Interview mit Comeback Kid

 

Comeback Kid ist eine Ausnahmeband. Seit Jahren treiben sich die Kanadier nun schon durch die Hardcoreszene und haben dabei ihre ganz eigenen Stil entwickelt und viele Bands geprägt. Als die Record Release-Show des neuen Albums Broadcasting im Leipziger Conne Island anstand habe ich mich aufgemacht, den Jungs ein paar Fragen zum Album und vielen anderen Dingen zu stellen. Bereitwillig gab mir Sänger Andrew Auskunft, auch wenn er derartig übermüdet war, dass zum Schluss die eine oder andere Frage auf der Strecke bleiben musste.


Heute Abend steigt ja die zweite Show eurer Tour. Wie war’s bisher?


Nun, wie du schon sagtest hatten wir bisher nur eine Show, es gibt also nicht so viel zu erzählen. Also ich, Jeremy und Kyle sind von unserer Heimatstadt Winnipeg in ungefähr 24 Stunden nach Toronto zum Flughafen gefahren und hier her geflogen. Unser Van muss nämlich dort sein, wenn wir zurückkommen, da gleich nach der Europatour unsere nächste Tour in Toronto startet. Jedenfalls hat der Flug dann noch mal neun Stunden gedauert und so waren wir ziemlich fertig als wir gestern gegen sieben Uhr früh gelandet sind. Trotzdem war die erste Show Wahnsinn. Die war in Karlsruhe. Es wäre zwar weitaus besser gewesen, wenn es keine Absperrung gegeben hätte, aber es war auch so toll.

Heute Abend gibt es ja keine Absperrung.

Ja, ich weis. Das Conne Island ist auch einer meiner absoluten Lieblingsclubs. Ja und sonst war alles bisher ziemlich schön auf Tour. Die Jungs von Rise and fall sind sehr nett, Final Prayer und Justice sind auch sehr cool, wir alle erwarten großes von dieser Tour.

Wie bereits erwähnt ist es heute ja erst die zweite Show der Tour, aber kannst du schon unterschiede zu den letzten Touren in Europa ausmachen? Ich nehme mal an, die Hallen sind größer geworden, es kommen mehr Leute…

Ja, es ist schon irgendwie krank, ich meine wir spielen zwar die Clubs, die wir schon beim letzten mal gespielt haben, aber gestern waren zum Beispiel so viele Leute da und ich denke alle erwarten ne Menge Leute für die Shows, aber hey, wenn viele Leute kommen ist das cool, wenn nicht auch okay. Wir werden so oder so eine coole Zeit haben. Die Hauptsache ist, dass alle Spaß haben.

Erzähl mal bitte etwas zum neuen Album. Wo siehst du die Unterschiede zu Wake the dead oder Turn it around?

Ich denke, wir haben diesmal viele verschiedene Elemente eingebunden. Der Sound z.B. ist dicker, er klingt voller und ist vielschichtiger und dynamischer. Wir versuchen einfach neue Dinge und entdecken vieles neues. Damit wollen wir einfach Barrieren einreißen, die wir uns selbst aufgebaut haben. Wie wollen bei manchen Songs melodischer werden, bei anderen wieder mehr heavy, also es ist schwer zu beschreiben, denn wir wollten melodischer werden, aber ohne diesen scheiß Emokram, haha. Wir wollten eben unser Herz behalten und die Songs catchy gestalten und so spielen wir eben die Musik, die wir spielen wollen. Wir wollen uns eben nicht darauf beschränken, was die Leute von uns erwarten.

Erzähl doch mal bitte etwas zu den Texten. Gehen sie in die gleiche Richtung wie auf den letzten Alben oder um was drehen sich die Texte so?

Nun, sie gehen in verschiedene Richtungen. In den letzten Jahren hatte ich meine Hochs und Tiefs, Scott, unser Sänger hat die Band verlassen und vor mir war es ja seine Aufgabe die Texte zu schreiben. Nun war es aber eben meine Aufgabe, also ich denke es sind jetzt mehr Gefühle in den Texten. Grundsätzlich beschreibe ich viele Emotionen, die ich hatte, aber es gibt auch öfters diese Art Geschichtenerzählen, oft in der ersten Person erzählt. Ich meine, es gibt kein vorherrschendes Thema auf der Platte, die Songs sind ziemlich verschieden, aber ich spreche eben die Dinge an, die mich berührt haben. Wir sind nicht wirklich eine politische Band, aber wir denken nun mal über bestimmte Dinge nach wie alle anderen auch. Wir haben zum Beispiel einen Song namens Industry Standards. Es geht um die Musikindustrie, um Labels, um Manager und die Öffentlichkeit und all den Kram. Es geht eben um den Druck, der auf Bands ausgeübt wird, wie mach diese Tour oder spiel jene Show, sorg für diese Presse u.s.w. Dabei geht soviel an der Musik verloren. Es geht nur noch darum, wie viele CDs verkauft werden, wie viele Kids zu den Shows kommen. Es ist schon irgendwie krank, und wir haben von diesem ganzen Zeug die Schnauze voll. Wir wollen einfach Musik machen und eine gute Zeit haben.

Ja, ich finde auch, dass es manchmal befriedigender sein kann, wenn weniger Kids eine CD kaufen, sich aber dafür beispielsweise intensiv damit beschäftigen, als wenn nur konsumiert wird weil irgendeine Band eben gerade angesagt ist.

Ja genau, also ich meine ich verstehe die Wichtigkeit der Verkäufe für die Labels und ich verstehe es auch, wenn Bands größer werden wollen. Bei Comeback Kid war es aber beispielsweise so, dass wir damals einfach angefangen und die Band Stück für Stück auf ein höheres Level gehoben haben. Ich bin jetzt aber an einem Punkt angekommen, wo ich einfach zufrieden bin wie alles läuft. Dieses ewige warten auf den nächsten Tag, dieses das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite-Ding, dass ist nicht wirklich meine Welt.
Und na ja, auf der anderen Seite haben wir auch ganz alltägliche Dinge, wie die Kompromisse, die wir jeden Tag machen müssen. Wir haben auch Vegetarier in der Band, aber ich esse zum Beispiel Fleisch, und die Kompromisse, die wir eingehen müssen bei der Art und Weise, woher wir unser Fleisch bekommen, dass ist unter anderem so eine Sache. Eben solche Sachen, Kompromisse zur Gesellschaft und so.

Ein paar Worte zum Artwork. Von wem stammt es? Und hat es eine bestimmte Bedeutung? Warum habt ihr diese Richtung gewählt?

Das Artwork stammt von den Leuten der Astrix Studios. Wir haben ihnen einfach nur gesagt, dass das Album Broadcasting heißt und der Titel auf einem der Songs basiert, in dem es darum geht, wie die Medien heutzutage Angst schüren um eine Form von Kontrolle zu erzeugen, besonders in den Vereinigten Staaten. Du weißt schon, dieser Terror Alarm und roter Alarm und all das Zeug. Ich meine, ich verstehe, dass viele scheiß Dinge in der Welt vorgehen, aber manchmal fühle ich mich einfach angepisst und so weit weg von all dem. Es ist schwer, herauszufinden, was man glauben soll und was nicht. Und so haben wir über diese Ideen gesprochen und sie hatten dann den Vorschlag eines alten Medienturms, der in einer Art Ruinenlandschaft steht mit all den Satteliten und so Zeug und wir dachten einfach, dass wäre sehr cool.

Seid ihr nach all den Jahren vor Shows noch aufgeregt? Heute beispielsweise bist du ja ziemlich Müde und plötzlich musst du dann auf der Bühne von Null auf Hundert starten um all die Kids zu befriedigen. Wie gehst du mit dem Druck um?

Naja, wir haben ja immer die Zeit im Kopf, wenn wir auf die Bühne müssen und unser ganzer Tag ist ja ziemlich durchgeplant, also können wir uns dann immer schon im Vorfeld auf die Show fokussieren und dann, die letzte halbe Stunde vorm Auftritt fangen wir an, uns warm zu machen, wir stretchen uns ein wenig und ich mache ein paar Gesangsübungen. Also, wir springen einfach herum, versuchen das Blut zum fließen zu bringen. Mit Comeback Kid werde ich eigentlich nicht mehr nervös, nur bei manchen Shows noch, unter anderem zu Hause wenn viele Freunde da sind.

Was war eure beste Show bis heute und kannst du dich an deine aller erste Show mit Comeback Kid erinnern?

Ich erinnere mich noch an die erste Show mit Comeback Kid, aber ich erinnere mich nicht mehr, wie es war auf der Bühne zu stehen. Wir haben aber ein Video davon und wir sehen darauf aus wie Idioten, haha. Naja, und die beste Show kann man eigentlich so nicht sagen. Wir hatten viele gute Shows, aber eine gute Show machen für uns manchmal andere Dinge aus, als für die Leute im Publikum. Wir denken immer über Sachen nach wie wir haben hier diesen Part versaut oder wir haben da die Note nicht ganz getroffen. Es ist halt schwer zu sagen.

Kommen wir mal zum Publikum. Mögt ihr den Violent Dancing Kram, oder was gefällt euch persönlich so?

Hmm, also ich bin kein großer Fan von diesem Violent Dancing Zeug. Ich meine, mich stört es nicht, wenn die Leute hart tanzen, wenn ihnen das gefällt, dann ist das schön. Aber wenn Leute verletzt werden, dann stinkt das ganz schön. Als ich jünger war dann machte ich eher dieses Moshing-Ding und heute weis ich teilweise gar nicht mehr, was abgeht, haha. Also mir gefällt es, wenn Leute für uns tanzen und Spaß haben und über einander klettern und so.

Was würdest du jungen Kids raten, die eine Hardcoreband starten wollen.

Naja, es kommt drauf an, was sie machen wollen. Viele fangen mit einer Band an, um einfach nur Spaß zu haben und das ist cool. Andere Bands wollen es nun Vollzeit machen, aber da ist es oft so, dass es ein bis zwei Mitglieder gibt, die unheimlich motiviert sind und der Rest ist es eben nicht so stark. Man kann eben nicht einfach nur rumsitzen und warten, bis irgendwelche Dinge einfach eintreffen oder das jemand anders etwas für einen erledigt. Man sollte versuchen, so viele Shows wie möglich zu spielen und die eigene CD jemanden in die Hand drücken, der vielleicht weiterhelfen könnte oder gut für die Band ist.
Ich kenne auch eine Menge Bands, die wirklich toll sind, aber bei denen es eben an manchen in der Band hängt noch bekannter zu werden. Das ist immer schade zu sehen.

Was macht ihr, wenn ihr auf Tour seid, wenn ihr nicht gerade auf der Bühne steht? Hängt ihr im Bus rum oder habt ihr die Möglichkeit, die Städte zu erkunden, in denen ihr gerade seid?

Also ich bin nicht gerade der größte Tourist. Manchmal haben wir einfach keine Lust irgendwelche Städte anzukucken und manchmal eben doch, kommt immer drauf an. Manchmal will man eben einfach nur rumsitzen und seine Ruhe haben. Heute war ich mal im Internet, hab mit meiner Freundin telefoniert und war dann beim Soundcheck. Normaler weise machen wir eben immer den Soundcheck, wenn wir in einen Club kommen. Und nach den Shows mag ich es noch auszugehen, eben ein paar Drinks wegzukippen und so, haha.

Und ist es möglich, auf Tour produktiv zu sein? Schreibt ihr Songs auf Tour?

Ja klar, das machen wir. Einige von uns haben Computer dabei und so können wir die Gitarren anschließen und einspielen. Oder wir benutzen ein Aufnahmegerät. Wir haben eine Menge der Songs des letzten Albums so entwickelt, in dem wir einfach Melodien in Aufnahmegeräte hineingesummt haben, haha.

Ihr könnt ja von der Band leben. Wenn aber nun alles nicht so groß geworden wäre mit Comeback Kid, wie würdet ihr euer Geld verdienen?

Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht, denn ich weis, dass es die Band nicht für immer geben wird. Vor ein paar Wochen hatte ich meinen ersten Auftritt, bei dem ich Musik gespielt habe, die ich für eine Dokumentation geschrieben habe. Dafür habe ich eben etwas Geld bekommen. Und das würde ich gern vermehrt machen, Musik fürs Fernsehen und Filme zu schreiben. In der Vergangenheit habe ich auch mit geistig Behinderten Menschen gearbeitet und das war auch großartig, aber hey, eigentlich ist alles was ich machen will Musik spielen. Ich meine, wenn ich es schaffen würde für immer Musik zu machen wäre das schon sehr cool.

Und wenn du es dir aussuchen könntest, wohin würde dich der Weg mit Comeback Kid führen?

Ich würde gern weiterhin Touren und vielleicht irgendwann den Punkt erreichen, an dem wir uns aussuchen können, auf welche Tour wir fahren. Derzeit ist es ja immer noch so, dass wir uns Gedanken machen müssen, wie okay jetzt müssen wir wieder in dieses oder jenes Land, sonst vergessen uns die Leute, haha. Es kann eben sehr stressig werden, wenn man zehn Monate im Jahr auf Tour ist.

Das ist sicherlich auch besonders schwer, wenn man eine Freundin und Familie und all das hat.

Ja, auf jeden Fall. Ich toure Vollzeit, seitdem ich auf der Highschool war, also so seitdem ich 18 bin. Ich meine, ich liebe es nach wie vor.

Denkst du nicht, es könnte irgendwann der Punkt kommen, an dem ihr einfach mal was anderes machen wollt? Vielleicht mal länger zu Hause bleiben, einfach mal nichts tun oder vielleicht völlig neue Dinge ausprobieren?

Oh ja, manchmal denkt man schon, man ich würde gern mal einfach für ein halbes Jahr ganz allein nach Thailand fahren oder solche Sachen. Ich habe nicht diese Rockstarambitionen, weißt du?

Ja, auf jeden Fall. Also könntest du dir auch vorstellen, woanders zu leben, in Europa oder so?

Oh ja, das wäre großartig. Ich würde das lieben. Ich mag Europa sehr und vielleicht bleibe ich hier wirklich irgendwann für ne Weile. Es gibt eine Menge toller Orte, wie eben Europa oder auch Thailand und Brasilien. Ich kenne ja eine Menge Gegenden durchs Touren und an viele Orte will ich irgendwann auch unbedingt mal zurückkehren.

Okay, also vielen Dank für das Interview, die letzten Worte gehören dir.

Ich danke dir und danke für das Interesse an Comeback Kid.