Interview mit Silverstein

 

Tour: Band. Crew. Fans. Und trotzdem manchmal Einsamkeit. Spaß und Shows als Verdrängungstaktik dieses Gefühls. Zwischen Albernheit und Ernsthaftigkeit erzählt Silverstein-Sänger Shane Told nicht nur von der Einsamkeit im Trubel und seinen Japan-Gedanken, sondern auch was das Privateste ist, was er auf Tour bei sich hat und warum in seinen Augen Fragen auf formspring.me wichtiger sind, als Interviewfragen von Journalisten.

„We are Silverstein from Canada“, stellt Sänger Shane die Band nach dem ersten durchgepowerten Song vor. Ob es jemanden hier gibt, der das nicht weiß? „Du wirst lachen“, erzählt er kurz zuvor im Interview, „aber es gibt ja auch immer noch Journalisten, die uns fragen, warum wir Silverstein heißen.“ Heute? Hier in Köln? Nach 11 Jahren Bandgeschichte? „Ja heute. Unglaublich, oder? Wenn nach so vielen Jahren diese Frage noch kommt, denke ich mir jedes Mal: Google das, lies es irgendwo nach aber frag mich das nicht mehr. Aber ok, ich mache hier nur meinen Job und die Journalisten ihren.“

Auf der Bühne im Kölner Bürgerhaus Stollwerck ist schnell zu merken: Es ist mehr als nur ein Job. Leidenschaft. Liebe zur Musik. Lust am Spielen. Gerade bei den alten Sachen, die ganz klar im Vordergrund des Abends stehen, ist das deutlich zu spüren. Lieder des neuen Albums „Rescue“ dagegen wurden vom Publikum noch mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Doch wer muss eigentlich gerettet werden? „Auf irgendeine Art und Weise müssen wir doch alle gerettet werden. Sogar die glücklichsten Menschen. Auch wenn es nur ein „sich aus einer schlechten Situation retten“ ist, eine kleine Rettung also. Das Ding ist, wir müssen das aber selbst tun, uns selbst retten“, glaubt Shane und wird nachdenklich.

Sich selbst würde er am liebsten manchmal aus der Einsamkeit retten. „Wenn du auf Tour bist, hast du ja immer Leute um dich herum. Band. Crew. Fans. Du bist eigentlich nie allein. Und trotzdem gibt es Momente, in denen du dich einsam fühlst. Das liegt glaube ich daran, dass man seine Liebsten daheim vermisst. Das Gute ist ja, dass ich hier in der Band mit meinen besten Freunden zusammen bin. Das lenkt ab. Wir genießen die gemeinsame Zeit, versuchen Spaß zu haben und uns von diesem Einsamkeitsgefühl abzulenken“, erklärt Shane ein Gefühl, das er selbst als total komisch bezeichnet.

Sein Blick wandert zu seinem Handy, das neben ihm auf dem Tisch liegt. Er nimmt es kurz hoch und schaut drauf. Es ist das Privateste was er bei sich hat, wenn er auf Tour ist. Eigentlich müsste man denken, das Privateste sei ein Tagebuch, irgendwelche Fotos von Freunde und Familie. Aber all das trägt er auf seinem Handy mit sich rum: „Nummern, E-Mails, Fotos all das ist ja da drauf. Mit dem Handy kann ich in Kontakt bleiben mit Familie und Freunden.“ Und mit Fans. Denn auch der formspring-Account wird regelmäßig gecheckt. Das Internet hat die persönliche Ebene zwischen Band und Fans gestärkt, sie einfacher gemacht, weiß Shane: „In Interviews stellen die Journalisten ja Fragen, die sie gerne beantwortet hätten und von denen sie denken, dass die Antworten für die Fans interessant sein könnten. Aber das sind sie nicht immer. Ich finde die Fan-Fragen auf formspring teilweise auch viel interessanter und wichtiger. Es ist der einfachste Weg für Fans an uns ranzukommen.“

Die häufigsten Fragen drehen sich um Songbedeutungen und Inspirationsquellen, um ihre Musik allgemein. Diese beantworten Silverstein auch gerne, aber sobald es unter die Gürtellinie geht, werden die Fragen gelöscht. „Oft gehen Fragen tief ins Privatleben hinein. Es gibt Fans, die wissen wollen mit wie vielen Frauen ich schon Sex hatte. Aber wieso sollte ich sowas beantworten? Das geht nur mich was an“, sagt Shane. Obwohl er selbst Justin Bieber gerne mal fragen würde, wie viele Mädels er schon hatte, fügt er lachend hinzu. Wo wir schon bei Justin Bieber sind… Shane fängt an „Baby, Baby, Baby“ zu singen. Aber eher in einem Backstreet Boys Sound. „Ich könnte niemals ernsthaft in einem Song Baby singen. Ich finde das total schwierig. Da würde mir glaube ich die Ernsthaftigkeit fehlen, ich müsste mich kaputt lachen“, gesteht er.

Shane Told. Nicht nur Musiker, sondern oft auch Berufsjugendlicher. Im Backstageraum werden Grimassen geschnitten („haha sorry, aber unser Tourmanager hat grad so geil geguckt“), drei Dinge aufgezählt, die man mit einem Kondom tun kann („über dem Kopf aufblasen, eine Wasserbombe draus machen und im Portemonnaie spazieren tragen“) und ein passender Werbetext für das neue Album „Rescue“ gesucht („das Album macht eure Penisse größer und bringt jedes Mädel dazu mit euch zu schlafen“). Ein wenig albern, aber mit jeder Menge Spaß an der Sache.

Die sympathische kanadische Art scheint immer wieder im Gespräch durch. Oft mit einem Augenzwinkern und einem Ausdruck, der sagen will: „nicht-allzu-ernst-nehmen“. Auch als Shane „wir sind ja eine bessere Band geworden“ raushaut, schwingt kein Funken Arroganz oder Überheblichkeit mit, sondern eben dieses sympathische Augenzwinkern. Silverstein haben sich diesmal mehr Zeit genommen, versucht zu perfektionieren. Ihre Musik und sich selbst als Musiker, erklärt er. Shane verrät auch, warum Silverstein nach elf Jahren immer noch existiert und funktioniert: „Ich glaube, wenn du dir zu hohe Ziele steckst, fängst du an Fehler zu machen, weil du diese Ziele unbedingt mit allen Mitteln erreichen willst. Du verlierst den Blick für das Wesentliche. Und der ist extrem wichtig. Deshalb leben wir lieber in den Tag hinein und schauen was passiert, setzen uns maximal kleine Ziele, die wir schnell erreichen können.“

Shanes Ziel nach dem Japan Erdbeben war es, Leute zum Helfen und Spenden zu bewegen. In anderthalb Stunden hat er einen Song für Japan geschrieben. Titel: Stay Strong. Gitarre geschnappt, Kamera angemacht, aufgenommen und online gestellt. Im Gespräch erzählt er, was er im Song auch singt: dass die Leute dort unglaublich besonders sind. Voller Leidenschaft und Stolz in sich. Das Erdbeben ereignete sich ein paar Tage bevor Silverstein nach Japan reisen wollten. „Im Vorfeld gab es schon Interviews mit Japanern und die Vorfreude in mir ist von Minute zu Minute gewachsen, auch, weil wir schon lange nicht mehr dort waren. Und dann passierte das Unglück. Wir saßen im Flugzeug von Hawaii Richtung Heimat, als wir davon erfuhren. Die ganze Zeit über wussten wir nicht so richtig, was da eigentlich passiert ist. Später habe ich dann die Bilder gesehen und war sehr besorgt, auch wegen der Tsunami-Warnung für Hawaii, denn unser Drummer war noch dort. Zum Glück ist da nicht auch noch was passiert. Aber was in Japan passierte, ist schrecklich“, erzählt er kopfschüttelnd, fassungslos, sehr bedächtig. Das ist dann die andere Seite des Silverstein-Sängers, die bei diesem Thema durchscheint. Die ernste Seite. Denn er weiß, dass in einer Band nicht nur Spaß und Leidenschaft die treibenden Kräfte sind, sondern auch Ernsthaftigkeit und Ehrgeiz.