28.06.2014: Ben Galliers, Kristoffer And The Harbour Heads, Golden Kanine, Kapelle Herrenweide - Hamburg- Altona

 



Es könnte so schön sein. Eine laue Sommernacht, gute Musik für kleines Geld, draußen an wunderschönen Orten. Leider ist es kalt. Zu kalt für Sommer. Doch man wird sich doch nicht die Laune verkühlen lassen. So stellt man sich in der Kassenschlange vor dem Altonaer Rathaus an, hat noch einen dicken Pulli und die Regenjacke in der Tasche. Als Nordlicht ist man Kummer gewöhnt. Das erste Mal findet im Rahmen der Altonale die Altonale Pop Nacht statt. Und es lohnt sich. Alle Bands mitzunehmen wäre sehr sportlich und man möchte ja nicht in Stress verfallen. Gerüchteweise ist die Chance ins Altonaer Museum zu kommen mehr als utopisch und so freut man sich auf die ersten Bands im Innenhof des Altonaer Rathauses.
BEN GALLIERS eröffnen die kleine Bühne. Man kommt zu spät und kann noch ein paar Klänge erhaschen, von dem was gezaubert wird. Sie spielen noch im Trockenen wunderfeinfühligen Indiepop und beweisen, dass man nicht zwangsläufig einen Bass für tiefergehende Klänge benötigt. Dazu werden kleinere Experimentalinstrumente zum Klingen gebracht und einen Schellenkranz kann man auch mit der Fußmaschine bedienen.



Erfindungsreichtum lässt vergessen, dass es sich hier im eine Dreimannband handelt. Das Publikum belohnt dies mit aufmerksamen, bewundernden und hochachtungsvollem Lauschen und Applaudieren. Zu Recht und BEN GALLIERS und seine Freunde danken es ihnen ebenfalls. "Danke, dass ihr so lieb zu uns wart!" und meinen es vermutlich ernst. Zu Recht.
Die Pause kann man direkt im Altonaer Rathaus bei Bier und leckeren Snacks verbringen. Bevor KRISTOFFER AND THE HARBOUR HEADS die Bühne vollgeräumt haben. Dass sie schon sehnsüchtig erwartet werden, kann man spätestens dann merken, als das Publikum schon während des Soundchecks andächtig lauschend vor der Bühne steht.



Die Musiker sind davon wahrhaft überrascht. Kein geringerer als Kristoffer Ragnstam, bereits bekannt aus Funk und Fernsehen, wird hier heute mit tatkräftiger Untersützung seine Lieder zum Besten geben. Nachdem klargestellt ist, dass dieses kleine Intro nur der Soundcheck war, beginnt man dann nochmal richtig. Zwar zunächst leise. Doch sehr schnell wird klar, dass Indierock auch hier ohne Bass funktioniert und Spaß machen kann. KRISOFFER AND THE HARBOUR HEADS rocken ein gutes Set. Dazwischen gibt es milde Wechsel von Kristoffer zwischen Schlagzeug und Gitarre und Drumcomputer. Sehr souverän. Es gibt mehrstimmigen Gesang zum Lauschen und der Sound sitzt. Die Band freut sich, die Meute tanzt, klatscht und ist offensichtlich begeistert. So lassen sich KRISTOFFER und seine HARBOUR HEADS auch trotz Festivalsetting nicht lange um eine Zugabe bitten. Bei soviel hüftschwingendem Indierock ist das obligatorische fulminante Ende dieses großartigen Konzerts in klassischer Rockstarpose unverzichtbar.
Es bleibt kurz Zeit um Luft zu holen bevor immer noch im Innenhof des Altonaer Rathauses GOLDEN KANINE die Bühne betreten. Eine Band, die schon aus der Dose ganz wunderbar verzauberten. Leider geben sie bereits zu Beginn ihres Auftritts zu verstehen, dass die Bläser heute leider nicht dabei sein können, da sie an anderer Stelle in Konzert zu bestreiten haben. Das dämpft die Stimmung zunächst ein bisschen, auch wenn der Rest versichert, dass man auch so ein gutes Konzert gedenkt zu spielen. Leider fällt das Fehlen der Bläser doch ins Gewicht. Die Band legt sich dafür vielleicht extra stark ins Zeug. Es gibt nun auch endlich wieder Spaß mit Bass. Irgendwo vergisst man die Bläser und kann sich vollkommen an der verbleibende großartige Show mit Banjo, Mandoline, Hirn, Melodica und Herz erfreuen. Die Begeisterung springt schnell auf das Publikum über und als der lange erwartete Regen just in diesem Moment beginnt zu fallen, kommt das Publikum näher an die Band, da das Dach der Bühne noch ein wenig Trockenheit für die ersten Reihen übrig hat.



Die gute Stimmung maximiert sich dadurch noch und wer vorne steht und sich einmal kurz umdreht, kann auch unter den hinteren Regenkapuzen das Lächeln in den Gesichtern erkennen. GOLDEN KANINE wollen da auch gar nicht aufhören, verlassen die Bühne, dürfen nicht wiederkommen, doch die Show geht am Merchstand neben der Bühne einfach weiter. Shaking Hands werden gerne angenommen, das Merch aus den Händen gerissen, denn ein kleines Souvenir braucht man wohl, nach einem solchen Konzert, auch wenn etwas fehlte.
Zeit für einen Wechsel des Ortes. Es wird kühler nach dem Regen, der mittlerweile aufgehört hat. Hinüber ins Altonaer Museum zu KAPELLE HERRENWEIDE. Mal öfter was Neues lautet nun das Credo. Spätestens als die Quetschkomode auf die Bühne kommt, neben Trompete und sozialkritischem Texten am Gesang plus Trompete. Das könnte zu einer flotten Sohle auf dem Tanzparkett verführen, doch das Hamburger Publukim braucht heute länger zum Auftauen.



Die wilde Mischung aus ELEMENT OF CRIME, Molotowcocktail und Polka nagelt einen erstmal fest, überrollt einen und muss verarbeitet werden. Das Publikum würde gerne mitgehen, wippt sanft im Takt, doch die Wechsel zwischen schmissigen Songs und "ruhigeren" Nummern bremst jegliches zu betanzendes Hochgefühl aus. Schade, es könnte sicherlich so schön sein, zwischen besungenem Elend, unter dem Geldregen, den sie werfen und zu Hymnen auf Antonio Gramsci zu tanzen, sich zu freuen und die Hände in die Luft zu werfen. Man kann es erahnen, möchte es honorieren, doch die Band lässt das nicht zu. So ist man angetaut als das Konzert beendet ist, doch man geht mit dem unguten Gefühl, dass da hätte noch mehr sein können.

Grundsätzlich war die Altonale Pop Nacht eine ganz wunderbare Idee mit wundervollen Bands. Es war unmöglich alles zu erleben. Sicherlich waren auch TIM NEUHAUS, XUL ZOLAR und DEAR READER hörens- und die anderen Orte des Geschehens sehenswert, doch die Timetable ließ es nicht zu ihnen allen gerecht zu werden. Es war die erste ihrer Art, doch diese Popnacht hat sich den Wunsch nach Fortsetzung redlich verdient.