27.02.2016: ENNO BUNGER - Heidelberg - Halle02

 

Geht's uns nicht allen so? Woche für Woche hauen wir uns in den Jugendzentren der Republik die Köpfe ein, skandieren Parolen und können es nicht härter, schneller, lauter haben,... aber sobald jemand alleine am Klavier sitzt und ehrlich, voller Emotionen, einen Song vorträgt bekommt selbst anarcho1973 Gänsehaut. So auch bei ENNO BUNGER in Heidelberg.

Es ist Samstag Abend, 20:00 Uhr – der perfekte Zeitpunkt für ein Konzert. Und auch heute zieht es wieder jede MengeLeute (aus der Rhein-Neckar-Region) weg vom Fernseher, hin zu ENNO BUNGER.

Vorbands gibt es an diesem Abend gleich zwei. LESTAT VERMON und PROJEKTOR - doch wer jetzt einen langen Konzertabend (so wie ich) mit 3 etwa gleichwertigen Konzerten erwartet hat liegt falsch. Als ENNO BUNGER, das erste mal, die Bühne betritt kündigt er nicht irgendwelche Vorbands an, sondern die Bands seiner Band. Denn jeder der Musiker hat auch noch seine eigenen Nebenprojekte, die er nun, im Vorprogramm von ENNO, der Welt präsentieren darf. „Ein Festival auf Reisen“, wie ENNO BUNGER die Bands passend ankündigt.

5 Musiker, 3 Bands, 3 Konzerte, 1 Abend.

Los geht es mit LESTAT VERMON. Ruhige, herzergreifende, englischsprachige Musik, die auch den letzten im Raum runterkommen lässt. Heute werden die Zuschauer nicht heiß gemacht – im Gegenteil. Die Zuschauer werden nicht zum Tanzen, sondern zum Träumen animiert. Wenn auch nur 2 Lieder lang.

Bei PROJEKTOR geht es im Folgenden um einiges elektronischer zu. Dennoch bleibt man den ruhigen Tönen treu und startet keinen alles-abreisenden Rave, sondern lässt die Zuschauer weiter in die Wohlfühlatmosphäre der Halle02 eintauchen. Ein sanfter Beat trifft auf eine noch sanftere Stimme. Wohlfühl-Dream-Pop. Nach 3 Songs und insgesamt einer halben Stunde Spielzeit (beiden Bands zusammen), geht das Licht wieder an, um genau eine Viertelstunde später, für ENNO BUNGER, wieder auszugehen.

Und gleich beim ersten Song zeigt die gesammelte Mannschaft was Sie so drauf hat. Und mit „gesammelte Mannschaft“ sind nicht nur die 5 Musiker auf der Bühne gemeint, die mit „Renn!“ gleich den ersten Hit vom aktuellen, etwas elektronischeren Album „Flüssiges Glück“ auspacken, sondern auch die Arbeitenden vor und hinter der Bühne gemeint. Denn sowohl der Sound, als auch (vor allem) das Licht lassen heute keine Wünsche offen. Jeder Song, jede Textzeile wird mit der passenden Licht-Atmosphäre untermalt und bekommt somit noch mehr Ausdruck verliehen. Selbst einzelne Wörter („Du rennst Hals über Kopf // über Stock über Stein // über Grün über Gelb über Rot“). werden aufgegriffen und passend hervorgehoben. Großes Kino in der mittelgroßen Halle02. Die Menschen hinter bzw. vor der Bühne werden viel zu selten mit lobenden Worten überschüttet - daher,für mehr Lob für die Menschen die eben nicht auf der Bühne stehen, jedoch einen genauso großen Anteil am Gesamtkunstwerk „Konzert“ haben.

Doch auch musikalisch hat ENNO und Band so einiges zu bieten. Neuere und ältere Lieder werden ausgepackt. Mal geht es elektronischer, mal Klavier-lastiger zu. Mal ruhiger, mal lauter. Mal lustig, mal politisch, mal sentimental. ENNO BUNGER hat viele Seiten, die er an diesem Abend dem Heidelberger Publikum präsentiert. Und dieses macht vor allem eins – aufmerksam zuhören. Außer zwischenzeitlichen Einrufen der Fußball Ergebnisse ist es während und zwischen den Songs beachtlich still. Es wird konzentriert zugehört, den Texten gelauscht und sich einfach der Musik hingegeben.

Einzig und alleine die lustigen Geschichten (zwischen den Songs) sorgen für kurze Unterbrechungen des Traumes. Aufmerksamen ENNO BUNGER Fans dürfte dabei zwar die eine oder andere Geschichte schon bekannt vorkommen, doch die sympathische Art des Norddeutschen lässt auch darüber hinwegsehen und zaubert einem selbst beim zweiten oder dritten Mal noch ein Lächeln aufs Gesicht.

Für den längsten Applaus sorgt jedoch keine Geschichte und auch kein gefühlvoller Song über Trennungsschmerz, wie sie ENNO BUNGER haufenweise hat, sondern mit „Wo Bleiben Die Beschwerden“ der politischste Song des Abends.

„Und irgendwo hinter der Glotze endet unser Tellerrand
Und wir richten ohne Glatze ähnlich großen Schaden an
Nein, es sind nicht die paar Nazis, es ist unsere Ignoranz
Lieber BILD, GNTM und Dschungelcamp am Bratwurststand
Als wär' es nicht in unserer Mitte, sondern nur am rechten Rand
Machen wir weiter unsere Witze über Gutmenschen im Land
Vergessene Geschichte wiederholt sich irgendwann
Ist unser Mitgefühl etwa in einem Flüchtlingsheim verbrannt?“

Und auch hier beschert einem die Mischung aus Text, Sound, Musik und Licht wieder einmal Gänsehaut.

Nach über 100 Minuten geht das Licht in der Halle02 (ein letztes Mal) wieder an. Ein Samstagabend ohne „BILD, GNTM und Dschungelcamp am Bratwurststand“. Zum Glück. Schön war’s.