25./26.05.2012: Immergut Festival - Neustrelitz

 



Es ist Sommer! Seit Tagen brütet man in der Stadt vor sich hin, zählt die letzten Arbeitstage der Woche, bevor es am Freitag nach eben getaner auf in den wilden Osten geht. Ziel: Neustrelitz an der Müritz. Zum 13. Mal findet eines der schönsten deutschen Festivals dieses Jahr statt. Und wenn man schön sagt, dann meint man SCHÖN mit allen Facetten. Man selbst darf sich in diesem Jahr zum fünften Mal davon überzeugen.

Der Rahmen:
Mit etwas Verspätung checkt man auf dem Festivalgelände ein. Es gibt wie jedes Jahr eine Menge abseits der Bühnen zu entdecken. Das beginnt mit dem Festivalgiude zu dem man in diesem Jahr einen Packen Aufkleber gereicht bekommt. Diese kann man ins wundervoll gestaltete Hosentaschenheftchen einkleben, so denn man alle passenden hat. Nach bester Paninisammelalbummanier muss man sich seine Kleber nämlich ertauschen. Kommt ins Gespräch, liebe Leute! Freundschaft! Die grafische Gestaltung, welche man bereits auf dem Plakaten bewundern konnte, zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche gestaltbaren Elemente des Immergut und verdient in diesem Jahr ob ihrer Farben und Formen ein besonderes Lob. Wo andere noch nach Helga schreien und sich ins Koma saufen, ist man in Neustrelitz bereits dem Wahren, Schönen und Guten auf der Spur.



Auf dem Gelände die Zeltbühne, die große Waldbühne und die kleine Bühne am Birkenhain. Parallelbespielung nicht im Plan, so dass man sich dem Entscheidungszwang nicht ergeben muss. Die Werbung hält sich im Rahmen, die Fressbuden ebenso. Da steht dann auch der Wagenburger der Berliner Vönermannschaft (vegane Döner und so) in friedlicher Eintracht neben dem 180gr. pure Beef Stand. Fritten, Eis, Crepes, Kaffee und Bier. Ebenso werden fair gehandelte Limonade und Eistee ausgeschenkt. Wer will denn bei diesem kleinen aber vielfältigen Angebot unbefriedigt sein? Immergutshirts kann man dieses Jahr nach bester DIY- Tradition selbst mit Stencils herstellen, ebenso gibt es eine Aktion zum Schreiben von Drei- Groschen- Romanen, die Linolschnitzwerkstatt. Kunstinstalationen zum Ausprobieren, dran Rumspielen und Erleben dürfen nicht fehlen. Hippiestände bleiben draußen, stattdessen im Labelzelt eben Plattenlabels, Veräußerer von Biofairtrademode mit Stil und siebbedruckten Baumwollbeuteln. Klischee? Aber bitte gerne, denn wo wenn nicht hier?

Man trifft alte Freunde wieder, hält die Sonne in die Nase. Die ersten musikalischen Klänge schweben über die Wiese, als man bemerkt, dass man sich pudelwohl fühlt und beginnt verspätet das Festivalprogramm mit Café (Soja-)Latte (leider dieses Jahr nicht von den grandiosen Passenger Espresso) und DIE HÖCHSTE EISENBAHN am Birkenhain.

Der Ohrenschmaus:
Freitag:
DIE HÖCHSTE EISENBAHN besteht in der Basis aus Moritz Krämer (um den man derzeit irgendwie nicht drum herum zu kommen scheint) und dem TELEFrontman Francesco Wilking. Letzterer auch auf dem Immergut kein Unbekannter. Dabei sind dann auch noch andere bekannte Gestalten aus der (Indie)Musikszene. Max Schröder am Geklöppel, Felix Weigt am Cello/Bass/Klavier/u.v.m.. Es hat etwas von Klassenfahrtscharakter. Auf der Bühne werden die multimusikalischen Talente aller Beteiligter deutlich. Eine kleine Lesung wird eingebaut, das Publikum sitzend, ankommend, entspannt. Heike Makatsch muss zwischendurch Windeln wechseln gehen.

FRANCIS INTERNATIONAL AIRPORT klingen wenig später auf der großen Bühne wie gut gelaunte THE CURE. Abheben tut man dazu allerdings nicht. Vielmehr versucht man die letzten freien Sonnenfleckchen zu erhaschen und ist viel zu abgelenkt von den vielen kleinen und großen Entdeckungen, welche es rechts und links der Musik noch zu machen gibt.

Zum Staunen, bis einem die Schuhe von den Füßen fallen ist dann der Auftritt von EINAR STRAY aus Norwegen mit einem unglaublichen Instrumentenumfang. Cello und Geige geben dem Sound oftmals eine melancholische Struktur. Wer beim Streichen noch singen kann, verdient tiefsten Respekt. Das Publikum liebt sie, EINAR STRAY lieben das Publikum. Streckenweise wird der Gesang gar fünfstimmig und am Ende ist es viel zu schnell vorbei.

Es bleibt instrumental monumental. THE HIDDEN CAMERAS stellen zu den Streichern noch die Oboe auf die Bühne. Leider wirkt dieser opulente Ohrenschmaus streckenweise etwas versalzen. Der Sound stimmt nicht, die Stimmung stimmt nicht. Ein langsamer, schunkelnder Schwoof setzt ein und man genießt die holländischen Fritten.

Es wird Zeit, das Zelt zu betanzen. VIERKANTTRETLAGER legen Rockstarallüren und gespielte Coolness noch vor dem Auftritt ab und rocken dann offensichtlich ziemlich gut gelaunt los. Das Publikum machts mit. Wer hat hier eigentlich wen angesteckt? Egal! Spaß! Freude! Crowdsurfen!

Und weil man gerade dabei ist, das Tanzbein zu schwingen, macht man damit auch gleich weiter. Egal woher die Beats kommen, hauptsache sie schlagen ein. Bei WHO MADE WHO sind die Beats elektronisch und entwickeln eine solche Durchschlagkraft, dass der Instrumentalteil schon fast nebensächlich wird. Ein kleiner Tanzgang über das übersichtliche Gelände bestätigt dies: Es scheint keiner stillstehen zu können. Alles wippt im Takt oder gibt noch mehr. Die Laune ist spitze und das Herz möchte einem springen.

Und nun wird es geheimnisvoll. Es wurden schon die wildesten Vermutungen dazu geäußert, welche Band sich dieses Jahr hinter dem Namen LET´S DID IT verbirgt. Das Zelt ist voll, bevor WHO MADE WHO ihr Set beendet haben und ein Blick auf dem Bühnenaufbau unterstreicht Ideen. Und so kommt es, dass die SPORTFREUNDE STILLER den Weg auf die Bühne schaffen und das Zelt zu Explosion bringen. Da muss man dann mal seine persönlichen Vorbehalte kurz vergraben gehen. Das hier ist Party, oben, unten, überall. Klassiker, Hits, Partykracher, alt, neu. Guten Freunden gibt man doch ein Küsschen. Die "SPORTIES" schlabbern einen ab.



BLOOD RED SHOES haben es danach nicht leicht. Die Euphorie bleibt vorerst im Zelt. Das puristische Stampfen auf der großen Bühne zieht nach der PrEMparty kaum noch jemanden in seinen Bann. Die melodiösen Teile werden von den Hartgesottenen mitgesungen, doch die Luft scheint raus zu sein.

Schmerzende Füße tragen einen ins Schlafgemach. Der Arbeitstag zollt seinen Tribut den nachfolgenden TOTALLY ENORMOUS EXTINCT DINOSAURS, ALLEn FARBEN, den VÖGELn. Aber wenigstens das Lächeln wurde einem heute glückseligst und drogenfrei ins Gesicht getackert. Und es hat gar nicht weh getan.

Samstag:
Der Asphalt kocht in der Sonne, ein laues Lüftchen. Ein Städtchen erwacht. Bunte Menschen treiben sich in den Cafés und im Einkaufszentrum von Neustrelitz herum. Noch eine Runde im Schatten ruhen und dann geht es los. Am See entlangschlendern, die Zehenspitzen eintauchen, mindestens. Und dann zum Immergutzocken. Fußballturnier, stets fester Bestandteil des Programms, doch man hat es nie geschafft. Dafür dieses Jahr. In der Fips- Asmussen- Kampfsportbahn zu Neustrelitz moderieren FIETE UND SCHIETE mit Hang zum Pfeffi den blutigen Kampf um den Pokal. Wer bei den Sprüchen noch Tore schießen kann, muss ein wahrer Fußballgott sein. Der DJ verschwindet zwischenzeitlich, was der Stimmung aber keinen Abbruch tut. Schlussendlich gewinnt Team V gegen Radio Lohro grandios 5:0 und man fragt sich, ob es die Sonne, die Pfeffis oder die Sprüche waren, welche den letzten Knoten im Bauch gelöst haben.

Humoristisch geht es auf diesem Niveau wenig später am Birkenhain mit TIERE STREICHELN MENSCHEN weiter. Wer die Berliners (nein, nicht die zugezogenen) noch nicht kannte, erhält nun eine Einführung in diesen Schlag Menschen. Lesung, Musik, Lacher, Kracher, Sesamstraße. Die Stimmung ist gelöst und das Publikum lässt sich zum Mittanzen nicht lange bitten.

Weil es in der Sonne und am Boden so schön ist, bleiben wir doch einfach hier. SÓLEY ist genau das Richtige, Unaufregende um noch ein wenig zu entspannen. Isländischer Entspannungsindie eben. Man schickt Rauchwölkchen gen Himmel und fröhnt den Kaltgetränken. Die Grasmilben freuts.

Ebenso entspannt sind die Geschichten, welche HEINZ STRUNK dann aus seinem Buch "Heinz Strunk in Afrika" vorträgt. Dennoch werden die Lachmuskeln trainiert. Die Temperaturen in der Sonne kommen denen in Afrika vermutlich mittlerweile auch erschreckend nahe. Schattenplätze mit Bühnensicht sind rar. Man hat gut lachen wenn man jung ist.

YOUNG DREAMS kommen aber dann heute doch nicht. Stattdessen treten Teile von THE MOUSFOLK auf die Bühne. Noch ist es leer. Man will den Besucher noch nicht überfordern und so folgt ruhiger Elektroindie mit viel Bass und jeder Menge Rückkopplungen. Sanftes Schütteln der Glieder ist angesagt. Der Sound wogt über die Wiese. Kommunikation mit dem Publikum gibt es nicht, es kann auch einfach mal nur die Musik sein.

Erstaunlicherweise geht es dann auf der kleinsten der Bühnen wieder umso indiescher zu. SIN FANG macht Indierock der allerfeinsten Sorte und ob man das nun im Stehen oder Liegen genießt, ist dann auch einfach mal total egal. Vollmundige Instrumentalisierung, Vielfalt in der Umsetzung der Percussion und Island sei mal wieder als Trendsetzer genannt und bestätigt.

ME AND MY DRUMMER sind toll, doch davon kann man sich an dieser Stelle nicht überzeugen, da man zu den Interviewterminen in den Backstagebereich verschwinden muss/DARF! Denn dazu sei an dieser Stelle gesagt, dass die Immergutmacher, sich nicht nur auf den für alle zugänglichen Bereich des Festivals mit gnadenloser Herzlichkeit und Detailverliebtheit gestürzt haben, auch der Backstagebereich ist ein wahrer Augenschmaus. Die bunten Bauwagen für die Künstler sehen nicht nur von außen schick aus, selbst in der "Chilloutarea" findet man Kunst. Herz wohin man blickt und ebenso entspannt verlaufen die Interviews mit Inger und Friederike vom Immergut e.V. und FRISKA VILJOR.

Nach einer Stunde spuckt einen der Backstagebereich dann wieder in die Menge und zu THE HUNDRED AND THE HANDS und aus der grundentspannten Tageshaltung heraus, empfindet man diese Band in diesem Moment als etwas sehr gewalttätig. Später kommt es doch noch zum Wechsel und THE HUNDRED AND THE HANDS schaffen es Phasenweise einen mutig zur Bewegung anzutreiben.

Und nun kommen die Nachfolger der frühen APPLESEED CAST im Zelt auf die Bühne. TALL SHIPS machen Indierock zum Tanzen, klingen dabei etwa so schräg, wie der Hörer sich dann fühlt. So spielen die Schiffe großartig, mit detailverliebtem Feingefühl und brachialer Durchschlagkraft einer Abrissbirne, die ins bunte Kirchenfenster kracht.



Nach den anregenden TALL SHIPS sind alle da, wo KAKKMADDAFAKKA sind. Diese versuchen mit Sexismus zu kokketieren, zeigen ihr Männerballet -1 und werden frenetisch abgefeiert. Das Publikum tobt, auch wenn man schon bessere Shows der Herren aus Norwegen miterleben durfte. Tanzen, sitzen, schreien, toben, Hände nach oben, die Band machts vor, der Mob machts nach. Es geht dem Höhepunkt entgegen.



Auf NEW BUILD wartet man im Sitzen, den Füßen eine Pause gönnend. Doch lange währt die Pause nicht. Unglaublich laut und unglaublich nah läd die Band zum Tanzen ein. Ein wahres Brett an Percussion, Rhythmus und 80´er Jahre gute Laune. Das erste Mal in Deutschland und es geht gut nach vorne.

Wer an diesem Wochenende noch keine Liebe erfahren hat, der bekommt sie nun von FRISKA VILJOR um die Ohren gehauen. Sechs Männer rocken die Scheiße fett (nein, etwas anderes kann man dazu einfach nicht sagen). Daniel hat heute Geburtstag, bekommt sein Ständchen aus 5000 motivierten Kehlen und die Freude ist ganz seitens der Band. Übermütig stürzt sich das Geburtstagskind in die Menge, erklimmt das Bühnengerüst. Seinem Wunsch nach einem weihnachtlichen Lichtermeer wird nachgekommen und so leuchtet der Abend wie der erste Tannenbaum. Menschen sitzen, singen, tanzen und es ist der Höhepunkt. Hiernach kann nichts mehr kommen. Wie wunderbar!

Die drei Tropfen von oben waren wohl mehr eine Täuschung oder Bier. Das Festival neigt sich dem Ende entgegen. Man möchte nicht gehen. Es hält einen melancholisch zu einem letzten Dreh, vorbei an glücklich, zufrieden und entspannt wirkenden Menschen. Man sollte gehen, wenn es am schönsten ist. Die Sterne leuchten, es ist die Nachtigall auf deren Gesang man den schönsten Ort verlässt, an dem sich Freunde, Musik und Frischluft treffen können. Mit einer Träne im Knopfloch und der Hoffnung auf das nächste Jahr. IMMERGUT: Ich liebe dich!