Interview mit POWER TRIP

 

Interview mit Riley Gale von Power Trip.

 

Das ist euer zweiter Tourtag mit Trivium, einer riesigen Metalband. Was sind da die Erwartungen?

Unsere Erwartungen sind große Crowds und dass wir eine gute Show spielen und diese Leute beeindrucken können, die uns nicht kennen. Ich frage eigentlich jeden Abend, wer noch nie von uns gehört hat und da gehen schon einige Arme nach oben (lacht). Ich denke aber, wenn du harte Musik magst, dann haben wir dir als Band was zu bieten. Wir tun nichts wirklich Riskantes mit cleanem Gesang oder Noise-Parts, es ist ziemlich gerade raus. Wir denken, wenn diese Leute Trivium mögen, mögen sie wahrscheinlich auch Metallica und Slayer und dann mögen sie uns vielleicht auch. Vielleicht denken manche „Hey, die Band erinnert mich an Exodus oder Obituary!“. Wenn die Hälfte der Leute uns gut finden, dann sind das einfach verdammt viele Leute.

 

Verglichen mit eurer ersten Tour mit Bane damals sind das doch mehr als 15 Mal so viele Leute.

Oh, noch mehr sogar. Verglichen mit der Bane-Tour und unserer Headliner-Tour danach ist das echt ein Unterschied wie Tag und Nacht. Aber wir waren letztes Jahr hier mit Napalm Death auf Tour und das lief sehr gut. Unsere erste große Metaltour in Europa. Das war dann natürlich Grindcore und die Leute haben harte Bands erwartet. Das könnte bei Trivium etwas anders sein. Es ist interessant, weil sie eine breitere Fanbase haben, da sind sicher Leute dabei die das Geschrei nicht so mögen. Aber ich habe gelernt, in Europa nicht wirklich Erwartungen zu haben. In Oberhausen hatten wir vor kurzem eine gute Show mit Hatebreed, aber in manchen Städten auf der Persistence Tour kamen wir glaube ich nicht so gut an. Vielleicht sind wir zu Metal für die deutsche Hardcore-Szene. Wenn man sich Bands wie Terror oder Hatebreed anschaut, ist deren Musik vielleicht einfacher zugänglich. Es gibt einen Chorus und einprägsame Lyrics, man ist schnell drin. Bei uns ist das anders, zum Beispiel die Art und Weise wie ich Texte schreibe. Wenn du dann nicht so gut Englisch kannst, ist es total schwer zu verstehen was ich da schreie. Wir versuchen zwar schon, catchige Songs zu schreiben, aber es eben nicht „dümmer“ zu machen als es sein soll. Ich will natürlich nicht sagen, dass Hatebreed und Terror dumm wären oder sowas. Aber wir haben nur ein paar wenige Songs, die man eben mal so mitsingen kann. „Swing of the Axe“ ist was das angeht ein guter, zugänglicher Song um ihn auf einer großen Tour zu spielen. Der Riff ist auch einprägsam. Bei „Crossbreaker“ kannst du zum Beispiel nicht wirklich mitsingen, wenn du den Song nicht kennst. Man muss die Band dafür gehört haben. Aber heute kam es gut an, finde ich.

 

Power Trip scheint einer Menge von Leuten aus den verschiedensten Genres zu gefallen. Was ist deiner Meinung nach der Grund?

Wie gesagt, wir machen harte Musik, die für jeden was bietet. Wir kommen aus dem Hardcore und Punk-Genre, weshalb wir catchige Songs schreiben wollen. Aber wir mögen auch Metal und wollen deshalb schnell und auch mal was komplizierter spielen. Ich habe da so eine Analogie. Vielleicht gibt es hier auch eine Menge Leute, die nur zwei Lieblingsbands aus dem Metalgenre haben. Trivium und Metallica oder sowas. Vielleicht ist Trivium ihre Band schlechthin. Und ich denke wir können auch diesen Leuten was bieten. Sie werden vielleicht nicht total drauf abfahren, aber das schlimmste was sie vermutlich sagen würden wäre „Diese Band war nicht scheisse.“ (lacht). Heute gab es sicher Leute, die uns nicht gut fanden. Aber wenn du eine Umfrage gemacht hättest, hätte es sicher eine Menge Menschen gegeben, die uns ganz solide fanden. Und das ist ein Stück weit unser Anspruch.

 

“Nightmare Logic” ist jetzt fast ein Jahr draußen. Wenn du zurückschaust, was ist deine Einschätzung und wie war das allgemeine Feedback?

Es war super. Als ich mit der Band angefangen habe, wollte ich einfach nur damit nach Europa kommen, vielleicht nach Japan und Australien. Ich wollte etwas, mit dem ich die Welt sehen konnte. Ich habe eine Menge gearbeitet und bin zur Schule gegangen und hatte dementsprechend weder das Geld noch die Zeit, etwas von der Welt zu sehen. Also war meine Band sozusagen meine Entschuldigung dafür. Aber als die Leute anfingen, die Band immer mehr zu mögen, stieg der Druck schon beträchtlich. Wir fragten uns letztendlich, ob wir daraus eine Karriere machen könnten. So, das wir nicht mehr arbeiten müssen.

 

Was hast du gearbeitet?

Ich hatte einen Bürojob. Webentwicklung und Schreiben. Wenn eine Firma eine Homepage brauchte, habe mich um die ganzen Texte gekümmert und den Webauftritt und Facebook und so weiter. Ich habe beispielsweise für die Bank of America in dem Bereich gearbeitet. Aber wir haben dann jedenfalls mit der Band einen Punkt erreicht, ab dem wir ein Vollzeitding daraus machen konnten. Deshalb ist für dieses Album eine Menge Druck da gewesen, dass es gut wird. Aber ich persönlich habe sowieso schon meine Ziele mit der Band lange überschritten. Alles, was oben draufkommt, sind Extras. Und deswegen geht es für mich jetzt darum zu sehen, wie weit wir das tragen können. Wenn es uns nach ganz oben trägt und wir dann merken, dass es wieder nachlässt kann es sein, dass ich nicht mehr so viel Touren will oder so. Ich würde deswegen nicht die Band an den Nagel hängen, aber es ist was das angeht wie mit einem Job. Wenn man merkt, dass es nicht mehr so läuft, muss man vielleicht etwas zum Besseren ändern. Wenn dieses Album also nicht so gut angekommen wäre, hätten wir das also vielleicht gemacht. Aber die Reaktionen waren super, und das hat uns bestätigt.

 

Das erinnert mich an Code Orange, ich glaube ich habe noch nie eine Band von klein auf mit angesehen die ihr Ding so hart pusht. Und ihr macht da einen ähnlichen Eindruck. Wobei ich denke, dass das als Hardcoreband nur dann möglich ist, wenn man auch die Metalkids mit ins Boot holen kann, denn das Genre ist ja viel größer.

Ja, eine Menge größer. Das Ding mit Hardcore ist leider, dass es trendy ist. Wir haben da eben noch drüber geredet, denn es ist interessant zu sehen wie populär Metalcore wieder geworden ist. Wenn man sich zum Beispiel Bands wie Code Orange oder Vein anschaut. Mich erinnert das an die frühen 2000er und ich dachte nicht, dass der Sound nochmal zurückkommt. Hardcore-Fans sind oft unbeständig und drehen den Bands schnell den Rücken zu. Deshalb wollen wir auch die Metal-Fans ansprechen, denn die bleiben teilweise ein Leben lang Fan. Sie werden nicht von dir gelangweilt sein oder abstumpfen, sondern teilweise jede Show von dir gucken, die sie sehen können. Und viele Bands versuchen deshalb glaube ich etwas Ähnliches, denn nur so kann man eine Karriere draus machen.

 

 

- pic: Kevin Estrada - 

Kannst du uns den Albumtitel erklären?

Das kann ich dir schnell beantworten, das kommt aus Horrorfilmen. „Nightmare on Elm Street“ und so weiter. Filme in denen man sich fragt, was real ist und was nicht. Man nennt das teilweise auch Traumlogik. In „Nightmare on Elm Street“ haben sie beispielsweise ja die Traumwelt genutzt, um Freddy zu besiegen. Und darum geht es auch in „Nightmare Logic“, schließlich leben wir ja ein Stück weit in so was wie einem Horrorfilm, mit den ganzen Schiessereien und Donald Trump als unseren fucking Präsidenten. Es ist echt surreal, fühlt sich manchmal echt wie ein Traum an. Darum geht es bei dem Titel. Wie gehen wir mit einer solchen Welt um? Wie sollten wir uns verhalten, wem können wir trauen, wie können wir überleben oder aus diesem Alptraum rauskommen? Es kommt aus Horrorfilmen. Suspiria wäre da noch ein Beispiel.

 

Habt ihr Pläne bald etwas Neues zu veröffentlichen?

Wir haben eine Single für Adult Swim aufgenommen. Ein neuer Song und ein Cover. Es wird dieses Jahr noch auf einer Seven Inch rauskommen, ich glaube auf Lockin Out Records. Veröffentlicht wird es aber dann über Adult Swim.

 

Ihr habt jetzt einige Festivals in den Staaten in diesem Jahr anstehen. Was gefällt dir besser, eine kleine Clubshow oder der Underdog-Status auf einem Festival?

Wir haben bisher gar nicht mal so viele Festivals gespielt. Um die vier Festivals stehen an, zum Beispiel Bloodstock. Wir hoffen aber, dass diese Trivium-Tour uns vielleicht ein paar Einladungen für die späte Festivalsaison bringt. Das Geile an Festivals ist natürlich die schiere Menge an Leuten, vor denen du spielst. Auf dem Hellfest haben wir vor ein paar Jahren vor 15.000 oder 20.000 Leuten gespielt. Das war bei Weitem unsere größte Show bisher. Ich mag Festivals, es macht immer Spaß aber ich werde vermutlich immer kleine Shows vorziehen.

 

Gibt es Bands, mit denen ihr inzwischen befreundet seid, von denen ihr euch das nie hättet träumen lassen?

Ja, Obituary. Wir haben einen Monat mit ihnen und Exodus in Amerika getourt und das war dermaßen gut. Super nette Leute und sie spielen nach wie vor jede Nacht eine richtig gute Show. Ich war immer ein Riesenfan von Obituary und dann sind wir auf Tour mit ihnen und auf einmal sitze ich mit ihnen im Tourbus, schaue Football, esse Fried Chicken und trinke Bier. Als wir in Florida gespielt haben, kamen sie extra wegen uns rum und haben uns geschaut.

 

Lass uns kurz über eure Wurzeln reden. Was liebst du und was hasst du an der Hardcore-Szene?

Ich liebe die Hardcore-Szene, weil es eine Szene ist, in der radikale Ideen entwickelt und geäußert werden. Als ich damit aufgewachsen bin, gab es eine Menge kleinerer Sachen. Die Hardcore-Szene ist sehr gut darin, neue Dinge aufzuschnappen und etwas Cooles draus zu machen. Beispielsweise standen alle auf Streetwear, als ich in die Szene gekommen bin. Supreme und solche Marken. Und da war sie dem Mainstream einfach Jahre voraus. Das kannten die Leute einfach noch nicht. Gleiches gilt auch für Rap, oder coole neue Rockbands. Hardcore-Kids suchen geradezu nach Neuem. Zum Beispiel haben die Leute auch vor ein paar Jahren noch gesagt, dass es nicht genug Frauen im Hardcore gibt. Und heute ist das ganz anders. Es passiert also oft, dass sich ganz schnell etwas ändert oder was Neues aufbaut. Vor fünf Jahren hätte ich auch noch zu einer Show gehen können und zwei Mädels dabei zusehen können, wie sie einen Streit oder eine Prügelei anfangen und sich gegenseitig Cunts nennen. Oder dass man sich Schwuchtel nennt. Und das ist heute zum Glück anders, denn es ist nicht okay jemanden mit solchen Ausdrücken zu beleidigen. Das mag ich am Hardcore, dass das Genre immer an vorderster Front ist. Natürlich gibt es auch noch Idioten und Meathead-Bands. Was ich nicht mag, ist dass Leute einfach so für ein halbes Jahr in die Szene reinkommen können und sich wie die Coolsten aufführen und dann einfach wieder abhauen. Und für die ist das wie eine Art Sprungbrett. Ein einfacher Weg, eine Band aufzumachen oder Frauen aufzureissen. Viele kommen da einfach aus den falschen Gründen rein. Man sollte Hardcore nicht für das nutzen, was man kriegen will. Hardcore ist dafür da, Missstände zu verbessern und Leute aufzuklären. Für eine Menge Leute ist es trendy, aber für eine Menge anderer Leute ist es einfach auch eine Lebenseinstellung. Für mich hat Hardcore mit Bewusstsein zu tun. Sich zu fragen, wie man die Szene oder die Welt besser machen kann. In Amerika spielen wir ja zum Beispiel auch Touren mit Title Fight, die sich natürlich nicht wie eine Hardcore-Band anhören aber aus tiefstem Herzen Hardcore-Kids sind. Da geht es einfach darum, dass wir die gleichen Ideale teilen.

 

Tja, und dann hört man eben auch immer wieder Sachen wie das was Zach Dear von Expire verzapft hat und kann es kaum fassen, was für Leute sich so rumtreiben und das jahrelang so durchziehen können. Das ist sicher aus Bandsicht nicht immer so einfach zu beantworten, aber für mich sind diese Fragen natürlich sehr interessant. Es gab ja damals beispielsweise auch eine Kontroverse um Justice von Trapped Under Ice, weil er im Ruhrpott jemanden den Kiefer gebrochen hat. Da hatte ich in einem E-Mail-Interview an eine andere Hardcore-Band dann eine Frage dazu formuliert und nie eine Antwort drauf bekommen. Diese Instagram-Page, Hardcore Predators, hast du ja sicher auch mitbekommen. Und ich weiß auch aus erster Hand einiges darüber, was für Scheissleute sich teilweise in Bands rumtreiben.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Justice aus heutiger Sicht total beschämt bezüglich seines Verhaltens wäre, wenn du ihn fragen würdest. Und das ist eine andere Sache, die ich an Hardcore cool finde. Justice als Person hat sich total entwickelt. Eine Menge Leute waren damals sauer auf ihn. Und er hat einen Schritt zurück gemacht und über die Sache nachgedacht. Trapped Under Ice waren damals bekannt dafür, in Prügeleien zu geraten. Er hat sich wahrscheinlich irgendwann mal gedacht, dass ihn das entweder ins Gefängnis bringen wird oder er jemanden oder sich selbst mal ernsthaft verletzen wird. Heutzutage würde er sowas nicht mehr machen. Mit der Zeit lernt man eben auch vieles. Mit Terror und Expire haben wir schon getourt. Ich sage nicht, dass sie unschuldig sind, aber ich habe nie etwas Derartiges mitbekommen. Ich habe auch von Zach nichts in der Richtung mitbekommen, sonst hätte ich ihn definitiv darauf angesprochen. Ich sage garantiert nicht, dass die Opfer in solchen Fällen Unrecht damit haben. Das ist manchmal aber sehr dünnes Eis. Es gibt inzwischen teilweise auch eine Art „Call Out Culture“. Teilweise habe ich schon mitbekommen, dass Leute sagen „Mein Freund hat mich betrogen, er sollte aus der Szene gekickt werden.“. Betrogen zu werden ist scheisse, das ist mir auch schon passiert. Aber sollte man deshalb eine Person quasi verbannen?

 

Das ist die eine Sache, aber es gibt natürlich auch Loyalitätskonflikte. Man will ja nicht, dass seine Bros auf einen sauer sind.

Das interessiert uns nicht wirklich. Es wird immer genug Bands geben, die nicht voll mit Arschlöcher sind. Und ich bin auch stolz darauf, über meine Band sagen zu können, dass wir mit sowas nicht im Entferntesten was am Hut haben. Wir sind alle sehr respektvoll und gegen Gewalt. Sehr selten geraten wir in Streits oder sowas. Ich denke es ist wichtig, als Band eine gewisse Ethik zu haben. Zum Beispiel darauf hinzuweisen, dass eine Show von uns Raum für jeden bietet. Egal, wo man herkommt und wer man ist. Aber das tolle an Hardcore ist wie gesagt, dass die Leute auch dazu lernen. Bevor man jemanden verurteilt, sollte man die ganze Geschichte kennen. Die Instagram-Seite wurde ja beispielsweise gelöscht, weil eine Menge Frauen auch gesagt haben, dass das nicht die richtige Art und Weise ist, an diese Probleme ranzugehen. Da werden Leute an den Pranger gestellt und es wird gelogen. Wenn mich beispielsweise jemand nicht leiden kann, könnte er dort Geschichten über mich verbreiten. Und es würde gepostet werden. Total schwierig, das zu verifizieren. Ich denke nicht, dass Leute sofort verbannt werden sollten, wenn sie ein Mal was verkacken. Es kommt immer drauf an. Wenn jemand mehrfach so eine Scheisse abgezogen hat oder etwas total Unangebrachtes gemacht hat, dann ist es natürlich klar.

 

In manchen deiner Lyrics geht es um Armageddon-ähnliche Szenarien und heute hast du auch eine Ansage in der Richtung gemacht (Anm. der Redaktion: Es ging um den Song „Murderers Row“, laut Riley ein Song über Terminator 2 und darüber, dass Roboter uns alle töten werden, sobald sie ein eigenes Bewusstsein entwickeln). Was denkst du, wie weit wir davon entfernt sind und was wir dagegen tun können?

Das ist eine gute Frage. Ich versuche mit unserer Musik positiv zu sein, weil ich denke, dass ich muss. Wenn du ein vollständiger Pessimist wirst, wofür machst du das dann? Dann kann man auch einfach gar nichts tun. Ich will es wenigstens versuchen. Ich denke während unserer Lebenszeit werden wir Zeugen von etwas sehr Abgefucktem werden, das die ganze Welt erschüttern wird. Ich weiß nicht, ob das in fünf oder zehn Jahren passieren wird. Kulturell, ökonomisch und politisch wird sich einiges ändern. Ich hoffe, dass es nicht zu einem Nuklearkrieg kommt. Aber ich denke nicht, dass die menschliche Rasse komplett vom Erdball verschwinden wird. Es werden wahrscheinlich nur eine Menge Leute sterben. Vielleicht wird es eine Art dritter Weltkrieg, Es könnte auch ein Zusammenbruch der Wirtschaft sein, ein epidemisches Verhungern, der Klimawandel, Wasserknappheit. Wir können nicht wissen, was das Fass zum Überlaufen bringen wird.

 

Dennoch verhalten sich ja viele Leute so, als ob nichts wäre. Obwohl sie es vermutlich besser wissen.

Ja, ich denke da gibt es auch Eliten, die sich dessen bewusst sind und jetzt Besitztümer anhäufen und zu den 10% gehören wollen, die sowas vielleicht überleben. Oder dass ihre Familien das tun. Ich denke du hast auch generell Recht. Vielleicht gibt es deshalb auch so viel Ängste und Depressionen, weil die Leute das innerlich wissen. Es ist aber einfacher, Fernsehen zu gucken und Fastfood in sich reinzustopfen. Viele wollen es nicht wissen. Wie gesagt, ich denke da wird etwas Großes auf uns zu kommen. Was genau das sein wird, weiß ich nicht. Und du hast auch Recht, dass es um so etwas oft in den Lyrics geht. Ich habe daraus meine Schlüsse gezogen, ich mache mir keinen Kopf um das Aufbauen einer Karriere. Anstelle dessen ziehe ich lieber das Musik-Ding durch, da ich ohnehin nicht davon ausgehe, dass das noch lange gut geht. Wenn ich die Welt als für stabil erachten würde, würde ich vielleicht eher auf Nummer sicher gehen und mir eine Familie aufbauen und Kinder kriegen. Aber in die Welt, wie sie gerade ist, würde ich momentan keine Kinder setzen wollen.

 

Ihr seid ja aus Texas, eine Region die in der Vergangenheit nicht gerade für liberale Ansichten bekannt war. Was kannst du über die aktuelle Lage dort sagen? Hat sich etwas durch die Ereignisse der letzten Jahre verändert?

Auch eine gute Frage. Ich will nicht einfach stumpf sagen, dass du da unrecht hast. Eine Leute denken Texas und der Süden generell wären sehr konservativ. Und das Element ist auch definitiv da, die Leute lieben ihre Waffen und so weiter. Aber in Städten wie San Antonio, Dallas, Austin, Houston und so weiter, dann sind das eigentlich sehr liberale Orte. Es gibt nur eine Menge Wählerunterdrückung und viele Menschen sind nicht über liberale Alternativen zu den konservativen Regierenden informiert. Leute werden dazu ermutigt, nicht zu wählen oder sogar davon abgehalten. Zum Beispiel könnte ich nicht wählen, wenn mein Führerschein abgelaufen ist. Es gibt da etwas in Texas, das nennt sich Gerrymandering. Das bedeutet, das nicht jede Stimme gleich viel zählt. Sondern die Stimmen werden pro County gezählt. Es gibt bestimmte Grenzen, innerhalb derer die Stimmen gezählt werden. Und alle 2 Jahre kann die Regierung diese Linien neu bestimmen, bis auf die Straße oder die Nachbarschaft genau. Wenn also ein Gouverneur oder ein Bürgermeister befürchtet, dass er sein Amt verlieren wird, kann er den Wahlkreis so eingrenzen, dass Leute die anders wählen in einen anderen Kreis fallen. Manche ältere Politiker sind schon seit 40 Jahren dabei und halten die lokale Politik quasi als Geisel. Das System ist also ziemlich kaputt. Und wenn das nicht so wäre, wäre der Staat liberaler. Aber ich denke Texas wird beispielsweise in den nächsten fünf Jahren vermutlich Gras legalisiert haben. Da öffnet sich momentan eigenes. Das entspricht also nicht mehr dem Stereotyp. Es ist ganz witzig, die Leute fragen uns oft, ob wir für Donald Trump gestimmt haben. Deshalb mache ich fast jeden Abend eine Ansage, heute habe ich sie weggelassen. Nämlich dass wir aus Texas sind und Präsidenten nicht wählen, sondern erschiessen (lacht). Es ist definitiv liberaler geworden. Aber eine Menge Leute denken noch anders über Texas. Allerdings nicht nur Deutsche oder Europäer, Leute aus New York denken da oft ähnlich.

 

Zu guter Letzt: Hast du aktuelle Musikempfehlungen für unsere Leser?

Es sollte definitiv jeder die neue Platte von Mammothgrinder auschecken, die auf Relapse Records rausgekommen ist. Sie heißt Cosmic Crypt. Mammothgrinder ist die andere Band unseres Drummers, sozusagen sein Baby. Außerdem stehe ich momentan sehr auf Temple of Angels. Sie sind aus Austin, Texas. Das geht mehr in Richtung New Wave und Shoegaze, falls ihr auf The Cure oder My Bloody Valentine steht. Das sind also zwei sichere Dinger, beide aus Texas. Checkt die mal aus.