüber zu gehen scheint. So bestritten beispielsweise HAVE HEART vor gut einem Jahr auf dem Allschools Birthday Bash ihre letzte Europa-Show, nun sind es die Labelmates von RUINER die in Köln eine ihrer letzten Shows spielen. Trotzdem ist es verwunderlich, dass so wenig los ist. Sing-A-Longs gibt es trotzdem massig, vor allem bei all den Übersongs, wie beispielsweise „The Lives We Fear“ oder dem großartigen und vielleicht besten RUINER Song „Adhering To Superstition“. Aber neben dem üblichen Tamm Tamm erlebt man vor allem die besten Ansagen seit langem. Rob Sullivan ist eindeutig der authentischste und abgefuckteste Typ, den ich seit langem auf einer Bühne begutachten durfte und verstellt sich zu keiner Sekunde. So scheint es ihm völlig egal zu sein, wer da vorne mitsingt oder nicht, er zieht sein Ding durch und erläutert auch äußerst perfekt, warum es RUINER nach dieser Tour nicht mehr geben wird. “Life is change“ sagt er, hat völlig Recht und sagt, dass jede Anschauung, jede Einstellung sich mal ändert. „Egal ob du in einer Band spielst, ein Zine rausbringst oder Shows veranstaltest – irgendwann wirst du älter, deine Einstellungen ändern sich dann und dann siehst du darin eben keinen Sinn mehr. Das ist normal.“ Ehrlicher war noch nie eine Ansage auf dieser Bühne und da passt es optimal, dass gleich danach „I’m Out“ gespielt wird. Großartig, auch wenn die Location hier mal wieder komplett den Spaß genommen hat. Wer die Möglichkeit hat, sollte definitiv RUINER auf den kommenden Clubshows anschauen.



Von CARPATHIAN habe ich hingegen gar nichts mehr erwartet und wurde zu 100Prozent positiv überrascht. Das erste Mal für heute Abend wacht das komplette Publikum auf, zum ersten Mal ist der Sound nahezu perfekt, rollt (Achtung: Füllwort) wie eine Dampfwalze über die Halle und macht wirklich alles platt. CARPATHIAN wirken dabei energischer und frischer denn je, vor allem aber auch sympathisch. Das Publikum kennt natürlich jeden Ton des „Isolation“ Materials, feiert derbe ab und lässt keine Situation aus Stages Dives oder ähnliches wahrzunehmen. Ein würdiger Abschluss eines langen Tages, der bei vielen sicherlich Opfer der hohen Erwartungen wurde, die einfach unerfüllt blieben. Schade.