Interview mit Vierkanttretlager

 

Mit welchem Vorhaben, welchen Ideen seid ihr ans 2. Album gegangen? Was ist der größte Unterschied zu eurem Debütalbum "Die Natur greift an"? Wie entsteht bei Vierkanttretlager ein Song?

Die inhaltliche Idee zum Album stand schon sehr lange fest, der erste Text war „Krieg&Krieg“ und entstand bereits 2010, also zwei Jahre vor erscheinen unseres Debüts, dass zu diesem Zeitpunkt aber schon fertig geschrieben war. Dieser Text, der im Kern bereits die gesamte Geschichte des Albums zusammenfasst, war für ein Motor für alle weiteren Texte die in den vergangenen fünf Jahren fünf Jahren entstanden sind. Dadurch gab es, anders als beim ersten Album, von Anfang an zumindest inhaltlich eine gewisse Stoßrichtung, bei der wir aber immer sehr bedacht darauf waren, sie so offen wie möglich auszulegen. Auf diese Weise ist das Album auf verschiedenen Ebenen deutbar, es gibt allgemeine aber auch sehr persönliche Passagen, genauso wie etwa religiöse Anspielungen. All das hat sich über die Jahre jedoch sehr organisch entwickelt, die Art, wie Texte und Musik entstehen ist immer noch die gleiche, sehr intuitive.

Der Albumtitel "Krieg und Krieg" klingt nicht gerade sehr positiv. Insgesamt ist das ganze Artwork eher düster und dunkel gehalten. Woran liegt das?

Der Titel ist wie auch schon beim ersten Album auch ein Spiel mit dem Pathos, er ist überlebensgroß und bedeutungslos, fast albern und gleichsam von tiefer Traurigkeit. Das ist ein Muster nachdem unsere Texte oft entstehen, wir spielen mit großen Gesten und brechen sie wieder herunter. Das ist ein guter Weg seine Kunst mit vollem Ernst und vor allem unironisch zu betreiben ohne sch dabei zu wichtig zu nehmen. Das gesagte ist ob seiner aufrichtigen Ernsthaftigkeit nie in Zweifel zu ziehen, aber wir sind es. Wir sind Menschen, fehlbar und verletzlich. Das will aber eigentlich niemand zugeben, das digitale Zeitalter giert nach Authentizität, aber ehrliche Schwäche kommt in unserem robotisierten perfekt optimierten Alltag nicht vor. Besonders von den Authoritäten und jeder Künstler ist auch eine Form von Autorität Unfehlbarkeit und absolute Wahrheit erwartet, auch in der Selbstwahrnehmung. Das halte ich aber nicht nur für unmöglich sondern auch für feige. Wir gestehen uns unsere Fehler zu und arbeiten genauso mit ihnen, wie mit unseren Stärken. „Krieg&Krieg“ aber ist in erster Linie ein Album über genau diese urmenschlichen Schwächen, allen vor ran diese unberechenbare Unversöhnlichkeit. „Krieg&Krieg“ ist ein Album über systematische Selbstzerstörung, mit der Frage, wann wird sie in unsere von Rationalität getriebenen Welt beginnen, oder hat sie bereits begonnen. Was dann nach dem Kahlschlag übrig bleibt, ist aber durchaus etwas positives, ein Appell zum liebevollen miteinander und ein trotziger Schrei nach Leben. Positivität ensteht doch mitnichten nur in Liedern über Sonne und Longboard fahren sondern gerade in Musik die Konflikte so drastisch thematisiert, dass man sich direkt zum Wederspruch angehalten fühlt. Das man also vom Fleck weg Beweise dafür aufbringen will, dass der Mensch doch gut, die Menschheit zu retten ist. Ich habe in diese Richtung wenig Hoffnung, doch die Hoffnung auf Hoffnung bleibt.

Appropos Artwork. Auf dem Cover ist Max im Adamskostüm zu sehen. Wie kam es dazu?

Es ist immer eine besondere Aufgabe ein Bild auszusuchen, was das Gefühl eines Albums so zusammenfasst, dass man es als Cover auswählt. Als wir aber auf dieses Bild gestoßen sind, da war allen schnell klar, dass es das Cover werden muss. Auch hier gewinnt das Bild durch seine Mehrdeutigkeit, aber das möchten wir niemandem Vorschreiben, da glauben wir an mündige Rezipienten.

In "Wer tot ist" sagt Ihr "wer tot ist der gewinnt" - was genau gewinnt man, laut eurer Einschätzung?

Wenn man dem Lied aufmerksam folgt, wird man bemerken, dass dies mitnichten die Zentrale These des Stücks ist, sondern, dass gerade sie schwer in Zweifel gezogen wird. Die These, dass das Leben nur eine Übergangsform ist und nach dem Tod das Paradies, die Erlösung wartet inst nicht nur religöser Konsens sondern wird auch von nicht gläubigen Menschen als Trost gebraucht und bereits Kleinkindern beigebracht um ihnen zu erklären, wo das Haustier oder die Oma auf einmal abgeblieben sind. Ich empfinde diese Haltung aber als hochgefährlich. Meiner Meinung nach verschließt man sich mit diesem Lebenscredo das Paradies vor unseren Füßen. Wer daran glaubt, dass Paradies erst nach dem Tod zu erfahren, der wird es auf Erden nie erleben. Und alles andere ist Spekulation.

Welche Art von Menschen wollt ihr mit eurer Musik ansprechen?

Das ist denke ich ein sehr grobes Missverständnis. Wir begreifen uns nicht als Dienstleister für eine bestimmte Konsumentenschicht. Uns steht es auch gar nicht zu, zu entscheiden, wer unsere Musik hören soll und vor allem, wer nicht. Genauso wenig, wie wir den Menschen vorschreiben wollen, wie sie unsere Kunst zu verstehen haben. Wir glauben an die Mündigkeit der Hörerschaft, dass ist für alle Seiten gesünder und kleine Enttäuschungen sind leicht zu verkraften.

Euer Video zu "Kaktusblüte" ist auch eher untypisch. Das ganze wurde (anscheinend) mit einem Handy gedreht und zeigt euch beim Baden, in einem kleinen Teich, im Garten. Andere Bands werfen ihre komplette Gage für professionelle Musikvideos raus. Euer Musikvideo scheint nicht ganz sooo teuer gewesen zu sein. Was steckt dahinter?

Auch hier scheint ein grundsätzliches Missverständnis vorzuliegen. Kunst hat mit der Leistungsgesellschaft nichts zu tun, sie ist nicht weniger als sein Gegenentwurf. Trotzdem wird Kunst heute darüber bewertet, wie viel die Produktion an Kosten geschluckt hat, was die Videos Kosten, wie viele Einheiten umgesetzt werden. Das ist aber in der Bewertung von Kunst im allgemeinen völlig irrelevant, wenn man sich als Künstler, wie als Konsument von derlei Dingen leiten lässt, dann ist man verloren. Das alles spielt keine Rolle. Entscheidend ist nur, was Kunst, was Musik beim einzelnen Auszulösen vermag, danach kann jeder selbstständig bewerten, was ihm wichtig ist und was nicht. Dass diese Frage aufkommt freut mich aber sehr, denn es zeigt, dass diese Missverständnisse omnipräsent sind und es deshalb genau richtig ist mit den Erwartungen der Leistungsgesellschaft gezielt zu brechen. Ich freue mich wirklich sehr, vielen Dank für diese Frage.

Deutschsprachige Musik ist gerade sehr angesagt und immer mehr Bands und Künstler springen auf den Zug mit auf. Seht ihr die Entwicklung eher positiv oder negativ, da mittlerweile jeder 2. meint er könnte pseudoschlaue, tiefgründige, deutsche Texte schreiben?

Wenn ich ehrlich bin, dann ist mir das gar nicht so sehr aufgefallen.

Was ist wichtiger - Text oder Musik?

Das dürfen wir nicht entscheiden, dass kann der Konsument, wenn er es denn muss, selbst tun. Klingt für mich aber auch eher ungesund, sich mit derlei aufzuhalten. Hört doch einfach Musik und lasst euch überraschen was euch berührt. Ich möchte aber auch nicht schon wieder in eine Predigt ausbrechen. Also, entscheidet selbst aber denkt daran, dass ihr euch nicht entscheiden müsst.

In eurem letzten Interview mit allschools habt ihr euch als unpolitische Band bezeichnet. Viele Freunde von euch wie Casper oder Turbostaat bekennen sich relativ eindeutig, wo Sie politisch stehen und zeigen das auch in ihren Texten. Denkt man nicht manchmal auch "Ahh, darüber, was gerade wieder in Deutschland abgeht, muss ich einen Song schreiben"?

„Krieg&Krieg“ ist mit Sicherheit ein politisches Album geworden, was aber hier vor allem mit der Auseinandersetzung mit grundsätzlich Menschlichem zusammenhängt. Ich denke wir haben mit diesem Album das allermeiste deutlich gemacht, werden aber natürlich auch weiterhin Laut geben, wenn es an uns ist oder wir uns berufen fühlen. Wir sind immer noch keine Band die sich mit nahe liegenden politischen Inhalten schmücken will, sind aber froh über jeden Künstler, der seine Position zu nutzen weiß, um für ein friedliches, vorurteilsloses Miteinander einzustehen. 

2012 habt ihr am BuVISoCo teilgenommen. Nun mit ein paar Jahren Abstand - würdet ihr sagen es war die richtige Entscheidung oder würdet ihr heute anders entscheiden?

Auch wenn man es nach dem vorangegangen kaum vermuten mag, gehen wir wesentlich weniger analytisch an die Sache, als es manchmal den Anschein hat. Leistung jedenfalls spielt in unserem Verständnis unserer Musik eine untergeordnete Rolle. Wir haben an diesem Wettbewerb in erster Linie teilgenommen um und spaßiges Erlebnis miteinander zu teilen, so wie andere zum Teambuilding in den Freizeitpark fahren. Außerdem finden wir es wichtig sich als Band nicht nur in seinem eigenen elitären Zirkel zu bewegen, sondern auch aus der Comfort-Zone auszubrechen. Ansonsten bespaßt man immer nur dieselben Nasen, denen man nichts neues erzählen kann. Es würde uns gefallen, auch zum Erkenntnisfortschritt beitragen zu können. Wer gut drauf ist, darf sich natürlich auch bestätigt fühlen, aber im allgemeinen ist Widerspruch immer anregender.

In der, dem Album (oder zumindest der Promo) beiliegenden, Zeitung ist auch ein Horoskop für alle Sternzeichen. Glaubt ihr an Horoskope?

Wir glauben höchstens den Horoskopen, die wir selber gefälscht haben. Das macht aber glaube ich jeder so.

Was hat es mit der besagten Zeitung auf sich?

Die Zeitung enthält einen Begleittext, der aber in keinem Fall als Bedienungsanleitung dienen soll, sondern vielmehr um das Album etwas zu unterfüttern und der Geschichte, die eine inhaltliche Ebene ausmacht etwas Platz einzuräumen. Wer möchte darf und muss das Album völlig unabhängig von diesem Text wahrnehmen, aber für uns war er Motor und wir wollten ihn daher auch niemandem vorenthalten. Wir sind aber eben auch nicht die Prediger,die mit dem Manifest der absoluten Wahrheit vom Berg steigen und „Hört,hört“ schreien. „Krieg&Krieg“ ist ein Album über Schwäche, Unsicherheit und die menschliche Katastrophe an sich. Die Antworten, die wir liefern dürfen nicht vorbehaltlos angenommen werden. „Krieg&Krieg“ endet im Stillstand, doch danach ensteht hoffentlich etwas Bewegung, im Kopf, im Herz. Aber ich weiß nicht, ob man solch wünsche überhaupt formulieren darf. wir wären zumindest sehr froh darüber. Froh über jden noch so kleinen Beweis, dass der Mensch zu retten ist.