Interview mit Immergut Festival

 

Wenn Du dir das Immergut als eine Person vorstellen müsstest, was wäre das für eine Person?

Inger: Das ist wirklich schwierig, weil das Immergut so vielfältig ist. Ich würde auf jeden Fall sagen, es ist eine herzliche Person, eine offene und handreichende Person, die versucht alle zusammenzubringen. Macher, Künstler, Besucher, alle die sich hier treffen. Vielleicht so etwas wie eine Mutti, die eben alle zusammenbringt.

Und was sind das für Leute, die das Immergut machen?

Inger: Auf alle Fälle Freunde in erster Linie, weil wir ja ein gemeinnütziger Verein sind und das aus einem Freundeskreis entstanden ist, der immer weitere Kreise zieht. Einer wo sich jetzt die Generationen so langsam ablösen. Das ist so ein Prozess der gerade so ins Rollen kommt. Dann junge Leute und sehr begeisterte Leute fürs Ehrenamt.

Die ersten Leute, die das Immergut Festival gemacht haben kamen aus der Gegend um Neustrelitz. Sind noch viele Leute aus der Gegend dabei?

Inger: Es sind noch sehr viele aus der ersten Stunde dabei. Dann eine zweite Generation, die hier auch zur Schule gegangen sind, die mit dem Festival groß geworden sind und hier die erste Festivalerfahrung gesammelt haben. Aber dann gibt es auch immer Leute, die von Außen kommen. Ich selbst komme nicht aus Neustrelitz, aber aus Mecklenburg. Friederike habe ich dann über das Studium kennengelernt, die kommt aus Leipzig und so zieht das dann so seine Kreise.

Und ihr macht das dann so "nebenbei"?

Inger: Ja, genau. [lacht]

Nach welche Kriterien wählt ihr die Bands aus?

Inger: Wir sind ein Bookingteam von vier Leuten. Wir diskutieren wirklich jede Band durch. Wenn irgendwer Bedenken hat, dann werden die auch wirklich ernst genommen und dann wird das so lange diskutiert, bis man dann einen Konsens gefunden hat. Das ist klar in erster Linie Geschmack, aber dann auch so ein bisschen mit dem Gespür, was im Sommer Relevanz haben könnte auch für die Fans. Und am Ende steht dann ein sehr durchdachtes Lineup.

Da habt ihr in den letzten Jahren ja immer ein recht gutes Gespür gehabt. Gestern waren die SPORTFREUNDE STILLER als Geheimact hier. Die haben auch auf dem ersten Immergut Festival im Jahr 2000 und dann nochmal 2001 hier gespielt und sind danach steil nach oben gegangen. Wo bekommt ihr das her, diese Ideen?

Inger: Das sind teilweise Kontakte, die wir haben aus den letzten Jahren, die mit dem Jahren auch gewachsen sind. Die Leute treten auch an uns ran, die mögen unser Festival und sagen dann "Hey, wäre das nicht mal was? Ich komme mal wieder zu euch.". Bei den SPORTFREUNDEN war das eigentlich auch gar keine große Diskussion. Wir haben die angefragt und sie haben gesagt: "Okay, wenn das absolut geheim bleibt, dann machen wir das." Und die Jungs waren auch wirklich aufgeregt, weil das für sie auch das totale Experiment war, 10 Jahre nachdem sie das letzte Mal hier gespielt haben.

Wie kam es dann dazu, dass ihr noch diese ganzen Kunstgeschichten mit dazu genommen habt? Oder auch das Immergutzocken Fußballturnier?

Inger: Wir versuchen schon das immer weiter zu entwickeln. Die Musik verändert sich, die Szene verändert sich. Man muss da irgendwie so ein bisschen Schritt halten. Die Ansprüche der Besucher ändern sich. Wir versuchen da immer vielfältiger zu werden. Auch eben, um jungen Leuten eine Chance zu geben, nicht nur den Bands, sondern auch jungen bildenden Künstlern. Einfach weil das etwas ist, was uns selbst interessiert und was wir anderen zeigen wollen. Also praktisch als Plattform. Meistens kommt ein Vereinsmitglied mit einer Idee und wir springen auf. Wir versuchen einen alternativen Weg zu gehen.

Wie lange seid ihr schon dabei?

Friederike: Also vor drei Jahren war ich das erste Mal hier und das ist jetzt mein zweites Festival im Team.
Inger: Das ist jetzt mein siebtes Festival und mein viertes als Organisatorin.

Was hat sich im Laufe der Jahre geändert? Sieht man da etwas, was man so direkt greifen kann?

Inger: Der Verein verändert sich permanent. Die Leute mit denen du zu tun hast verändern sich. Die Birkenhainbühne ist dazugekommen, die Kunstgeschichte. Das Lineup ändert sich jedes Jahr. Es ist vieles im Wandel, aber es gibt auch feste Strukturen und Ablaufpläne, sonst wäre das gar nicht alles zu schaffen.

Ist euch eine Veränderung aufgefallen an dem Publikum, was hier rumläuft?

Inger: Das finde ich immer schwer zu sagen. Ich kann da schwer so eine Schnittmenge feststellen. Ich habe das Gefühl, dass sie dieses Jahr ziemlich entspannt sind, das wurde mir auch am Einlass gesagt. Das ist jetzt nicht das absolut feierwütige Partypublikum, habe ich das Gefühl. Allerdings habe ich hier Backstage noch nicht so wirklich viel vom Publikum mitbekommen. Es wird aber tendentiell etwas jünger. Auch da kommt eine neue Generation. Diese Indiegeneration verändert sich eben auch.

Wenn man sich die vergangenen Lineups so anschaut, dann ist die Musik in den letzten Jahren ja auch immer elektronischer geworden.

Inger: Genau. Das ist aber vor allem auch der Popszene geschuldet, der Musikszene und dem Zeitgeist.

Was ist dieses Jahr mit dem Immergutexpress passiert? (Anm. der Verfasserin: Der Immergutexpress war eine kleine müritztypische Bummelbahn, welche die Festivalbesucher vom Neustrelitzer Bahnhof aufs Festivalgelände und von dort an den nahegelegenen See brachte)

Inger: Das war sehr schade. Der Hafenbahn e.V., der das normalerweise veranstaltet und organisiert, hat auch Pfingsten. Das machen auch alles ehrenamtliche Helfer und die haben nicht genügend zusammen bekommen. Wir haben das auf allen möglichen Wegen versucht, aber da führte kein Weg hin. Im nächsten Jahr wir er auf jeden Fall wieder da sein.

Was bedeutet es für euch, ein Teil dieses Festivals zu sein?

Inger: In erster Linie ziemlich viel Spaß.
Friederike: Es ist einfach schön mitzumachen, weil man sieht, dass jeder so seine kleine Aufgabe hat, dabei aber total wichtig ist, weil ohne den funktionieren dann bestimmte Sachen nicht. Und das ist dann dieses große Ganze. Und das ist für mich total spannend zu beobachten, wie alle rumwuseln und dass es total wichtig ist, dass jeder einzelne da ist. Das macht auch dadurch viel Spaß. Dieses Freundeskreisgefühl, weil es ist ja nicht nur ein Team, sondern ein sehr gutes Team.
Inger: Und es ist dann auch irgendwann die Überwältigung. Ich finde das immer sehr abstrakt so Zeitpläne zu sehen, doch wenn man das dann so sieht, wie das in der Realität funkioniert... Ich finde das immer ganz schön überwältigend, wenn man dann nach neunmonatiger, getaner Arbeit hier steht und staunt, was die da auf die Bühne bringen. Das ist eigentlich der schönste Moment. Da lohnt sich dann die Arbeit.

Welche Emotionen durchlauft ihr da so?

Inger: Alle die es gibt [lacht]. Vorfreude, aber auch Erschöpfung. Das wechselt immer so zwischen den Extremen. Stress und dann wieder Erleichterung und am Ende läufts dann auch irgendwie.

Wenn man das Immergut so sehr liebt, kann man dann auch so etwas wie Fördermitglied werden?

Inger: Eigentlich geht das wirklich immer über Freunde von Freunden von Freunden. Aber wenn da jemand sagt: "Hey, ich möchte mich einbringen.", also auch wirklich einbringen, weil es jemandem am Herzen liegt, dann kann er natürlich mit uns in Kontakt treten. Wir werden da keinen abweisen. Wir müssen aber auch niemanden anwerben.

Wie sieht die Vereinsorganisation aus?

Inger: Weil es eben ein gemeinnütziger Verein ist, gibt es eben einen Vereinsvorstand, der die ganze Verantwortung übernimmt. Das sind momentan sechs Leute. Dann haben wir noch ein Büro mit zwei Leuten und die Praktikanten, die so den Kern der ganzen Organisation bilden. Irgendwer muss die Fäden in der Hand halten. Dann gibt es die vielen ehrenamtlichen Helfer, die sich in vielen Miniprojekten über das Jahr hinweg organisieren und immer schnittstellenartig Kontakt zum Vorstand haben.

Für die Presse ist es faszinierend, dass die drei Ansprechpartner weiblich sind. Das ist sehr spannend, weil diese ganze Musikszene ja relativ Männerlastig ist. In der Indieszene löst sich das ein bisschen auf, was man auf dem Immergut auf den Bühnen ja auch beobachten kann. Warum tummeln sich hier so viele Frauen?

Inger: Ehrlich gesagt haben wir da noch gar nicht so viel drüber nachgedacht. Aber dadurch, dass das ein gemeinnütziger Verein ist und es dabei nicht so sehr um Karriere geht, ist dieses ganze Machogetue und die Musik hier gar nicht richtig. Wir legen aber auch Wert auf Bands mit Frauenanteil und achten auch darauf. Es gibt auch Frauen in der Infrastruktur hier. Ich sage mal ganz plump die sich um Gas, Wasser, Scheiße kümmern, die schleppen hier auch die Wasserschläuche durch die Gegend.
Friederike: Und die Männer kochen. Ich glaube es stehen mehr Männer in der Küche als Frauen. Es hat halt auch viel mit Organisation und am Computersitzen zu tun und da denke ich, dass das mehr so ein Frauending ist.

Seid ihr ausverkauft dieses Jahr?

Inger: Ja. Wir hatten noch ein paar Resttagestickets, weil wir niemanden nach Hause schicken wollten, der hier extra angereist ist. Wir haben aber ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass es ausverkauft sein wird. Aber in der letzten Woche ist noch sehr viel gegangen.

Noch irgendwas, was euch dieses Jahr aufgefallen ist?

Friederike: Das Wetter war super!
Inger: Auch im Vorfeld schon. Schon beim Aufbau, das war teilweise schon fast zu gut. Wir haben gestaltungstechnisch auch viel selbst gemacht dieses Jahr. Die SPORTIES waren das absolute Highlight.
Friederike: Und da war es wirklich so, dass auch im Team niemand davon etwas wusste. Nur die Booker. Ich habe das erst gestern erfahren, als sie hier ankamen und ich sie gesehen habe. Ich wusste es wirklich nicht, sie haben nichts verraten.
Inger: Ja, ich habe wirklich, wirklich dicht gehalten.
Friederike: Aber das finde ich auch wirklich super. Du weißt ja, wie alles abläuft, wenn du hier im Team bist, du weißt wer alles kommt und so. Aber dann bekommst du da selber noch so einen Überraschungsmoment. Das ist dann auch für jemanden der hier mitmacht ein Highlight.

Vielen Dank für das Gespräch.