Plattenkritik

ARCHITECTS - All Our Gods Have Abandoned Us

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Info

Release Date: 27.05.2016
Datum Review: 04.06.2016
Format: CD Vinyl Digital

Tracklist

 

1. Nihilist
2. Deathwish
3. Phantom Fear
4. Downfall
5. Gone with the Wind
6. The Empty Hourglass
7. A Match Made in Heaven
8. Gravity
9. All Love Is Lost
10. From the Wilderness
11. Memento Mori

Band Mitglieder

 

Tom Searle – lead guitar, keyboards
Dan Searle – drums, programming
Alex Dean – bass guitar
Sam Carter – vocals
Adam Christianson – rhythm guitar

ARCHITECTS - All Our Gods Have Abandoned Us

 

"Lost Forever // Lost Together" von den ARCHITECTS ist vor zwei Jahren eingeschlagen wie eine Bombe und war für die Jungs ein bedeutender Meilenstein in ihrer bisherigen Karriere. Obwohl ich den Hype um die Band aus Brighton bis dahin nie ganz nachvollziehen konnte, denn von einzelnen Songs mal abgesehen wirkten mir ihre Alben auf voller Distanz immer etwas zu inkonsistent, hat "Lost Forever..." auch mich total weggeblasen. Die ARCHITECTS legten einfach eine so unfassbar geile Mischung aus Dynamik, Intensität und Eingängigkeit (trotz komplexer Songstrukturen) auf den Tisch, dass die Scheibe für das nächste halbe Jahr zur täglichen Grundbeschallung gehören sollte. Ein solches Machtwerk zu toppen ist natürlich nicht leicht, wenn nicht sogar unmöglich, das Ergebnis daher umso spannender. Bleiben die ARCHITECTS mit "All Our Gods Have Abandoned Us" auf dem eingeschlagenen Pfad oder versuchen sie sich deutlich vom Vorgänger zu entfernen?

 

Tatsächlich wählen sie den goldenen Mittelweg, der Grundsound der letzten Scheibe bleibt im Großen und Ganzen erhalten: teils vertrackte und leicht djentige Riffs, mörderischer Groove und Sam Carters zwischen wütenden Screams und klagendem Klargesang wechselnde Stimme. Trotzdem ist "All Our Gods Have Abandoned Us" anders, deutlich düsterer und pessimistischer. Bei einer sozial engagierten Band wie den ARCHITECTS braucht einen diese Entwicklung kaum zu wundern, hat sich die Welt in den letzten zwei Jahren doch nicht unbedingt zum Besseren gewandelt. Ein Rechtsruck geht durch Europa, Gier und Empathielosigkeit greifen um sich und Angst vor dem Unbekannten schlägt in Hass und Neid um, während wir weiter fröhlich unseren Planeten vergiften. Lief die Menschheit auf "Lost Forever..." noch auf den Abgrund zu, so befindet sie sich auf "All Our Gods Have Abandoned Us" im freien Fall.

 

Dieses fast schon apokalyptische Szenario schlägt sich einerseits natürlich in den Texten nieder, in denen Sam Carter mal wieder kein Blatt vor den Mund nimmt und seinem Frust, seiner Wut und ein Stück weit auch der Resignation angesichts der desolaten Lage Ausdruck verleiht. Textzeilen wie "maybe we passed the point of no return, maybe we just wanna watch the world burn", "I wanna be there to witness the downfall" oder "no love, no empathy" klingen jedenfalls nicht sonderlich positiv. Auch musikalisch geht es deutlich finsterer zu. Der Opener "Nihilist" prügelt noch wütend drauflos und gehört sicherlich zum härtesten Material, das die ARCHITECTS je geschrieben haben; danach breitet sich aber eine gewisse Schwere über die Platte aus. Schon beim folgenden "Deathwish" wird das Tempo wieder gedrosselt und es fällt auf, dass die Briten diesmal vermehrt mit sphärischen Elektronika gearbeitet haben, die aber nie aufdringlich wirken und sich eher wie ein Schleier über den Großteil der Songs legen, der für eine unwirkliche, teils bedrohliche Stimmung sorgt. Diese Mixtur behält die Band nahezu über die volle Distanz des Albums bei und erzeugt so eine durchgehend düstere Atmosphäre, die sich perfekt mit dem lyrischen Konzept ergänzt. Einzelne Highlights herauszupicken ist mal wieder schwierig, agieren die ARCHITECTS doch erneut auf durchgehend hohem Niveau; aber "Downfall" beispielsweise sorgt besonders zum Ende hin für ordentlich Gänsehaut und das Grundriff von "A Match Made In Heaven" frisst sich gnadenlos ins Hirn und dürfte den Song wohl zum nächsten großen Livekracher machen. Bemerkenswert ist auch der achtminütige Rausschmeißer "Memento Mori", eine Ode an die Vergänglichkeit, bei der Sam Carters zerbrechlicher Gesang anfangs nur von dezenter Elektronik begleitet wird bevor die Gitarren losbrechen und der Frontmann seine Stimme erhebt, um den Hörer auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitzunehmen, die im Mittelteil von einer kurzen, elektronisch unterlegten Spoken-Word-Passage unterbrochen und von einer eben solchen auch beendet wird. Wahnsinnig intensiv!

 

Mit "All Our Gods Have Abandoned Us" haben es die ARCHITECTS geschafft, an die Qualität des Vorgängers anzuknüpfen ohne sich dabei selbst zu kopieren, aber auch ohne auf zuvor gewonnene Tugenden zu verzichten. Zwar ist das neue Songmaterial etwas sperriger und kommt langsamer in Fahrt, was ein wenig auf Kosten der Dynamik geht, doch wo "Lost Forever..." vor unbändiger Energie nur so strotzte punktet das jüngste Werk der Briten mit einer unglaublich dichten Atmosphäre. "All Our Gods Have Abandoned Us" ist eine finstere Momentaufnahme, deren Grundton durch den Einklang von Texten und Musik perfekt vermittelt wird. Mir persönlich gefällt "Lost Forever..." wegen der etwas höheren Zugänglichkeit noch immer eine Idee besser, objektiv betrachtet bewegen sich aber beide Scheiben qualitativ auf Augenhöhe.

 

Autor

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Hans

Autoren Bio

Meine großen Leidenschaften: Literatur und laute Musik. Plattenkritiken liegen nahe.

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