Interview mit Emil Bulls

 

Beim Twistringer „Reload Festival“ ergab sich für mich die Gelegenheit auf einen Plausch mit BULLS Sänger Christoph, der mir in einem doch recht langen Gespräch, Rede und Antwort stand, wodurch ich viel Wissenswertes um und über die EMIL BULLS in Erfahrung bringen konnte.

Ihr habt euch nach dem gleichnamigen Kinderbuch benannt, dass später auch verfilmt wurde. Warum?

Das geschah mehr aus einer Not heraus, da wir in den Anfangstagen der Band gar keinen Namen hatten. Dann sollten wir für die Punkband eines Kumpels eröffnen und ich saß zwei Tage vorher mit unserem damaligen Sänger vorm Fernseher und da lief eben der Film „Die Emil Bulls“ und dahaben wir uns gedacht, das war gerade so prall, so nennen wir uns für dieses Konzert. Aber wie der Teufel so will, ist man dann meist zu faul nach einem Neuen zu suchen und mittlerweile heißen wir so seit elf Jahren. Ich denke, man kann ihn sich gut merken und er sagt nichts darüber aus, was die Band für eine Musik macht und im Endeffekt sind Bandnamen auch wurscht. Schau dir SMASHING PUMPKINS an.

In dem Film geht es um eine Jugendgang, die sich zum Ziel gesetzt hat, jeden Tag eine gute Tat zu vollbringen. Die spielen gerne Basketball und lernen einen Rollstuhlfahrer kennen und spielen dann mit ihm im ebenfalls im Rollstuhl halt Basketball, um sich mit ihm solidarisch zu zeigen. Nette Jugendgeschichte, mit pädagogischem Wert.

Du sagtest gerade „damaliger Sänger“. Hast du nicht von Anfang an gesungen?

Nee, damals hab ich erst nur Gitarre gespielt und bin auch bis heute das einzig übrig gebliebene Bandmitglied. Aber damals waren wir auch mehr eine Schulband, die auf ihren Instrumenten rumgeklopp haben. Der Startschuss war erst Jahre später, als Moik, Jamie, Chrissi, unser DJ Paul dazu gekommen sind. Es gibt aus der Zeit sogar noch einen Liveauftritt auf CD. Vielleicht in 20 Jahren kann man den vielleicht mal zeigen, wenn man selber drüber lachen kann.

Nun hast du ja eine recht markante, ungewöhnliche Stimme, wenn man die hört, weiß man gleich: AH, die BULLS. Absicht oder Zufall, zumal GRÖNEMEYER mal sagte, dass er gar nicht anders singen könne.

Jein, man hat die Stimme, die man hat und dann muss man damit leben. Ich sehe das jetzt auch als Kompliment an, aber es ist auch mitunter gewollt, dass man anders klingt. Es gibt viele Sänger im Rockbereich, die nach Eddie Vedder (PEARL JAM) klingen und andere, die eher dieses Shouting haben, wie SICK OF IT ALL oder Phil Anselmo. Was ich an dem Wahnsinn finde ist, dass er in seinem Shouting immer noch Melodie hat. Acuh bei DOWN. Klasse Sänger, der Typ ist einfach Gott! Dann gibt’s die experimentierfreudigen, wie MIKE PATTON. Bei mir war es so, dass ich schon immer gerne Popmusik gehört habe und eher sanft klingen wollte und hab mir das schon eher so über die Jahre antrainiert. Ich gehe aber auch mittlerweile schon öfter in das rotzige, dass man sich auch mal weiterbildet. Ich möchte mir gerne unterschiedliche Stile aneignen, um facettenreicher zu klingen, auch wenn das dann nicht immer perfekt klingt.

In einem Interview hast du mal gesagt du hättest keine Lust, die Leute vor der Bühne eine Stunde lang anzuschreien.

Irgendwann ist es mir tierisch auf den Sack gegangen, dass Sänger nur noch dafür gelobt wurden, wie geil sie schreien konnten. Als RAGE AGAINST THE MACHINE und DEFTONES damals damit angefangen haben, fand ich das auch geil, hab aber dann ziemlich schnell gemerkt, einige machen es geil und der Rest ist totale scheiße, besonders in diesen neuen „Hatecore“Bands. Dann singt doch lieber oder spielt Gitarre. Das fing mich an zu nerven und ich empfinde Musik als etwas, dass mich nicht agressiv treffen soll (vom Gesang her), sondern eher ein warmes, wohliges Gefühl geben, auch wenn im Hintergrund ein paar Gitarren plärren. (In dem Moment hat eine Band Soundcheck und der Sänger gibt einen langgezogenen Schrei ins Mikro von isch, worüber wir beide lachen müssen. Situationskomik.) Ich steh halt eher auf Gesang, es sei denn es ist Phil Anselmo oder der Typ von CROWBAR, obwohl der ja auch eher singt.

Einige von euch waren auf einer Klosterschule und euer Basser in einem Kirchenchor. Das habe ich bei Wikipedia nachgeschlagen. Inwiefern hat das eure Musik beeinflusst?

Ich denke nicht, dass die Klostererziehung auf unsere Musik abgefärbt hat. Wir haben eher Musik gemacht, um dagegen zu rebellieren, aber dass uns dieser Klosterschulenaufenthalt beeinflusst hat…nein, eher nicht.

Wenn du eine Gottesvorstellung hast, wie sieht die aus?

Das ist schwierig zu sagen. Es ist definitiv so, dass ich an was glaube und bezeichne dieses „Etwas“ auch als Gott. Aber ich glaube nicht an den klassischen Jesus oder die Gottesgeschichte. Ich glaube, dass etwas da ist, das einen so durchs Leben führt.

2005 habt ihr den Wechsel vom Major zu einem Indie vollzogen. Warum?

Unsere Majorfirma ging Pleite, beziehungsweise wurde aufgelöst und wurde zur Tochterfirma von Universal und dann wurden einige Bands umgesiedelt zu Motor. Unser zweites Album stand in den Startlöchern und wir hatten das Gefühl, dass man sich dort nicht wirklich ums uns kümmerte, da es nicht die Firma war, die uns gesignt hatte. Wir wurden den mehr oder weniger aufs Auge gedrückt, da gab es dann weniger Promo, nur ein Video und das Album hat sich auch nicht so gut verkauft und am Ende hat man sich in gegenseitigem Einverstanden getrennt. Es hatte keinen Sinn das fünfte Rad am Wagen zu sein, da wurden halt eher THE RASMUS gepusht. Wir sind halt keine TopTen Band.

Dann sind wir zu Pirate gekommen, da wir uns gut mit den Leuten verstanden haben und es ein Münchener Label ist, da man sich dann auch mal persönlich treffen konnte. Leider, ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung von „THE SOUTHERN COMFORT“ wurde dieses Label auch aufgelöst und das heißt, dass wir im Moment gar keine Plattenfirma haben. Wir wissen aber auch nicht, ob wir überhaupt noch eine wollen. Wir haben unseren Status, die Leute kennen uns und an Auftrittsmöglichkeiten fehlt es uns nicht, auch wenn es ein bisschen mehr sein könnte. Aber bevor ich nochmal einer Plattenfirma die Hälfte meines Geldes in den Arsch schiebe, lasse ich das alles nochmal auf mich zukommen. Wir machen jetzt erst einmal ein „Unplugged“ Album und schreiben dann an neuen Songs weiter und dann schauen wir mal weiter.

Euer DJ ist nicht mehr dabei. Er hilft zwar noch im Studio aus, ist aber kein festes Livemitglied mehr und geht jetzt seinen eigenen Weg. War das eine Kollektiventscheidung? Oder kam das von ihm aus? War er dem Stress nicht mehr gewachsen?

So war es, denn Paul war im Endeffekt nie der Typ, der dieses Rock´n´Roll Leben genießen konnte. Wenn er auf Tour den ganzen Tag in engen Backstageräumen rumhängen musste, war er nicht besonders glücklich und litt eher darunter. Das hat er uns nach etlichen Touren gesagt und wir haben das verstanden und jetzt ist er daheim bei seiner Frau und seinem Hund, aber er bastelt gerne im Studio rum und wird auch auf der nächsten Platte wieder dabei sein.

Wird er live ersetzt?

Nee, das kann man nicht. Paul war zum einen so kreativ, er hat den Plattenspieler ja eher als Instrument genutzt und war nicht nur der klassische CrossOver DJ, der scratchte. Da kannste die ganze Welt abgraben und wirst keinen Ersatz für ihn finden. Zum anderen wäre es ihm gegenüber unfair. Somit laufen die ganzen Sachen dann live vom Sampler.

Ihr habt auch einen neuen Schlagzeuger. Gab es da dieselben Gründe, wie bei Paul?

Nee, einfach lieber studieren und etwas vernünftiges machen, als in einer Rockband zu spielen. Wir wurden damals vor die Entscheidung gestellt, ihr könnt einen Deal haben, macht es. Jeder war dabei und es hat sich am Ende heruasgestellt, dass nicht jeder dem Ganzen gewachsen ist. Zumal wir zu Anfang kein Wochenende im Jahr zuhause waren. Da litt das gesamte Privatleben drunter und nebenbei studieren oder einen anderen Job machen ist nicht.

Bereust du deine Entscheidung?

Sicher gibt es Tage, wie in jedem Job, wo man denkt, hätte ich man auf Mama gehört. Aber das, was ich mit den BULLS erlebt habe und erlebe, kann ich nicht bereuen. Falls es unsere Band mal nicht mehr gibt, werde ich trotzdem mein Leben der Musik widmen, ob als Songschreiber für andere Bands mit meinem Soloprojekt weiter machen oder als Produzent ist dabei egal.

Schränken euch die Abgänge ein live ein?

Nein, die Grundelemente sind ja noch da. Wir haben die Songs gemacht und DJ und Drummer haben dann eher ihre Akzente hinzugegeben. Ich sehe da also nicht schwarz.




Wie kommen deine Texte zustande? Wie gehst du dabei vor?

Ich versuche tägliche Emotionen bildhaft darzustellen und will den Leuten keine Meinung aufs Auge drücken. Geht in die Kirche, esst kein Fleisch und so weiter, das hat für mich in der Musik nichts verloren. Das störte mich zum Beispiel auch bei RAGE AGAINST THE MACHINE. Ich mag die Band wegen der Musik und nicht wegen der Texte, zumal sie echt einen begnadeten Rapper hatten. Die blödesten Teile eines Konzertes waren für mich, wenn er sich mit seinem Buch dahin gestellt hat und irgendwelche Parolen geschwungen hat.
Meist ist es so, dass ich meine Lyrics zusammenwürfel. Ich habe immer mein Buch dabei, in dem ich mir Zitate aus Filmen oder aus Supermarktsituationen aufschreibe und daraus meine Texte baue. Ich habe erst kein Thema, es ergibt sich mehr dann bei der Auswertung der Notizen.

Schreibst du auch privat aus Spaß an der Freude?

Ich glaube, wenn ich keine Musik machte, würde ich wohl keine Texte schreibe. Aber es ist nicht so, dass ich mir irgendwas zusammensauge, sondern achte darauf, dass es plakativ ist, denn ich bin kein Fan von vertrakten Texten. Ich möchte, dass man versteht, was ich da singe. Es soll einfach catchy sein und gleichzeitig Projektionsmöglichkeit bieten, sprich, dass man die Texte nachvollziehen kann.

Euren größten Erfolg hattet ihr, als NuMetal einen immensen Zulauf hatte. Man wird dann ja auch schnell mit seinem Sound in eine gewisse Kategorie gesteckt und da ja NuMetal, DJs, Rap und so weiter nun praktisch nicht mehr zum guten Ton gehört, leidet ihr darunter?

Ja, wir haben damit sehr zu kämpfen. Dabei haben wir uns immer gegen dieses Nieschendenken gewährt. Aber wenn du einmal in einer Schublade bist, dann kommste da nicht mehr raus. Dieses ganze Hatecore Zeug, darf man das in zwei Jahren auch nicht mehr machen? Ich höre immer noch gerne DEFTONES und KORN und finde, dass es im NuMetal Bereich viel bessere Bands gab, als jetzt bei diesem ganzen Geplärre und Geballer. Aber es kommt eh alles wieder. Wir werden immer dieselbe Musik machen, egal, was gerade In ist oder wie man uns nennt. Wir sind froh über unsere vielschichtigen Alben, die sich verschiedener Einflüsse und wenn wir nach diesem Roten Fadenprinzip gehen würden, was man uns immer wieder nahe gelegt hat, DANN wären wir nur eine bestimmte Schubladenband.

Wie siehst du die Zukunft des Musikmarktes und des CrossOvers?

Ich denke, der frühe CrossOver wird nicht noch mal so wiederkommen. Ich denke eher, dass diese HateCore Bands sich weiteren Einflüssen bedienen werden. Das ist doch eh eine Mischung aus SLAYER und LINKIN PARK.

Was kann man von eurem nächsten Album erwarten?

Das kann man bei uns nie so richtig absehen. Unser Stempel wird unverkennbar sein, aber ob der Großteil metalliger, poppiger oder rockiger wird, kann ich nicht sagen. Wir nehmen alle Ideen auf und alles andere findet sich dann wieder, scheiß auf den Stil. Hauptsache der Song an sich funktioniert.

Du hast ja nun alle Hoch und Tiefs des Businnes erlebt. Würdest du trotzdem jedem Jungmusiker, der vor der Entscheidung steht dazu raten, zu zugreifen?

Das was den Leuten heute angeboten wird, ist ganz anders, als unser Deal damals. Wir waren eine der letzten Bands in Deutschland, die einen Plattenvertarg bekommen haben, wo man noch Vorschüsse bekommen hat, wovon man noch leben konnte und Musiker zum Beruf machen konnte. Heutzutage kannst du nicht mehr sofort davon leben. Keine guten Vorschüssen, oft Abgaben vom Merchandise oder der Gage und du musst dir wahrscheinlich einen Nebenjob in einer Bar oder als DJ suchen. Ob du damit dann glücklich wirst, weiß ich nicht. Finanziell wird die Zeit nicht rosig sein, aber die Erlebnisse auf Tour sind einfach unglaublich und aus dieser Sicht würde ich sagen, ergreife die Chance. Aber leider ist es heute echt alles nicht mehr so rosig und es will gut überlegt sein. Wenn wir vor 20 Jahren einen Plattendeal unterschireben hätten, dann würde es uns heute allen besser geben.

Was ich schade finde ist, dass es nur noch große und kleine Bands gibt, aber es fehlt das Mittelmaß, das es früher gab. Entweder verkaufts du viel oder wenig. Nicht mehr jede Band kommt zum Zuge, aber vielleicht geschieht ja uach noch ein Wunder und die Zeiten ändern sich wieder.

Die Firmen haben sich halt selber zu Tode gewirtschaftet. Das hat nicht nur mit dem Brennen von CDs zu tun. Wenn ich mir vorstelle, für was die Firmen bei unserer ersten Platte Geld ausgegeben haben, für das ich eher ein vernünftiges Studio gebaut hätte. Werbespots bei RTL II, die der Band eh nichts nützen oder für zigtausend Mark zum Essen eingeladen werden. Als Band nimmst du das alles mit, klar. Eben jenes finanzielle Loch muss jetzt erst einmal wieder gestopft werden.

Ein sehr nettes Gespräch mit einem Musiker, der weiß, wovon er spricht und einen unheimlich breit gefächerten Musikgeschmack hat, den so mancher sich vielleicht auch (wieder) zulegen sollte.

Alte Kommentare

von hm 24.03.2010 11:07

wieso eigentlich immer "hatecore"?

von DrFaust 24.03.2010 12:56

Sehr sympathisches Interview, fand Emil Bulls immer gut. Das mit "Hatecore" versteh ich aber auch nicht ^^

von Juligras 28.06.2011 09:51

Ich raff das mit Hatecore auch nicht, bestimmt ein Fehler. Kenne Hatecore nur im rechtsextremen Kontext. Evtl. ein unterschiedlich genutzer Begriff für damals aufkommende neue metalcore Spielaten...