Interview mit Zol und Vuki von HELL & BACK

 

 

 

Ihr habt Jobs, seid Mitte dreißig. Deshalb der Titel der neuen Platte?

Zol: Die Inspiration kam durch ein Tattoo von einem koreanischen Künstler namens Wan, welches ich zufällig im Internet entdeckt habe: SLOW LIFE / FAST FOOD. Das war die Grundidee. Die hat mir so gut gefallen, dass sie später zu einem Song und dann schließlich zum Albumtitel wurde. Sie passt auch auf uns vier Charaktere in der Band ganz gut, wenn auch auf jeden mit einer individuellen Bedeutung. Im Prinzip möchten wir damit sagen das man einfach mal Entschleunigen sollte. Einen Gang runterschalten. Denke positiv, leg mal dein Handy weg und schau nicht immer ständig auf die Uhr. So viele Leute haben schon in jungen Jahren einen Burnout. Das Leben ist zu kurz um es nur mit Stress und Arbeit zu verbringen. Man muss nicht alles mitmachen, nicht auf jeder Party mittanzen. Nicht jeder kann die Nummer eins sein und das ist auch voll okay. Versuch dich nicht ständig mit anderen zu Vergleichen, mach was dich glücklich macht und nimm bitte nicht alles zu ernst.
Lars vom Trust hat das so gut zusammengefasst, da würde ich ihn hier einfach mal zitieren: „immense Bodenständigkeit, fernab von ego-pushendem Twitter-Game und einem ausgeprägtem Karriere-Denken. Keine sinnlosen Status-Vergleiche mit den Nachbarn, eine positive Grundeinstellung und immer auch die nötige Portion Stress-Freiheit.“
Das trifft für mich den Nagel auf den Kopf was wir mit SLOWLIFE sagen möchten.
Und hätten wir mit Mitte dreißig keine Jobs würde die Platte vermutlich "Lowlife" heißen ;-)
 
In Stuttgart war in Sachen Punkrock auch schonmal mehr los. Herrscht dort auch Slowlife? Oder habt ihr gute Subkultur-Tipps für's Ländle?
 
Vuki: Ja, wie überall sonst war auch in Stuttgart schonmal mehr los. Trotzdem gibt es hier eine gute, wenn auch kleine Szene. DIY-Shows werden zwar leider immer schlechter besucht und die Konzert-Locations werden auch von Jahr zu Jahr weniger, trotzdem stecken hier Leute sehr viel Arbeit und Herzblut in die Sache. Von Slowlife keine Spur.
Als besondere Locations führe ich hier das Goldmarks, Juha West, Gasparitsch und in Ludwigsburg die Rock'n'Roll Bar und die Villa Barrock auf. Es gibt noch ein paar mehr, aber dort bin ich oft auf Konzerten. Oder mache hin und wieder selbst welche.
Und nice DIY Punk Bands aus Stuttgart sind Helmut Cool, Bike Age, Empowerment, Minus Youth, Planet Watson, Nametaker, No End In Sight, Start A Fire, Younger Us, Deliver, Détruit, Kuballa, Minutes From Memory und Human Abfall. 
 
Erzählt doch mal ein bisschen was über die Aufnahmen zur neuen Scheibe.
 
Vuki: Wir haben wieder in den Tin Roof Studios in Stuttgart-Feuerbach aufgenommen. Wir mögen die Leute und die entspannte Arbeitsatmosphäre dort sehr. Böni und Toby sind einfach zwei grundentspannte Charaktere und man fühlt sich gleich wohl. Da wir alle berufstätig sind und nicht unseren Urlaub fürs Studio verbraten wollen, ist es uns wichtig, in der Nähe unseres Wohnortes aufzunehmen. Und so haben wir – wie beim Debüt – an den Wochenenden und nach der Arbeit aufgenommen. Ansonsten wie immer: Schlagzeug tight einspielen, Marshalls und Ampegs voll aufdrehen und singen bis die Konzentration weg ist. Unterstützung haben wir in Form eines Gastauftrittes von Philipp (Perfect Youth, Homestayer, Finding Faith, Détruit) und wie beim letzten Album von den Jungs von (ex-) Plastic Smile für die Backgrounds bekommen.
Zol: Gemastert hat das Album Jack Shirley in den Atomic Garden Studios in Kalifornien. Peter und ich spielen ja noch zeitweise in einem kleinen Nebenprojekt namens Perfect Youth. Für die Split LP mit Hell & Back hatten wir 4 Songs verwendet, welche von Jack Shirley gemixt und gemastert wurden.
Der Sound dieser Songs hat uns damals wirklich umgehauen, daher wollten wir auch für SLOWLIFE das Jack hier den Part des Masterings übernimmt.
 
 
Wolltet ihr im Vergleich zum Debüt Dinge unbedingt anders angehen?
 
Vuki: Nein, eigentlich keine. Wir sind immer noch sehr happy mit unserem Debüt "Heartattack", daher sind wir ähnlich heran gegangen. Es ist für mich das erste Mal, dass ich mit einer Band eine zweite full length Platte aufnehme, daher wusste ich auch zuerst nicht, in welche Richtung es gehen soll und ob es überhaupt eine Richtung braucht. Es gibt viele Bands, bei denen ich das erste Album spitze finde und das zweite eher langweilig, weil es entweder zu sehr nach dem ersten Album klang oder zu weit entfernt davon war. Diesen Umstand wollte ich unbedingt umgehen. Daher haben wir versucht, einfach das was wir bei Heartattack gemacht haben zu verfeinern und besser zu machen.
Mehr Zeit und Energie als bei unserer ersten Platte haben wir in die Vorproduktion gesteckt, damit wir im Studio so wenig Zeit wie möglich verbringen müssen, was ja immer mit sehr viel Geld verbunden ist. So konnten wir schon früh erkennen, welche Songs gut zusammen passen und welche es nicht aufs Album schaffen werden. Wir hatten zum Beispiel unfassbar oft die Strophe von dem Song "Slowlife" geändert. Es wollte nie passen. Also haben wir solange dran rumgemacht, bis wir zufrieden waren. Ebenso haben wir bei machen Stücken die Tonart geändert, weil die Gesangmelodie zu hoch oder zu tief für meine Stimme war, oder der Song zwei Töne tiefer besser klang. Aber es gab auch Songs, die wir während einer Probe komplett fertig geschrieben haben und nicht mehr änderten.
 
Neben Bands wie Überyou, Astpai und Irish Handcuffs haltet ihr die Gainesville-Flagge im deutschsprachigen Raum hoch. Wann spielt ihr auf dem The Fest?
 
Vuki: Es freut uns, mit diesen Bands genannt zu werden, wir schätzen sie musikalisch und menschlich sehr. Da die Herbstferien in Baden-Württemberg in den letzten Jahren immer ungünstig lagen und unser Gitarrist durch seinen Beruf als Sonderpädagoge immer nur in den Ferien touren kann, hat es bei uns aus Zeitgründen nie geklappt. Sollte es mal wieder der Fall sein, dass das Fest während des zweiten Wochenendes der Herbstferien statt findet und das orangene Riesenbaby uns rein lässt, dann sind wir hoffentlich dabei. Ausserdem haben wir auf dem Obenuse Fest in Zürich gespielt und sind dieses Jahr beim Booze Cruise in Hamburg dabei, quasi die europäischen Mini-Pendants zum Fest.
 
Habt ihr ansonsten Tourpläne?
 
Vuki: Wir hoffen, in den Herbstferien einen kleinen Roadtrip mit Resolutions spielen zu können. Dann werden wir die Heizung im Bus voll aufdrehen und kühles PBR trinken um ein bisschen Fest-Feeling zu bekommen. Nächstes Jahr im Frühjahr dann wieder eine 10 Tage Tour, hoffentlich.
 
"Slowlife" erscheint auf Fond of Life. Wie kam es zum Deal?
 
Vuki: Der Deal kam klassisch zustande: Wir haben Joe unser Debüt zugeschickt und er hatte Bock drauf, es auf Fond Of Life zu veröffentlichen. Unser Freund und Labelkollege Stumfol hat seine Empfehlung ausgesprochen und dann hat es gleich geklappt. Es ist schön, dass sich jemand um die Platte kümmert, der ähnlich denkt wie wir. Es ist mittlerweile unser drittes Release mit Fond Of Life – wie die Zeit vergeht!
 
Welche Labelkollegen feiert ihr besonders?
 
Vuki: Ich persönlich mag Irish Handcuffs, Resolutions und Stumfol am liebsten. Nicht nur, weil es über die Jahre gute Freunde geworden sind, sondern weil sie in letzter Zeit grandiose Platten rausgebracht haben.
 
 
In wenigen Monaten steht hierzulande eine große Wahl an. Wie geht ihr damit um? Habt Ihr Ratschläge?
 
Vuki: Ich finde es sehr wichtig wählen zu gehen und seine Stimme gegen die braune Strömungen zu erheben. Für welche Partei dann jemand stimmt, ist jedem selbst überlassen – Hauptsache Populisten und andere rechte Gruppen gewinnen nicht an Macht. Froh bin ich, dass sich dieses Jahr Frankreich und die Niederlande sind nicht so verwählt haben wie in jüngster Vergangenheit die Türkei, England und die USA. Ich denke aber nicht, dass das hier ähnlich knapp wird.
Die letzten Wahlen haben gezeigt – und das ist das traurige – dass viele Menschen immer noch jede Lüge der Populisten glauben. Dass wir 2017 über Nationalismus und Landesgrenzen, einem meiner Meinung nach völlig veraltetem Menschheitskonzept, sprechen müssen, während die Umwelt immer stärker unter dem Einfluss des Menschen leidet, ist eine Mischung aus absurd und völlig Geisteskrank. So lange auf der Erde Armut und Reichtum so ungleich verteilt sind, wird sich daran leider nichts ändern. Es kommen viel grundsätzlichere Probleme auf die Menschheit zu, und diese zu ignorieren wird auf lange Sicht verheerende Folgen haben. Und was macht die Menschheit? Bekriegt sich wegen Geld, Macht und Religion. LOL.
Aber ebenso wichtig ist es, mit seinem Konsum bewusst umzugehen. Global agierende Wirtschaftskonzerne sind mächtiger als Regierungen. Ich finde es wichtig, so wenig wie möglich große Konzerne wie zum Beispiel Nestle zu unterstützen. Denen geht es letztendlich nur um den Profit, die Erde und der Mensch werden hierbei rücksichtslos ausgebeutet. Jede Kaufentscheidung ist eine Stimme. Man muss sie nur richtig einsetzten.
 
Slowlife oder Tourlife - was ist geiler?
 
Vuki: Tourlife! Und solange alles läuft, jeder pünktlich ist, ich nicht fahren muss und die Technik mitspielt, ist das Tourlife auch mein persönliches Slowlife.
 
Für diejenigen, die euch bisher noch nicht kannten: welchen Song sollen wir bei Spotify als erstes anschmeissen?
 
Vuki: "Nailed It" ... und dann "Slowlife", weil der Titel jetzt so oft im Interview gefallen ist 😉 … Danke für das Interview!