Interview mit Muff Potter

 

Allschools: Im Dezember 2004 hab ich Euch auf einem Konzert mit der TERRORGRUPPE gesehen. Da habt Ihr gerade Euro 400. Show gespielt. Wieviele Shows habt Ihr jetzt mittlerweile zusammen?

Brami: Ach jeh, so 450 oder so, denk ich, weiß ich ehrlich gesagt auch gar nicht, aber wir haben in letzter Zeit echt viel gespielt, in November und um Weihnachten rum, und da kommt schon was zusammen... Ist ja aber auch gut so, wir wollen das ja nicht anders...

Allschools: Euer Album ‚Von Wegen’ ist ja jetzt schon ne Weile in den Läden. Wenn Ihr immer noch zufrieden mit der Platte?

Brami: Ja! Also das ist ja eher selten der Fall, dass man mit einer Platte länger als zwei Wochen zufrieden ist, aber dass ist jetzt eigentlich das erste mal so, dass ich die Platte auch noch selber gerne höre, ohne halt irgendwie alle drei Takte zu denken: Oh, da hätte man jetzt noch was verbessern können, oder so. Also wir sind dem, was wir machen wollen schon ein ganzes Stück näher gekommen...

Allschools: Und wo siehst Du die Unterschiede zum Vorgängeralbum?

Brami: Also, ich finde das hört man auch, das klingt alles frischer, nicht so verhalten, es ist einfach... na ja, man hört halt, dass wir eigentlich ziemlich spontan aufgenommen haben. Und die Songs sind in einem relativ kurzen Zeitraum entstanden, zumindestens in einem FÜR UNS kurzen Zeitraum und das hört man auch, nicht negativ natürlich, es passt halt alles gut zusammen und klingt rund.

Allschools: Und wie läufts für das Album bisher, also kommerziell gesehen? Erfüllt es Eure Erwartungen?

Brami: Ja, also es läuft ganz gut, könnte natürlich besser laufen, aber das könnt es ja immer...

Allschools: Ok, kommen wir zum Album. Der Titeltrack „Von Wegen“ fällt ja ein bisschen insgesamt gesehen aus der Reihe. Wie kams dazu, dass gerade dieser untypische Track zum Titelsong auserkoren wurde?

Brami: (fragt Nagel):Also eigentlich ist ja der Titel nach dem Album benannt, ne?

Nagel: Stimmt, die Platte hieß zuerst so.
Brami: Ich weiß gar nicht, ich glaub das Ding hieß vorher „Freizeitpark“, so als Arbeitstitel. Aber das hat halt gut dazu gepasst.

Nagel: Wir brauchen immer ganz lange bis wir den passenden Titel haben, die haben immer zuerst ganz schrecklich Namen, wenn wir die so veröffentlichen würden, würden sich sicher manche Leute an den Kopf fassen...

Brami: Naja, der ein oder andere Song behält ja auch mal seinen Arbeitstitel. Zum Beispiel „Born Blöd“ oder „Feuerficker“...

Allschools: In wiefern sind speziell in dem Song autobiographische Aspekte verarbeitet?

Nagel: Also..., dass ist so nicht passiert... Mir wurde noch nie mein Handy geklaut, aber natürlich ist das ja auch nicht so ganz im luftleeren Raum entstanden, weil ich war schon mal verliebt und ich hatte auch schon mal ne Schlägerei und so, also dass sind natürlich alles Sachen, zu denen ich irgendeinen Bezug hab, aber diese Geschichte ist mir so noch nie passiert.

Allschools: Dann werden wir also nie erfahren, ob Sie angerufen hat...

Nagel: Nee, aber ich fand das jetzt einfach so ein starkes Moment, so ne Metapher, auf diesen Anruf zu warten und dann dacht ich, ok, muss ich jetzt nicht warten, bis mir dass passiert, da kann ich schon vorher drüber schreiben...

Allschools: Nagel, Du konzentrierst Dich ja jetzt primär auf die Musik, gibst Lesungen und machst Soloshows, läuft das denn momentan ganz gut, kannst Du davon leben? Wie ist das mit den anderen Bandkollegen?

Nagel: Ja, also ich hab im Sommer meinen damaligen Nebenjob gekündigt. Seit dem mach ich nur noch Musik, bei Dennis ist das ähnlich, der macht noch recht viel zu Hause, so am Computer, Auftragsarbeiten für Hörspielsachen oder Theater, da hat er gerade so einen Fuss in der Tür und ist gerade dabei da die ersten Jobs zu kriegen...

Brami: ... und Shredder braucht eigentlich kaum Geld, der hält sich irgendwie so über Wasser...

Nagel: ... und Brami ist der einzige der noch richtig arbeitet...

Brami: ...Ja, ich geh Fenster putzen.

Allschools: Und habt Ihr noch feste Wohnsitze, oder tourt Ihr mittlerweile zu viel?

Brami: Ne, also wir haben schon noch Wohnungen. Wenn wir englische Texte hätten, dann vielleicht nicht mehr so, aber da wir ja leider nur im deutschsprachigen Raum unterwegs sein können, sind wir schon auch noch öfters mal zu Hause.

Nagel: Zwischendurch immer mal wieder.

Brami: Einer muss ja auch den Rasen mähen...

Allschools: Das mit den englischen Texten ist ja noch mal ein anderes Thema, ich hab gehört, dass ihr eventuell das aktuelle Album noch mal in Englisch rausbringen wollt, in Japan, oder so...?

Brami: Ja... ähm..., also wir habens ja in englisch eingespielt, also eingesungen... Also unser Manager, der Florian und Ingo von den DONOTS haben ein Label aufgemacht in Japan und „Solitary Man Records“ heißt das, haben auf diesem Label nen Sampler veröffentlicht, unter anderem auch mit den BEATSTEAKS, DOVER, und und und. DOVER und die BEATSTEAKS werden ihre Alben jetzt da veröffentlichen, oder haben das schon, ja und bei uns hängt das noch in der Schwebe, also da ist noch gar nix in trockenen Tüchern, wär natürlich cool da mal hinzufahren...

Allschools: Also ist da Interesse vorhanden, von Eurer Seite aus, auch international Erfolgreich zu werden?

Nagal: Ja schon, aber für uns war auch schon ganz klar, wir haben das nur deshalb gemacht um dann die Möglichkeit zu haben auch woanders zu touren. Also, während wir das dann so übersetzt haben und ich das dann eingesungen habe, ist uns da schon aufgefallen, ok, dass funktioniert, das funktioniert sogar gut, das werden eigenständige Texte, die Sinn machen, auch wenn man die deutschen Texte nicht kennt, sonst hätten wir das wahrscheinlich auch nicht gemacht, aber der eigentliche Aufhänger war natürlich schon der Gedanke: „Geil, dann können wir vielleicht in Japan touren... und dadurch dann vielleicht auch noch woanders...“. Aber trotzdem ist es so, dass die eigentliche Platte, die wir gemacht haben, ist halt die deutschsprachige Platte, und deshalb ist das auch für uns Priorität. Also, wir touren jetzt erst mal gerne hier und alles Andere wär dann nur so on top.

Allschools: Gab’s bei den vielen Wortspielen keine Probleme mit der Übersetzung der Texte?

Brami: Also es sind teilweise auch komplett neue Texte entstanden.

Nagel: Zum Beipiel „Punkt Neun“ kann man ja allein von der Thematik her überhaupt nicht übersetzen, das wär ja in Japan... äh... ne? Das sind dann also komplett neue Texte und bei den Anderen ist es mal ziemlich nah dran, so Sachen wie „Den Haag“ oder „Alles was ich brauch“, und haben manchmal sogar noch mehr Wortspiele drin, als die deutschen Sachen, obwohl man erst gar nicht glaubte, dass das möglich ist. Und andere Sachen sind dann etwas freier übersetzt.

Allschools: Aber die Übersetzung der Wortspielchen ins Englische waren doch sicher gar nicht so einfach...

Nagel: Naja, zum Beispiel bei „Alles was ich brauch“ gibt’s ja „Zwischen ‚Never Surrender’ und ‚Licence to Ill’ liegt alles was ich weiß und alles was ich will“ und das ist im Englischen noch um ein Songzitat erweitert, von Elliott Smith: „Between ‚Never Surrender’ and ‚Licence to Ill’ I saw the place called home, a basement on a hill“. Also da ist schon wieder mehr drin als im Deutschen, also dass ging ganz gut. Oder bei „Den Haag“ ist natürlich auch „If love is a battlefield, than this is your ‚Den Haag’“, und das war ja immer von Pat Benatar geklaut, nur man hats auf Deutsch nicht sofort verstanden. Und als Ingo und ich dass dann übersetzt haben, meinte er auch so: Ach, daher kommt das...

Allschools: MUFF POTTER existieren ja schon recht lange, zwölf Jahre, ihr kamt ja mehr aus der Punk-Szene. MUFF POTTER musste sich ja auch genau aus dieser Szene schon häufiger mal Kritik anhören, vor ein paar Jahren ging es da irgendwie um die Gegen der Shows. Da hieß es irgendwie Ihr nehmt jetzt 1000€ pro Show...

Brami: (schmunzelt) Dann wären wir nicht so lange auf Tour...

Allschools: ... und jetzt war ja auch der Aufschrei in einigen Foren groß, als jetzt das Signing zu Universal bekannt wurde. Wie reagiert Ihr auf solche Vorwürfe, oder was haltet Ihr dagegen?

Nagel: Also solche Vorwürfe hat es ja schon immer gegeben. Und zwar auch in den absurdesten Momenten. Ganz gern erzähl ich da auch diese Anekdote, wo wir ne Homepage neu hatten. Und da stand dann: „Was? Muff Potter jetzt im Internet, hier klinke ich mich aus... gezeichnet‚ein Ex-Fan’“. Und dann denkt man sich auch so: ‚Ok..., wollen wir solchen Leuten die Möglichkeit geben Einfluss auf unsere Band zu haben, oder nicht, also wollen wir uns danach richten, wollen wir so was annehmen, oder wollen wir uns darauf konzentrieren, was wir glauben, was für uns gut ist’ und da haben wir uns auch schon zum Glück für das Zweite entschieden, weil besonders, je absurder das alles wird desto mehr denkt man auch ‚Leckt uns mal alle am Arsch, wir machen jetzt was wir für richtig halten...’. Und von daher gabs in der der ganzen MUFF POTTER Geschichte schon so viele Sachen, die einfach nur an den Haaren herbei gezogen waren und erfunden waren und so, das wir da glaub ich ein ziemlich dickes Fell haben. Und seltsamerweise, also... ich find das ja auch immer interessant, also das kann ich nicht leugnen, erstaunlicherweise, als wir zu Universal gesignt haben, kam fast gar nix negatives. Da war unser Gästebuch voll mit: ‚Hey, cool, Glückwunsch...’ Und wir haben alle schon gedacht: ‚Häh?... Was ist jetzt los...?, wo sind denn die ganzen Meckerer...’ und die melden sich dann erst wieder wenn ein Video anfällt zum Beispiel. Als das Universal-Signing war, kam gar nix und beim Video kriegen dann wieder alle Panik... ‚Oh nein, Kommerz, Hilfe...’.

Brami: Aber der Grund für das alles ist natürlich, dass es uns schon so lange gibt und über die Jahre ändert sich halt eben schon einiges...

Nagel: Es gibt eben auch wenige Leute, die ihre Band schon seit zehn oder zwölf Jahren haben, irgendwie mit 16 angefangen haben und dann damals auch noch so ein bisschen blauäugiger an die Sache ran gegangen sind. Wenn wir jetzt ne Band wären, die so vor zwei Jahren gegründet wurde, wäre das alles natürlich nicht Thema.

Allschools: Ja, ja, es gibt ja auch immer die Leute, die ne Band gern hören, bis sie dann eben bekannter werden...

Brami: (schmunzelt) Ja, weil die Band ihnen dann weggeholt wird praktisch.

Nagel: Also dazu muss ich aber sagen, dass hatte ich auch als ich jung war. Also, man kann sich da ja nicht von frei machen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, ‚SAMIAM’ war immer so meine Band, die Songs sind nur für mich geschrieben worden und das war dann ganz klar ‚meine Band’! Und dann irgendwann..., wobei die ja eigentlich nie den großen kommerziellen Durchbruch hatten aber irgendwann haben die ja mal so größere Konzerte gespielt und ich weiß noch ganz genau in Münster hat dann ‚Eisdielio Fontane’ vorn auf der Bühne gesessen und ‚Ordinary Life’ mitgesungen. So ein blödes Arschloch aus Rheine, der war so dämlich und der sitzt dann da, bei meiner Band! Das hat mir dann auch so einen Stich ins Herz gegeben. Von daher... Ich kann das schon verstehen, wo dass so herkommt.

Allschools: Aber ihr spielt immer noch recht häufig in eher kleineren Locations, ihr kommt ja immerhin auch sicherlich nicht alle paar Monate in die gleiche Stadt, von daher habt ihr sicher hier in Deutschland schon fast alle Clubs gesehen...

Nagel: Ja, also wir machen das ja auch immer so, dass wir versuchen verschiedene Clubs zu spielen. Für uns ist das ja auch interessanter. Aber jetzt um das Thema noch mal abzuschließen, es fällt uns schon auf, dass die meisten Leute uns auch so die Stange gehalten haben, wenigstens die Leute die uns wichtig sind. Also so zum Beispiel spielen wir immer noch im Schachthof Wiesbaden und im Gleis 22 in Münster und machen unsere Sachen mit den selben Veranstaltern... also es ist nicht so, als hätte es da einen Bruch gegeben. Es gibt nämlich immer noch so Leute die dann denken, ‚Aha, jetzt auf nem Major-Label, jetzt ist Alles anders’, aber das ist ja gar nicht so! Dass sich da nicht so viel tut, sieht man ja auch zum Beispiel an unserem winzigen Bus. Mit acht Leuten ist das nämlich echt eng und wir würden auch mal gerne unsere Vorband mitnehmen, der muss allerdings jetzt immer mit dem Zug hinterher fahren.

Brami: Das ist halt nur ein Typ mit Gitarre so, aber der passt da nicht mehr rein, geht nicht, also... gar nicht..

Nagel: Wir wollten den eben ganz gerne einladen, weil das auch so ein super Typ ist, aber da passt keine halbe Arschbacke mehr rein...

Allschools: ...und der kommt dann immer nach euch an und muss abends sehen wie er ins Hotel kommt?

Nagel: na ja, wenn wir dann Abends alle einen im Karren haben, dann kann man das schon mal machen, dann passt das dann plötzlich doch... Aber so auf langen Fahrten, das geht nicht.

Allschools: In eurem Song „Punkt 9“, da geht’s ja um diesen nationalistischen Trend, den man hier ja im Moment in der nationalen Musiklandschaft findet. Wie steht ihr den so zu diesen Bands, die jetzt auch ein paar Vorwürfe ernten, wie beispielsweise Mia?

Nagel: Also ich mach das immer gern nicht an einzelnen Bands fest. Ich finde, dass das ganz klar maßlos überbewertet wurde. Wenn ich sehe, dass da dann Leute Energie dafür aufwenden um „Tötet Mia“ Aufkleber herzustellen, dann finde ich geht das total am Ziel vorbei... Und ich kenne sie jetzt auch gar nicht gut genug um da urteilen zu können. Vielleicht waren da manche Sachen ein wenig dumm, die da so vom Stapel gelassen haben, aber vielleicht sind das auch Menschen die dazu lernen... ich weiß es nicht... Genau deshalb will ich das nicht an so einzelnen festmachen, sondern mehr an so einer Grundstimmung die jetzt auch auf die Musik so übergeschwappt ist. Aber das entstand ja nicht im luftleeren Raum, das bestand ja alles schon, ist eben jetzt nur auch in der Musik zu finden.

Brami: Es geht halt darum, dass so ne Tendenz erkennbar ist und das diese Tendenzen Normalität werden... darum geht’s halt. Das so ne andere Denke da versucht Einfluss zu gewinnen... Ne Mischung aus Ignoranz und Gedankenlosigkeit...

Allschools: Seht ihr euch denn jetzt noch als ne politische Band?

Nagel: Also, wir sind jetzt keine „Themenband“ in dem Sinne.

Brami: Mehr so, wenn wir glauben zu irgendwas unseren Senf dazugeben zu müssen, dann tun wir das.

Nagel: Also ich seh uns nicht in erster Linie als politische Band. Ich seh mich schon als politisch interessierten und engagierten Menschen und manche in der Band sind das mehr und manche eben weniger. Aber wir sind nicht als Band jetzt politisch. Das ist mehr so, wenn mich was stört, schreib ich nen Text darüber. Ob mich jetzt meine Freundin verlässt, oder ob ich im Fernsehen ständig irgendwelche Trümmerfrauen sehe und irgendjemand dazu ein Lied trällert... Dann ist das so ein Unbehagen in mir drin...

Allschools: So, dann noch zum Schluss, wie sieht’s denn mir eurem musikalischem Tellerrand aus. Ich hab eben mitbekommen, dass ihr euch über Bushido unterhalten habt?

Brami: Also unser Motto ist ja: Hinterm Tellerrand geht’s runter! Ach, nein, das war nur weil wir am selben Tag wie Bushido in Saarbrücken spielen... und ich find den Typen nur fürchterlich... Also, wenn du jetzt wissen wolltest wo es musikalisch so hingeht... keine Ahnung...

Nagel: ...mehr so in Richtung Aggro Berlin!

Allschools: Gut, damit beenden wir die Sache hier dann auch, vielen Dank und noch viel Spaß auf der Tour!

Nagel: Wir danken!


Rebecca und Torben

Alte Kommentare

von benny 08.06.2006 14:18

nettes gespräch!