30.04.2016: HEISSKALT, THIS APRIL SCENERY – Düsseldorf – Pitcher

 

Samstag, kurz nach 19 Uhr: Draußen ist es noch strahlend hell, als ich das schöne kleine Pitcher betrete, das selbsternannte „Rock’n’Roll Headquarter Düsseldorfs“. Da ab 22 Uhr ein DJ auf den Tanz in den Mai einstimmen soll, fängt das Konzert heute schon extra früh an. Nichtsdestotrotz wird es bei den ersten Klängen von THIS APRIL SCENERY schon kuschelig eng; ihres Zeichens Supportband auf der aktuellen „Das ist nicht nötig, aber wir lieben es“-Tour zur Vorzelebrierung des im Juni erscheinenden HEISSKALT-Albums „Vom Wissen und Wollen“, dessen Veröffentlichung eigentlich schon für April geplant war, sich dann aber leider doch etwas in die Länge gezogen hat.

Vor dem Konzert noch mal kurz auf Spotify in ihr vor zwei Wochen erschienendes Album „Liminality“ reingehört; beschreiben könnte man die Musik von THIS APRIL SCENERY als Post -Rock mit frickelnden Gitarren und teilweise eingestreuten, atmosphärischen Klangteppichen – wer die BLACKOUT PROBLEMS mag, könnte auch an dieser Band Gefallen finden. Ich meine, mich an irgendeinen Textschnipsel aus dem Internet erinnern zu können, in dem der Bezug zum Post-Hardcore hergestellt wurde, den ich leider vergeblich gesucht habe; das Ganze kommt dann doch etwas zu glatt und brav um die Ecke (allem voran die Stimme des Frontmannes). Aber da der erste Eindruck auch täuschen kann, gebe ich den vier Herren aus Köln/Wuppertal/Essen die Chance, mich in der Live-Situation zu überzeugen.  Der Sound, der aus den Boxen vor der Bühne dringt, klingt manchmal nicht nach mehr als einem rauschenden Instrumentenbrei, in dem der Gesang fast zur Unkenntlichkeit verzerrt wird, bietet aber trotzdem einige vielversprechende Momente; ein bisschen Gitarren-Tapping hier, ein paar nette Melodien dort – und das Ganze wärmt das Publikum doch schon ganz gut für die Headliner des Abends auf. Wie Frontmann Nico (der u.a. auch als Produzent von Bands wie CITY LIGHT THIEF und ASTAIRRE tätig ist) anmerkt, ist das heute Abend auf dem neunten Konzert der gemeinsamen Tour der erste Pogo, der sich während ihres Sets vor der Bühne auftut - auch wenn das Ziel beim Pogo meiner Meinung nach nicht darin bestehen sollte, seine Mitmenschen so heftig und aggressiv wie möglich durch die Gegend zu schubsen, bis die Leute um einen herum schon anfangen, genervt die Augen zu verdrehen. Wo bleiben denn da das Miteinander und der Spaß, um die es hier doch eigentlich gehen sollte?

Unterm Strich lässt sich also zusammenfassen: Solide Show mit ein paar vielversprechenden Elementen, die aufgrund des schlechten Sounds leider etwas untergehen.

Nach ihrem halbstündigen Set ist es dann erstmal Zeit für ein kollektives Drängeln und nach-vorne-zur-Toilette-Kämpfen. Praktisch, dass sich diese ganz vorne befindet, so erscheint der Weg zurück zur Bühne doch wesentlich entspannter. Dass das Konzert schon Wochen im Voraus ausverkauft war, merkt man spätestens jetzt; der kleine Laden ist proppenvoll, kurz bevor die vier Stuttgarter die Bühne betreten gibt es kein Vor und kein Zurück mehr. Um 20:30 Uhr geht es dann endlich mit einer viertelstündigen Verspätung mit dem schon im März veröffentlichten „Euphoria“, das auch gleichzeitig Opener ihres in den Startlöchern stehenden, zweiten Albums ist, los. Und, als ob der Song schon seit Ewigkeiten Teil ihrer Setlist ist, kann man sich nicht über die Textunsicherheit des Publikums beschweren. „Das ist nicht nötig, aber wir lieben es“ – die im Song befindliche, namensgebende Textzeile der Tour trifft die Stimmung wie die Faust aufs Auge; von Sekunde 1 springt einen die Ekstase, mit der die Bandmitglieder ihr neues Material aus ihren Instrumenten rausprügeln, förmlich an. Nach Song #2, „Sonne über Wien“, ist dann erstmal eine kurze Pinkelpause für Gitarrist Phil angesagt (aber glücklicherweise ist der Weg zur Toilette ja nicht allzu weit), nach der für mich schon das emotionale Highlight des Abends ansteht; „Identitätsstiftend“ von ihrem 2014 veröffentlichten Debütalbum „Vom Stehen und Fallen“ wird mich wahrscheinlich noch für eine lange, lange Zeit bei jedem einzelnen Hören wieder aufs Neue kriegen, und fühlt sich in der Live-Version noch umso stärker an wie ein schöner Rausch. Die ganze Show an sich ist generell eine kleine Achterbahnfahrt der Gefühle; mal steigt der Adrenalinpegel bei manch einem Überklassiker wie „Hallo“ oder „Nicht anders gewollt“ (und auch wenn ich kein großer Fan ihrer „Hallo – Mit Liebe gebraut“-EP bin, macht ersterer Song live doch ziemlich viel Spaß), mal kann man schon fast die Stecknadel im Raum fallen hören, z.B. als Frontmann Matze nur mit seiner Gitarre und einer Loop Station das in sich gekehrte „Bestehen“ einem (im wahrsten Sinne des Wortes) niederknienden Publikum zum Besten gibt.

Ich war im Vorfeld schon sehr gespannt, wie die Songs vom neuen Album klingen und im Zuschauerraum ankommen würden, aber dass einige der Anwesenden die Lyrics der noch unveröffentlichen Songs Wort für Wort der Band zurück ins Gesicht schreien würden, hat mich dezent überrascht. Entweder wurde „Vom Wissen und Wollen“ also schon geleaked, oder besagte Leute reisen HEISSKALT schon ein paar Tage durch die Republik hinterher, ich weiß es nicht. Der erste Eindruck des neuen Materials schwächt meine Vorfreude auf Juni jedenfalls keineswegs ab; es scheint fast so, als sei ihr Sound um einiges kompromissloser geworden, die Höhen sind höher und die Tiefen tiefer. Ihr Post-Hardcore-Background ist an einigen Stellen jedenfalls nicht mehr zu leugnen, aber auch ein Song wie das vor ein paar Tagen veröffentlichte „Absorber“ klingt ohne Zweifel nach HEISSKALT – nach den neuen HEISSKALT, die keine Angst vor Ausflügen in groovigere, mit Samples unterlegte Klanglandschaften zu haben brauchen.

Die anderthalb Stunden, in denen die Luftfeuchtigkeit im Pitcher derart in die Höhe geschossen ist, dass die Tropfen schon von der Decke fallen, finden ihren Abschluss beim Entladen der allerletzten Kraftreserven zu „Bewegungsdrang“, dem ersten Song, den sie als Band zusammen geschrieben haben; Matze gibt seine Gitarre an ihren Roadie ab und dreht ein paar letzte Runden im Zuschauerraum, Stagedive-Einlage inklusive.

Für mich war das heute das zweite Mal, dass ich HEISSKALT live erleben durfte; ihr letztjähriges Erscheinen beim Highfield Festival war für mich schon Beweis genug dafür, was für eine unglaubliche Live-Band sie sind. Aber wer will schon auf ein riesiges Festival, wenn man eine intime und darum umso intensivere Clubshow haben kann? Im Herbst geht’s dann wieder auf ausgedehnte Tour nach Erscheinen des neuen Albums. Streicht euch den Termin in eurer Nähe im Kalender an – und dann ab dafür!

 

Setlist:

Euphoria

Sonne über Wien

Identitätsstiftend

Absorber

Nacht ein

So leicht

Kaputt

Alles gut

Tanz, Tanz

Trauriger Macht

Bestehen

Gipfelkreuz

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Hallo

Nicht anders gewollt

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Bewegungsdrang